(Veröffentlichte) Artikel


Auf dieser Seite werde ich eine Auswahl meiner bisher veröffentlichten (oder vor der Veröffentlichung stehenden) Artikel hochladen. Da ich freiberuflich tätig bin, könnte ich meine Arbeit jedem Interessenten anbieten. 

***

Ein Plädoyer für die Schiedsrichter

Sie sind für den Fußball unverzichtbar und erleben trotzdem gerade bei den Amateuren häufig keine Wertschätzung. Zwar sind körperliche Angriffe nach wie vor sehr selten, verbale Anfeindungen nehmen aber immer mehr zu. Wir haben ein gestörtes Verhältnis zu unseren Unparteiischen – und werden bald nicht mehr genügend von ihnen haben.

(veröffentlicht in der Main-Post am 01. Oktober 2013)

Etwa 100 Zuschauer haben sich am Mittwochmittag des 1. Mai 2013 auf dem Sportplatz im unterfränkischen Bad Königshofen eingefunden, um das Fußballspiel des einheimischen TSV gegen den namensverwandten Turn- und Sportverein aus Gochsheim anzusehen. Der Himmel ist bedeckt, die Temperatur mit knapp 15°C eher kühl – und auf dem Platz wird der Schiedsrichter von den üblichen Kommentaren und Beleidigungen, von denen „Blinder“ noch zu den harmlosen gehört, beschallt. „Das Spiel heute war eines der ruhigeren“, wird der erst 17-jährige David Williams, der diese Bezirksliga-Partie leitet, später zu Protokoll geben. Zum Glück, müsste man fast sagen, denn auch wenn körperliche Angriffe auf Schiedsrichter nach wie vor die Ausnahme darstellen, so kommt es gerade im Amateurfußball immer häufiger zu verbalen Entgleisungen – und leider eben auch zu schweren Verletzungen bei den Unparteiischen.

Verletzungen, die in Einzelfällen sogar bis zum Tode führen können. So verstarb im US-Bundesstaat Utah der Schiedsrichter Ricardo Portillo Anfang Mai diesen Jahres nach mehrtägigem Koma. Während eines Fußballspiels in einer Freizeitliga war er von einem 17-jährigen brutal attackiert und schwer am Kopf verletzt worden. Im niederländischen Almere wurde Richard Nieuwenhuizen am 2. Dezember 2012 während eines Jugendspiels, bei dem er als Linienrichter für die Mannschaft seines mitspielenden Sohnes aushalf, von drei Spielern des gegnerischen Teams angegriffen und krankenhausreif geprügelt. Er erlag seinen inneren Verletzungen einen Tag später. Schwerverletzt, aber zumindest mit dem Leben kam der 17 Jahre alte Hector Giner Tarazon davon, der ein Spiel in der Nähe von Valencia leitete und so heftig von einem Spieler attackiert wurde, dass ihm anschließend die Milz entfernt werden musste. Die Pfeife wird der junge Spanier fortan nicht mehr anrühren. Doch auch in Deutschland finden sich ähnliche Beispiele: Im November 2012 wurde im württembergischen Esslingen der Schiedsrichter Levent Kabaoglu von einem Spieler per Kopfstoß niedergestreckt. Die Folge: eine Platzwunde und eine Gehirnerschütterung. Noch Wochen später plagen Kabaoglu Kopfschmerzen, er kann seinen Beruf nicht ausüben. Vergleichbare Beispiele finden sich in den Tiefen des Amateurfußballs überall in der Bundesrepublik. Haben wir also ein Gewaltproblem gegenüber den Unparteiischen im Fußball?

Bild 007Schiedsrichter David Williams

Es läuft die 17. Spielminute, als Williams beim Stand von 1:1 erstmals einen motzenden Spieler ermahnt. „Ich will nichts hören!“, hält sich der Fachoberschüler, der gerne bis zur Bayernliga aufsteigen möchte, kurz. Bei der ersten Gelben Karte gegen die Gastmannschaft in der 29. Minute folgen weitere Diskussionen. Unter den Zuschauern schwankt die Bewertung des Unparteiischen zwischen „Der pfeift einen Mist zusammen!“ bis „Immer wenn es nicht läuft, soll der Schiedsrichter Schuld sein. Das nervt mich!“ „Ich selbst habe mich noch nie bedroht gefühlt“, versichert Williams, der einst durch seinen Onkel an die Pfeife gebracht wurde und mit 14 Jahren sein erstes Herrenspiel leitete. „Was die verbalen Beschimpfungen angeht: Das geht auf der einen Seite rein und auf der anderen wieder raus. Vor allem die Zwischenrufe von den Zuschauern bekomme ich überhaupt nicht mit. Da darf man vieles nicht so ernst nehmen.“ Tatsächlich scheint sich seine Einschätzung mit der der meisten Unparteiischen zu decken. Bei einer freiwilligen Umfrage unter allen Schiedsrichtern, die per E-Mail zu erreichen waren, ermittelte der Bayerische Fußball-Verband (BFV) anhand von 1060 Rückmeldungen, dass sich die Mehrheit nach wie vor sicher fühlt. „In der Saison 2011/2012 fanden rund 243.000 Amateurfußball-Spiele in Bayern statt. Die Sportgerichte haben 77 Spielabbrüche (Verletzung der Platzdisziplin durch Zuschauer, Tätlichkeiten gegen Spieler und Schiedsrichter) verhandelt. Im Schnitt ist es also bei ca. 0,032 % aller Spiele zu einem Spielabbruch gekommen. Zudem behandelten die Sportgerichte (in Bezug auf die Schiedsrichter) u.a. 66 Tätlichkeiten (0,027% der Spiele) und 2340 Beleidigungen (0,96 % der Spiele)“, so die Stellungnahme des BFV. Die nackten Zahlen deuten also darauf hin, dass Angriffe gegen den Schiedsrichter nach wie vor die Ausnahme darstellen. Der BFV räumt aber auch ein, dass „die Problematik einer gestiegenen Gewaltbereitschaft ganz generell in der Gesellschaft – körperlich und vor allem auch verbal – bekannt ist. Vorfälle werden vom Bayerischen Fußball-Verband nicht heruntergespielt oder kleingeredet, sondern ernst genommen und konsequent aufgearbeitet.“ Markant ist dabei, dass die Befragung ergab, dass sich zwar 90 Prozent der Schiedsrichter sicher fühlen, zugleich aber über 40 Prozent angeben, dass sie sich Sorgen machen. Neun Prozent haben sogar Angst vor Angriffen. Als größtes Problem wurde die Zunahme verbaler Anfeindungen durch Spieler, Trainer, Zuschauer oder Eltern genannt. Doch wird es tatsächlich immer schlimmer?

Einer, der es wissen muss, ist Ludwig Bauer. Es ist Samstag, der 4. Mai 2013, als der 64-jährige Schiedsrichter seine 2164ste Partie leitet – ein U17-Spiel in Erlabrunn bei Würzburg. Kurz vor dem Ende der Begegnung schickt er einen übermotivierten Gästespieler mit einer Zeitstrafe vom Feld. Die Rangelei auf dem Spielfeld bringt die Mutter des Sünders derart auf, dass sie nur mit Mühe davon abgehalten werden kann, auf den Rasen zu stürmen. „Es ist für Schiedsrichter definitiv schwerer geworden. Durch die Zeitlupen im Fernsehen wird jede Szene dreimal wiederholt und jede Entscheidung in Frage gestellt“, hadert der ehemalige Bilanzbuchhalter, der während seiner Arbeitszeit eine Abwechslung zu seinem „Sitzjob“ suchte. „Bei den Amateuren versucht es dann jeder nachzumachen. Vor allem junge Spieler lassen sich vom im Fernsehen gesehenen Verhalten beeinflussen. Hinzu kommt bei Nachwuchsspielen, dass viele Eltern Hektik reinbringen.“ Es scheint nahezuliegen, dass sich die Profis, die von vielen als Idole angehimmelt werden, gewissenhafter mit ihrer Vorbildfunktion auseinander setzen sollten – ob sie diese Position nun einnehmen wollen oder nicht. Denn oft geben sie die besten Beispiele für schlechtes und moralisch bedenkliches Verhalten ab und kommen dank ihres Heldenstatus oft glimpflich davon – egal, ob sie auf dem Spielfeld unsauber und unfair agieren, ihre hochschwangere Frau im neunten Monat verlassen oder den Fiskus um Millionen prellen. Genau in die gleiche Kerbe schlug der Vorsitzende der deutschen Schiedsrichterkommission, Herbert Fandel, im Januar 2013, als er das Verhalten der Trainer und Spieler der Bundesliga gegenüber den Unparteiischen mit den Nachwuchsproblemen der Schiedsrichter-Zunft in Verbindung brachte: „Die Schiedsrichter gehen sehr schnell wieder von der Fahne, wenn sie merken, in welchem Umfeld sie ihre Arbeit verrichten müssen. Die Bundesliga ist eine Art Schaufenster. Wer darin tätig ist, ob Schiedsrichter, Spieler oder Trainer, muss sich im Klaren sein, dass sein Verhalten Auswirkungen hat auf diejenigen, die in dieses Schaufenster hineinschauen”, sagte Fandel in einem “kicker”-Interview. Andersrum stand aber gerade Fandel und der DFB am Pranger, nachdem sich der Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati im November 2011 direkt vor einem Spiel in Köln das Leben zu nehmen versuchte und anschließend behauptete, dass Mobbing beim DFB zu seinen Depressionen geführt hatte.

Bild 020Schiedsrichter Ludwig Bauer

Ein weiteres Problem, das gerade in Deutschland oft totgeschwiegen zu werden scheint, ist die Fremdenfeindlichkeit. Es läuft die 39. Spielminute im unterfränkischen Bad Königshofen, als eine Dame um die 60 mit roten Lackschuhen und lila getönten, kurzen Haaren erstmals einen unpassenden Kommentar abgibt: „Der Schiedsrichter pfeift einen Mist zusammen. Vielleicht versteht der gar kein Deutsch!“ David Williams ist dunkelhäutig. „Oft ist es noch nicht vorgekommen, aber in der vergangenen Woche wurde ich mit einem abwertenden Tonfall als ‚Schwarzer‘ beschimpft“, erinnert sich Williams, der die meisten Beleidigungen von Außen wahrscheinlich nicht einmal hört. Sehr viel deutlicher wird sein Kollege an der Linie, dessen Vater aus Puerto Rico kommt: „Rassismus ist Volkssport. In den oberen Ligen ist der BFV präsent, aber in den unteren Klassen auf den Dörfern, wo das Meiste passiert, geschieht nichts“, ärgert sich der Linienrichter. Etwas relativiert bewertet Williams die Situation selbst: „Egal ob Hautfarbe oder sonstige Eigenschaften – die Leute suchen immer eine Schwachstelle, um dem Schiedsrichter eins reinzudrücken.“ Genau diese schlechte Behandlung durch die Zuschauer und Akteure scheint der Hauptgrund für den akuten Nachwuchsmangel an Schiedsrichtern in manchen Gegenden zu sein – schließlich ist es nirgendwo anders derart gesellschaftlich akzeptiert, einen anderen Menschen verbal anzugreifen und zu beleidigen. So sank die Zahl der Unparteiischen im Kreis Würzburg 2012 beispielsweise um 53 auf 340, also um 16 Prozent, auch wenn der Trend in ganz Bayern weniger dramatisch ist. „Oft sind die Erwartungen und der Druck gegenüber den Neulingen zu groß. Viele hören dann früh wieder auf. Das muss sich ändern, denn sonst wird es bald keine Schiedsrichter mehr geben“, befürchtet Bauer, der am 16. November 1963 sein erstes Spiel für 2,10 Mark Spesen leitete und 40 Jahre lang Schiedsrichtergruppen-Lehrwart in seinem Heimatort Gerolzhofen war. „Wir brauchen einfach mehr Verständnis für die Schiedsrichter. Früher wurden die Entscheidungen eher akzeptiert, heute wird mehr gemeckert“, so Bauer, der sich selbst aber nach wie vor sicher fühlt: „Ich musste bisher nur ein einziges Spiel abbrechen, als ein Zuschauer mit einer Bierflasche auf mich losging. Das ist schon viele Jahre her.“

Doch was würde passieren, wenn es die Unparteiischen plötzlich nicht mehr gäbe? „Es gibt durchaus Überlegungen, auch einmal zu streiken“, geben die Linienrichterkollegen von Williams, die deutlich älter als der 17-jährige sind, zu. „Ich selbst finde es aber nicht so schlimm. Im Endeffekt macht mir der Job zu viel Spaß“, hält der junge Schiedsrichter dagegen und bekommt dafür auch scherzhafte Zustimmung von seinen Kollegen: „Was sollten wir auch tun, wenn wir am Wochenende nicht mehr pfeifen müssten? Die Zeit mit der Frau verbringen?“ Ganz so abwegig scheint auch Williams die Idee allerdings nicht zu finden: „Ich würde gerne mal sehen, was bei einem Spiel ohne Schiedsrichter los wäre. Das wäre für die Akteure sicherlich eine Schocktherapie und sie würden sehen, was ein Schiedsrichter so alles leistet.“

Ein interessantes Beispiel, wie es auch ohne Unparteiische gehen kann, stellt die sogenannte FairPlay-Liga dar, die als Pilotprojekt bei Kindern in allen bayerischen Fußballkreisen durchgeführt wird. „Die Grundidee ist, dass ohne Schiri gespielt wird und sich die Kids selber einigen, ob der Ball im Tor war oder im Seitenaus oder ob es ein Foul gewesen ist. Das funktioniert den bisherigen Erfahrungen nach meistens auch richtig gut. Die Trainer greifen nur ein, wenn sich die Spieler nicht einig werden.  Die Eltern stehen in einer ‚Fanzone‘ [mehrere Meter vom Spielfeld entfernt, Anm. d. Red.], das Motto lautet ‚Anfeuern ja, Steuern nein‘. Damit soll verhindert werden, dass die Eltern durch lautes Schreien etc. Druck auf die Kids ausüben oder sich zu sehr ins Spiel einmischen“, heißt es in der Stellungnahme des BFV, denn oft führten übermotivierte Eltern erst dazu, dass Probleme entstehen, die es ohne sie gar nicht gäbe. Dabei sollte doch bei den Kindern der Spaß am Hobby und nicht der Leistungsdruck im Vordergrund stehen. Jedoch werden rassistische Äußerungen und Beleidigungen sowie Vorurteile den Kindern oft von ihren Eltern vermittelt.

„Hau ihn um!“, rufen dementsprechend beim Spiel in Königshofen zwei etwa zehnjährige Jungen in der 57. Spielminute unbedacht aus, während sich die Zuschauer am Spielfeldrand, einer mit einem Maßkrug in der Hand, gegenseitig mit Stammtischparolen überbieten. Auch in Erlabrunn drei Tage später wird die scheinbar untrennbare Verbindung zwischen Fußball und Alkohol sichtbar, als sich die Eltern der Spieler gegenseitig darüber belustigen, wie betrunken ihre Söhne in der letzten Nacht doch waren und wie wenig Schlaf sie bekommen haben, während sich am Spielfeldrand mehrere Altersgenossen gegen 16 Uhr im Regen das X-te Bier genehmigen. Ob ein solcher Zustand die Hemmschwelle dem Schiedsrichter gegenüber herabsetzt, darf befürchtet werden. „Im Endeffekt geht es aber immer darum, sich Respekt zu erarbeiten, wobei ich lieber als Sportkamerad als als Diktator auftrete. Man muss auch mal ein Auge zudrücken und einen lockeren Spruch parat haben. Manche Akteure sind während des Spiels einfach nicht zurechnungsfähig“, beschreibt Bauer seine Strategie. „Man macht es nicht nur für die 10 Euro Spesen, sondern mir macht der Job nach wie vor Spaß und ich würde – wenn es die Gesundheit zulässt – auch gerne die 3000 Spiele noch voll machen“, so Bauer, der mit glänzenden Augen von seinem Karrierehöhepunkt erzählt, als er 1995 ein Privatspiel in Kitzingen gegen den FC Bayern München leiten durfte und ein Autogramm von Spielführer Jürgen Klinsmann bekam.

„Schiedsrichter sein hat viele schöne Seiten“, stimmt ihm Williams zu. „Man stärkt das eigene Selbstbewusstsein, die Körpersprache und die Redegewandtheit, man bleibt sportlich, hat viel persönlichen Kontakt und lernt, sich durchzusetzen.“ Sowohl Williams als auch Bauer bestätigen also, dass es Schiedsrichtern nicht so schlecht geht, wie es manchmal in den Medien dargestellt wird – aber sollte despektierliches Verhalten gegenüber diesen elementaren Akteuren eines Fußballspiels überhaupt geduldet werden? „Gewalt auf dem Fußballplatz, Beleidigungen oder Angriffe gegen den Schiedsrichter sind nicht hinnehmbar. Statistisch ergibt sich keine signifikante Zunahme der Vorfälle der Anzahl nach, wohl aber in der Intensität der Tätlichkeiten. Dies deckt sich leider mit der generellen Situation in unserer Gesellschaft, wo wir ebenfalls zunehmend mehr Respektlosigkeit vor dem Mitmenschen und ein Mehr an Brutalität bei körperlichen Auseinandersetzungen zu beklagen haben. Fakt ist leider auch, dass weder vorbildliche Präventivmaßnahmen noch harte Sanktionen einen hundertprozentigen Schutz vor Gewaltvorfällen bieten können. Die gestiegene Gewaltbereitschaft ist kein exklusives Problem des Fußballs, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem und wird deswegen auch nicht durch fußballspezifische Lösungen alleine in den Griff zu bekommen sein“, bilanziert der BFV – und hat wahrscheinlich Recht damit. Schiedsrichter machen Fehler, manche sind arrogant oder überheblich, einigen mangelt es am Gefühl für den Umgang mit den Spielern oder schlicht an Erfahrung und Ruhe – und dennoch tun sie in der Regel ihr Bestes und sind für das Spiel unverzichtbar. Auch sie sind nur Menschen und verlangen nicht viel – außer ein wenig mehr Wertschätzung. Sollte es irgendwann nicht mehr genügend Schiedsrichter geben, könnte dies an vermeidbaren, hausgemachten Problemen liegen. Jeder Einzelne, egal ob Spieler, Elternteil oder Zuschauer, sollte sein eigenes Verhalten überdenken, damit die Unparteiischen so behandelt werden, wie sie es verdienen – und nicht, so wie der Tschetschene Musa Kadyrow bei einem Spiel in Russland, zur Selbstjustiz greifen müssen. Der Linienrichter hatte im April 2013 einen Spieler angegriffen, nachdem dieser angeblich Kadyrows Familie beleidigt hatte. „Ein völlig unprofessionelles und unentschuldbares Verhalten“, findet Williams, dem zu wünschen ist, dass ihm selbst üble Anfeindungen erspart bleiben.

Bad Königshofen verlor übrigens sein Heimspiel gegen Gochsheim mit 1:2; Williams lieferte eine solide, wenn auch von manchen als kleinlich bezeichnete Partie ab. Das 2164ste Spiel von Bauer endete hingegen mit einem 2:1-Heimsieg. Gemein hatten beide, dass sie das bekamen, was den Schiedsrichtern gegenüber meist üblich ist: wenig Lob – aber viel Kritik.

***

Zwei Lohrer Talente in Thüringen

Die beiden 15-jährigen Laura Siegler und Celine Brandt spielen in der U17 des Bundesligisten FF USV Jena.

(veröffentlicht am 09. Oktober 2013 im Main-Echo)

Es ist kalt an diesem Freitagmorgen in Jena gegen 9 Uhr. Nebelschwaden bedecken die Sportanlagen des Universitätssportvereins (USV) und des FC Carl-Zeiss-Jena. Auf einem der Kunstrasenplätze absolviert die U17-Mädchenfußballmannschaft des USV das erste Training des Tages im Rahmen des sogenannten Spezialsports. Mit dabei: Die beiden 15-jährigen Laura Siegler und Celine Brandt aus Wombach bzw. Lohr.

Wahrscheinlich würden nicht viele Menschen bei der Nachwuchsförderung im Leistungssport auf Jena tippen – und doch sind die Möglichkeiten am Johann-Christoph-Friedrich-GutsMuths-Sportgymnasium mit den angeschlossenen Sportvereinen ideal. „Achte auf deine Fußstellung!“, ruft die Co-Trainerin der ersten Mannschaft, Katja Greulich, einer Spielerin zu. Dass sie am Training der B-Jugendlichen teilnimmt, ist kein Zufall, sondern gehört zur Philosophie des USV. Sehr früh, also spätestens mit 16 Jahren, sollen die Mädchen Erfahrungen bei den Frauen sammeln, um festzustellen, ob bei ihnen genug Potential für die Erste oder Zweite Bundesliga vorhanden ist. Wäre das nicht der Fall, würde man mit den Mädchen und den Eltern über ein Ausscheiden aus dem Programm sprechen.

„Wir wollen diese wichtige Entscheidung vor der elften Klasse treffen, also bevor die Kursstufe beginnt“, erklärt Dr. Michael Zahn, zusammen mit Jens Klinger Nachwuchskoordinator beim USV und Trainer der U17. „Idealerweise machen die Mädchen, die das Zeug dazu haben, bei uns Abitur und studieren danach in Jena, während sie für unsere erste oder zweite Mannschaft spielen“, erklärt Zahn, denn finanziell könne der Bundesligist nicht mit der Konkurrenz aus München, Wolfsburg, Frankfurt oder Potsdam mithalten. Doch die Arbeit trägt Früchte: Etwa die Hälfte der Spierlinnen des Bundesligakaders entspringen dem eigenen Nachwuchs, bei der zweiten Mannschaft ist der Anteil noch höher. Hat man es als Mädchen in das Nachwuchsprogramm geschafft, sind die Aussichten auf eine spätere Bundesligakarriere also gar nicht so schlecht.

Überhaupt angenommen zu werden, ist dabei aber gar nicht so einfach, da es in jedem Jahr etwa zehn Mal mehr Bewerbungen als zu vergebene Plätze gibt. Dass Laura und Celine es geschafft haben, ist schon alleine deshalb bemerkenswert. „Celine hat eine sehr gute Perspektive, ist technisch stark und sehr schnell. Andererseits muss sie noch an ihrer Zielstrebigkeit vor dem Tor arbeiten und kräftemäßig weiter zulegen. Laura ist sehr kampf- und willensstark und ebenfalls schnell, muss individuell aber unbedingt noch an ihrer Technik arbeiten“, schätzt Klinger die beiden Spielerinnen ein, die bis vor drei Jahren zusammen für den TSV Lohr auf Torejagd gingen und von Celines Vater Holger Brandt trainiert wurden. „Wir wollten uns einfach weiterentwickeln“, begründen beide die Entscheidung für den Wechsel in das etwa 250 Kilometer entfernte Jena. Dort leben sie mit 220 anderen Nachwuchsathleten im Internat, das für 2350,- Euro im Jahr Unterkunft und Vollverpflegung bietet.

Einem geregelten Schulalltag müssen dort aber auch angehende Leistungssportler nachgehen, wobei der Stundenplan durch die zusätzlichen Trainingseinheiten noch etwas voller ist als gewöhnlich: Aufstehen um 6:15 Uhr, erstes Training nach einer Schulstunde um 8:45 Uhr, dann wieder Schule und schließlich erneut Training von halb fünf bis sechs – so sieht etwa ein typischer Tag für Celine und Laura aus, der mit der Nachtruhe um zehn endet. Da die Schüler und Schülerinnen schon so früh von zu Hause entfernt leben, zählt auch die Vermittlung gewisser Werte wie Ehrlichkeit, Offenheit, Respekt vor anderen und eine positive Einstellung zur Agenda des Sportgymnasiums. Auch bei Celine und Laura kommt es vor, dass sie ihre Familien bis zu einem Monat am Stück nicht sehen.

„Am Anfang war es schwer, aber man gewöhnt sich ein und findet Freunde und will irgendwann gar nicht mehr weg“, schwärmt Celine, die sich genauso wie Laura in Jena sehr wohl fühlt. Sportliche Erfolge stellen sich dabei auch bereits ein: So wurden beide im August zu einem DFB-Sichtungslehrgang eingeladen, in der U17-Bundesliga Nord/Nordost gehören sie zum Kader des USV, der im vergangenen Jahr hinter Dauerrivalen Potsdam den zweiten Platz belegt hatte. Außerdem holten beide Mädchen mit ihrer Schule Ende September den zweiten Platz beim Jugend-trainiert-für-Olympia-Finale in Berlin, wo erneut Potsdam triumphierte. Kurz vor dem Ende verletzte sich Celine allerdings am Knie und muss nun für ein paar Wochen kürzer treten. Es wird sie nicht aus der Bahn werfen, denn wer selbst einmal in Jena vor Ort war, der bekommt das Gefühl, dass die Jugendlichen dort bestens aufgehoben sind. Die Verbindung aus schulischer Ausbildung, Internat, individueller sportlicher Förderung und modernsten Anlagen sucht seines Gleichen und stellt – bei allem Respekt – die hiesigen Möglichkeiten z.B. bei Zweitbundesligist ETSV Würzburg bei weitem in den Schatten. Es ist kein Zufall, dass mittlerweile auch Juniorinnennationalspielerinnen wie etwa Vivien Beil aus der Jenaer Talentschmiede kommen. Vielleicht werden Celine und Laura irgendwann die nächsten sein.

ME_Jugendsport

***

Missverstandener Visionär oder fahrlässiger Forscher?

Der Kardiologe Bodo-Eckehard Strauer sorgte jahrelang mit einer Stammzelltherapie bei Infarktpatienten für Aufsehen. Nun bedroht eine Untersuchung wegen Verdachts auf wissenschaftliches Fehlverhalten sein Lebenswerk.

 (veröffentlicht im Laborjournal im Oktober 2013)

LJ_1013_Stammzellstudie_Bodo-EckehardStrauer_StephanRinke

***

CMD – Eine Krankheit im Dornröschenschlaf

Die Cranio-mandibuläre Dysfunktion (CMD) ist bei vielen Menschen für Kiefer-, Nacken- und Rückenschmerzen verantwortlich, wird aber nur selten diagnostiziert. Viele Mediziner sind mit der Komplexität dieser Krankheit, die einen interdisziplinären Behandlungsansatz bedingt, nur unzureichend vertraut. Unbehandelt kann CMD chronische Schmerzen verursachen, psychische Probleme hervorrufen oder sogar die Karrieren von Leistungssportlern beenden.

 (verkürzte Version veröffentlicht in der Freien Presse am 04. April 2013 und im Main-Echo am 05. Juni 2013)

Silvio Bankert hat es geschafft. Gut, er spielt als Profi-Fußballer zwar nicht in der Bundesliga für den 1. FC Bayern München oder für Borussia Dortmund, aber immerhin verdient er in der Dritten Liga beim Chemnitzer FC mit dem Sport seinen Lebensunterhalt. Mit den Sachsen verpasste der 27jährige Innenverteidiger nach dem Aufstieg aus der Oberliga in der vergangenen Saison sogar nur knapp den Durchmarsch in die Zweite Bundesliga. Ja, es ist nicht die ganz große Karriere – und doch hat es Bankert weiter gebracht als Tausende andere Fußballer, die sich den Durchbruch im Profi-Geschäft erträumen. Dabei hätte es auch ganz anders kommen können.

Der gebürtige Luckenwalder Bankert war gerade einmal 23 Jahre alt, als anhaltende Schmerzen seinen Karriereplan als Profi-Fußballer bedrohten: „Ich hatte etwa ein dreiviertel Jahr chronische Leistenbeschwerden und wurde von einem Arzt zum anderen geschickt. Keiner konnte mir wirklich helfen und jedes Mal gab man mir nur Medikamente oder Spritzen.“ Bankerts sportliche Leistungen stagnierten, Frust kam in ihm auf: „Wenn man nicht weiß, was das Problem ist, dann belastet das einen auch psychisch. Ich konnte einfach keine Bestleistungen mehr bringen und nahm meine Unzufriedenheit mit nach Hause zu meiner Freundin. Wäre es so weiter gegangen, hätte ich meine Karriere vielleicht beenden müssen.“ Dass es nicht so weit kam, verdankt Bankert einer Physiotherapeutin seines damaligen Vereins, des 1. FC Magdeburg: „Sie stellte den Kontakt zu Dr. Rinke her, der einen alternativen Behandlungsansatz verfolgte. Bei unserem ersten Treffen hat er mich zwei Stunden lang vermessen und schließlich diagnostiziert, dass ich an der Cranio-mandibulären Dysfunktion leide. Ich hatte nie zuvor davon gehört.“

Abgeleitet aus den lateinischen Wörtern für Schädel (cranium) und Unterkiefer (mandibula) steht die Cranio-mandibuläre Dysfunktion, kurz CMD, für eine gestörte Funktion des Kauapparates. Die Fehlstellung des Kiefers führt dabei dazu, dass der Körper versucht, in anderen Bereichen dem Ungleichgewicht entgegenzuwirken. Die Folge: ein Krankheitsbild, das neben Kiefer- und Gesichtsschmerzen auch Ohren-, Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen sowie Tinnitus, Schwindel, Hüftprobleme, Einschränkungen im Bewegungsapparat und sogar psychische Beschwerden aufweisen kann. „Bei vielen Problemen im Kopf- und Nackenbereich sollte der untersuchende Arzt den Patienten immer nach erfolgten Zahn- oder Kieferbehandlungen fragen. Leider passiert das aus zeitlichen Gründen in der Regel nicht“, meint der in der Nähe von Hamburg wohnende Zahnarzt Dr. Jürgen Reitz, der sich auf die Behandlung von CMD spezialisiert hat. „Man kann davon ausgehen, dass der Großteil der CMD-Fälle in Folge von zahnärztlichen oder kieferorthopädischen Behandlung auftritt“, so Reitz. Selbst kleinste Veränderungen zwischen den beiden Kiefern können weitreichende Beschwerden zur Folge haben, die allerdings zeitversetzt auftreten und so dafür sorgen, dass man als Patient in der Regel den Zusammenhang zwischen den Symptomen und der Zahnbehandlung nicht erkennt. Wahrscheinlich ist es auch, dass Spangen bei Kindern bzw. Jugendlichen den Ausgangspunkt vieler CMD-Fälle darstellen können, da dabei zwar darauf geachtet wird, dass die Zähne gerade sind, das Verhältnis von Ober- zu Unterkiefer aber oft vernachlässigt wird.

Dass die Bedeutung der zentralen Funktionseinheit Kiefergelenk-Kaumuskulatur-Zähne bei der Diagnose häufig unterschätzt wird, weiß auch Dr. Jürgen Rinke zu berichten, der eine Praxis für Funktionsdiagnostik, Schmerz- und Haltungstherapie in der Stadt Südliches Anhalt führt und dem Bankert die erfolgreiche Fortsetzung seiner Karriere verdankt: „Am Übergang von den Zähnen zum Kiefer befinden sich sehr viele Propriorezeptoren [Druckrezeptoren, Anm. d. Red.]. Ist der Biss gleichmäßig, dann werden auch gleichmäßige Signale an das zentrale Nervensystem [ZNS] gesandt. Ist bei Unebenheiten der Druck jedoch ungleich verteilt, führen die Signale an das ZNS dazu, dass die Kaumuskulatur angespannt wird, was sich wiederum auf die Kiefergelenke auswirkt. Über die Halswirbelsäule beeinflussen diese Störungen dann wie bei einem Dominoeffekt den gesamten Bewegungsapparat.“ Dass sich die Kontaktpunkte zwischen den Kiefern, also die Okklusion, tatsächlich auf die Stellung der Wirbelsäule auswirken, haben zuletzt Seebach und Ohlendorf 2012 empirisch belegt. Wird dieser Zusammenhang nicht erkannt, können sich die Beschwerden schließlich zu anhaltenden Schmerzen ausweiten.

Mehrere Symptome können auf CMD hinweisen, darunter chronische Kopf- und Nackenschmerzen, knackende, reibende oder schräg öffnende Kiefergelenke, eine schmerzende oder ermüdete Kaumuskulatur oder eine Mittellinienabweichung (dabei liegen die Zwischenräume zwischen den oberen und unteren Schneidezähnen bei geschlossenem Kiefer nicht direkt übereinander). Ob der eigene Kiefer tatsächlich keine Idealposition einnimmt, kann man selbst problemlos testen, in dem man seine Gelenke deprogrammiert, sie also aus ihrer angestammten Position lockert, wie Dr. Reitz erklärt: „Man sollte im Stehen den Mund zehn Mal weit öffnen und beim Schließen darauf achten, dass kein Kontakt zwischen den Zähnen hergestellt wird. Schließt man danach den so deprogrammierten Kiefer wieder und spürt, dass die Kontakte ungleich, der Biss also nicht gerade ist, dann leidet man möglicherweise an CMD.“

Die Behandlung einer korrekt diagnostizierten CMD hat im Vergleich mit anderen Verfahren einen großen Vorteil: sie ist weitestgehend schmerzfrei und bedingt keinen Arbeitsausfall. „Gerade für einen Leistungssportler ist es sehr wichtig, nicht pausieren zu müssen, da man sich Fehlzeiten im Profi-Geschäft einfach nicht leisten kann“, beschreibt Bankert den für ihn wichtigsten Vorteil dieser Behandlung. Oberste Priorität genießt bei diesem Ansatz der Ausgleich der Unebenheiten zwischen den Kiefern, also die Korrektur des Fehlbisses anhand einer maßgefertigten Schiene, die später durch Kronen ersetzt werden kann. „Besonders wichtig ist es dabei, eine sorgfältige Anamese aufzunehmen, den Krankheitsverlauf des Patienten also zu dokumentieren“, erklärt Reitz. „Andernfalls würde man möglichweise eine wirkungsvolle von einer weniger wirkungsvollen Behandlung nicht unterscheiden können. Spätestens sechs Wochen nach dem Einsetzen der Schiene lassen dann die Symptome meistens nach.“ Weitere Maßnahmen, die bei der Behandlung von CMD-Patienten angewendet werden können sind Schuheinlagen, die die Haltung korrigieren, Massagen, osteopatische Behandlungen sowie Physio- und Elektrotherapien zur Entspannung der Muskulatur.

Wie viele Menschen tatsächlich an CMD leiden, kann bisher nicht empirisch belegt werden, da die Krankheit selten korrekt diagnostiziert wird. Im Hinblick auf die Volkskrankheit Nummer eins – Rückenschmerzen – liegt allerdings die Vermutung nahe, dass CMD weiter verbreitet ist, als viele Mediziner es bisher vermuten. Dass diese Erkrankung, deren Grundlagen bereits 1934 durch James Bray Costen als Costen-Syndrom beschrieben wurden, in der Medizin noch immer nicht die nötige Beachtung findet, ärgert u.a. den Chefarzt des Carl-von-Basedow-Klinikums in Merseburg, Prof. Dr. Gerd Meißner, Facharzt für Chirurgie: „Das Problem ist die Oberflächlichkeit, die uns überall begegnet. An jedem Tag wird uns suggeriert, dass es für alle Probleme ein Medikament oder eine andere kurzfristig Lösung gibt. Viel zu selten wird versucht, den Problemen auf den Grund zu gehen. Die Grundlage der CMD-Behandlung ist es, den Menschen als Einheit zu sehen und das Problem fachübergreifend anzugehen. Leider fehlt vielen Kollegen das Verständnis oder die Ausbildung dafür.“ Neben den körperlichen Schmerzen weist Meißner auch auf die psychischen Probleme hin, die durch CMD entstehen können: „Wenn ein Patient von einem Arzt zum nächsten geschickt wird und niemand der Ursache der Schmerzen auf den Grund gehen kann, dann wird der Leidtragende oft als Simulant oder Drückeberger verschrien. Irgendwann kann so eine Belastung dann bis zum Burn-Out oder Depressionen führen. CMD-Patienten sind daher oft sehr schwierig und auf Grund ihres langen Leidensweges verbittert.“

Überhaupt spiele die Psyche bei der Behandlung von CMD eine große Rolle, wie Rinke erklärt: „Das beste Beispiel ist das Zähneknirschen, das immer auf psychische Belastungen hinweist und das bei einer Fehlstellung die Probleme im Kiefer verstärkt. Ein ausgeglichener Mensch knirscht hingegen nicht. Wir haben außerdem festgestellt, dass die Erfolgsaussichten bei der Behandlung von CMD deutlich besser sind, wenn der Patient auch psychologische Hilfe in Anspruch nimmt.“ Die Grundlage der Arbeit von Rinke und Meißner sei es, den Menschen als Ganzes zu betrachten, weshalb sie den CMD-Arbeitskreis ins Leben gerufen haben, um Patienten fachübergreifend optimal behandeln zu können. Teil dieses Arbeitskreises ist auch Dr. Birgit Hoffmeyer, Oberärztin und Sportmedizinerin am Uniklinikum Magdeburg und Mannschaftsärztin der Bundesligahandballer des SC Magdeburg.

„Sportler sind durch die hohe Beanspruchung in der Regel viel sensibler bei Störungen im Zahn-, Skelett- und Bewegungssystem“, so Hoffmeyer. „Hinzu kommt, dass ein Leistungssportler ohnehin immer bis an seine Grenzen geht und Schmerzen oft unterdrückt.“ Wie viele chronische Beschwerden bei Sportlern auf CMD zurückgehen, kann bisher nicht quantifiziert werden. „Ich kann mir aber gut vorstellen, dass vor allem wiederkehrende Beschwerden oder Blockaden im Hals- oder Lendenwirbelbereich auf CMD zurückzuführen sind“, vermutet Hoffmeyer. Im Gegensatz zu Amateursportlern hat ein Profi den großen Vorteil, professionell betreut zu werden, wie die Sportmedizinerin erklärt: „Ein Amateur muss natürlich selbst darauf achten, was er seinem Körper zumuten sollte. Ein Profi wird ohnehin medizinisch ganzheitlich betrachtet. Wenn man als Sportmedizinerin für das Thema CMD sensibilisiert ist, dann kann man betroffenen Athleten viel schneller und gezielter helfen.“ Problematisch sei bei Profisportlern jedoch, dass sie in der Regel nicht die Zeit zum Auskurieren einer Krankheit haben, die sie vielleicht bräuchten. Abzusehen ist es jedenfalls, dass in Zukunft mehr Athleten mit einem korrigierten Biss nach Höchstleistungen streben, wie Reitz empfiehlt: „Bei CMD kann man, egal ob Profi oder Amateur, keine Bestleistungen erzielen. Deshalb würde ich Betroffenen empfehlen, die Schiene beim Sport im Mund zu lassen.“ Tatsächlich kommt eine Pilotstudie von Ohlendorf et al. 2011 zu dem Schluss, dass die sportmotorische Leistungsfähigkeit der Probanden durch eine Unterkiefer-Schiene positiv beeinflusst werde.

Warum CMD trotz allem noch immer so selten diagnostiziert wird, hat mehrere Gründe. „Die Diagnose wird nicht von den gesetzlichen Kassen abgedeckt. D.h., dass CMD bei einem Patienten, der die Behandlung privat nicht zahlen kann oder will, oft gar nicht diagnostiziert wird“, erklärt Meißner und empfiehlt, für eine Erstdiagnose einen Orthopäden aufzusuchen, der den Patienten bei Bedarf an einen Zahnarzt verweist. Problematischer als die Kosten sei jedoch die Qualifikation der Mediziner. „Viele Kollegen sind mit der Diagnose bzw. Behandlung der Krankheit überfordert. Außerdem ist auch nicht immer die Offenheit da, die man braucht, um fachübergreifend zusammenzuarbeiten“, beschreibt Rinke seine Erfahrungen. Erschwerend kommt hinzu, dass CMD eine äußerst komplexe Erkrankung sei, bei der die Ursachen der Beschwerden nicht immer eindeutig feststellbar sind. Außerdem muss den Patienten klar sein, dass die Behandlung zwar schmerzfrei, dafür aber langwierig ist und ein gewisses Mitwirken voraussetzt. Ist das der Fall, dann können die von den Experten beschriebenen sehr hohen Erfolgsquoten erreicht werden – wie eben im Fall von Silvio Bankert: „Die Beschwerden verschwanden nicht sofort, sondern langsam und stetig. Nach vier bis fünf Monaten war ich dann aber komplett beschwerdefrei. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum CMD kaum bekannt ist. Die Menschen sehen einfach den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung nicht – und wenn der Arzt davon keine Ahnung hat, woher soll der Patient dann Bescheid wissen?“

So paradox es auch klingen mag, die hohen Erfolgsquoten dieser Behandlungsmethode können in der Folge zu neuen Problemen führen – auf dem Rechtsweg. „Mir ist bekannt, dass sich die Fälle beim Landgericht, bei denen es um Schadensersatzansprüche gegen die Ärzte, die zuvor nicht helfen konnten, gehäuft haben“, berichtet Reitz. Genau die gleichen Erfahrungen hat auch sein Kollege aus Sachsen-Anhalt gemacht: „Oft werden Patienten zu mir geschickt, bei denen andere Ärzte nicht mehr weiter wussten. Kann ihnen nach vielen vergeblichen Versuchen dann tatsächlich geholfen werden, dann ziehen einige rechtliche Schritte gegen die Ärzte, die sie vorher behandelt hatten, in Erwägung“, so Rinke. Noch ein Grund mehr, warum sich Mediziner aller Fachrichtungen stärker mit dem Thema CMD befassen sollten. Es wäre wünschenswert, so die Experten, wenn die Cranio-mandibuläre Dysfunktion in naher Zukunft den Stellenwert einnehmen würde, der ihr zu stehen sollte – um von der Medizin 80 Jahre nach ihrer Erstbeschreibung aus ihrem Dornröschenschlaf wachgeküsst zu werden.

Beleg Ratgeber Gesundheit 4.4.13

CMD Main Echo, Seite 12

***

Deutschland bald Gentechnik-frei?

Kaum ein Thema erregt in der Bundesrepublik so viele Gemüter wie die Gentechnologie. Geht es nach bestimmten Interessensgruppen, sollen nicht nur die Felder frei von ihr sein, sondern demnächst auch die Bildung.

(veröffentlicht im Laborjournal am 14. März 2013)

„Erna ist happy!“, versichert uns eine ruhige männliche Stimme, während eine schwarz-weiße Bilderbuchkuh über eine saftig grüne Wiese läuft. Sie hat allen Grund dazu, behauptet die Nichtregierungsorganisation (NGO) Greenpeace, auf deren Homepage in einem Werbeclip stolz verkündet wird, dass die Milchprodukte eines bestimmten Anbieters nun komplett ohne Gentechnik hergestellt werden. „Ein weiterer großer Erfolg jahrelanger Greenpeace-Aktionen“, fährt die Stimme fort. Tatsächlich sind die „natürlichen“ Milchprodukte der glücklichen Erna nur eines von vielen Beispielen dafür, wie ein Großteil der Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland zum Thema Gentechnik steht: skeptisch bis ablehnend. Das Bedenkliche daran: Nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in der Bildung wird die Gentechnik zunehmend dämonisiert.

„Ich kann mir auch nicht so recht erklären, warum wir Deutschen bei vielen wissenschaftlichen Neuerungen so fürchterlich vorsichtig sind“, rätselt Prof. Dr. Wolfgang Nellen über die Motive seiner Landsleute. „Viele meinen, wenn man nichts tut, kann man auch nichts falsch machen – aber das halte ich für falsch“, so der 63-jährige, der neben seiner Professur an der Uni Kassel auch das Amt des Präsidenten des Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin (VBIO) und der Gesellschaft für Genetik inne hat. „Der Wissenschaft wird oft vorgeworfen, dass sie erst einmal von ihrem Elfenbeinturm herunterkommen soll. Das ist meiner Meinung schon längst geschehen und die Aufklärungsangebote sind da, aber sie werden oft nicht wahrgenommen. Im Endeffekt sind die Aktionen der NGOs medienwirksamer – und viele Menschen entscheiden eben aus dem Bauch heraus“, so Nellen.

Dabei hatte die Gentechnik mit der kürzlich zurückgetretenen Bildungsministerin Annette Schavan eine prominente Unterstützerin. „Die grüne Gentechnik ist eine wichtige Zukunftstechnologie, von der sich weder Deutschland noch Europa verabschieden dürfen“, sagte Schavan beispielsweise in einer Pressemitteilung vom April 2009, in der sie ihr Bedauern über die Entscheidung der Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner äußerte, den Anbau der genetisch veränderten Maissorte MON810 zu verbieten. Etwa ein Jahr später sagte Schavan während des 3. Runden Tisches zur Pflanzengenetik in Berlin: „Ich bin davon überzeugt, dass gentechnische Ansätze einen Beitrag zur Welternährung leisten können, indem robustere Pflanzen entwickelt werden, die Dürre oder Kälteeinbrüche besser als bisher standhalten können.“ Über 120 Vorhaben zur Sicherheitsbewertung gentechnisch veränderter Pflanzen seien vom Bildungsministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bisher gefördert worden: „Die  Projekte, so das Resümee der Wissenschaftler,  lieferten bisher keine wissenschaftlichen Belege für ökologische Schäden durch die untersuchten gentechnisch veränderten Pflanzen“, heißt es in einer Pressemitteilung von 2012.

Im krassen Gegensatz zur Haltung des BMBF steht jedoch schon seit längerem das Umweltministerium. So wurde nicht nur eben jener Maissorte MON810 die Anbaugenehmigung verwehrt, sondern auch die extrem stärkehaltige, von BASF entwickelte Kartoffel Amflora, dessen Anbau auf Grund des heftigen Protests der Bevölkerung gestoppt wurde. „Wenn ich die Gesetzestexte der jeweiligen Landesregierungen richtig verstehe, dann bezeichnen sich nicht nur die meisten der Bundesländer bereits als gentechnikfrei; in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg ist eine Förderung der Agrotechnik sogar grundsätzlich verboten“, zeigt sich Nellen über die jüngsten Entwicklungen besorgt. „Heißt das also, dass selbst an Universitäten nicht mehr daran geforscht werden darf? Schließlich müsste die Pflanzen irgendwann auch im Freiland getestet werden.“ Ohnehin waren den Bauern bereits vor den generellen Anbauverboten von z.B. schädlingsresistentem Mais die Hände gebunden, wurden sie durch das Gesetzt zur Neuordnung des Gentechnikrechts 2004 doch voll dafür haftbar gemacht, wenn Spuren ihrer genetisch veränderten Pflanzen auf anderen Feldern gefunden wurden.

Voll auf den anti-Gentechnik-Zug ist nun auch die neue rot-grüne niedersächsische Landesregierung um Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) aufgesprungen. Auf Seite 74 des Koalitionsvertrages heißt es dazu unter dem Stichpunkt gentechnikfreies Niedersachsen u.a.:

„Im Verbund mit der Landwirtschaft wird die rot-grüne Koalition alle Möglichkeiten ausschöpfen, Niedersachsen gentechnikfrei zu halten und dafür keine Fördermittel bereitstellen. Im Bundesrat wird sich die Landesregierung dafür einsetzen, dass es keine weiteren Lockerungen am derzeitigen Gentechnikgesetz geben wird und die Verursacher entsprechender Kontaminationen zum Schadenersatz herangezogen werden. […] Das Projekt HannoverGEN wird beendet.“

Warum das beliebte und erfolgreiche Schülerlabor HannoverGEN zusammenhangslos in diesem Absatz erscheint, wirft Fragen auf. „Es gab nie eine Diskussion darüber, ob die Förderung verlängert werden soll oder nicht. Ich kann es mir nicht anders erklären, als das diese Entscheidung rein ideologisch gefällt wurde“, äußert Nellen, der in Kassel das Schülerlabor Science Bridge leitet, seinen Unmut über die Entscheidung: „Wir können nicht aufgeklärte und gebildete Bürger fordern und gleichzeitig die Fortbildungsangebote entfernen. Das passt nicht zusammen!“ Eine kurzfristige Anfrage des Laborjournals zu den Gründen der Entscheidung wurde vom niedersächsischen Umweltministerium nicht beantwortet.

Das Projekt HannoverGEN, „Ausgewählter Ort 2011“ im Land der Ideen, stellt Schülern und Schülerinnen speziell ausgestattete Schullabore zur Verfügung, in denen unter professioneller Anleitung selbstständig biotechnologische Experimente durchgeführt werden können, die sich auf die regulären Unterrichtsinhalte beziehen. Neben der Wissenschaft soll dabei aber auch das kritische Auseinandersetzen mit der Thematik Gentechnologie im Vordergrund stehen. „Die Biowissenschaften haben sich zu High-Tech Berufen entwickelt, denen die Lehrer bzw. die Ausstattungen an den Schulen in ihrem gesamten Umfang nicht mehr gerecht werden können. Solche Schülerlabore sind deshalb extrem wertvolle Ergänzungen zum normalen Unterricht“, hebt Nellen die Vorzüge solcher Projekte hervor. Tatsächlich nahm die Zahl der Schülerlabore in den letzten Jahren rasant zu, der Bundesverband der Schülerlabore (bei dem nicht einmal alle Projekte gemeldet sind) zählt 314 Einrichtungen in ganz Deutschland. Viele der Angebote sind über Monate im Voraus ausgebucht und stellen sowohl für Schüler als auch für Lehrer eine willkommene Abwechslung dar. „Die meisten der Schüler werden später nicht Biologie studieren. Es ist also die letzte Chance, die sie haben werden, sich im Schülerlabor intensiv mit der Thematik zu beschäftigen. Nur ein informierter Bürger ist auch ein mündiger Bürger. Wenn solche Projekte beendet werden, verhindert man also, dass sich die Schüler überhaupt kritisch mit dem Thema auseinandersetzen können“, warnt Nellen.

Doch nicht nur HannoverGen, dem von Umweltverbänden vorgeworfen wird, Handlanger der Gentechnikindustrie zu sein, obwohl es nicht von dieser finanziert wird, bläst der bildungsfeindliche Wind ins Gesicht. Auch das Biotechnikum, sozusagen ein Labor auf Rädern in Form eines großen LKWs, ist nicht unumstritten – obwohl es vom Bundesministerium für Bildung und Forschung initiiert wurde. Das mobile Labor macht an deutschen Schulen Station mit dem Ziel, den Schülern Einblicke in die moderne Biotechnologie zu gewähren. Auch hier finden sich viele Kritiker, die dem Projekt eine einseitige Werbung im Sinne der Gentechniklobby vorwerfen. Oft sind solche Projekte aber auch viel mehr als reine Informationsveranstaltungen. „Science goes to School“ heißt z.B. ein Ansatz aus Dresden, bei dem ausländische Gastforscher neben der Wissenschaft auch für Toleranz und Internationalisierung werben.

„Man darf bei den Debatten rund um die Gentechnik nicht vergessen, wer eigentlich die besseren Mittel hat“, versucht Nellen die oft kritischen Haltungen zu erklären: „Tatsächlich ist die Wissenschaft der David und die NGOs wie Greenpeace der Goliath. Sie haben mehr Geld, mehr Medienpräsenz und fallen eher auf.“ Tatsächlich lässt sich die Ablehnung der Gentechnologie oft auf einen Namen beschränken: Monsanto. Der amerikanische Großkonzern war einer der ersten, der mit genetisch veränderten Pflanzen den Durchbruch schaffte – und heute den Weltmarkt kontrolliert. Dabei macht er vor allem durch seine riesigen Monokulturen, den Einsatz giftiger Pestizide und der Missachtung der Rechte der Bevölkerung in den Anbaugebieten von sich reden. „Ich finde Monsanto und seine Praktiken nicht toll und hatte selbst schon Auseinandersetzungen mit dem Konzern gehabt“, räumt Nellen ein, „aber dass der Konzern tut was er tut hat eigentlich nicht direkt etwas mit der Gentechnologie zu tun, sondern mit unserer Wirtschaftsordnung.“ Außerdem, so Nellen weiter, seien Konzerne wie Monsanto der beste Freund von NGOs. „Es klingt vielleicht paradox, aber was würde Greenpeace ohne Monsanto tun? Das ist immer das Gewinnerargument! Tatsächlich haben die NGOs Monsanto zu seiner Monopolstellung verholfen. Durch ihre Aktivitäten wurden die Hürden für die Zulassung genetisch manipulierter Pflanzen so hoch gesetzt, dass sie nur von einem großen Konzern genommen werden kann. Die kleineren Konkurrenten können da nicht mithalten.“

Allerdings sei man auch innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft weit von bedingungsloser Zustimmung entfernt: „Es gibt auch Kollegen, die genetisch veränderte Lebewesen kritisch betrachten. Das Wichtigste ist, dass man objektiv und ohne Emotionen darüber diskutieren kann – diese Neutralität fehlt in der Öffentlichkeit oft“, erläutert Nellen, der ebenfalls nicht alles im Name der Wissenschaft zulassen möchte: „Prinzipiell würde ich meine Zustimmung immer von jeweiligen Fall abhängig machen, aber wenn man beispielsweise Viren manipuliert, finde ich das sehr bedenklich. Nichtsdestotrotz sind die Sicherheitsauflagen bei uns sehr hoch und alles wird sehr genau getestet, weshalb ich eigentlich keine direkten Risiken sehe.“ Im Gegensatz zur Bevölkerung, könnte man anfügen, haben sich doch 2010 laut einer Umfrage der Europäischen Kommission 66 Prozent der Europäer (71 Prozent der Deutschen) besorgt gezeigt bezüglich möglicher negativer Folgen von genetisch manipulierten Lebensmitteln in der Nahrungskette.

„Unser Problem ist, dass es ein Informationsdefizit gibt. Um Gentechnik doof zu finden, sollte man besser wenig darüber wissen“, setzt Nellen fort. „Genau deshalb sind Schülerlabore wie etwa HannoverGEN so wichtig, weil sie den Schülern die Möglichkeit geben, ein differenziertes Bild zu entwickeln. Es ist wirklich schade, dass Personen über das Ende eines solchen Projekts entscheiden, die selbst gar nicht daran teilgenommen haben – es also gar nicht genau kennen“, so Nellen. Auch er hatte NGOs wie Greenpeace oder auch die Fraktion B´90/Die Grünen in sein Schülerlabor Science Bridge eingeladen, damit sie sich selbst ein Bild der Arbeit machen könnten. „Meistens kommen dann irgendwelche Ausreden als Antwort. Man muss schon sehr geduldig und hartnäckig bleiben, das Gespräch suchen und probieren, es auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen.“ Denn natürlich sind nicht alle Kritikpunkte der Gentechnik-Gegner haltlos.

Rein objektiv betrachtet hat die Gentechnik allerdings bereits große Erfolge feiern können: Medikamente (wie z.B. Insulin) können passgenauer und verträglicher hergestellt werden; der sogenannte Goldene Reis ist besonders reich an Vitamin A und Eisen und kann so zur Bekämpfung von Mangelerscheinungen (z.B. Erblinden) vor allem in Asien eingesetzt werden; Pflanzen, die resistent gegen Motten, Pilzbefall, Viren und Nematoden sind, müssen nicht gespritzt werden und schonen so die Umwelt; salz- oder trockenresistente Pflanzen ermöglichen den Anbau von Lebensmitteln in Gebieten, in denen es bisher nicht möglich war; veränderte Enzyme in unserem Waschmittel ermöglichen es uns, kälter und damit umweltschonender zu waschen; etc. Viele der Gegenargumente fußen hingegen nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Verweise auf die leidende Biodiversität scheinen bei den ohnehin überall praktizierten Monokulturen – bei denen Pestizide, Herbizide, Fungizide, etc. eingesetzt werden, um eben keine Diversität zu haben – unangebracht. Auch das Argument der Natürlichkeit macht bei den oft bis zur Krankheit überzüchteten Nutztierrassen wenig Sinn. Der Landraub ist ein weiteres schwaches Argument, da es diesen schon immer gab. Schließlich wurde fast ganz Mitteleuropa vor nicht allzu langer Zeit komplett entwaldet. Hinzu kommt, dass ca. 90 Prozent des Soja-Anbaus der riesigen südamerikanischen Monokulturen in unserer Tiermast landet – dem eigentlichen Übel unserer Nahrungsproduktion. Nicht die Gentechnik-Lobby hat riesige Flächen für Soja- und Mais-Monokulturen entwaldet, sondern unser unstillbarer Hunger nach Fleisch und Energie. Nach wie vor bestimmt die Nachfrage das Angebot und nicht umgekehrt.

Dass man bisher die Langzeitfolgen genetisch veränderter Organismen in der Natur noch nicht absehen kann, ist hingegen ein schlüssiges Argument. Dennoch – und da sind sich die meisten Wissenschaftler einig – sollte uns das nicht davon abhalten, in diese Zukunftstechnologie zu investieren, vor allem in der Bildung. So sagte die damalige Wissenschaftsministerin Schavan 2010: „Verantwortung global und für zukünftige Generationen zu übernehmen, bedeutet auch, über Chancen und Möglichkeiten neuer Technologien zu reden. Wir haben nicht nur Verantwortung für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“ Die Medizinnobelpreisträgerin Prof. Dr. Christiane Nüsslein-Volhard vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen sagte in einem Interview mit Die Welt von 2012 schließlich: „Wir sind dabei, hervorragend ausgebildete Forscher zu exportieren – statt hoch entwickelte Saatgüter und innovative Agrartechnologien.“

LJ_313_HannoverGEN_StephanRinke

***

Wie aus Fiction Science wird

Für den Elektrophysiologen Jens Dübel ist Paris nicht nur die Stadt der Liebe, sondern auch das Zentrum für Netzhautforschung.

(veröffentlicht im Laborjournal am 15. Februar 2013)

Seit eh und je haben Science-Fiction-Visionen die Menschen in ihren Bann gezogen. Das vielleicht Faszinierendste an ihnen ist dabei die Vorstellung, dass sie irgendwann einmal Wirklichkeit werden könnten. Erinnern Sie sich an Geordi La Forge aus der Fernsehserie „Star Trek – The Next Generation“? Sein Markenzeichen ist eine futuristische Brille, mit deren Hilfe er trotz seiner Blindheit sehen konnte. Tatsächlich sind Wissenschaftler drauf und dran, solch ein Werkzeug zu entwickeln.

Einer von ihnen ist der deutsche Elektrophysiologe Jens Dübel, der sich seit dem 1. März 2012 am Institut de la Vision in Paris seine eigene Arbeitsgruppe aufbaut. „Das Institut de la Vision bietet ideale Voraussetzungen“, schwärmt Dübel. „Es arbeitet als nationales Zentrum für Augenheilkunde mit vielen anderen Instituten zusammen. Dadurch kann ich meinem anwendungsorientierten Schwerpunkt nachgehen, da sowohl der Kontakt zu Kollegen als auch der zu den Patienten einfach hergestellt werden kann.“ Und er hat große Pläne: „Langfristig ist es unser Ziel, blinden Menschen das Augenlicht wiederzugeben.“

Optogenetische Sehhilfe

Dass Dübel in Paris seine wissenschaftliche Wunschheimat fand, kam überraschend.  Erst im April 2011 hatte er damit begonnen, sich an der Würzburger Uniklinik am Institut für Klinische Neurobiologie eine Arbeitsgruppe aufzubauen. „Kurz nachdem ich die Stelle in Würzburg angetreten hatte, stieß ich auf die Ausschreibung aus Paris. Die Voraussetzungen dort waren so gut, dass ich einfach nicht ‚Nein‘ sagen konnte.“

Nach Würzburg war der zweifache Familienvater dank des Kontakts zu Georg Nagel am Institut für Botanik gekommen. „Ich war damals interessiert an den optogenetischen Methoden, die dort angewendet wurden. Schließlich waren es Nagel, Ernst Bamberg und Peter Hegemann, die als erste die Channel-Rhodopsine beschrieben hatten“, erinnert sich Dübel.

„In der Optogenetik geht es darum, auf genetischem Wege mikrobielles Opsin in Zellen einzuschleusen, wodurch diese lichtsensitiv werden“, erklärt Dübel. Opsine sind auch in unseren Photorezeptoren die Proteine, die das Sehen ermöglichen. Allerdings geht es bei diesem Ansatz nicht darum, alle Formen der Blindheit zu bekämpfen, sondern jene, die durch die Erbkrankheit Retinitis pigmentosa hervorgerufen werden, an welcher weltweit mehr als zwei Millionen Menschen leiden. „Es gibt über fünfzig verschiedene Mutationen, die zu dieser Krankheit führen können, wodurch die Verläufe sehr unterschiedlich sein können. Das Gute an unserem Ansatz ist, dass er universell ist, also unabhängig von der Mutation funktioniert.“

Bei Retinitis pigmentosa setzt im Laufe des Lebens irgendwann ein Absterben der lichtempfindlichen Stäbchen der Netzhaut aufgrund von Mutationen in den Proteinen der Rezeptorkomplexe. Als Folge davon degenerieren auch die für das Farbsehen zuständigen Zapfen, der Patient erblindet. „Bei manchen Patienten ist es aber so, dass der Zellkörper der Zapfen vorerst erhalten bleibt“, weiß Dübel – und setzt mit der Therapie genau dort an. Die Idee: Wenn es gelänge, das körpereigene, verlorengegangene Opsin durch ein Protein mit ähnlichen Eigenschaften zu ersetzen, dann könnte es gelingen, die Sehfähigkeit wieder herzustellen. Schon in Basel, in der Arbeitsgruppe um Botond Roska am Friedrich Miescher Institut, wollten Dübel und seine Kollegen herausfinden, ob mit Hilfe von Halorhodopsin – eine lichtaktivierte Chlorid-Pumpe aus der Archaee Natronomonas pharaonis – die Lichtsensitivität der Zapfen wieder zurückgewonnen werden kann (für ein Porträt von Botond Roska siehe auch LJ 5/2011, S.21).

Futuristische Brille und urtümliches Sehprotein

Im Gegensatz zu den meisten anderen Neuronen depolarisieren stimulierte Photorezeptoren nicht, sondern hyperpolarisieren – eine Eigenschaft, die auch Halorhodopsin charakterisiert und es so zu einem geeigneten Kandidaten macht: Gelänge es, Halorhodopsin in die Zellmembran des verbliebenen Zellkörpers eines Zapfens zu bringen, würden bei Belichtung Chlorid-Ionen in die Zelle gepumpt werden, was zur gewünschten Hyperpolarisation führen würde. In die Zapfen bekommt man das Protein mit Hilfe eines viralen Vektors, einem adeno-assoziierten Virus (AAV), der direkt unter die Netzhaut gespritzt wird.

Im Mausmodell kam es nach ungefähr 14 Tagen zur Expression des Proteins, die nur in den Zapfen stattfand, da sie Promotor-induziert war. Mit Hilfe von Patch Clamp wiesen Dübel und seine Basler Kollegen anschließend lichtinduzierte Ströme in den Zapfen nach (Science 2010, 329(5990):413-7).

Auch die neuronale Bildverarbeitung in der Netzhaut sowie eine Lichtantwort im visuellen Cortex konnten mit späteren Experimenten nachgewiesen werden. Doch das war längst nicht alles: „Wir gingen schließlich zu menschlichen Netzhäuten über, die wir von der Cornea-Bank in Amsterdam bekamen“, führt Dübel aus. „Diese Retinastücke sind in Zellkultur bis zu zehn Tage lang nutzbar. Auch dort ist es uns gelungen, das Halorhodopsin in die Zapfen einzuschleusen – mit den gleichen Effekten.“ Denn die Netzwerke und Schaltkreise, die dem Patienten einst das Sehvermögen gaben, sind nach wie vor vorhanden – mit dem Halorhodopsin wird der Teil „erneuert“, der den Lichtimpuls in einen elektrischen umwandelt.

Beeindruckende Resultate, doch Dübel ist weit davon entfernt, sich mit solchen Ergebnissen zu schmücken. Immer wieder verweist er auf all die anderen Wissenschaftler, ohne die viele der bisherigen Resultate gar nicht zustande gekommen wären. So gibt er beispielsweise unumwunden zu, dass er eigentlich keine Ahnung von der Herstellung von Vektoren hat und dankbar dafür ist, in dieser Hinsicht eng mit seiner Pariser Institutskollegin Deniz Dalkara zusammenarbeiten zu können (Gene Ther 2012, 19(2):176-81).

Doch was hat es mit dieser eingangs erwähnten Brille aus der Zukunft auf sich? „Unsere eigenen Photorezeptoren sind extrem flexibel und können sich sowohl auf sehr hohe als auch auf sehr niedrige Lichtstärken einstellen. Das kann das Halorhodopsin nicht, es braucht eher hohe Lichtstärken“, erklärt Dübel. Hier kommt die Brille ins Spiel, die mit einer Kamera die Außenwelt aufnimmt und anschließend ein Abbild davon mit einer bestimmten Intensität auf die Netzhaut der Patienten projiziert. „Der Vorteil ist, dass Halorhodopsin im orangefarbenen Lichtbereich am besten angeregt wird, wodurch der Energiegehalt und damit die Gefahr von lichtinduzierten Schäden geringer ist“, so Dübel.

Doch so weit ist der junge Forscher mit seiner Arbeit noch nicht. „Ich hoffe, dass wir bald in die klinische Phase gehen können. Die Screenings nach geeigneten Patienten laufen schon. Jeder, der in der Wissenschaft arbeitet, weiß aber, dass es nie so schnell geht, wie man es sich wünscht. Vor allem die Kleinarbeit des Alltags hält einen oft auf“, beschreibt Dübel die Tücken seiner Forschung.

Zumindest finanziell muss er sich vorerst keine Sorgen machen. Mit dem Starting Grant über 1,5 Millionen Euro, den ihm der Europäische Forschungsrat (ERC) für die nächsten fünf Jahre bewilligt hat, will er den Aufbau seiner Gruppe vorantreiben: „Momentan habe ich erst zwei Mitarbeiter und möchte so schnell wie möglich weitere Leute einstellen.“

Erste Erfolge

Sollten Dübel und seine Kollegen mit ihrer Arbeit erfolgreich sein, dann wäre dies eines der bisher seltenen Beispiele einer vielversprechenden Gentherapie. „Als das Thema Gentherapie aufkam, gab es einen ziemlichen Hype – gefolgt von der großen Ernüchterung. Ich möchte den Menschen keine falschen Hoffnungen machen. Erst, wenn Patienten dank dieser Behandlung wieder sehen können, würde ich eine definitive Aussage treffen“, meint Dübel zurückhaltend. Dabei sind die Voraussetzungen gut: Bisher wurde noch keine Immunantwort bezüglich des Vektors nachgewiesen und – was noch viel wichtiger ist – in den Vereinigten Staaten ist es bereits gelungen, mit einem ähnlichen Ansatz Patienten, die an der Leberschen kongenitalen Amaurose (LCA) litten, erfolgreich zu behandeln (Lancet 2009, 374:1597-605).

Warum bei Retinitis pigmentosa die Zapfen absterben, obwohl die Mutationen nur die Stäbchen betreffen, ist noch nicht geklärt. „Am wahrscheinlichsten ist“, so Dübels Institutskollege Thierry Leveillard, „dass bestimmte, von den Stäbchen abgesonderte Signalstoffe für die Zapfen überlebenswichtig sind.“ (Nat Genet 2004, 36(7):755-9). Ein wichtiger Punkt, denn nur eine Therapie, die neben dem eingeführten Halorhodopsin auch die Netzhautdegeneration aufhält, wäre langfristig von Erfolg gekrönt. Es ist also wie immer in der Wissenschaft: Hat man ein Problem gelöst, stößt man auf unzählige neue. Dübel werden die Ziele nicht so schnell ausgehen.

„Parallel arbeiten wir auch im Tiermodell. Wir versuchen, mehrere verschiedene mikrobielle Opsine in die jeweiligen Zapfentypen einzuschleusen, um zu testen, ob damit auch das Unterscheiden von Farben wieder möglich wird“, blickt Dübel in die Zukunft. Und auch die Grundlagenforschung will er nicht vernachlässigen und seinen Beitrag dazu leisten, die Netzhaut besser zu verstehen. So plant er, bisher lichtunempfindliche Zellen des retinalen Netzwerks, wie die Amakrinzellen, durch Channel-Rhodopsine optisch erregbar zu machen, um anschließend Potenziale per Patch Clamp abzuleiten. „Diese Kombination von optogenetischer Stimulierung und elektrophysiologischer Ableitung ist ein elegantes Werkzeug“, findet Dübel, dessen aktuelle Arbeit sich nicht nur auf die Zellkörper der Zapfen beschränkt, sondern sich auch schon auf die nachgeschalteten Bipolarzellen ausgeweitet hat. Und auch die Zwei-Photonen-Fluoreszenzmikroskopie, mit der er schon früher Bipolarzellen untersucht hat (Neuron 2006, 49(1):81-94), will Dübel mit der Optogenetik kombinieren.

Familie in der Stadt der Liebe

Und was beschäftigt Jens Dübel, wenn er gerade nicht versucht, die Blinden sehend zu machen? „Paris ist eine tolle Stadt mit einem vielfältigen kulturellen Angebot, aber bei zwei Kleinkindern bleibt meist nicht viel Zeit für Hobbys. Nach der Arbeit genieße ich also die Zeit mit der Familie“, verrät er. „Momentan gehe ich davon aus, lange in Paris zu bleiben“, wagt Dübel einen Blick in die Glaskugel, „aber in der Wissenschaft weiß man bekanntlich nie, was die Zukunft bringt.“

An den Arbeitsbedingungen sollte es zumindest nicht scheitern: „Ich wurde in Paris sehr gut aufgenommen und fühle mich sehr wohl. Dabei spielt es auch eine Rolle, dass ich mit meinen Kollegen Englisch reden kann. Mit meinem Schulfranzösisch kann ich beim Bäcker einkaufen gehen, aber zu mehr reicht es nicht“, grinst Dübel.

Bleibt zu hoffen, dass seine Arbeit genau das bringt, was er und viele Patienten sich wünschen, damit Brillen zukünftig nicht mehr nur als modisches Accessoire, sondern als Augenlicht-spendende Prothese dienen können – wie bei Geordi La Forge. Ob dieser den angehenden Wissenschaftler Dübel, der in Darmstadt und Marburg zunächst auf Lehramt studiert hatte, in seiner Berufswahl beeinflusste, verrät er uns allerdings nicht.

Porträt Jens Dübel

***

Der einfachste Weg, ein Leben zu retten

Nur fünf Prozent der Deutschen spenden regelmäßig Blut. Vielen ist nicht bewusst, dass Spenderblut Leben retten kann – und dass sie selbst eines Tages auf eine Spende angewiesen sein könnten.

(veröffentlicht am 7. November 2012 in der Main-Post)

Das Einzelzimmer, in dem Gottfried Pfeuffer liegt, ist dank der wolkenverhangenen Sonne düster. Hinter einer Glaswand, die ihn vor der Außenwelt schützen soll, befinden sich sein Einzelbett, ein Stuhl und ein Tisch. Eine halb leere Cola-Flasche steht direkt neben einer Mischung verschiedener Tabletten. Der Geruch des Desinfektionsmittels, mit dem man sich vor dem Kontakt mit dem 66-jährigen Patienten die Hände reinigen muss, sticht in der Nase. Pfeuffer hat nach überstandener Leukämie einen langen Leidensweg hinter sich. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs freut er sich darauf, das Zentrum für Innere Medizin (ZIM) des Universitätsklinikums Würzburg bald verlassen zu können. Er ist dankbar für die zweite Chance, die er als Sterbenskranker bekommen hat – und reumütig: „Es tut mir einfach nur leid, dass ich nie gespendet habe. Wer ahnt denn, dass man so krank werden kann? Mir haben die Spenden von anderen Menschen nun das Leben gerettet.“

Szenenwechsel. An einem Mittwochnachmittag hat sich Maik Schwerdtner wieder einmal zur Blutspende in das Institut für Klinische Transfusionsmedizin und Hämotherapie im Universitätsklinikum Würzburg eingefunden. Seit zehn Jahren lässt sich der Elektrotechniker regelmäßig knapp 500 Milliliter der lebenswichtigen Flüssigkeit abnehmen. „Eigentlich habe ich Angst vor Nadeln, aber es ist eben für einen guten Zweck. Das Blut wird gebraucht und ich bekomme einen Gesundheitscheck“, beschreibt Schwerdtner seine persönliche Motivation und merkt an: „Irgendwann kann es mich auch einmal erwischen. Dann wäre ich froh, wenn jemand für mich gespendet hat.“ Der 45-Jährige kam einst über einen Kollegen zur ersten Spende – und versucht seitdem seinerseits, seine Bekannten von diesem harmlosen, aber für andere lebenswichtigen Eingriff zu überzeugen.

Patient Pfeuffer, so viel steht fest, ist noch am Leben, weil es Menschen wie Schwerdtner gibt, die mit ihrer Spende viele Erfolge der Medizin erst ermöglichen. Wissen tun die beiden Seiten des Austauschs voneinander jedoch nichts – weder der Spender darf erfragen, wer sein Blut erhält, noch darf der Empfänger erfahren, von wem die lebensrettende Transfusion stammt.

Maik Schwerdtner steht denn auch exemplarisch für viele, die regelmäßig für diesen wichtigen Dienst zur Verfügung stehen. Nur fünf Minuten und 57 Sekunden dauerte sein letzter Termin zum Aderlass. Doch wissen die Freiwilligen überhaupt, was genau mit ihrer Blutspende passiert? „Ich schätze, es wird auf Krankheiten untersucht, gekühlt und dann für die Patienten verwendet“, vermutet Schwerdtner, der damit zwar nicht falschliegt, von der Komplexität der Aufbereitung der Spende aber wenig weiß – so wie sicherlich die meisten anderen auch.

Alles beginnt mit der telefonischen Anmeldung, bei der abgeklärt wird, ob man als Spender infrage kommt oder nicht. Nach Auslandsaufenthalten, Operationen, dem Stechen neuer Piercings, Medikamentengebrauch und vielen weiteren Gründen ist man zum Schutz der Empfänger für einen bestimmten Zeitraum gesperrt. Wird ein Termin vereinbart, so kommt es als Erstes zur Entnahme von wenigen Millilitern Blut, um die Spendertauglichkeit zu ermitteln. „Wenn ein Spender nach der Voruntersuchung zurückgestellt werden muss“, erläutert Gabriele Veit, seit 1977 Krankenschwester am Klinikum, „dann liegt es meistens an einem zu niedrigen Eisengehalt im Blut.“ Ein Problem, das vor allem Frauen und Vegetarier betreffe, wobei bei letzteren die wissenschaftliche Grundlage für diese Vermutung fehlt. Weitere Gründe für eine Absage der Spende sind unterschätzte Krankheiten wie etwa Erkältungen oder Magen-Darm-Beschwerden, Verletzungen der Haut oder Medikamentenrückstände im Blut.

Unterschieden wird bei der Spende zwischen der Abnahme von Vollblut und der Apherese, bei der nur bestimmte Blutbestandteile, wie zum Beispiel die als Blutplättchen bekannten Thrombozyten, entnommen werden. „Früher bekam der Patient immer Vollblutkonserven. Jetzt gibt es die sogenannte Hämotherapie nach Maß, bei der der Empfänger nur die Blutbestandteile bekommt, die er auch braucht. In Deutschland sind Vollbluttransfusionen mittlerweile verboten“, erklärt Prof. Markus Böck, seit 1999 Direktor des Instituts für Klinische Transfusionsmedizin und Hämotherapie. „Die Vorteile sind klar: Die Behandlung wird effektiver und die Belastung sinkt, da der Patient mehr der notwendigen Blutbestandteile in weniger Volumen zugeführt bekommt“, ergänzt Veit.

Beispielsweise sei es sogar möglich, so Böck, einem Patienten mit Gerinnungsstörungen spezifische Gerinnungsfaktoren – die übrigens immer öfter gentechnologisch hergestellt werden – einzeln zu verabreichen. „Die Medizin wird immer invasiver und hat immer mehr Möglichkeiten, aber ohne Spender wären die Ärzte oft zum Nichtstun verdammt“, gibt Böck zu denken und verweist auf enttäuschende Statistiken: „70 bis 80 Prozent der Deutschen brauchen im Laufe ihres Lebens eine Blutspende, aber nur fünf Prozent spenden regelmäßig. Wir brauchen eine andere Spendermentalität – vor allem bei den zu erwartenden Problemen.“ Denn, so Böck weiter, der demografische Wandel mache auch vor den Blutspenden nicht halt: „Die Spender sind meist jung, die Empfänger oft alt. Daher werden wir ein immer größeres Ungleichgewicht bekommen, wenn weniger gespendet, aber mehr benötigt wird.“

Doch was genau passiert denn nun mit der eigenen Spende? Vollblutspenden werden über Nacht bei Raumtemperatur gelagert. Zur Verklumpung des Bluts kommt es dank des Zusatzes eines Gerinnungshemmers in den Blutbeuteln nicht. Nach einer Lagerzeit von vier bis 24 Stunden lässt man das Blut durch Filter laufen, um die nicht erwünschten Thrombozyten und Leukozyten (weiße Blutkörperchen) zu entfernen. Anschließend wird die Konserve zentrifugiert, um die festen und flüssigen Bestandteile voneinander zu trennen. Letztere (das Plasma) werden im Separator abgeschieden, während das zurückbleibende Erythrozytenkonzentrat mit einer Nährlösung versetzt wird, um die roten Blutkörperchen haltbarer zu machen. Im Immunhämatologischen Labor, auch als Blutbank bekannt, können die Konzentrate anschließend für bis zu 42 Tage gelagert werden. Außerdem wird dort vor jeder Transfusion getestet, ob die Blutkonserve für den jeweiligen Empfänger geeignet ist.

Das Plasma wird hingegen vier Monate lang eingefroren und erst freigegeben, wenn sich die Gesundheit des Spenders nach einer zweiten Untersuchung bestätigt hat. Anders sieht es bei den Thrombozyten aus. Der Spender wird dabei an eine Maschine angeschlossen, die in einem etwa 60 Minuten dauernden Prozess das Blut zentrifugiert und bis auf die Blutplättchen und ein wenig Plasma die restlichen Bestandteile wieder in den Körper zurückpumpt. Da die Thrombozyten aber nur sehr kurzlebig sind, können sie höchstens vier Tage lang gelagert werden.

Damit mit der Spende keine Infektionskrankheiten übertragen werden, wird am Tag der Entnahme eine Blutprobe zu Dr. Benedikt Weißbrich und seiner Gruppe im Labor für allgemeine Virusdiagnostik geschickt. Dort wird jeder Spender auf HIV, Hepatitis B und C sowie Lues (Syphilis) untersucht – ein Vorgang, der bereits 24 Stunden nach der Spende abgeschlossen ist und der zur Sperre der Konserve führt, wenn eine Krankheit nachgewiesen wird. „Diese Tests helfen auch dem Spender, da wir so auch schon schwere Krankheiten im Frühstadium erkannt haben“, beschreibt Böck die Vorteile des Verfahrens. In einem solchen seltenen Fall wird der Spender schriftlich informiert und bei einer Zweituntersuchung das Ergebnis überprüft. „Wenn dann tatsächlich eine schwere Krankheit wie etwa eine HIV-Infektion diagnostiziert wird, kommt es zu einem auch für uns sehr schwierigen Aufklärungsgespräch“, erläutert Böck, der – gebunden an die ärztliche Schweigepflicht – einem eventuellen Partner nichts von der Krankheit erzählen dürfte.

Als Patient könne man sich aber ziemlich sicher sein, aufgrund der strengen Sicherheitsauflagen nicht mit einer durch Viren verunreinigten Konserve in Kontakt zu kommen. „Ich habe ausgerechnet, dass es statistisch gesehen in Würzburg alle 247 Jahre dazu kommen würde, dass sich ein Patient durch eine Transfusion mit HIV ansteckt“, beruhigt Böck. Mit anderen Worten: Die Wahrscheinlichkeit, auf dem Weg zum Krankenhaus in einem Verkehrsunfall zu sterben, ist viel höher – weshalb es heutzutage auch kaum noch Eigenblutspenden gibt.

Insgesamt wurden 2011 in Deutschland über 7,5 Millionen Spenden verarbeitet – ein Wert, der nicht weit über dem Bedarf liegt. Probleme treten immer wieder zur Ferienzeit auf, wenn es auf den Straßen zu mehr Unfällen kommt, viele Spender aber im Urlaub sind. Das Klinikum in Würzburg, an dem 1948 die erste Bluttransfusion dokumentiert wurde, kann übrigens nur mit den Apherese-, nicht aber mit den eigenen Vollblutspenden den Bedarf decken. Die restlichen Konserven werden vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK) zugekauft, das mit seinen Blutspendeterminen vor allem auf dem Land in dieser Hinsicht essenzielle Dienste leistet.

Gäbe es nämlich diese gemeinsamen Anstrengungen nicht, hätten Menschen wie der in Iphofen (Lkr. Kitzingen) lebende Pfeuffer keine Chance – und wer weiß schon, wann man selbst einmal auf eine Spende angewiesen ist? „Ich wurde 2010 von einem Auto angefahren und kam deshalb ins Krankenhaus. Dort stellte man fest, dass etwas mit meinen Blutwerten nicht stimmte. Ich hatte vorher nichts bemerkt, aber man diagnostizierte bei mir Leukämie“, beschreibt Pfeuffer den überraschenden Beginn seiner Leidensgeschichte, die von Anfang an von Bluttransfusionen begleitet wurde. Was folgte, waren 35 Kilogramm Gewichtsverlust, eine Gallenoperation, schwerer Durchfall, ein Leistenbruch und weitere gesundheitliche Rückschläge. Zweimal stand Pfeuffer nach eigenen Angaben sogar an der Schwelle zum Tod.

Anfang Juni 2011 hatte der Rentner schließlich Glück: Nachdem in Amerika ein passender Stammzellenspender gefunden wurde, konnten Pfeuffer nach überstandener Chemotherapie die lebenswichtigen Zellen transplantiert werden. „Momentan habe ich Probleme mit dem Geschmackssinn, aber insgesamt fühle ich mich körperlich sehr gut“, freut sich der ehemalige Maler und Verputzer über den letztendlich positiven Verlauf der Behandlung.

Auf Transfusionen wird Pfeuffer aber weiterhin angewiesen sein. „Es ist schwierig, meine Dankbarkeit für die Spender in Worte zu fassen. Jetzt kann ich mein Knochenmark und mein Blut nur noch für die Forschung spenden. Ich wünschte, ich hätte früher anders gehandelt. Alles, was ich jetzt tun kann, ist, andere davon zu überzeugen, dass sie es besser machen sollten.“ Denn auch in Zukunft wird die Verfügbarkeit von Blutspenden über Leben und Tod von Patienten nach Chemotherapie oder Unfällen, von Organtransplantierten, von Menschen mit Blutgerinnungsstörungen oder Anämie entscheiden. Selbst wenn der Wille zur Hilfe für andere allein nicht ausreicht, jeder muss wissen, dass es ihn irgendwann so wie Gottfried Pfeuffer auch selbst treffen kann.

Leben retten

***

Eine Lehrstunde in Demut

(nicht veröffentlicht, geschrieben im September 2012)

Wie ein Delfin schoss der 21-jährige Chinese Tao Zheng bei den Paralympischen Spielen in London über die 100 Meter Rücken durch das Schwimmbecken. Am Ende sicherte er sich nicht nur die Goldmedaille in der Klasse S6, sondern stellte außerdem noch einen neuen Weltrekord auf, als er nach 1:13,56 min anschlug – mit dem Kopf. Zheng fehlen beide Arme – ein Handicap, dass ihn genauso wie all den anderen Athleten bei den Paralympics nicht davon abhielt, sportliche Höchstleistungen zu erzielen. Neben der Goldmedaille sicherte sich Zheng auch noch ein Mal Silber und zweimal Bronze.

Noch erfolgreicher war sein Landsmann Qing Xu, der viermal Schwimm-Gold gewann. Xu verfügt nur noch über den rechten Oberarm, setzt diesen aber so schnell ein, dass er ihn wie ein Propeller durch das Wasser zieht. Den bekanntesten Athleten stellte in London Alessandro Zanardi dar, der 2001 bei einem schweren Unfall beide Beine verlor, den Rennsport dennoch nicht aufgab und mit Prothesen in den Wagen stieg. Bei den Paralympischen Spielen ging Zanardi im Handbike an den Start – und gewann Gold. Es war eine von vielen Geschichten die belegte, dass der Geist über den Körper siegen kann – wenn der Wille vorhanden ist.

Zurück ins Leben kämpften sich auch die vielen Kriegsversehrten, die vor allem in den Mannschaften der Vereinigten Staaten und Großbritanniens zu finden waren. Sicher, so lange man die Sportler nicht persönlich kennt, kann man nur vermuten, wie es in ihnen aussieht. Dennoch scheinen alle Athleten – egal, ob sie durch einen Unfall zu ihrem Handicap kamen oder damit geboren wurden – eines gemein zu haben: anstatt sich ihrem Schicksal zu ergeben und in Selbstmitleid zu versinken, haben sie einen Lebensinhalt gefunden, der ihnen Kraft gibt. Es ist schön, dass der Sport dies vermag.

Es ist genau diese Inspiration, die wir Zuschauer ohne Handicap aus diesen Paralympischen Spielen mitnehmen sollten. Wie oft fühlen wir uns wegen Belanglosigkeiten unglücklich? Sind die Beine zu krumm, die Nase zu groß oder der Busen zu klein? War die letzte gescheiterte Beziehung wirklich so wichtig, dass man deshalb in Depressionen verfallen müsste? Ist es wirklich so schlimm, den Lieblingssport auf Grund einer Verletzung aufgeben zu müssen? Es gibt so vieles, dass unserem Leben Sinn verleihen kann, aber man muss eben etwas dafür tun und kann nicht erwarten, dass es auf einen zukommt. Die Meisten von uns können darüber entscheiden, ob sie im Selbstmitleid versinken oder ihr Leben selbst in die Hand nehmen wollen.

Auch wenn dies sicherlich nicht ihre Absicht war, so sollten Zheng, Xu, Zanardi und all die anderen Sportler mit Handicap uns als Beispiel dienen und die Eigenschaften in uns wecken, die uns als Menschen ausmachen sollten: Bescheidenheit, Demut und Genügsamkeit.

***

Wenn das Herz plötzlich still steht

Tausende von Menschen erleiden jährlich einen plötzlichen Herztod. Ins Licht der Öffentlichkeit geraten solche Fälle vor allem dann, wenn es junge, kräftige Profi-Sportler erwischt. Ein Trugschluss, denn gerade im Breitensport wird die Gefahr häufig unterschätzt.

(veröffentlicht am 4. September 2012 in der Main-Post)

Als Richard Fosbury bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko mit seiner eigenen und bis dahin unbekannten Flop-Technik Gold im Hochsprung holte, setzte er eine grundlegende Umwälzung seiner Sportart in Gang. Noch bekannter wurde der belgische Profi-Fußballer Jean-Marc Bosmann, der 1995 mit dem nach ihm benannten Urteil des Europäischen Gerichtshofs die Ablösemodalitäten in seiner Sportart revolutionierte. Grundlegende Veränderungen hat im deutschen Fußball auch Axel Jüptner hervorgerufen – wobei es sich bei seiner Geschichte um die eines tragischen Todes handelt.

Ines Jüptner hatte gerade ihren Mann am 23. April 1998 nach dem Training vom Ernst-Abbe-Sportfeld seines damaligen Arbeitgebers 1.FC Carl Zeiss Jena abgeholt. Der 28-jährige Fußballprofi hatte nur leicht trainiert, da seine Nase gebrochen war. Als seine Frau losfahren wollte, sah Jüptner einen Mannschaftskollegen und wollte ihm etwas sagen. Doch er kam nicht mehr dazu, die Scheibe herunterzulassen – sondern sackte bewusstlos auf dem Beifahrersitz zusammen. Zwei Tage später, einen Tag vor seinem Geburtstag, erklärten ihn die Ärzte der Herzklinik Bad Oeynhausen, in der er zuletzt behandelt wurde, für tot. Die Diagnose: kardiogener Schock, besser bekannt als plötzlicher Herztod.

Mehr als 100.000 Menschen erleiden jährlich allein in Deutschland einen plötzlichen Herztod, davon einige Hundert während des Sports. Fast immer ist dabei laut der Deutschen Herzstiftung ein Kammerflimmern oder eine andere schnelle Herzrhythmusstörung schuld. Der Herzmuskel stellt daraufhin seine Arbeit ein, der Kreislauf bricht zusammen und der Betroffene wird durch die fehlende Durchblutung im Gehirn ohnmächtig. Das Tückische daran: oft kündigt sich das Herzversagen nicht durch erkennbare Symptome an. Gerade wenn es junge, durchtrainierte Sportler erwischt, schaut die Welt daher entsetzt zu. Es ist das Gefühl der Hilflosigkeit, dass den plötzlichen Herztod seinen Schrecken verleiht. Wie kann es bei einem Profi-Sportler, der über eine ideale medizinische Betreuung verfügt, zu einem Herzstillstand kommen?

„Die Ursachen für einen plötzlichen Herztod können vielfältig sein“, erklärt Prof. Dr. Hans-Hermann Dickhuth von der Medizinischen Universitätsklinik in Freiburg. Prinzipiell könne man zwischen alten und jungen Betroffenen unterscheiden: „In der Gruppe der unter 35-jährigen handelt es sich meist um angeborene, genetisch bedingte Erkrankungen, wie z.B. Verdickungen der Herzmuskeln oder Anomalien bei den Herzkranzgefäßen. Hinzu kommen Herzmuskelentzündungen, die auf nicht-auskurierte Infekte zurückgehen.“ Genau in diese Gruppe fiel der damals noch für den Fußball-Zweitligisten Hannover 96 spielende Gerald Asamoah, den Dickhuth bereits 1998 untersuchte. Auf Grund einer Verdickung der Herzwände, die neben den Herzmuskelentzündungen zu den häufigsten Todesursachen zählt, riet man dem 22-jährigen Fußballer davon ab, seine Karriere fortzusetzen. „Paradoxer Weise nimmt das Risiko des plötzlichen Herztodes bei Athleten mit verdickten Herzwänden mit dem Alter ab. Dennoch ist Asamoah noch heute gefährdet“, erklärt Dickhut. Der mittlerweile für die SpVgg Greuther Fürth aktive Fußballer nahm das Risiko in Kauf und setzte seine Karriere fort. Seitdem befindet sich immer ein Defibrillator am Spielfeldrand, wenn Asamoah auf dem Rasen steht.

Bei der Gruppe der über 35-jährigen sind die Ursachen des plötzlichen Herztodes in der Regel andere, wie Dickhut erklärt: „Bei älteren Betroffenen stellt das größte Risiko die Arterienverkalkung dar, also Verstopfungen der Herzkranzgefäße und andere arteriosklerotische Erkrankungen.“ Oft sei die Diagnose eines potentiell fatalen Herzleidens schwierig, da sich viele der Ursachen im Voraus nicht zweifelsfrei erkennen ließen. Hinzu kommen Randerscheinungen wie z.B. die, dass dunkelhäutige Menschen öfter verdickte Herzwände aufweisen – ohne dass diese zwangsläufig ein Problem darstellen müssen. Gerade deshalb kann es auch immer wieder bei Profi-Sportlern zum plötzlichen Herztod kommen.

Erst vor wenigen Monaten wurde der norwegische Schwimm-Weltmeister Alexander Dale Oen tot unter der Dusche im Höhentrainingslager im amerikanischen Arizona gefunden. Er wurde nur 26 Jahre alt. Im gleichen Alter verstarb der deutsche 800-Meter-Läufer René Herms, der im Januar 2009 tot in seiner Wohnung gefunden wurde. Ihm wurde eine virusbedingte Herzmuskelentzündung durch einen nicht auskurierten Infekt zum Verhängnis. Der deutsche Handballer Sebastian Faißt stürzte im März 2009 bei einem U21-Länderspiel gegen die Schweiz ohne Fremdeinwirkung zu Boden. Die sofortigen Wiederbelebungsversuche der Ärzte blieben erfolglos, eine Stunde nach seinem Zusammenbruch ist Faißt tot – Diagnose: Herzstillstand. Erst vor wenigen Wochen verstarb im Juli 2012 der belgische Radprofi Rob Goris im Alter von 30 Jahren an einem Herzinfarkt.
„Das Problem ist“, erläutert Dickhuth, „dass im Leistungssport ein großer Druck herrscht – von den Medien, den Trainern oder von den Athleten selbst. Viele hören dann nicht auf ihren Körper und gönnen sich nicht die nötigen Ruhepausen.“ Bestätigt wird diese Einschätzung von Prof. Dr. Kay Brune in einer medizinischen Abhandlung von 2009. Demnach nähmen viel zu viele Profi- als auch Amateursportler schon vor dem Wettkampf präventiv Schmerzmittel ein, was in zu hohen Dosen zu Organschäden bis hin zum Tod führen kann.

Doch die Schlussfolgerung, Sport sei schädlich, wäre ein gefährlicher Trugschluss, denn regelmäßige körperliche Betätigung sei laut Brune nach wie vor „der beste Schutz vor Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Alzheimer.“ Auch die Gefahr des plötzlichen Herztodes lasse sich durch die richtige sportliche Betätigung minimieren, wie die Deutsche Herzstiftung auf ihrer Homepage empfiehlt. Wichtig sei dabei aber, ein paar Grundregeln zu beachten. So sollte man sich regelmäßig vom Arzt durchchecken lassen (vor allem vor der Ausübung einer Betätigung nach längerer Pause), man sollte übertriebenen Ehrgeiz vermeiden, man sollte sich über familiäre Belastungen im Klaren sein, man sollte auf seinen Körper hören und vor allem sollte man Infekte ordentlich auskurieren, bevor man sich wieder sportlich bestätigt. Neben Unsportlichkeit und Krankheiten zählen Übergewicht, Rauchen und Bluthochdruck zu den wichtigsten Risikofaktoren.

Doch auch wenn man einen Herzstillstand erleidet, ist ein Überleben realistisch – solange einem schnell und richtig geholfen wird. „Am wichtigsten ist es, so schnell wie möglich den Kreislauf durch die Herzmassage wieder in Gang zu bringen und natürlich den Notarzt zu verständigen. Dann kann die Überlebenswahrscheinlichkeit bei 70% liegen“, erklärt Dickhut. Allerdings, so der Sportmediziner weiter, hingen die Chancen für eine erfolgreiche Reanimierung von den Ursachen ab. „Die 70% beziehen sich auf alterstypische Faktoren, nicht auf angeborene Herzdefekte. Bei letzteren sind die Überlebenswahrscheinlichkeiten sehr viel geringer.“

Dr. Peter Rost, Vorsitzender des Bayerischen Sportärzteverbandes im Bezirk Unterfranken, schwört bei der Erstbehandlung vor allem auf sogenannte automatisierte externe Defibrillatoren (AED), die in jedem Vereinsheim zu finden sein sollten und leicht und sicher von jedem bedient werden können. Denn oft, so Rost, werde die Gefahr bei den Amateuren unterschätzt: „Gerade im Breitensport wächst das Risiko mit dem Alter. Jeder Sportler über 35 sollte sich vorher auf seine Sporttauglichkeit untersuchen lassen und ein Belastungs-EKG machen.“ Falls es zu einem Kammerflimmern oder zu einem Kreislaufstillstand kommen sollte, könnten eben jene AEDs lebensrettende Dienste leisten. Durch die Abgabe von Stromstößen kann häufig die regelmäßige Herzaktivität wiederhergestellt werden. Der große Vorteil dabei: „Die Geräte können von jedem Laien bedient werden, man kann gar nichts falsch machen. Die Maschine gibt genaue Anweisungen, was zu tun ist und prüft eigenständig den Herzrhythmus. Nur wenn ein Kammerflimmern vorliegt, kann auch ein Stromstoß abgegeben werden“, so Rost.
Denn egal ob Profi oder Amateur – die schnelle Hilfe kann Leben retten, so wie bei Fußball-Profi Fabrice Muamba, der im März 2012 im Alter von 23 Jahren in England einen plötzlichen Herztod überlebte. Sein belgischer Kollege Anthony Van Loo spielt sogar mit einem eingepflanzten Defibrillator, der ihm nachweislich bereits das Leben gerettet hat. Dem 26-jährigen Mittelfeldspieler Jürgen Gjasula vom MSV Duisburg wurde in diesem Jahr womöglich das Leben gerettet, als sein Mannschaftsarzt eine Herzmuskelentzündung als Folge einer schweren Virus-Infektion diagnostiziert hatte und ihm eine Zwangspause von mindestens drei Monaten verordnete.

So viel Glück hatte Axel Jüptner nicht. Tatsächlich ist es ihm zu verdanken, dass Menschen wie Gjasula heutzutage eine erkennbare Herzerkrankung nicht mehr mit dem Leben bezahlen müssen. Etwa zwölf Monate nach seinem Tod setzte die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV) 1999 eine „Weisung Jüptner“ im Deutschen Fußballbund (DFB) durch: seitdem sind jährliche fachärztliche Untersuchungen mit großem Blutbild, Ruhe- und Belsatungs-EKG und Ultraschall-Kontrolle für alle deutschen Fußball-Profis Pflicht. Ähnliche Verordnungen gelten für alle Kader-Sportler. Genau das war Jüptners ungewollter Beitrag, der die Gesundheitsvorsorge revolutionierte und ihn in die Geschichte eingehen ließ. Auf einen solchen Status hätte er sicherlich gerne verzichtet. Jüptner, so viel ist heute klar, wäre noch am Leben, wenn die heutigen medizinischen Standards schon damals vorgeschrieben gewesen wären. Klar ist allerdings auch, dass in Zukunft erneut Sportler unerwartet am plötzlichen Herztod versterben werden – und genau das verleiht ihm seinen Schrecken.

Wenn Herz das stillsteht

***

Das Fußballstadion als Schlachtfeld

James Dorsey untersucht die Zusammenhänge zwischen Sport und Politik im Nahen Osten
(veröffentlicht am 8. August 2012 in der Main-Post)

Bereits vor dem Spiel der ägyptischen Spitzenmannschaft Al-Ahly Kairo bei Al-Masry in der Hafenstadt Port Said am Mittwochabend des 1. Februars 2012 hatte eine unheilvolle Spannung in der Luft gelegen. Deutlicher und brutaler als je zuvor wurden während der Begegnung die engen Wechselwirkungen zwischen Fußball und Politik in Teilen des arabischen Raums offenbar. Direkt nach dem Schlusspfiff stürmten vermeintliche Fans der Gastgeber das Spielfeld und machten Jagd auf Spieler und den gegnerischen Anhang. Die Sicherheitskräfte schritten nicht ein und sahen tatenlos dabei zu, wie sich die schlimmste mit Fußball assoziierte Katastrophe der ägyptischen Geschichte ereignete. Steine und Feuerwerksraketen flogen, Teile des Stadions standen in Flammen, Menschen liefen panisch um ihr Leben. Am Ende gab es 74 Tote und rund 1000 Verletzte.

Schnell waren die Schuldigen gefunden: Hooligans – gewaltbereite Fußballfans, die es ohne verständlichen Grund auf die anderen Anhänger abgesehen hatten. Doch bald wurden Vermutungen laut, dass die Politik ihre Finger bei dieser Katastrophe im Spiel hatte. „Die Ultras der Fußballvereine stellen in Ägypten die wichtigste oppositionelle Kraft gegenüber dem autokratischen Regime und dem Einfluss des Militärs dar“, erklärt der renommierte, investigative Journalist James Dorsey, der bereits zweimal für den Pulitzer-Preis nominiert wurde. „Sie sind hoch-politisch, gebildet und durch ihre Konflikte mit den Sicherheitskräften kampferfahren. Port Said war der Versuch, den Ultras eine Lehre zu erteilen und den Fußball in Verruf zu bringen. Ein Versuch, der völlig außer Kontrolle geriet.“

Als Nahost-Korrespondent in der Vergangenheit unter anderem für die New York Times beschäftigt, hat Dorsey seinen Schwerpunkt in den letzten Jahren auf politisch und gesellschaftlich relevante Fragen gerichtet, die im Umfeld des Fußballs auftauchen. Seine bisherigen Erkenntnisse zur Rolle der Ultra-Bewegung beim Sturz des ägyptischen Machthabers Husni Mubarak stellte Dorsey kürzlich beim ersten Kolloquium des Instituts für Fankultur der Universität Würzburg vor. Außerdem veröffentlicht der Senior Fellow der Nanyang Technological University Singapur regelmäßig die Ergebnisse seiner Nachforschungen auf seinem Blog mideastsoccer.blogspot.de.

„Man muss verstehen, dass es im Nahen Osten oft nur zwei Ventile für die Menschen gibt, die Emotionen auslösen können: Fußball und Religion. Fußballplätze sind keine Sportstätten, sondern Schlachtfelder.“ Außerdem, so Dorsey weiter, sei die enge Verknüpfung von Sport und Politik historisch bedingt, da es so gut wie keinen Fußballclub gebe, der ohne politischen Hintergrund gegründet wurde. Begonnen habe die ägyptische Revolution, die im Februar 2011 schließlich zum Sturz Mubaraks führte, für manche Beobachter bereits 2007.

Damals ging es nur um die Vormacht im Stadion. Den Machthabern waren die anti-autokratisch eingestellten Ultras ein Dorn im Auge, wodurch es immer häufiger zu Zusammenstößen der Fans mit den Sicherheitskräften kam. Doch die Machthaber scheiterten damit, die Bühne des Sports für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Die Ultras behaupteten nicht nur die Stadien für sich, sondern gingen im Laufe der Zeit immer weiter und setzten sich schließlich das Ziel, das Innenministerium zu besetzen. Die unabhängigen und politisch motivierten Fanclubs gewannen zahlreiche neue Anhänger, die mit der politischen Situation unzufrieden waren.

„Als im Januar 2012 erstmals die Belagerung des Tahrir-Platzes in Kairo anstand, riefen die Fanclubs ihre Anhänger dazu auf, aktiv zu werden“, erklärt Dorsey. „Den größten Teil der Demonstranten stellten Zivilisten dar, die Angst vor den Sicherheitskräften hatten. Es waren hauptsächlich die Ultras, die sich den Angriffen entgegenstellten und die Menschen schützten. Nur so war es möglich, die Breite Masse zu mobilisieren, da die Blockade der Angst vor dem Staat zusammenbrach.“ Ultras seien es auch gewesen, die Straßensperren durchbrochen und nach dem Sturz Mubaraks staatliche Büros durchsucht hatten.

„Auch nach Mubaraks Fall waren es Ultras und Jugendgruppen, die versuchten, den Druck auf die Militärregierung aufrechtzuerhalten, bis diese ihre Befugnisse wieder abgeben würde“, so Dorsey. Es sei kein Zufall gewesen, dass die neue Regierung als eine ihrer ersten Handlungen die ägyptische Fußball-Liga auf Eis legte. „Dadurch wird deutlich, welchen großen Einfluss der Fußball haben kann“, erklärt Dorsey und verweist auf Port Said: „Es deutet vieles darauf hin, dass die Regierung ihre Finger dabei im Spiel hatte, um die Ultras einzuschüchtern.“

Ob man Dorseys These, dass die Ultra-Bewegung eine entscheidende Rolle bei der ägyptischen Revolution spielte, folgen möchte oder nicht, sei dahingestellt. Ein faszinierendes Bild dieser Gruppierungen, die hierzulande ein völlig anderes Image haben, zeichnet er auf jeden Fall. Behielte Dorsey Recht, dann hätten die Ägypter den radikalen Fußballfans den Umsturz des ungeliebten Regimes zu verdanken, der das Land näher an eine demokratische Grundordnung brachte, was Andrew McFadyen auf Dorseys Blog wie folgt formuliert: „Im alten Ägypten wurde Al-Ahly durch den Erfolg zu einer Ikone der Hoffnung. Im neuen Ägypten befinden sich die Helden auf den Rängen – und nicht mehr auf dem Feld.“

***

Gesund durch die Kraft der eigenen Blutplättchen

Die „platelet-rich plasma“-Therapie könnte laut ihren Befürwortern die Rehabilitationsmedizin revolutionieren

(veröffentlicht am 5. Juni 2012 in der Main-Post)

Stöhnend spannt Pele Paelay auf dem Trainingsgerät sitzend sein linkes Bein an, um seinen Unterschenkel gegen die elektromechanisch erzeugten Widerstände in die Streckung zu bringen. Sporttherapeutin Yvonne Müller weicht dem 27-jährigen Basketballprofi dabei nicht von der Seite und beobachtet auf einem kleinen Bildschirm den Verlauf der Übung. Paelay, so könnte man meinen, führt ein ganz normales Rehabilitationsprogramm durch, um wegen eines Knorpelschadens im linken Knie wieder fit zu werden. Doch der in Liberia geborene Sportler, der in den USA aufwuchs und beide Staatsangehörigkeiten besitzt, spielte lediglich in der Saison 2010/11 für die hiesigen s.Oliver Baskets Würzburg. Mittlerweile geht er für Quimper in der zweiten französischen Liga auf Punktejagd. Dennoch hält sich Paelay nun für einen Monat in Würzburg auf – weil er auf die in der Praxisklinik Werneck von Dr. Michael Klug angebotene „platelet-rich plasma“(PRP)-Therapie schwört, die durch ein individuell auf ihn abgestimmtes Muskelaufbautrainingsprogramm bei PREDIA in Würzburg komplettiert wird.

„Meine erste Knieverletzung hatte ich mir in Würzburg in der Saisonvorbereitung 2010/2011 zugezogen. Bei einer Operation wurde mir dann ein Stückchen Knorpel aus meinem rechten Knie entfernt. Zwölf Tage später stand ich wieder auf dem Parkett. Wir wollten unbedingt aufsteigen und ich konnte mir keine Auszeit erlauben. Erst nach den ersten sechs Spielen hatte ich eine Pause bekommen“, erinnert sich Paelay. Zusammen mit einem Mitspieler habe er dann die von Dr. Klug angebotene PRP-Therapie in Anspruch genommen. Seither sei sein rechtes Knie beschwerdefrei.

„Platelet-rich plasma“ bedeutet auf Deutsch soviel wie „mit Thrombozyten angereichertes Plasma“, wobei das Plasma den flüssigen Teil des Blutes darstellt (im Gegensatz zum Serum). Die Thrombozyten, auch als Blutplättchen bekannt, sind vor allem für ihre Bedeutung beim Wundverschluss bekannt. Dass sie jedoch auch innerhalb des Körpers wichtige Wachstumsregulationsmechanismen beeinflussen, ist eher weniger geläufig. „Eigentlich ist auch diese Funktion trivial“, erklärt der Gelenkchirurg Klug den Zusammenhang. „Eine Wunde muss ja nicht nur verschlossen werden, sondern die angrenzenden Zellen müssen zum Wachstum stimuliert werden, um das geschädigte Gewebe zu ersetzen.“

Genau da kommen die Thrombozyten ins Spiel, die voll mit körpereigenen Wachstumsfaktoren sind. Werden diese biochemischen Botenstoffe an entsprechender Stelle freigesetzt, wird der Stoffwechsel der Zelle angeregt – es kommt zur Wundheilung. „Es geht uns mit unserer Therapie darum, die körpereigene Regeneration zu fördern und zu beschleunigen“, so Klug. „Der große Vorteil dieser Methode ist, dass sie weniger invasiv ist. Der Patient muss also nicht operiert werden.“

Besonders erfolgsversprechend sei die PRP-Methode laut Klug u.a. bei Knorpelverletzungen. Während eines arthroskopischen Eingriffs wird die Oberfläche des geschädigten Areals durch sogenannte Mikrofrakturierungen gezielt bis zum Knochenmark angebohrt. Dadurch werden die dort sitzenden Stammzellen freigesetzt. Auf die behandelte Stelle wird dann ein mit Wachstumsfaktoren getränktes Kollagen-Pad angebracht. Die Stammzellen werden durch die Wachstumsfaktoren stimuliert und sorgen dafür, dass der Knorpel regeneriert wird. Nach diesem Eingriff wird wöchentlich insgesamt fünfmal etwa sechs Milliliter des mit Thrombozyten angereicherten Plasmas direkt in die behandelte Stelle gespritzt, um für ausreichend Nachschub an Wachstumsfaktoren zu sorgen. Dafür wird dem Patienten vor der Behandlung Blut entnommen, das zentrifugiert wird, um die Blutbestandteile voneinander zu trennen und um die Wachstumsfaktoren aus den Thrombozyten freizusetzen.

„Ich würde die Erfolgsquote auf 80 – 90 Prozent beziffern“, beschreibt Thomas Frobel, Geschäftsführer bei PREDIA, die Wirkung dieser noch jungen Therapie. „Wenn man z.B. einen Muskelfaserriss betrachtet, dann kann man durch diese Methode die Regenerationszeit von bis zu acht auf unter vier Wochen reduzieren“, so Frobel. „Sehr gute Erfolge erzielen wir auch bei Sehnenentzündungen und Bandverletzungen“ erläutert Klug, der die Therapie seit 2007 in mehr als 6000 Fällen eingesetzt hat. Ähnlich positiv äußert sich Patient Paelay über die Behandlung: „Meine Knie fühlen sich schon fast wie neu an. Jeder, der die Möglichkeit hat, sollte diese Methode in Anspruch nehmen.“

Allerdings ist die PRP-Therapie nicht unumstritten, was für Klug einen ganz einfachen Grund hat: „Viele Mediziner und Krankenkassen haben sich noch nicht intensiv genug mit der Thematik beschäftigt, zumal die mikrobiologischen und molekularen Zusammenhänge für den Laien nur schwer zu verstehen sind“. Das Verfahren war sogar so umstritten, dass die Injektion in die Muskulatur bis zum Januar 2011 auf der Dopingliste der World Anti-Doping Agency (WADA) stand, da man so theoretisch zum einen leistungssteigernde Wachstumshormone verschleiern und zum anderen eine anabole Wirkung erzielen könnte. „Ich bin zuversichtlich, dass sich das Verständnis und damit die Methode an sich durchsetzen wird. Man darf nicht vergessen, dass diese Therapie in anderen medizinischen Bereichen und selbst in Tierkliniken schon seit Jahrzehnten erfolgreich angewendet wird“, so Klug.

Paelay hat während dessen vorerst nur einen Wunsch: „I want to become extra jumpy again“, erklärt der schüchtern wirkende Basketballer. Doch um wieder besonders gut springen zu können, bedarf es eben des täglichen Programms im Fitnessstudio. „Ohne Belastung wäre die Behandlung kaum erfolgreich. Zum einen muss die injizierte Flüssigkeit durch die Bewegung dort hingedrückt werden, wo sie hin soll; zum anderen fördert Bewegung die Regeneration“, erklärt Klug. Noch kann man die PRP-Therapie nicht in allen Bereichen in den Himmel loben, da bisher auf Grund von Bedenken der Ethikkommission noch nicht genügend sogenannte Level 2-Studien durchgeführt wurden. Werden die guten Erfahrungen bisheriger Anwendungen (Basketballstar Kobe Bryant und Golflegende Tiger Woods wird nachgesagt, sie hätten ihre Knieprobleme dadurch in den Griff bekommen) allerdings langfristig bestätigt, dann könnte diese Methode schon bald die Wundheilung und die Rehabilitationsprogramme revolutionieren.

***

Der „Super Bowl XLVI“ – Mehr als nur ein Spiel
Warum das Finale im American Football (nicht nur) die Amerikaner begeistert

(veröffentlicht am 4. Februar 2012 in der Main-Post)

Indianapolis   Fragt man einen durchschnittlichen Amerikaner, welcher Tag im Jahr der wichtigste für ihn ist, dann bekommt man oft als Antwort nicht etwa Weihnachten oder Ostern zu hören, sonder „Super Bowl Sunday“. Das Endspiel der Nordamerikanischen Football-Liga (NFL) elektrisiert im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ die Massen und gilt als inoffizieller Feiertag. Am ersten Sonntag im Februar, an dem auf dem Spielfeld Helden geboren werden, geht es nicht nur um den Sport, sondern vor allem um die aufwendige Show drum herum. Wenn am kommenden Sonntag die New England Patriots auf die New York Giants treffen, dann werden die Amerikaner schließlich wieder das tun, was sie am besten können: sich in einer aufwendig inszenierten Show selbst feiern – stehend mit der Hand auf dem Herzen und den Augen auf der amerikanischen Flagge die Nationalhymne singend, den Düsenjets über dem Stadion nachsehend und den eigenen Lieblingssport als wichtigstes Ereignis weltweit preisend. Dass in der Nacht auf Montag aber auch einige Deutsche die Live-Übertragung auf Sat.1 verfolgen werden beweist, dass das Interesse am „Super Bowl“ auch außerhalb der Vereinigten Staaten zunimmt. Doch was macht dieses Großereignis so besonders?

Das Phänomen der Faszination bei sportlichen Großereignissen ist auch in Deutschland gut bekannt. Viele Menschen, die eigentlich gar nichts mit Fußball am Hut haben, tragen plötzlich schwarz-rot-gold und feuern die deutsche Nationalmannschaft an, wenn diese bei einem großen Turnier antritt. Genauso ist auch nicht jeder Amerikaner, der sich den „Super Bowl“ ansieht, ein eingefleischter Football-Fan. Doch was die Menschen stundenlang an den Fernseher fesselt ist neben dem Sport ein Unterhaltungsprogramm der Superlative, dass der übertragenden Fernsehstation im vergangenen Jahr im Schnitt 111 Millionen Zuschauer einbrachte – ein Marktanteil von knapp 50%.

Einen Höhepunkt stellen die Halbzeit-Auftritte bekannter Musiker im Stadion dar, welche für den einen oder anderen Zuschauer allein Grund genug sind, um einzuschalten. 1993 setzt der „King of Pop“, Michael Jackson, mit seinem Auftritt neue Maßstäbe. 2004 entblößte Sänger Justin Timberlake auf der Bühne die Brust seiner Kollegin Janet Jackson und verursachte damit einen handfesten Skandal, der im prüden Amerika monatelang für Gesprächsstoff sorgte. In diesem Jahr wird u.a. Madonna dafür sorgen, dass der „Super Bowl“ erneut auch jene Zuschauer anziehen wird, die dem Football sonst kaum etwas abgewinnen können.

Dass eine solche Veranstaltung gewinnbringend vermarktet wird, ist selbstverständlich. Die billigste Eintrittskarte für das Turnier kostet satte 2500 Dollar (ca. 1900 Euro) und auch für den Parkplatz vor dem Finalspielort, dem Lucas Oil Stadium in Indianapolis, muss man mehrere Hundert Dollar investieren. Tatsächlich treffen sich viele Amerikaner ohne Eintrittskarte vor dem Stadion und genießen dort mit Grill und Bier den „Super Bowl Sunday“. Firmen, die während der Halbzeitshow ihre Werbung ausstrahlen möchten, werden in diesem Jahr für einen 30-sekündigen Clip 3,5 Millionen Dollar auf den Tisch legen müssen. Wartelisten gibt es trotz dieser exorbitanten Preise trotzdem – es ist eben nicht irgendein Sportereignis, sondern der „Super Bowl“. Das Besondere dabei: da die Werbung bei diesen Preisen gut und unterhaltsam sein muss, schalten viele Amerikaner den Fernseher dafür ein und nicht etwa ab. Zu sehen gibt es dann witzige Clips von amerikanischem Bier, von glutamatübersättigten Knabbereien – und von deutschen Autos.

Benannt wurde die Schüssel (bowl) nach der Form eines Stadions, in dem die Endspiele früher stattfanden. Der Gewinner darf sich schließlich über die „Vince-Lombardi-Trophy“ freuen, die nach der Trainer-Legende der Green Bay Packers benannt wurde und einen goldenen Football darstellt. Jeder Spieler der Siegermannschaft bekommt mindestens 88.000 Dollar als Prämie ausbezahlt. Über Hungerlöhne müssen sich die meisten Spieler so oder so nicht beschweren. Vor allem die Quarterbacks, die man als Spielmacher bezeichnen könnte, verdienen bis zu 20 Millionen Dollar im Jahr. Im Vergleich zu anderen Sportarten fällt aber auf, dass nur wenige Spieler mehr verdienen als die Trainer. Das Gehalt von Tom Coughlin (Giants) und Bill Belichick (Patriots) liegt irgendwo zwischen vier und fünf Millionen Dollar pro Jahr. Ihrer Bedeutung wird ein solches Einkommen gerecht. Schließlich sprechen manche Amerikaner über einen taktischen Schachzug eines Trainers als handele es sich um ein brillantes Manöver eines Feldherrn.

Passend dazu werden auf dem Feld Helden geboren. Besonders der junge Quarterback der Denver Broncos, Tim Tebow, stieg in dieser Saison in der Gunst der Amerikaner auf. Gerade das wohl inszenierte Beten des Missionarssohn auf dem Spielfeld hat es den erzkonservativen US-Bürgern angetan. Gott hatte in diesem Jahr jedoch andere Pläne – Denver scheiterte im Viertelfinale der Play-Offs an New England.

Eli Manning, Quarterback der New York Giants, ist da schon etwas weiter. Bereits 2008 führte er seine Mannschaft zum Sieg gegen den aktuellen Finalgegner aus New England, bei dem mit Sebastian Vollmer ein Deutscher im 53 Mann starken Kader steht. Nichtsdestotrotz steht Eli immer noch im Schatten seines großen Bruders Peyton, der mit den Indiana Colts bereits große Erfolge feiern konnte. Auch das gehört in den USA dazu – persönliche Geschichten und Schicksale, die die Sportler dem Zuschauer näher bringen.

Völlig unabhängig davon, ob die Giants die favorisierten Patriots wie vor vier Jahren erneut überraschend schlagen können (damals 17:14), wird der „Super Bowl“ auch in diesem Jahr wieder die amerikanischen Massen elektrisieren. Schließlich wird der Gewinner des wichtigsten Sportereignisses der Vereinigten Staaten in einem einzigen Spiel ermittelt. Für manche Amerikaner, die man fragt, ist Football weit mehr als nur ein Sport: „Es ist die Quintessenz einer maskulinen Sportart. Es ist voll mit Dynamit, vollmundigen Ankündigungen, kontrollierter Aggression und komplexen taktischen und strategischen Abläufen und Manövern. Nur wer den absoluten Siegeswillen hat, wird triumphieren. Football ist eine Religion. Es ist, als kondensiere man Weihnachten, Ostern, Jom Kippur und Ramadan in einen einzigen Tag, in ein einziges Spiel.“

***

Ein Bisschen Bundesliga in Versbach 

Giovane Elber zu Gast beim Nachwuchsturnier

(veröffentlicht am 9. Juli 2011 in der Main-Post)

Es ist warm im beschaulichen Versbach. Ein Mann brasilianischer Abstammung steht an einem Stehtisch und schreibt pausenlos Autogramme. Schweiß steht ihm auf der Stirn. Dankend nimmt er eine Flasche Wasser entgegen und schwingt weiterhin fleißig den Filzstift. „Giovane – Wie alt bist du?“ „Giovane – Gegen welche Länder hast du gespielt?“ „Giovane – Kann ich deine Sonnenbrille haben?“ Nein, der Giovane ist nicht etwa genervt vom Schwall der Fragen und vom nicht endenden Andrang der Kinder. Lächelnd geht er auf seine kleinen Fans ein, posiert für Fotos und unterschreibt auch noch die womöglich tausendste Autogrammkarte des Tages.

Nach Versbach bringt den ehemaligen Stürmer des FC Bayern seine Funktion als Pate des U11-Turniers des WVV, welches heuer zum 21. Mal ausgetragen wurde und laut Oliver Lemoal mittlerweile so angesagt ist, dass der Wettstreit sogar über mehrere Tage verteilt werden musste. 80% seines Sponsorings, so Lemoal, stecke der WVV in den Sport. Eine Investition, welche auch der Pate und Ehrengast der Veranstaltung gut heißt.

„Es ist sehr wichtig, dass die Kinder Sport machen. Heutzutage wird viel zu viel Zeit am Computer verbracht. Egal wer gewinnt, die Kinder sollen Spaß haben“, so Elber. Beruflich als Scout des FC Bayern in Südamerika tätig, kennt der sympathische Brasilianer den Vergleich zu seiner Heimat ganz genau: „In Deutschland hat man viele Möglichkeiten, wenn man es nicht zum Fußballprofi schafft. In Brasilien versuchen sehr viele junge Menschen, alles für eine Fußballkarriere zu investieren, um der Armut zu entkommen. Oft scheitern sie am Ende jedoch und stehen dann vor dem Nichts.“

Es ist schwer, ein Interview zu führen. Ein Junge mit verschwitztem Gesicht will auch noch seine zwanzigste unterschriebene Autogrammkarte haben. Auf dem Schulhof wird er sich damit möglicherweise eine goldene Nase verdienen. Elber lacht: „Verschwinde! Dein Vogel brauch nicht auch noch ein Autogramm!“ Es ist genau diese Lockerheit, die man in Deutschland manchmal vermisst. „Den Brasilianern wird diese Lebensart mit in die Wiege gelegt“, erklärt der ehemalige Nationalstürmer der Seleção. „Trotzdem lernen die Brasilianer in der Bundesliga sehr schnell, worauf es im Profigeschäft ankommt.“

Er selbst pflegt nach wie vor sehr gute Kontakte zu seinen ehemaligen Teamkollegen, vor allem zu Fredi Bobic vom VfB Stuttgart, welcher „nicht nur ein Mitspieler war, sondern auch ein wahrer Freund ist.“ Als Trainer hatte während seiner erfolgreichen Zeit beim FC Bayern Ottmar Hitzfeld einen wichtigen Einfluss auf Elber gehabt. „Hitzfeld war Vaterfigur, Psychologe und harter Hund in einer Person. Er hatte einfach alles, was ein guter Trainer haben muss“, so Elber.

„Giovane – Was heißt Samba-Fußball? Tanzt du dann auf dem Spielfeld?“ Ein weiterer kleiner Fußballer unterbricht das Gespräch. Giovane klärt auf: „Samba macht dich beweglich. Das ist gut für den Fußball.“ Ob ein deutscher Samba allerdings ähnliche Fortschritte mit sich bringen könnte, bleibt zu bezweifeln. Elber gibt zu, dass dieser ganze Rummel mit endlosen Fanmassen auch schon mal anstrengend werden konnte: „Deshalb war es immer wichtig, im Urlaub nach Brasilien fliegen zu können, um dort zu entspannen.“

Die Fußballweltmeisterschaft der Frauen verfolgt der Bundesliga-Torschützenkönig des Jahres 2003 im Übrigen sehr genau: „Die Frauen spielen einen großartigen Fußball. Ich bin mir sicher, dass z.B. eine Marta in der 2. Bundesliga der Männer spielen könnte.“

Fußball gespielt wurde in Versbach natürlich auch noch. Nachdem es die U11-Kicker des Würzburger FV und des ETSV Würzburg ins Finale geschafft hatten, setzten sich letztendlich die kleinen Rasenkönige von der Mainaustraße durch.

Gewinner waren am Ende alle, die ein Autogramm von Giovane Elber auf Karten, Trikots oder Fußballschuhen ergattern konnten. Nur die Personen im Hintergrund standen mal wieder nicht im Rampenlicht. Jutta Horbelt zum Beispiel, welche als Jugendleiterin des SB Versbach zum Organisationsteam gehörte, wartete lange etwas schüchtern und zurückhaltend auf ihr Souvenir: „In den letzten 10 Tagen hat sich alles um dieses Turnier gedreht. Hoffentlich bekommen wir jetzt noch unsere Autogramme.“ Ja, sie bekamen ihre Autogramme – und ein Foto ihres Sohnes mit dem freundlichen Mann, den man sonst nur im Fernsehen zu sehen bekommt, obendrein.

***

Der Traum vom sauberen Wettkampf

Doping im Leistungssport und der Fall der Claudia Pechstein

(nicht veröffentlicht, geschrieben im Dezember 2011)

Bereits seit Jahrzehnten sorgt das Thema Doping im Leistungssport für negative Schlagzeilen. Allerdings erschließt sich dem Laien dabei selten, welche Mittel bzw. Methoden eingesetzt werden, was genau dadurch bewirkt wird und warum die Anti-Dopingorganisationen oft hilf- bzw. wirkungslos erscheinen. Einen Sonderfall, dem in den Medien viel Beachtung geschenkt wurde, stellt dabei die Causa Pechstein dar. Die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, die zu den erfolgreichsten Olympioniken Deutschlands zählt, wurde auf Grund ihrer ungewöhnlichen Blutwerte (erhöhte Retikulozytenkonzentrationen) ab dem 01. Juli 2009 von der „International Skating Union“ (ISU) des Dopings bezichtigt und für zwei Jahre gesperrt. Pechsteins Aussage zu Folge scheinen medizinische Untersuchungen mittlerweile ihre Unschuld zu beweisen: unabhängige Experten sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die ungewöhnlichen Blutwerte der gebürtigen Berlinerin wahrscheinlich durch eine genetische Anomalie bedingt sind. Wie ist das möglich? Was sind Retikulozyten überhaupt? Welche Dopingmethoden sind theoretisch verfügbar? Was sind die Risiken? Wie werden die als Dopingmittel missbrauchten Substanzen in der Medizin, für die sie in der Regel entwickelt werden, angewendet? – Ein Überblick.

Was ist Doping?

Gemäß des Codes der Nationalen Anti-Doping-Agentur Deutschlands (NADA) wird Doping als Verstoß gegen die Artikel 2.1 bis 2.8 der Anti-Dopingbestimmungen definiert. Prinzipiell geht es dabei um die Einnahme bzw. Anwendung von unerlaubten Mitteln oder Methoden, die die Leistungsfähigkeit eines Sportlers auf illegalem Wege steigert. Welche Substanzen oder Techniken verboten sind entscheidet der jeweilige Verband, unter dem der Wettkampf ausgetragen wird.

Höhentraining

Prinzip: Das Höhentraining, also das Ausüben von Sport weit über dem Meeresspiegel, hat nichts mit illegalem Doping zu tun. Das Verständnis des Wirkungsprinzips ist jedoch wichtig, um bestimmte Grundsätze des Dopings zu verstehen. Jede menschliche Zelle benötigt Sauerstoff, um seine Aufgaben erfüllen zu können. Da bei körperlicher Belastung der Energiebedarf in den Muskelzellen rapide ansteigt, ist ein effektiver Sauerstofftransport essenziell, um gute sportliche Leistungen abzuliefern. Transportiert wird das wertvolle Gas, indem es an das Hämoglobin (dem Blutfarbstoff) der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) bindet und anschließend von den Lungenvenen aus über den Kreislauf im Körper verteilt wird. Ohne ausreichend Sauerstoff stellt sich der Stoffwechsel im Muskel um und Milchsäure (Laktat) wird gebildet – der Muskel „versauert“ und kann so auf Dauer nicht effektiv funktionieren. Die Anzahl der Erythrozyten können jedoch durch Ausdauersport erhöht werden, so dass die Muskeln besser „belüftet“ werden können, wodurch wiederum die Leistungsfähigkeit steigt. Beim Höhentraining macht man sich den Effekt zu Nutze, dass die Effektivität der Sauerstoffaufnahme mit der Höhe abnimmt. In der Wissenschaft begründet man dies mit einer Abnahme des Partialdrucks sowie einer sinkenden Konzentration des Gases. Um trotzdem ausreichend Sauerstoff aufnehmen zu können, reagiert der Körper mit einer Erhöhung der Erythrozytenzahl auf die veränderten Bedingungen. Nach einem Trainingslager in den Alpen kann ein Sportler anschließend also mehr leisten als nach einer vergleichbaren Vorbereitung im Flachland.

Medizinische Anwendung: Vielen Krankheiten wird ein positiverer Heilungsverlauf in höheren Lagen nachgesagt, wie z.B. Diabetis, Herzinsuffizienz, Lungenerkrankungen, Schalfstörungen, u.a. Außerdem vermutet man einen positiven Effekt auf die Gewichtsreduktion.

Risiken: Die Gefahr der Überlastung des eigenen Körpers steigt auf Grund des geringeren Sauerstoffangebots. Außerdem kann es zu Kreislaufproblemen kommen, wenn das Blutvolumen zu stark zunimmt oder wenn das Blut durch die Bildung von Blutzellen zu dickflüssig wird. Aus dem gleichen Grund steigt das Thromboserisiko.

Blutdoping

Prinzip: Auch wenn man es bisher noch nicht beweisen kann, so gehört Blutdoping mit großer Wahrscheinlichkeit zu den üblichen Methoden im Spitzensport, obwohl es gemäß §4.3.1.1. auf der Verbotsliste der „World Anti-Doping Agency“ (WADA) steht. Das Prinzip des Blutdopings besteht darin, einem Sportler Blut abzunehmen und dieses kurz vor dem Wettkampf dem teilnehmenden Athleten einzuleiten. Theoretisch kann man sich das Blut eines anderen Sportlers besorgen, der besonders vorteilhafte Erythrozytenzahlen aufweist, wobei man natürlich genau wie bei einer Blutspende auch auf die Verträglichkeit achten muss. Diese Methode des Fremdblutdopings kann unter Umständen nachgewiesen werden. Die Oberfläche der Zellen eines Menschen, also auch der Erythrozyten, ist individuell einzigartig. Findet man bei einer Probe also zwei verschiedene Arten von roten Blutkörperchen, dann deutet dies auf eine Fremdblutspende hin. Nicht nachweisen kann man bisher hingegen Eigenblutspenden. Lässt sich ein Sportler am Ende eines Höhentrainingslagers Blut abnehmen und führt dieses seinem Kreislauf kurz vor einem Wettkampf wieder zu, profitiert er von den höheren Erythrozytenkonzentrationen. Es ist sogar möglich, eine Blutkonserve zu zentrifugieren, wobei die roten Blutkörperchen angereichert und von anderen Blutbestandteilen getrennt werden. Der Sportler nutzt dann dieses Konzentrat, um seine Werte zu optimieren. Das Eigenblutdoping kam tatsächlich erstmals groß in die Schlagzeilen, als leere Blutkonserven, die die Namen von Radsport-Profis trugen, im Müll eines Sportarztes gefunden wurden. Seitdem hat die Sensitivität für dieses Thema zugenommen.

Medizinische Anwendung: An sich geht man bei einer Blutinfusion nach Unfällen genauso vor. Bei geplanten Operationen kommt es sogar zu Eigenblutspenden wenige Wochen vor dem Eingriff.

Risiken: Gefahr von Infektionen, metabolischen Schocks, Allergien oder der Überlastung des Herz-Kreislaufsystems.

EPO

Wirkungsweise: Erythropoetin, besser bekannt unter der Abkürzung EPO, ist ein natürliches Hormon, dass die Bildung von roten Blutkörperchen beeinflusst und in jedem Menschen vorkommt. Es kann synthetisch hergestellt werden und wurde schon bald nach seiner Entdeckung als Dopingmittel im Leistungssport missbraucht. Durch seine stimulierende Wirkung führt EPO zu erhöhten Erythrozytenzahlen, wodurch vor allem Ausdauerleistungen verbessert werden können. Der Nachweis des künstlichen Hormons ist dabei alles andere als einfach, da es sich von der natürlichen Form kaum unterscheidet.

Medizinische Anwendung: Bei Patienten, die unter einem Blutmangel (Anämie) leiden bedingt durch Krankheit (z.B. Nierenschäden) oder durch Chemotherapie.

Risiken: Durch einen Anstieg des Hämatokritwertes (der Anzahl fester Blutbestandteile wie z.B. Erythrozyten) verdickt das Blut, wodurch das Herz zusätzlich belastet wird. Außerdem steigt die Gefahr der Verklumpung des Blutes (Thrombosen).

Anabolika

Wirkungsweise: Anabolika, wie z.B. Nandrolon, sind vor allem aus dem Kraftsport bekannt. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Steroide, die dem männlichen Sexualhormon Testosteron ähneln und die die Proteinsynthese (Eiweißherstellung) stimulieren. Dadurch wird das Wachstum bzw. die Regeneration der Muskulatur, die zum größten Teil aus Proteinen besteht, gefördert. Unter bestimmten Bedingungen können die Abbauprodukte der überschüssigen Steroide im Urin oder im Blut nachgewiesen werden.

Medizinische Anwendung: Selten verwendet bei Hormonstörungen, körperlicher Schwäche (im Alter) oder bei Wachstumsstörungen.

Risiken: Anabolika können das Risiko für Arteriosklerose („Arterienverkalkung“) und Herzinfarkte sowie Herz- und Leberschäden erhöhen. Bei Männern kann der übermäßige Einsatz Testosteron-ähnlicher Steroide – so gegensätzlich dies auch klingt – zu einer Verweiblichung (z.B. Wachstum einer weiblichen Brust) und schließlich zur Impotenz führen, da Testosteron bei zu hohen Konzentrationen in das weibliche Geschlechtshormon Östrogen umgewandelt wird. Bei Frauen geschieht genau das Gegenteil: Wachstum des Barts, eine tiefer werdende Stimme durch Veränderungen im Kehlkopfbereich, Zurückbildung der weiblichen Brust und andere Merkmale können die Vermännlichung sichtbar machen.

Stimulanzien

Wirkungsweise: Stimulanzien, zu denen u.a. Amphetamine, Kokain, Ephedrin aber auch Koffein gehören, wirken ähnlich den natürlichen Hormonen Adrenalin und Noradrenalin auf das zentrale Nervensystem und erhöhen die motorische Aktivität. Insgesamt kann der Sportler so „mehr aus seinem Körper rausholen“, da er Müdigkeits- oder Erschöpfungssymptome weniger oder gar nicht spürt.

Medizinische Anwendung: Ephedrin wird oft in Erkältungsmitteln eingesetzt. Selten werden Stimulanzien als Appetitzügler eingesetzt. Auch bei der Behandlung von Asthma und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) finden sie eine Anwendung.

Risiken: Die offensichtliche Gefahr liegt dabei darin, dass sich ein Sportler über seine natürlichen Grenzen hinaus belastet, die letzten Reserven aufbraucht, schließlich zusammenbricht und im schlimmsten Fall an den Folgen der Erschöpfung, z.B. an einem Herzinfarkt, verstirbt. Desweiteren kann es zu Psychosen oder Halluzinationen kommen.

Narkotika

Wirkungsweise: Morphinhaltige Narkotika, wie z.B. Methadon oder Heroin, haben eine entspannende Wirkung, die sich sowohl auf den Geist als auch auf die Muskulatur auswirkt. Die Anwendung solcher Mittel kann also dann von Vorteil sein, wenn man wie z.B. beim Golf oder beim Sportschießen Ruhe und Konzentration benötigt. Außerdem haben Narkotika eine betäubende und schmerzunterdrückende Wirkung.

Medizinische Anwendung: Hauptsächlich als Schmerzmittel.

Risiken: Neben akuten kurzfristigen Nebenwirkungen bis hin zu Lähmungen birgt die Anwendung von Narkotika vor allem die Gefahr einer dauerhaften Abhängigkeit.

Diuretika

Wirkungsweise: Diuretika steigern im Gegensatz zu den anderen vorgestellten Substanzen die Leistungsfähigkeit nicht. Sie führen vor allem zu einem Wasserverlust und werden im Sport angewendet, um die Muskeln durch eine Entwässerung des Körpers zu betonen (Bodybuilding) oder um bestimmte Grenzwerte für Gewichtsklassen nicht zu überschreiten (Kampfsport). Auch ohne Dopingmittel ist bei Sportarten, bei denen man Gewichtsgrenzen einhalten muss, bekannt, dass das Gewicht (und damit die Kraft) beim Wettkampf deutlich höher ist als beim vorherigen Wiegen. Diuretika werden auch eingesetzt, um den Nachweis anderer Dopingmittel zu erschweren.

Medizinische Anwendung: Abbau von Wasseransammlungen im Gewebe und Senkung des Blutdrucks.

Risiken: Die Nachteile eines starken Wasserverlustes können Krämpfe, Herzrhythmusstörungen und andere Symptome einer Dehydrierung sein.

Gendoping

Wirkungsweise: Die Gene eines Menschen stellen das Erbgut dar, dass von Eltern auf ihre Kinder weitergegeben wird und das die Einzigartigkeit jedes Lebewesens begründet. Die Information, die unser Körper braucht um zu wachsen und um zu funktionieren, liegt in ihnen vor. Wie stark jedoch von der Information eines Gens Gebrauch gemacht wird (wie stark das Gen exprimiert wird) hängt von verschiedenen Faktoren ab. Beim Gendoping geht es darum, die Preisgabe der codierten Information gemäß den eigenen Wünschen zu beeinflussen. Man stelle sich z.B. ein Gen vor, dass zur Bildung eines Hormons (Botenstoffs) beiträgt, dass das Muskelwachstum stimuliert. Würde dieses Gen öfter abgelesen und so größere Mengen des gewünschten Hormons gebildet werden, dann würde dies ein gesteigertes Wachstum der Muskulatur zur Folge haben. Beim Gendoping wird also versucht, leistungssteigernde Effekte zu erreichen, in dem die Expression bestimmter Gene manipuliert werden soll durch die Beeinflussung des bestehenden Erbguts durch Chemikalien (Gendoping im weiteren Sinne) oder durch das Einschleusen zusätzlicher Gene (Gendoping im engeren Sinne). Medizinisch gesehen galt die sogenannte Gentherapie schon vor vielen Jahren als hoffnungsvolle Methode, um genetisch bedingte Krankheiten zu behandeln. Der erhoffte Erfolg hat sich bisher noch nicht eingestellt und viele Experten warnen immer noch vor den möglicherweise unabsehbaren Konsequenzen dieser Behandlung.

Medizinische Anwendung: Behandlung genetischer Defekte.

Risiken: Bisher kaum vorauszusehen. Im schlimmsten Fall könnte das unkontrollierte Wachstum von Zellen (Krebs) initiiert werden.

Sportler vs. Anti-Doping-Organisation

Rund um die „Chemie“ hinter dem Sport hat sich in den letzten Jahrzehnten leider ein florierendes Geschäft entwickelt. Dabei versuchen nicht nur die Profis, sondern auch viele Amateure die Effizienz ihres Trainings mit unerlaubten Mitteln zu erhöhen. Leider bringen auch regelmäßige Dopingkontrollen nicht immer den gewünschten Erfolg, da viele Methoden nur schwer nachzuweisen sind und im Zweifelsfall gemäß rechtsstaatlichen Prinzipien für den Angeklagten entschieden werden sollte. Manche Experten sprechen sich daher sogar für die Freigabe aller Dopingmittel aus. Grundsätzlich haben alle Anti-Doping-Bemühungen ein Problem: viele betrugswillige Sportler greifen auf die neuesten Erkenntnis der Forschung zurück. Ein Verfahren, um diesen Betrug dann nachzuweisen, muss anschließend erst entwickelt werden. Es vergehen daher Monate oder sogar Jahre, bis eine neue unerlaubte Methode nachgewiesen werden kann. Selbst wenn der Nachweis schließlich gelingt, ist vielleicht schon das nächste Mittel auf dem Markt oder es wurden Wege gefunden, um die nachweisbaren Spuren im Urin oder im Blut zu verdecken. Im Moment sieht es leider so aus, als ob die Anti-Doping-Bemühungen in diesem „Wettrüsten“ nie die Oberhand gewinnen werden.

Der Fall Pechstein

Für viel Aufsehen sorgte in den letzten Jahren neben Radsportler Jan Ullrich vor allem der Prozess um Claudia Pechstein. Die zweijährige Sperre der Eisschnellläuferin durch die ISU ab dem 1. Juli 2009 wurde (ohne zusätzliche Beweise) mit zu hohen Retikulozytenkonzentrationen begründet. Das Blut eines Menschen wird zum größten Teil im Knochenmark produziert – deshalb benötigen Leukämiepatienten Knochenmarkspenden, da sie selbst nicht genug Erythrozyten herstellen können. Aus Stammzellen gehen je nach Bedarf verschiedene Bestandteile des Bluts hervor. Dies geschieht jedoch nicht direkt, sondern über viele Zwischenstufen. Die Zwischenstufe zwischen Stammzellen und Erythrozyten nennt man Retikulozyten – es handelt sich bei ihnen also um Vorläufer der roten Blutkörperchen. Am 6. Februar 2009 wurde bei Pechstein während der Weltmeisterschaft im norwegischen Hamar eine Retikulozytenkonzentration gemessen, die sich weit oberhalb der als natürlich angesehenen Grenzwerte befand. Die ISU schloss eine schlüssige Erklärung für diese Werte aus und klagte Pechstein wegen Dopings an. Ihr wurde zur Last gelegt, dass vorherige Messungen deutlich niedrigere Werte hervorgebracht hätten und ein so starker Anstieg an Retikulozyten auf natürlichem Wege nicht zu erklären sei. Tatsächlich zeigen die Blutbilder Pechsteins, die sie auf ihrer eigenen Homepage zur Verfügung stellt, große Unregelmäßigkeiten. Genau das versucht die gebürtige Berlinerin aber zu ihren Gunsten zu nutzen. Sie zitiert den Labormediziner Prof. Dr. Lothar Thomas mit den Worten: „Da bei Frau Pechstein ein Membrandefekt der roten Blutzellen vorliegt, sind schwankende Werte zu erwarten in Abhängigkeit mit welchem Hämatologieanalysator (Sysmex oder Advia) gemessen wird und wie die Empfindlichkeitsschwelle des einzelnen Gerätes eingestellt ist.“

Pechstein verweist darauf, dass auch schon vor der WM in Hamar einzelne Messungen eine Überschreitung der Grenzwerte ergaben. Außerdem stieß ihr sauer auf, dass man ihr gar nicht sagen konnte, wie sie angeblich gedopt haben soll, aber das die hohen Werte an sich keine andere Erklärung zulassen würden. Pechstein beharrt darauf, dass eine genetische Anomalie die Ursache für die gemessenen Unregelmäßigkeiten sei. Zu ihren Gunsten könnte man auf vergleichbare Parameter verweisen, die ebenfalls genetisch festgesetzt sind. Manche Menschen haben von Natur aus weniger Thrombozyten (Blutplättchen) als andere, manche produzieren auf natürlichem Wege mehr EPO, wieder andere neigen erblich bedingt zur Fettleibigkeit und schließlich gibt es Menschen, die sehr viel schneller Muskeln aufbauen als der Durchschnittssportler. Durch genetische Defekte kann es also theoretisch dazu kommen, dass als normal angesehene Grenzwerte überschritten werden, ohne das man betrogen hat. Ob Pechstein nun mit ihrer Schadensersatzklage Erfolg haben wird oder nicht ist mehr als fraglich. Genauso fraglich ist es, ob ihre Schuld bzw. Unschlud jemals zweifelsfrei bewiesen werden kann. Für sie persönlich geht es in jedem Fall noch um eine ganze Menge. Die olympischen Winterspiele in Vancouver 2010 hatte sie auf Grund ihrer Sperre verpasst und obwohl sie mittlerweile wieder an Wettkämpfen teilnehmen darf, wird sie bei den nächsten Spielen im russischen Sotchi wegen einer Sonderregelung nur startberechtigt sein, wenn sie das Internationale Olympische Komitee (IOC) von ihrer Unschuld überzeugen kann. An ein Ende ihrer Karriere denkt die 39-jährige bisher jedenfalls noch nicht.

Vielleicht fiel Pechstein dem Kampf gegen das Doping medienwirksam und unberechtigt zum Opfer. Man sollte von diesem Fall ausgehen, da das Gegenteil bedeuten würde, dass die hauptberufliche Polizistin im Moment mit ihrem Ringen um Schadensersatz ein Schauspiel ablieferte, dass an Heuchelei und Verlogenheit nicht zu überbieten wäre.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s