Die Geschichte des Fußballs – Vom Rauffest zum Sport-Kommerz


Manche hassen ihn, viele lieben ihn – und einige können sich ein Leben ohne ihn gar nicht vorstellen. Der Fußball elektrisiert nicht nur in Deutschland die Massen, sondern ist auch in den meisten anderen Teilen der Welt zu einem gesellschaftlich-soziologischem Phänomen geworden. Kaum zu glauben, dass diese Sportart aus kriegsähnlichen Wettkämpfen entstand, die äußerst brutal waren und sogar Todesopfer forderten.

Es ist kein Zufall, dass ein durchschnittlicher Deutscher mit Bastian Schweinsteiger, Marco Reus oder Lukas Podolski mehr anfangen kann als mit Peter Altmaier, Clemens Brentano oder Franz Liszt. Sicher, Politiker oder verstorbene Schriftsteller bzw. Musiker stehen selten so unterhaltsam im Mittelpunkt wie die allseits bekannten Fußballer. Ein solcher Vergleich sagt jedoch viel über ein Volk und seine Vorlieben aus. Nein, es ist natürlich keine Schande sich mit Fußball zu beschäftigen. Es geht dabei nämlich nicht nur um ein Hobby, sondern um ein soziokulturelles Phänomen, das im Laufe von Jahrhunderten fast die gesamte Welt in seinen Bann gezogen hat.

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Die Bewegungskultur, also das Ausüben körperlicher Anstrengungen ohne überlebenswichtige Notwendigkeit, ist wahrscheinlich so alt wie der moderne Mensch selbst. Schon die Freier Penelopes, die in Odysseus Abwesenheit um die schöne Witwe warben, vertrieben sich mit Scheibenschießen, Speerwerfen und anderen Spielen die Zeit. Laut Plutarch wurden in Sparta auch die Frauen in die körperliche Ausbildung (Laufen, Ringen, Diskus- und Speerwerfen) mit einbezogen, damit die Zeugung der Kinder in kräftigen Körpern erfolgte. Während in Sparta die körperliche Ertüchtigung als Mittel zur Wehrtüchtigkeit angesehen wurde, ging es den Athenern darum, dass ein körperlich schöner, athletischer Mann moralisch gut und geistig rege sei.

Wo und wann genau die ersten Ursprünge des Fußballs zu finden sind, kann nicht eindeutig beantwortet werden. Der britische Sportsoziologe Eric Dunning geht davon aus, dass sich dem Fußball ähnliche Spielformen mehrfach unabhängig voneinander entwickelten, da sich Anzeichen bei Chinesen, Japanern, Griechen, Römern, Italienern, Engländern, Franzosen und Kelten finden lassen – teilweise weit vor der Geburt Christi. Die Funktion des Spiels scheint jedoch immer ähnlich gewesen zu sein: Es war ein gewaltsames und unterhaltsames Mittel, Konflikte zwischen konkurrierenden Gruppen auszutragen.

Mehr ist über die Formen des sogenannten Volksfußballs, wie er im Mittelalter vor allem in England an diversen Orten und in unterschiedlichen Variationen praktiziert wurde, bekannt. Im Gegensatz zur heutigen Form gab es damals aber kaum Regeln, keine Schiedsrichter und nicht einmal ein abgegrenztes Spielfeld. Shrovetide Football, eine seit dem 12. Jahrhundert praktizierte traditionelle Form des Fußballs, die zur Karnevalszeit alljährlich im englischen Ashbourne gespielt wird, stellt ein typisches Beispiel dar: „Es treten zwei Stadteile gegeneinander an, wobei es keine Begrenzung der Teilnehmerzahl gibt. Das Ziel ist es heutzutage, den in der Stadt freigegeben Ball, der meist getragen wird, zum eigenen Mahlstein am Fluss zu bringen, wohingegen früher der gegnerische Mahlstein das Ziel war. Die Entfernung zwischen beiden Endpunkten beträgt ungefähr drei Meilen“, erklärt Dr. Ansgar Molzberger vom Institut für Sportgeschichte der Deutschen Sporthochschule Köln.

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Der Wettkampf, der jeweils von Mittags bis Abends über zwei Tage ausgetragen wird, ist überaus unübersichtlich. Egal ob durch Flüsse oder Büsche, über Straßen oder durch Gassen – der Haufen an Teilnehmern, der sich um den Ball balgt und dabei äußerst gewalttätig vorgeht, ist durch keinerlei Eingrenzungen beschränkt. Dunning beschreibt sogar Versionen des Volksfußballs, bei denen Reiter eingesetzt wurden, um den Ball schneller voranzutreiben. In Ashbourne findet man übrigens auch den Ursprung des heute so oft angewandten Begriffs des Derbys, wie Molzberger erklärt: „Der Ort liegt im Bezirk Derbyshire – und da eben die zwei Ortsteile gegeneinander antreten, liegt dort der Ursprung des Begriffs Derby.“

Es scheint offensichtlich zu sein, dass solche Wettkämpfe zur Rivalität zwischen zwei Gruppen beitrugen, wobei man laut Molzberger Ursache und Wirkung nicht verwechseln darf: „Man sollte die Rolle des Sports meiner Meinung nach nicht überschätzen. Die Rivalitäten haben oft historische Wurzeln, z.B. auf welcher Seite die Dörfer bei einer Schlacht jeweils standen. Der Wettkampf ist dann eher die Bühne für den Konflikt, aber nicht die Ursache.“ Wie brutal diese Duelle tatsächlich waren, kann man einer zeitgenössischen Schilderung entnehmen: „[Sie kehren heim] wie nach einer regelrechten Feldschlacht, mit blutigen Köpfen, gebrochenen Knochen und verrenkten Gliedmaßen und Prellungen, die geeignet sind, ihr Leben zu verkürzen. Dennoch ist alles nur ein Spiel und weder ein Anwalt noch ein Vertreter der Krone wurde jeweils deswegen angerufen.“ (nach Carew, 1602)

Das Gewaltpotential und die berauschende Wirkung der Wettkämpfe führte schließlich dazu, dass sowohl in England als auch in Frankreich bereits im 14. Jahrhundert Gesetze erlassen wurden, die die Ausübung des Volksfußballs unter Strafe stellten, da es zum einen dadurch immer wieder zu Unruhen und Tumulten gekommen war und weil man zum anderen befürchtete, dass die Ausbildung der Soldaten beeinträchtigt würde.

Im italienischen Florenz findet sich ebenfalls eine noch heute praktizierte, traditionelle Form des Fußballs: der Calcio storico. „Im Turnierverlauf, dessen Finale am 24. Juni bestritten wird, treten die vier Stadtteile gegeneinander an. Gespielt wird mit jeweils 27 Spielern auf einem etwa 170×80 Meter großem Feld. Der Untergrund ist Sand, Regeln gibt es sehr wenige“, erklärt Molzberger. Im Jahre 1930 wurde das Spiel, das durchaus an Gladiatoren-Wettkämpfe erinnert und auf die Medici zur Zeit der Renaissance zurückgeht, reorganisiert. Das Ziel ist es, den Ball während des Spiels (bei dem es übrigens keine Unterbrechungen oder Auswechslungen gibt) so oft wie möglich im Netz in der gegnerischen Endzone zu platzieren. Hauptsächlich spielen sich auf dem Feld aber Zweikämpfe fern vom Ball ab, die zahlreiche Verletzte fordern – ein Anblick, der an den US-amerikanischen Science-Fiction-Film Rollerball von 1975 erinnert. Dennoch, am Calcio teilzunehmen ist eine große Ehre – für die die Sportler eventuelle Verletzungen gerne in Kauf nehmen.

Der für die meisten von uns heutzutage selbstverständliche Breitensport, dem wir in unserer Freizeit nachgehen, ist übrigens erst vor eher kurzer Zeit entstanden – aus ganz trivialen Gründen, wie Molzberger erklärt: „Damals hatten die meisten Menschen nicht die Zeit oder Energie, um sich sportlich zu betätigen, weil sie ganz einfach ununterbrochen arbeiten mussten. Erst durch die Sozialgesetzgebungen, die im 19. Jahrhundert die Arbeitsbedingungen verbesserten, wurde so etwas wie Freizeit geschaffen.“ Es verwundert daher auch nicht, dass die Entwicklung des Sports, wie wir ihn heute kennen, auf die reicheren Bevölkerungsschichten zurückgeht.

Der Ursprung des modernen Fußballs ist wahrscheinlich an den englischen, kostenpflichtigen Privatschulen zu finden. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es dort zu einer Reihe von Festlegungen, die für die Entwicklung des Sports richtungsweisend waren: Die Regeln wurden niedergeschrieben, das Spielfeld wurde begrenzt, die Spielzeit wurde genauer limitiert, die Teilnehmerzahl wurde reduziert und bei beiden Mannschaften gleichgesetzt und der Einsatz körperlicher Kraft wurde strenger reglementiert. Es ist wahrscheinlich, dass sich Fußball und Rugby zeitgleich entwickelten. Zum endgültigen Bruch zwischen den Sportarten kam es, da man sich nicht darauf einigen konnte, in welchem Ausmaß der Einsatz der Hände erlaubt werden sollte.

1863 wurde schließlich die Football Association (FA) gegründet, acht Jahre später die Rugby Football Union (RFU). Zur gleichen Zeit bildeten sich bereits die ersten unabhängigen Fußballvereine. Die Torgrößen wurden festgelegt und Schiedsrichter, das Abseits und Strafstöße eingeführt. Der Sport expandierte rasant – erst in England und anschließend u.a. durch die Kolonien Großbritanniens in der ganzen Welt. Die Anzahl von nationalen Fußballverbänden stieg weltweit zwischen 1904 und 1994 von sieben auf 190.

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Der erste deutsche Fußballklub wurde schließlich 1878 in Hannover gegründet. In Deutschland setzte sich dieser Ballsport zunächst aber nur schwer durch. Grund dafür war die Sonderstellung des Turnens. Diese deutsche Eigenart der Leibesübungen und der Körperkultur geht auf die französische Fremdherrschaft unter Napoleon Bonaparte von 1806 bis 1813 zurück, die den Wunsch nach nationaler Unabhängigkeit und Einheit stärkte. „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn sah in der Turnbewegung den Schlüssel zur deutsch-nationalen Erziehung, die ein Gleichmaß an Leib und Seele erfordere. Schnell wurde seine Auffassung Teil des deutschen Ausbildungssystems. Da der Fußball keine solchen erzieherischen Absichten hegte, wurde er bis zum ersten Weltkrieg kritisch betrachtet.

Dass jedoch auch der Fußball zur Disziplinierung der Bürger und späteren Soldaten herangezogen wurde, zeigt sich noch heute in seinem teils militärischem Vokabular: Bombe, Angriff, Verteidigung, Zweikampf, Schlachtenbummler, Schuss, etc. Seinen endgültigen Durchbruch schaffte der Fußball in Deutschland spätestens 1954, als der Sieg bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz dem arg gebeutelten Volk neue Hoffnung gab. 1963 wurde schließlich die Bundesliga gegründet – und trat seitdem einen ungeahnten Siegeszug an. Die Umsätze der Vereine stiegen genauso wie die Zuschauerzahlen, die Spieler wurden zum Profi-Sportler und letztendlich zum Multimillionär.

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Die Kommerzialisierung des Fußballs schritt so weit voran, dass sich mittlerweile sogar Wiederstand erhebt gegen das, was aus dem Sport geworden ist. „Es ist aber paradox, wenn sich die Anhänger über eine Kommerzialisierung beschweren, die sie mit ihrem Konsum erst ermöglichen“, gibt Molzberger zu bedenken. Auf nationaler Ebene sieht der Dozent für Sportgeschichte aber keine Konkurrenz aufkommen: „Kurzfristig wird sich an der Vormachtstellung des Fußballs nicht viel ändern. Dieser Sport fasziniert einfach die Massen durch seine einmalige Dramaturgie“ – und durch seine Schlichtheit, möchte man hinzufügen, da man Fußball so gut wie immer und überall mit simplen Mitteln spielen kann.

Das die bedeutende Funktion des Fußballs, den man frei nach Karl Marx auch als Opium für das Volk bezeichnen könnte, aber auch seine Schattenseiten hat, scheint unvermeidlich. Doping, Korruption, Wettbetrug und politische Einflussnahme sind nur einige Probleme, die in diesem Zusammenhang auftauchen. „Viele Politiker sind immer bemüht darauf zu verweisen, dass es keine Verbindung zwischen Sport und Politik gibt. Das ist natürlich Unsinn, da sportliche Großereignisse auch immer große Bühnen sind“, so Molzberger. So gilt es als volksnah, sich bei einem Fußballspiel sehen zu lassen und nicht selten inszenieren sich Politiker oder Staatschefs bei Sportveranstaltungen selbst. Laut Thomas Kistners Buch „FIFA-Mafia“ müsste es außerdem jedem aufrichtigen Fan die Tränen in die Augen treiben, wenn er wüsste, wie viel Kriminalität in seinem Lieblingssport steckt.

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In welche Richtung der Fußball sich zukünftig entwickeln wird, kann man freilich nur erahnen, auch wenn momentan nichts darauf hindeutet, dass er grundsätzlich an Bedeutung verlieren wird. Klar ist jedoch, dass es sich tatsächlich um mehr handelt als nur ein Spiel. Es geht um Soziologie, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft – alles gebündelt um ein grünes Rechteck herum. Den ein oder anderen mag es beruhigen, dass Fußball auch bei seiner Entstehung bereits mehr als nur ein simpler Wettkampf war. Man kann ihn hassen, man kann ihn lieben; man kann ihn verfluchen, man kann ihn verehren. Man kann von der Jagd nach dem runden Leder, das einst eine gefüllte Schweinsblase war, halten, was man möchte. Eines kann man mit Sicherheit aber nicht: Man kann dem Fußball nicht seine soziokulturelle Bedeutung, die er ohne Zweifel in vielen Ländern hat, absprechen.

Sportlicher Erfolg zwischen Himmel und Erde


Sternzeichen beeinflussen die Startaufstellung, Magier verhexen die Spieler und Verteidiger küssen ihren Torhüter: Abergläubische Rituale sind im Spitzensport allgegenwärtig. Was kaum jemand weiß: Ihr Erfolg kann tatsächlich rational bewertet werden. 

Laurent Blanc and Fabian Barthez

Quelle: http://soccerreviews.com/news/the-pep-talk-pre-game-rituals/

Wenn ein Eishockey-Torwart mit seinen Pfosten spricht,

wenn ein Fußballspieler auf einem Bein hüpfend das Spielfeld betritt, wenn ein Tennisspieler peinlich genau darauf achtet, beim Betreten bzw. Verlassen des Feldes nicht auf die Linien zu treten – dann bemühen die Athleten die Kräfte zwischen Himmel und Erde, für die es keine vernünftige Erklärung zu geben scheint. Doch die Anwendung abergläubischer Rituale im Sport ist mehr als nur Hokuspokus und kann sich rational betrachtet tatsächlich positiv auf das Leistungsvermögen der Sportler auswirken.

Der amerikanisch-britische Journalist und Autor Christopher Hitchens

sagte in mehreren seiner Debatten zum Thema Glaube an höhere Mächte sinngemäß: Der Mensch ist ein Tier, das immer Muster und Erklärungen finden möchte – eine gute Eigenschaft von uns. Dieses Bedürfnis geht jedoch so weit, dass der Mensch lieber an irrationale oder unsinnige Erklärungen glaubt, als gar keine Antwort zu haben – eine schlechte Eigenschaft von uns. Was sich auf alle Bereiche des Alltags anwenden lässt, trifft gerade auf den Sport zu. Es gibt immer Komponenten und Faktoren, die der Mensch nicht beeinflussen kann – und weil dieser Gedanke ihm nicht gefällt, sucht er nach einem Weg, um nicht vom Zufall abhängig sein zu müssen. Im Falle eines Sportlers äußert sich das vor allem im Befolgen einer regelmäßigen Routine.

Der deutsche Nationalspieler Miroslav Klose

legt beispielsweise sehr viel Wert darauf, den linken Stutzen vor dem rechten und den linken Schuh vor dem rechten anzuziehen. Sein Landsmann Mario Gomez benutzt angeblich immer nur das am weitesten links platzierte Urinal in der Umkleidekabine. Der damalige Kapitän der französischen Nationalmannschaft, Laurant Blanc, küsste während ihrer gemeinsamen Nationalmannschaftskarriere vor den Spielen den gut rasierten Schädel seines Torhüters Fabien Barthez. Der ehemalige englische Nationalstürmer Gary Lineker schoss vor Spielbeginn nie auf das Tor da er meinte, dass er seine erfolgreichen Torschüsse sonst aufbrauchen könnte. Raymond Domenech, seinerzeit Trainer der französischen Fußballnationalmannschaft, gab zu, bei seinen Aufstellungen auf die Sternzeichen seiner Spieler geachtet zu haben. So wollte er z.B. nicht mehrere Skorpione auf dem Platz haben, da diese sich seiner Meinung nach nicht miteinander vertragen hätten. Joachim Löw, Trainer der deutschen Nationalmannschaft, zog bei der Weltmeisterschaft 2010 schließlich bei jedem Spiel den gleichen (ungewaschenen) blauen Pullover an.

Was also hat das linke Urinal mit der Torgefährlichkeit von Marion Gomez zu tun?

Haben Sternzeichen tatsächlich einen Einfluss auf die Harmonie innerhalb einer Mannschaft? Gewann Frankreich 1998 die Weltmeisterschaft, weil Laurant Blanc seinen Torwart küsste? Mit der Psychologie hinter solchen Verhaltensweisen hat sich Prof. George Gmelch von der University of San Francisco in seinem Aufsatz „Baseball Magic“ beschäftigt: „Routinen beruhigen. Sie bringen Ordnung in eine Welt, in der Spieler kaum Kontrolle ausüben können. Manchmal führen praktische Elemente dieser Routinen dann zu nützlichen Leistungen – wie z.B. die Verbesserung der Konzentration des Spielers.“ Es geht also nicht um die Beschwörung übersinnlicher Kräfte, sondern um das Fokussieren des Athleten auf seine Aufgabe. „Was viele Sportler tun, geht aber weit über bloße Gewohnheiten hinaus. Ihre Taten werden zu dem, was Anthropologen als Rituale bezeichnen – vorherbestimmte Verhaltensweisen, bei denen es keinen empirischen Zusammenhang zwischen den Mitteln und dem gewünschten Resultat gibt“, führt Gmelch aus. Das linke Urinal verbessert die Chancen auf ein Tor objektiv also genauso wenig wie ein Regentanz die Chancen auf Regen.

Quelle: http://www.mymilez.com/trobriand-islands-papua-new-guinea/

Der Anthropologe Gmelch geht sogar so weit,

dass Verhalten der Sportler beispielhaft mit dem Fischfang auf den Trobriand-Inseln nahe Papua-Neuguinea zu vergleichen. Fahren die Trobriander zum Fischen auf hohe See, dann wenden sie abergläubische Rituale an, die denen der Sportler verblüffend ähnlich sind. Fischen sie hingegen innerhalb der Lagune, in der Glück bei der Jagd eine geringere Rolle spielt, dann kommt auch Aberglaube kaum zum Einsatz. Das Prinzip ist das gleiche: Wenn der Mensch etwas nicht selbst in der Hand hat, versucht er, sein Schicksal dennoch zu beeinflussen.

Noch deutlicher ist die Verbindung zwischen Anthropologie und Sport in Afrika,

wie Dr. Daniel Künzler von der Universität Freiburg (Schweiz) zu berichten weiß. In seinem Buch „Fußball in Afrika“ spricht er üben den großen Einfluss, den Hexenmeister nach wie vor auf dem schwarzen Kontinent haben. Als sich beispielsweise Benin 2004 erstmals für die Afrikameisterschaft qualifiziert hatte, wurde dies nicht etwas als bemerkenswerte sportliche Leistung, sondern als Überlegenheit der beninschen Magie ausgelegt. Nach wie vor ist es in Afrika nicht unüblich, dass Spieler verhext oder verflucht werden, dass magische Gegenstände im Stadion das sportliche Geschehen beeinflussen sollen und dass ganze Mannschaften verwünscht werden. Vor der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika war der Rasen im Stadion in Poklawane gar arg ramponiert. Der Grund: Die Magier der sonst dort spielenden Ligamannschaften hatten den Platz vor den Partien regelmäßig mit Salz  besprengt, um dem Team zum Sieg zu verhelfen. Das Paradoxe daran sei, so Künzler, dass ein Scheitern in der Regel nicht als Argument gegen die Magie interpretiert wird – sondern als Argument dafür, dass es noch mehr Zauber bedürfe.

Voodoo

Quelle: http://www.postnewsline.com/2008/02/voodoo-priest-s.html

Ähnlich ist es auch bei den hiesigen Fans:

Viele von ihnen glauben, dass ein bestimmtes Kleidungsstück oder eine bestimmte Verhaltensweise am Spieltag dem eigenen Team Glück bringt. Oft wird dabei – bewusst oder unbewusst – übersehen, wie oft das Ritual keinen Erfolg brachte. Genau deshalb spricht man von Glauben und nicht von Tatsachen: Es geht nicht um etwas Rationales, sondern um dass, was man als „psychologischen Placebo“ beschreiben könnte, der auch aus der Medizin – z.B. bei der Homöopathie – bekannt ist. Zumindest solange das Spiel noch nicht verloren ist, fühlt sich ein Fan eben besser, wenn er genau das macht, was er beim letzten Sieg auch getan hat.

Würde man einem Mario Gomez nun den Zutritt zum linken Urinal verwehren,

dann könnte es durchaus sein, dass er anschließend tatsächlich schlecht spielt. Die mentale Belastung einer Heute-kann-es-ja-überhaupt-nicht-laufen-Einstellung kann genau zu der befürchteten schlechten Leistung führen, was man als self-fulfilling prophecy oder – auf Deutsch – als selbsterfüllende Prophezeiung bezeichnet. Wer sich einredet, dass er keine Topleistung abliefern kann, der wird auch genau das tun – und seine Vorhersage bestätigen.

Genau den gleichen Effekt wie Rituale oder ein Talisman

hat übrigens auch das Beten mancher Spieler vor der Partie. Es wäre vermessen zu glauben, dass Gott bei all dem Leid auf der Welt gerade einem Spitzensportler, der Millionen verdient, dabei helfen würde, mehr Tore zu schießen. Nein, das Gebet hilft dem Spieler dabei, sich zu konzentrieren und erfüllt so seinen Zweck. Der Italiener Giovanni Trapattoni, ehemaliger Trainer des FC Bayern München, lies es sich manchmal nicht nehmen, den Rasen mit geheiligtem Wasser zu beträufeln. Ob es seinen Spielern half, ist nicht bekannt. Ihn wird es zumindest beruhigt haben.

Quelle: http://naqib-ihsan.blogspot.de/2011/01/islam-in-france.html

Evolutionsbiologisch macht ein solches Verhalten übrigens durchaus Sinn,

denn es stellt eine der wichtigsten Grundlagen des Lernens dar. Wenn eine bestimmte Handlung zu einem wünschenswerten Ergebnis führte, dann ist derjenige im Vorteil, der den Zusammenhang erkennt und die Handlung deshalb wiederholt. Im Grunde handelt es sich dabei um nichts anderes als das, was man in der Biologie als Konditionierung bezeichnet. Nur kann manchmal weder der Mensch noch das Tier unterscheiden, welches Verhalten tatsächlich mit dem Resultat verbunden ist und wo lediglich der Zufall im Spiel war. Für den Sportler spielt das aber auch keine Rolle: Wenn er davon überzeugt ist, dass ihm das Einhalten von Ritualen zu besseren Leistungen verhilft, dann wird es durch die sogenannte Selbstwirksamkeitserwartung wohl auch so kommen.

Eines ist bei jeder Form des Aberglaubens gewiss:

Unter seinem Banner kann wirklich jedes Verhalten als nützlich verkauft werden. Ein sehr unappetitliches Beispiel stellte der ehemalige argentinische Nationaltorwart Sergio Goycochea dar. Er war nämlich davon überzeugt, dass er bei einem Elfmeterschießen mehr Erfolg haben würde, wenn er – verdeckt von seinen Mitspielern – vorher auf den Rasen urinieren würde. Erfolgreich war er damit tatsächlich manchmal. Es ist wahrscheinlich, dass seine guten Reflexe eher dafür verantwortlich waren als der gedüngte Rasen – doch das Besondere am Glauben ist eben, dass man ihn sich immer so zurechtlegen kann, wie man ihn gerade braucht. Abergläubische Rituale wird es daher auch zukünftig geben – zur Freude findiger Geschäftsleute, die sich mit dem Verkauf von „geheiligtem“ Wasser, Glücksbringern und Utensilien, die kein Mensch braucht, eine goldene Nase verdienen.

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Quelle: http://www.thedistractionnetwork.com/kissing-the-chicken/

Der kleine Neger vom FC Hinterwald


Als Reporter im Bereich Lokalsport macht man eine ganze Menge Erfahrungen. Manche sind witzig, einige nervend, viele lehrreich – und einige wenige auch ganz einfach ärgerlich. Ärgerlich z.B. dann, wenn man unverblümt veranschaulicht bekommt, dass Deutschland – und Bayern im Speziellen – noch immer voll von xenophobischen Rassisten ist. Da gibt es Fälle, in denen Schiedsrichter auf Grund ihrer Hautfarbe beleidigt werden oder bei denen ein Zuschauer im Bezug auf einen dunkelhäutigen Torwart ruft: „Hau dem Neger endlich eins rein!“ Überhaupt ist bis zu den hiesigen Stammtischen noch nicht durchgesickert, dass Stigmatisierungen, wie sie das Wort „Neger“ darstellen, zum Glück durch große Teile der Gesellschaft als rassistisch eingestuft und aus dem Alltag entfernt wurden. Doch die Gruppe der ewig Gestrigen ist nach wie vor groß – und gefährlich, weil sie das Fundament für gewisse Straftaten und Ungerechtigkeiten darstellt. Im Fall des erwähnten Torhüters wurde argumentiert, dass es sich um einen älteren Zuschauer handelte, für den das Wort „Neger“ früher eben kein Schimpfwort war. Er wüsste es einfach nicht besser. Davon abgesehen wollte man sich auch nicht in die eigene Sprache reinreden lassen und jede einst normale Formulierung kriminalisiert sehen.

Quelle: http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/notizbuch/protest-rassismus-100~_v-image512_-6a0b0d9618fb94fd9ee05a84a1099a13ec9d3321.jpg?version=686e7

Nein, ich bin in vielen Fällen auch nicht dafür, z.B. alte Kinderbücher umzuschreiben, um sie „politisch korrekter“ zu machen. Sie dienen als Blick in die Geschichte, der zum differenzierten Reflektieren einlädt. Das Argument, dass bestimmte Bezeichnungen noch heute im Alltag verwendet werden sollten, weil sie früher respektierte Wahrheit waren, ist jedoch nicht mehr wert als das imaginäre Papier, auf dem es geschrieben steht. Es gibt auch heute noch Menschen, die damit aufgewachsen sind, dass es völlig in Ordnung war, gegen Juden zu hetzen, Homosexuelle offen anzufeinden und Frauen im Interesse des Mannes zu versklaven. Gesellschaften ändern sich – in vielen (wenn auch nicht allen) Fällen zum Guten, was den Gleichberechtigungsgedanken angeht. Ein „Neger“ oder „Zwerg“ war früher ein beliebtes Ausstellungsstück im Zirkus. Sollte das als Berechtigung dienen, auch heute noch so mit dunkelhäutigen oder kleinwüchsigen Menschen umzugehen?

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So traute ich also vor wenigen Wochen meinen Ohren nicht, als ich als Vertreter der hiesigen Tageszeitung Informationen zu einem unterklassigen Fußballspiel telefonisch einholte. Um mir mögliche Anfeindungen zu ersparen (denn die Lobby der nicht-bekennenden Rassisten ist in Bayern nach wie vor groß), werde ich auf tatsächliche Namen verzichten. Sagen wir also, der FC Hinterwald war zu Gast beim SV Vorgestern, mit dessen Trainer ich sprach. Als er mir ein paar Informationen durchgab, kam er schließlich auf einen Konter zu sprechen, der das Spiel entschied. Da er den Namen des Spielers des FC, der das Tor erzielte, nicht wusste, beschrieb er ihn wie folgt: „Das war der kleine Neger von Hinterwald.“ Hätte mich diese Aussage nicht so überrascht, hätte ich dem Trainer des SVV vielleicht noch am Telefon gesagt, was ich von solchen Bezeichnungen halte, doch ich dachte in dem Moment eigentlich nur, dass ich mich verhört haben musste. Aber nein, verhört hatte ich mich nicht, denn – wie bereits ausgeführt – das Wort „Neger“ gehört eben nach wie vor noch zum üblichen Sprachgebrauch. Auch das Bewusstsein, mit einem Pressevertreter zu sprechen, der das Gesagte abdrucken lassen könnte, ließ den Mann am anderen Ende der Telefonleitung nicht weiter über seine Formulierung nachdenken. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Begründungen, wenn sich tatsächlich jemand nach dem Gebrauch solcher Wörter selbst korrigiert: „Ach nein, das darf man ja gar nicht mehr sagen. Sagen wir also Dunkelhäutiger.“ Die Meinung geht also dahin, das Wort nicht etwa nicht mehr zu benutzen, weil es falsch oder unangemessen ist, sondern weil es verboten oder geächtet ist. Ist stehlen also nur falsch, weil man dafür rechtlich belangt werden kann? Diese Art der Rechtfertigung erinnert schon stark an die religiöse Argumentation, dass die Menschen ohne den allwissenden Aufpasser – Gott – mehr Schlechtes tun würden, weil sie weniger Bestrafungen zu befürchten hätten. Man vergewaltigt als religiöser Mensch also keine Frau, weil Gott einen dafür bestrafen könnte – und nicht, weil es auch ohne ultimative Bestrafung ganz einfach falsch wäre?

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Wohlgemerkt möchte ich an dieser Stelle keine unangebrachten Verbindungen zwischen Lokalsport und Religion herstellen, aber unsere Gesellschaft ist eben auch ein Spiegelbild unserer Geschichte. Die Xenophobie, also die Angst vor oder die Ablehnung gegenüber allem, was anders oder fremd ist, ist ein gewachsenes Phänomen, das sich eben auch aus einer Religion speist, die behauptet, die einzige Wahrheit zu repräsentieren. Hernach muss alles, was anders ist, schlecht sein. Als Sportler drückt man jedoch ein Auge zu, solange der „Neger“ in der eigenen Mannschaft spielt. Läuft er jedoch für den Gegner auf – ist also nicht direkt Teil der eigenen Gruppe –, dann ist er das, was er in unserer Gesellschaft oft ist: geduldet, ohne dabei ein Recht auf Gleichbehandlung zu genießen. In den Reihen des FC Hinterwald spielt übrigens noch ein anderer, etwas größerer „Neger“, der noch viel mehr Tore schießt. Ob er es schafft, in der Gunst der Zuschauer irgendwann zum „Schwarzen“ aufzusteigen?

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Unflattering moments in sports photography


It is kind of mean to look at those pictures that I took as a sports photographer and smile since every single one of us might have unflattering moments when doing sports. However, I think that some of those pictures are worth sharing. Not all of them are sharp and I would have deleted them if it wasn’t for that comical moment…

Von Schwimmern und anderen Idioten


Eins vorweg:

Die Überschrift dieses Artikels mag ein wenig irreführend sein. Ich gehe gerne schwimmen und würde diese sanfte, aber doch ausdauernde Sportart jedem empfehlen. Da man im Becken aber in der Regel nicht allein ist sondern sich dieses mit anderen Wassersportlern teilen muss, unter denen sich eben auch Idioten finden können, ist dieses Hobby nicht immer so entspannend, wie es sein könnte. Genauso könnte man sich über rücksichtslose Autofahrer aufregen, ohne das Fahren an sich zu verurteilen.

Ich selbst gehöre zu den Neueinsteigern.

Das darf man wörtlich nehmen. Zwar kann ich mich schon seit vielen Jahren recht problemlos über Wasser halten, so richtig wohl habe ich mich jedoch nie im meist kalten Nass gefühlt. Außerdem – und diese Info ist immer wieder für ein wenig Spott gut – gehöre ich zu einer sehr kleinen Minderheit, die nicht von sich behaupten kann, das Seepferdchen bestanden zu haben. Damals, in der dritten Klasse, konnte der kleine dicke Stephan eben noch nicht schwimmen (oder zumindest nicht ohne Schwimmflügel). Tauchen konnte ich erst recht nicht (der Hintern wollte einfach nicht unter die Wasseroberfläche – ein wahrscheinlich recht erbärmlicher Anblick…) – und vom Einmeterbrett zu springen war erst recht nicht drin.

Doch da mich das Seepferdchen

auf der Badehose als Statussymbol genauso wenig interessiert wie der Doktor auf dem Personalausweis habe ich mich nie daran gestört. Genauso ist der Fahrradführerschein, den ich ebenfalls als einer von wenigen in der Grundschule nicht bekommen habe, eine völlig überbewerte Methode, kleine dicke Kinder mit schlechtem Gleichgewichtssinn zu stigmatisieren. Irgendwann mit Mitte zwanzig brauchte ich schließlich keine schriftliche Bestätigung von meinen Eltern mehr, alleine ins Wasser gehen zu dürfen. Letztendlich habe ich mich nun dazu entschieden, seit Dezember freiwillig regelmäßig schwimmen zu gehen, da ich meiner einstigen Liebe Fußball weniger Beachtung schenken aber trotzdem noch regelmäßig Sport treiben möchte.

Recht schnell wurde ich

mit fundamentalen Vor- und Nachteilen vertraut: Schwimmen ist langweilig, verdammt langweilig! In einem 25-Meter-Becken vierzig bis achtzig Mal hin und her zu schwimmen setzt genauso viel psychische wie physische Stärke voraus. An so viel Mist kann man gar nicht denken, um eine Stunde interessant hinter sich zu bringen. Zwangsläufig schaut man sich an, was die anderen Leute im Wasser so treiben – und kommt sich dabei eigentlich mächtig blöd vor. Dennoch, die Vorteile sind es wert. Das Schwimmen ist ein Sport, der tatsächlich den ganzen Körper trainiert – und das schonend. Weder Gelenke noch Bänder werden belastet, dafür aber jede Menge Muskeln trainiert und gestärkt. Meine Rückenschmerzen, die sich anschickten, chronisch zu werden, sind verschwunden, seit ich schwimme. Genauso habe ich mit weniger muskulären Problemen zu kämpfen, die auf den Fußball zurückgehen. Ganz nebenbei ist ein gewisser Effekt auch sichtbar: Wer viel schwimmt, verbrennt eine ganze Menge Kalorien – und baut Muskeln auf.

So weit, so gut,

aber was hat es nun mit diesen Idioten auf sich? Also, ich bin ein gemütlicher Brustschwimmer, den nicht die Schnelligkeit, sondern die Ausdauer interessiert. Ich versuche rücksichtsvoll und niemandem im Weg zu sein. Manchmal ist das aber gar nicht so einfach, wenn das Schwimmbecken deutlich überfüllt ist. Wären alle Schwimmer rücksichtsvoll, gäbe es keine Probleme, aber sie sind es nun einmal nicht.

Da gibt es die Gruppe von Schwimmern,

die hastig durchs Wasser krault und davon ausgeht, dass ihnen jeder aus dem Weg geht. Zwar haben sie genauso viel Eintritt bezahlt wie alle anderen Gäste auch, aber schließlich schwimmen sie schneller – und sie haben eine Schwimmbrille auf, mit der nicht nur jeder Träger automatisch unfreundlicher aussieht, sondern die unbewusst auch für Professionalität stehen soll. Ob sie andere, gemütliche Schwimmer bespritzen oder mit ihrem Arm- oder Beinschlag bedrängen, interessiert sie wenig. Schwimmen sie auf einen zu, weichen nicht sie aus, sondern setzen voraus, dass der andere es tut. Treffen zwei von ihnen aufeinander, kann es zu handfesten Streitereien kommen. Auch Frauen fallen in diese Gruppe, meistens handelt es sich aber um territoriale Männchen.

Eine andere Gruppe,

die ebenfalls rücksichtslos, wenn auch auf eine ganz andere Art, ist, sind Pärchenschwimmer. In der Regel handelt es sich hierbei um zwei Frauen, die unabhängig davon, wie schnell sie schwimmen und wie voll das Becken ist darauf bestehen, gemütlich mit großzügigem Abstand nebeneinanderherzuschwimmen und dabei zu plauschen. Schwimmt man auf sie zu, machen sie höchstens murrend Platz, möchte man sie von hinten überholen, muss man das in einem weiten Bogen tun. Bei dieser Variante fällt natürlich der Nachteil, dass man nicht weiß, an was man beim Schwimmen eine Stunde lang denken soll, weg.

Dann gibt es da noch die Beckenrandblockierer.

Eigentlich ist es ja selbstverständlich, dass man bis zum Beckenrand schwimmt, bevor man umdreht. Manche Gäste blockieren aber genau diesen und stehen dort ewig rum, nur um alle fünf Minuten mal zwei Bahnen zu schwimmen. Vielleicht sind sie auch einfach nur neugierige Beobachter der anderen Wassersportler.

Da gibt es auch noch die Verspielten.

Eigentlich ist es ja kein Problem, wenn Eltern mit ihren Kindern oder Kinder untereinander im Becken spielen, aber wenn es nun einmal – so wie in dem Schwimmbad, das ich bevorzuge – eine Trennung zwischen Spaßbad und Schwimmbecken gibt, dann ist es schon ein wenig störend, wenn die Verspielten ins Schwimmbecken kommen, nur weil dies vielleicht etwas billiger ist.

Im Endeffekt

haben natürlich alle das gleiche Recht, im Schwimmbecken genau das zu machen, was sie machen wollen. Wie so oft in unserer Gesellschaft wäre uns aber allen geholfen, wenn wir uns ein wenig mehr in Rücksicht üben würden. Ansonsten könnten Männer Ende zwanzig ohne Seepferdchen vergrault werden.

Fußball – eine Abrechnung


Es gibt Phasen in einer Beziehung,

in denen man zu Zweifeln beginnt. Passen wir wirklich noch zueinander? Oder haben wir uns nicht schon längst auseinadergelebt? Doch selbst wenn man sich eingesteht, dass es zusammen eigentlich nicht mehr weitergeht, fällt die Trennung so  unglaublich schwer. Gab es nicht auch gute Zeiten? Sollte man denn alles, was man zusammen er- und durchlebt hat, einfach aufgeben? So beginnt der lange Weg einer Trennung oft damit, dass man die Augen verschließt und sich einredet, dass alles bestimmt doch irgendwie weitergehen wird. Man versucht sich selbst davon zu überzeugen, dass man im Falle des Auseinandergehens viel verlieren würde und verwechselt dabei geliebte Gewohnheiten mit tasächlicher Liebe. Auch ich habe diese Phasen durchschritten und erst jetzt, nach 20 Jahren, begriffen, dass eine Trennung das beste wäre und es an der Zeit ist, einen Schlussstrich zu ziehen.

Eine Beziehung,

so viel muss angemerkt werden, haben wir in unserem Leben nicht nur mit anderen Menschen, sondern auch mit Gegenständen, Gewohnheiten und Freizeitbeschäftigungen. Die Beziehung, die ich meine, bezieht sich auf einen Sport, der mich genauso wie Millionen von anderen Deutschen seit frühster Kindheit vereinnahmt hat. Schon im zarten Alter von sieben Jahren begann ich damit, Fußball zu spielen. Klar, was auch sonst? Ich wuchs in einem Dorf in Sachsen-Anhalt auf. Eine Wahl, welchen Sport man ausüben möchte, gab es nicht. Ich spielte oft und viel (in der Jugend oft pro Wochenende in zwei verschiedenen Altersklassen) – nicht aber, weil ich so gut war, sondern weil wir eben immer knapp dran waren was die Anzahl an Spielern betraf. So entwickelte ich mich im Laufe der Zeit von einem völlig unbegabten zu einem mäßig unbegabten Amateur-Fußballer, von denen es in der Bundesrepublik Tausende gibt. Nie habe ich Titel gewonnen oder Aufstiege gefeiert, nie bekam ich persönliche Auszeichnungen und nie kam ich über die Rolle des Lückenfüllers hinaus. Doch das spielte keine große Rolle. In einer guten Beziehung zählt nämlich nicht nur das nehmen, sondern auch das geben.

Quelle: http://www.socialfail.de/wp-content/uploads/tdomf/22228/22228_fussballsaison.jpg

Profitiert habe ich vom Fußball dennoch;

nicht nur, weil er mich zu einer regelmäßigen körperlichen Betätigung verführte, sondern vor allem auch durch die vielen gemütlichen und erfreulichen sozialen Kontakte und Ereignisse, die damit in Verbindung standen. Fußball verbindet – zumindest so lange man in der selben Mannschaft spielt. Was hat man nicht alles für diese unwichtigen Amateurspiele gegeben? An Wochenenden, an denen man als Student zu Besuch bei den Eltern war, fuhr man am Sonntagmorgen extra früh los, um auch ja rechtzeitig zum Spiel da zu sein. Die Freundin hatte mit ähnlichen Einschränkungen zu kämpfen. Am Sonntag wird Fußball gespielt, egal wo man kurz vorher noch ist. Das musste auch sie akzeptieren. Hinzu kam für mich persönlich, dass ich schon mit 24 Jahren den Posten des Abteilungsleiters übernahm. Eine Verantwortung, die mich reifen ließ – und am Ende doch zu meiner Verbitterung beitrug.

Im Ehrenamt,

so viel weiß ich jetzt, braucht man eine ganz starke persönliche Motivation. Auf den Dank von oder die Zusammenarbeit mit Anderen darf man sich nicht verlassen, denn die Mehrzahl der Menschen bevorzugen es, keine Arbeiten innerhalb einer Gruppe zu übernehmen, auch wenn sie selbst Teil dieser Gruppe sind. Klar, beim Feiern und Trinken waren sie alle da – dass, metaphorisch gesprochen, danach auch immer wieder jemand sauber machen musste, interessierte sie nicht. Meine Zeit als Abteilungsleiter war ein Mikrokosmos voll von charakterlosen und verwöhnten Muttersöhnchen, bei denen man sich manchmal fragte, wie sie eigentlich nach dem Studium ihr Leben alleine auf die Beine stellen können.

Ja, das Trinken –

ein ganz wichtiger Teil unseres Volkssports. Schon immer wurde ich schräg angesehen, wenn ich nach dem Sport kein Bier, sondern eine Apfelschorle trank. Wie schnell man zum Spießer wird, wenn man es den Hobby-Alkoholikern nicht gleich tut… Alkohol ist auch in vielen anderen Bereichen unserer Gesellschaft ein Problem, aber beim Fußball wird er ganz besonders toleriert. Wenn man als Fan im Stadion Stimmung machen möchte, dann gehören eben vier, fünf Bier dazu. Nach dem Training oder nach dem Spiel kann man auch schon mal im Vereinsheim versacken, was mich bei manchen Kollegen mit Partnerin wundern ließ, wie erfüllt ihre Beziehung eigentlich ist, wenn sie es regelmäßig darauf anlegten, so viel wie möglich Zeit weit von ihrer besseren Hälfte entfernt verbringen zu können. Dass der Alkohol natürlich auch etwas mit der Gewaltproblematik zu tun hat, steht außer Frage. Aber he, sollte ich denn etwa den Leuten den Spaß vermiesen, die sich mit ihren Freunden beim Fußball ordentlich besaufen, um sich danach bei ihren Randalen auszutoben? Man sollte mich nicht falsch verstehen: auch ich war und bin ab und zu betrunken – auch bei meinem Verein. Trotzdem würde ich nie jemand dumm anmachen nach dem Motto: „Trink jetzt, sonst bist du keiner von uns!“

Quelle: http://bilder.rofl.to/pic/vollgekotzter-schalke-fan

Stimmt, denn das Trinken

ist ja auch besonders wichtig, um seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Der Fußball wird noch immer als Bühne für eine perfekte Männlichkeit mißbraucht und falsch interpretiert und ist daher (im Männerbereich) nicht nur grundlegend homophob, sondern außerdem ein Spielplatz für allerlei Macho-Gehabe und Kraftspielchen. Den Schiedsrichter ordentlich anzupöbeln oder seinen Gegenspieler richtig zur Sau zu machen gehört doch einfach dazu, oder nicht? Wenn das nicht reicht, dann muss man seinen gegenüber eben mal ordentlich umtreten. Falls dieser sich beschwert, kann man ja immer noch darauf verweisen, dass Fußball ein „Männersport“ sei und eben nichts für Weicheier. Komisch nur, dass diese wahren Männer so laut quieken, wenn in der Dusche das Wasser plötzlich kalt wird…

Besonders angewidert

hat mich auch immer die Einstellung, dass der beste Weg, einen talentierten Spieler bei der gegnerischen Mannschaft unter Kontrolle zu bringen sein sollte, ihn einfach umzuhauen oder gar zu verletzen. Große Klasse! Du bist besser als ich also hau ich dich um! Ich Mann, du Wurst! Überhaupt macht der Fußballplatz die Bedeutung der allgegenwärtigen Gruppendynamik sehr deutlich, wenn sich jeder Hosenscheißer im Schutz der Menge zum großen Zampano aufschwingt. Dass vor kurzem in den Niederlanden ein Unparteiischer sogar zu Tode geprügelt wurde, ist nur das extreme Ende von dem, was Alltag ist. Was sich ein Schiedsrichter an jedem Spieltag bieten lassen muss, entbehrt jeglicher Rechtfertigung. Gehören diese Emotionen zum Fußball aber nicht dazu? Vielleicht – deshalb hab ich mich ja auch von ihm abgewendet. Überall nimmt der Mangel an Schiedsrichtern zu, wobei die Gründe bei der katastrophalen Akzeptanz auf der Hand liegen. Liebe Schiedsrichter, laßt euch einfach ein paar Wochen lang nicht blicken und streikt. Mal sehen, wie die Rasengroßmäuler damit klar kommen.

Schiedsrichter Haller gab an, von Isemt Altunsoy zu Boden geschubst worden zu sein und brach die Partie ab.

Quelle: http://www.wochenblatt.de/nachrichten/regensburg/regionales/Skandal-in-der-Kreisliga-Schiedsrichter-angegriffen-;art1172,115866

Doch nicht nur neben dem Feld

sammeln sich alle, die im wahren Leben eine kleine Nummer sind, sich beim Fußball aber mal richtig austoben können, sondern auch auf dem Platz. Fußball ist durch seine geringe Kosten nicht nur Volkssport Nummer eins, sondern auch der Sport des kleinen Mannes, was an sich nichts Schlechtes ist. Schlecht ist hingegen, dass dieser Sport Tür und Tor für den Bodensatz unserer Gesellschaft öffnet, den nirgendwo wird asoziales Verhalten so geduldet wie beim Fußball. Den Gegenspieler beschimpfen oder umtreten? Normal. Wenn nicht auf dem Platz, dann spätestens am Stammtisch seine rassistischen Parolen raushauen? Alltag. Sich wie der letzte Assi aufspielen und dafür auch noch Applaus bekommen? Selbstverständlich. Hinzu kommen ja auch noch die Mitspieler, die meinen, dass das Anschreien einen besser machen würden oder die mit dem Rumgemotze nur von ihren eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken versuchen. Es geht nicht um Leben oder Tod, es geht um Amateur-Fußball! Allerdings: auch für mich gab es Zeiten, zu denen ich mich bei Mißerfolgen sehr geärgert habe. Gut, dass das schon lange vorbei ist. Es gibt wahrlich Wichtigeres.

Ein weiterer Grund,

warum ich dem Fußball, dem ich 20 Jahre lang die Treue gehalten habe, den Rücken kehre, ist die hohe Verletzungswahrscheinlichkeit. Das liegt zum größten Teil daran, da es zu diesem Sport gehört, den Gegner auch mal ordentlich umzutreten. Auch wenn es viele Verletzungen gibt, die ohne die Einwirkung des Gegners erfolgen, bin ich dennoch davon überzeugt, dass man das Risiko zu mehr als 50% selbst bestimmen kann. Meine einzige schwere Verletzung, einen dreifachen Bänderriß im rechten Sprunggelenk, zog ich mir nur deshalb zu, weil ich in der Halle bei einem Freizeit-Kick von meinem übermotivierten Gegenspieler umgetreten wurde. Vielen Dank! Alles andere kam von mir selbst. Mit 18 zwickte das Knie und sagte: „Eh Stephan, laß das doch!“ Es folgte eine Trennung für drei Jahre, nach denen ich aber zu meiner alten Liebe Fußball zurückkehrte. Später meldeten sich dann diverse Muskeln, die Achillessehnen und der Rücken zu Wort – ein wichtiger Grund, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen, denn mein Körper ist nicht dumm und möchte mir etwas Wichtiges mitteilen. Ich gehe erst  seit ein paar Wochen Schwimmen, aber schon sind alle meine Probleme weg. Es ist schön, dass es jetzt wieder selbstverständlich ist, ohne Schmerzen aufstehen zu können.

Was stört mich noch?

Es stört mich, in welche Richtung sich der Fußball entwickelt. Immer mehr Menschen strömen in die Stadien und finanzieren die überbezahlten Sportler, während immer weniger selbst spielen. Die Folgen sind nicht nur ein idiotischer und abhängig machender Personenkult um angebetete Fußballstars, sondern auch eine negative Auswirkung auf die Fitness des Volkes. Die dafür zuständigen Verbände und Personen tragen mit ihren Entscheidungen immer wieder dazu bei, dass die Basis immer mehr als potentielle Talentschmiede anstatt als Bühne für den Breiten- und Freizeitsport dient. Bringt uns ein deutscher Superstar wirklich mehr als 10.000 unbegabte, aber halbwegs fitte Amateurkicker? Hinzu kommen all die illegalen Machenschaften, die sich im Dunstkreis des Millionenspiels Fußball entwickelt haben. Der Weltverband FIFA – ein korrupter Selbstbedienungsladen; blühende Schwarzmärkte; Wett- und Dopingskandale; Politiker, die Sportereignisse für ihre eigenen Zwecke mißbrauchen; etc. Profi-Fußball ist kein ehrlicher Sport mehr, sondern ein Schauspiel. Wer die Spielregeln am besten beherrscht, gewinnt.

Sodann also, lieber Fußball,

werden sich unsere Wege endgültig trennen. Natürlich wird mein Interesse daran nie völlig erlöschen, aber was meine Aktivitäten angeht werd ich dich auf den Haufen der Nichtigkeiten verbannen, auf den du gehörst. Vieles, dass ich mit dir und für dich getan habe, würde ich jetzt anderes machen – und bereue es dennoch nicht. Wir haben uns einfach auseinandergelebt. Ich werde dich nie vergessen, du warst für einen großen Teil meines Lebens ein untrennbarer Teil von mir. In den letzten Jahren hielt uns aber nicht mehr die Liebe zusammen, sondern nur noch die Gewohnheit. So kann keine gute Beziehung überleben. Ein halbes Jahr werde ich dir noch opfern, um die Saison ordentlich zu beenden. Geh gut mit mir um – ich möchte nicht im Streit scheiden!

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