Buch-Rezensionen


Dank des schier unerschöpflichen Nachschubs aus dem Bücherkeller meiner Eltern habe ich auf Jahre hinaus Lesestoff, selbst wenn ich ein Buch pro Woche schaffe. Das besondere daran: Es handelt sich in erster Linie um Werke fernab des zeitgenössischen oder vergangenen Massenkonsums, die vielen Lesern daher unbekannt sein werden. Warum also nicht auch diese Werke durch Rezensionen festhalten? Natürlich geht es dabei nur um meine eigene, subjektive Meinung. Vielleicht helfen die Beschreibungen aber dennoch dem ein oder anderen, sich für ein neues Buch (insofern diese überhaupt noch erhältlich sind) zu entscheiden.

Die – zugegeben wenig kreative – Bewertungsskala mit Sternen am Ende jeder Rezession reicht von Null (überhaupt nicht empfehlenswert) bis fünf (konnte das Buch überhaupt nicht mehr aus den Händen legen).

Übersicht

Leah Ireland-Kunze, Der Bürgerkrieg in den USA 1861-1865, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik Berlin, 1989.

Hera Lind, Das Superweib, 400 S., Fischer Taschenbuchverlag Frankfurt, 2000.

Nikolaj Ostrowski, Wie der Stahl gehärtet wurde, 501 S., Verlag Philipp Reclam Leipzig, 1968.

Geschichten aus Tausend und einer Nacht, 342 S., Reclam-Verlag Leipzig, 1990.

Ahto Levi, Ich war der Graue Wolf – Aufzeichnungen aus der Unterwelt, 275 S., Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1970.

Alexej Kotenew, Gewittriger August, 302 S., Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1977.

Sally Perel, Ich war Hitlerjunge Salomon, 208 S., Wilhelm Heyne Verlag München, 2001.

Amasasp Chatschaturowitsch Babadshanjan, Hauptstoßkraft, 263 S., Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik Berlin, 1985.

Rolf Dobelli, Klar Denken, Klug Handeln, 474 S., Carl Hanser Verlag München, 2012.

Nina Rydzewska, Die Stunde „W“, 188 S., VVN-Verlag Berlin Potsdam, 1950.

Günter Grass, Die Blechtrommel, 779 S., Deutscher Taschenbuchverlag Berlin, 2000.

T. C. Boyle, The Tortilla Curtain, 355 p., Bloomsbury London, 1997.

Ephraim Kishon, Drehn Sie sich um, Frau Lot!, 160 S., Weltbild Verlag Augsburg, 2004.

Constancia de la Mora, Doppelter Glanz – Die Lebensgeschichte einer spanischen Frau, 716 S., Dietz Verlag Berlin, 1962.

Susanne Catrein und Christof Hamann, Was Fussball macht – Zur Kultur unseres Lieblingsspiels, 297 S., Steidl Verlag Göttingen, 2014.

Laszlo Arany, Ungarische Volksmärchen, 219 S., Corvina Kiado, 1984.

  1. Coraghessan Boyle, East is East, 364 p., Bloomsbury, 1996.

Brüder Grimm, Deutsche Sagen, 329 S., Rütten & Loening Berlin, 1983.

Ken Follett, Winter der Welt, 1024 S., Lübbe Verlag Köln, 2012.

Ayaan Hirsi Ali, Infidel, 355 p., Free Press New York, 2007.

T. Coraghessan Boyle, World’s end, 456 p., Bloomsbury, 1996.

Bill Bryson, Streiflichter aus Amerika – Die USA für Anfänger und Fortgeschrittene, 349 S., Goldmann Verlag München, 2002.

Echtermeyer, Deutsche Gedichte – Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 942 S., Cornelsen Verlag Berlin, 2010.

Robert Schneider, Schlafes Bruder, 204 S., Reclam Taschenbuch Stuttgart, 2010.

Konstantin Simonow, Tage und Nächte, 336 S., Verlag Volk und Welt Berlin, 1948.

Alexander Tschakowski, Der Sieg – Zweites Buch, 274 S., Verlag Volk und Welt Berlin, 1981.

Heinz Kruschel, Das Mädchen Ann und der Soldat, 243 S., Deutscher Militärverlag Berlin, 1964.

Dimitar Dimoff, Tabak, 923 S., Verlag Volk und Welt Berlin, 1960.

Homer, Ilias, 520 S., Insel Verlag Berlin, 2012.

Hans Queling, Im Land der schwarzen Gletscher – Eine Forscherfahrt nach Tibet, 292 S., Societäts-Verlag Frankfurt a. M., 1937.

Mungo Park, Travels in the Interior of Africa, 406 p., Wordsworth Editions, 2002 (in English).

Herbert Mühlstädter, Ebbo wehrt sich, 328 S., Kinderbuchverlag Berlin, 1978.

Heinz Hoffmann, Mannheim – Madrid – Moskau – Erlebtes aus drei Jahrzehnten, 439 S., Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1982.

Ernst Herbert Krause, Atom am Horizont, 246 S., Urania Verlag Leipzig/Jena, 1960.

Maciej Patkowski, Skorpione, 219 S., VEB Domowina-Verlag Bautzen, 1961.

Olaf Sundermeyer, Tor zum Osten – Besuch in einer wilden Fußballwelt, 206 S., Verlag die Werkstatt, 2012.

Wilfred G. Burchett, Der kalte Krieg in Deutschland, 393 S., Verlag Volk und Welt Berlin, 1950.

Ruth Kraft, Insel ohne Leuchtfeuer, 576 S., Verlag der Nation Berlin, 1977.

Gertrud Bradatsch, Spiegelmacher – Erzählungen, VEB Hinstorff Verlag Rostock, 200 S., 1970.

Ernst Keienburg, Ein Herz für Afrika – Mit Georg Schweinfurth ins Innere des Schwarzen Erdteils, 300 S., Verlag der Nation Berlin, 1958.

Mirsa Ibrahimow, Die Zeit wird kommen, 406 S., Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1952.

N. Wengrow und M. Efros, Ein Mensch wie du – Das Leben Nikolai Ostrowskis, 208 S., Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1950.

Autorenkollektiv, Brückenschlag – Erzählungen über Waffenbrüder, 255 S., Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1987.

Autorenkollektiv, Die jüngsten Kundschafter und andere Erzählungen, 190 S., Kinderbuchverlag Berlin, 1964.

Joachim Petzold, Faschismus – Regime des Verbrechens, 168 S., Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1984.

Irma Thälmann, Erinnerungen an meinen Vater, 138 S., Der Kinderbuchverlag Berlin, 1969.

Hans-Jürgen Steinmann, Die größere Liebe, 464 S., Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1960.

Magdalene Vedder und Hildegard Jaecks, Das Gegenüber – Um Liebe und Ehe, 128 S., Evangelische Verlagsanstalt Berlin, 1953.

W. I. Tschuikow, Gardisten auf dem Weg nach Berlin, 528 S., Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1976.

Anatoli Ananjew, Brennende Horizonte, 208 S., Deutscher Militärverlag, 1970.

Giorgi Ketschaghmadse, Der kleine Schatten, 243 S., Verlag Neues Leben Berlin, 1975.

Iwan Stadnjuk, Krieg, erstes und zweites Buch, 478 S., Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1979.

Alexander Solschenizyn, Krebsstation Band I, 252 S., Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1971.

Franz Kafka, Der Prozess, 208 S., Anaconda Verlag, 2006.

G. K. Shukow, Erinnerungen und Gedanken Band II, 440 S., Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1983.

Ewa Wolak, Samoa – Archipel der Segler, 340 S., VEB F. A. Brockhaus Verlag Leipzig, 1973.

Josef Kovar, Tsching, der stolze Adler, 328 S., Alfred Holz Verlag Berlin, 1964.

Margot Pikarski, Jugend im Berliner Widerstand – Herbert Baum und Kampfgefährten, 236 S., Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1978.

Isaak Babel, Die Reiterarmee und andere Erzählungen, 322 S., Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1965.

Alice Schwarzer, Der „kleine Unterschied“ und seine großen Folgen, 256 S., Fischer, 1977.

Stefanos Sarafis, In den Bergen von Hellas, 575 S., Deutscher Militärverlag Berlin, 1964.

Wassili Peskow, Landauf, landab in der Sowjetunion, 294 S., VEB F.A. Brockhaus Verlag Leipzig, 1974.

Alexei Koshewnikow, Belebendes Wasser, 575 S., Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1951.

Jurij Brezan, Christa – Die Geschichte eines jungen Mädchens, 180 S., Verlag Neues Leben, 1957.

Lisa Schwarz, Schiff ohne Anker, 234 S., Verlag der Nation, 1960.

Hans Lorbeer, Das Fegefeuer – Ein Roman um Luthers Thesenanschlag, 564 S., Mitteldeutscher Verlag Halle-Leipzig, 1956.

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Leah Ireland-Kunze, Der Bürgerkrieg in den USA 1861-1865, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik Berlin, 1989.

Der Vorteil eines in der DDR verfassten Buches ist in der Regel, dass man einen anderen Blickwinkel auf gewisse historische Ereignisse gewinnt, als sie vielleicht von westlichen Medien vermittelt werden. Interessant ist in der Abhandlung über den US-amerikanischen Bürgerkrieg von Leah Ireland-Kunze daher, dass Briefe und Kommentare von Karl Marx und Friedrich Engels, die die Ereignisse damals aufmerksam verfolgten und kommentierten, in der Analyse der Entwicklungen mit eingeflochten werden. Tatsächlich ging es im Bürgerkrieg nämlich nicht nur darum, sich für die Sklaverei auf der einen und für deren Beibehaltung auf der anderen Seite einzusetzen. Wofür die Kriegstreiber im Süden im Wesentlichen standen war die Beibehaltung der alten Ordnung, von Besitz und Privilegien. Wie so oft waren es aber nicht die reichen Gutsherren, die in vorderster Linie kämpften, sondern diejenigen, die von den bestehenden Besitzverhältnissen am wenigsten profitierten: die armen Bauern. Zwar sollte die in allen Belangen überlegene Union am Ende den Krieg nach vier blutigen Jahren zu ihren Gunsten entscheiden und die Sklaverei damit formal abschaffen. An der Ungleichheit und Ungerechtigkeit im Volk und gegenüber den Schwarzen änderte sich zunächst aber kaum etwas.

 Ireland-Kunze bietet mit ihrer Abhandlung einen gut recherchierten Einstieg in den US-amerikanischen Bürgerkrieg und beleuchtet dabei nicht nur militärische, sondern auch wirtschaftliche und soziale Faktoren. Wichtige Schlachten werden ausführlich beschrieben und durch Gefechtskarten veranschaulicht. Umso mehr bietet sich dieses Buch für Mensch an, die sich für dieses Thema interessieren, als es einen anderen Blickwinkel vertritt und handelnde Personen und Parteien in einem anderen Licht darstellt als viele westliche Medien.

Meine Bewertung: vier von fünf Sternen

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Hera Lind, Das Superweib, 400 S., Fischer Taschenbuchverlag Frankfurt, 2000.

Das Superweib gehört – ob man es mag oder nicht – zu den bekannteren Stücken deutscher, zeitgenössischer Literatur. Das mag daran liegen, dass viele Leser es einfach als leichte und amüsante Lektüre schätzen oder an Frauen, die sich mit der Hauptdarstellerin identifizieren können. Diese reicht nach einem Missverständnis die Scheidung von ihrem Mann, der sie vernachlässigt, ein und beginnt daraufhin Affären mit verschiedenen Männern. Als ein Manuskript von ihr über ihre bisherige Ehe per Zufall bei einem Verlag landet, wird dieses sofort angenommen und abgedruckt. Plötzlich ist die zweifache Mutter bekannt und vor allem finanziell unabhängig. Hinzu kommt, dass ihr Mann, ein Regisseur, das Buch verfilmen möchte, ohne anfangs zu wissen, dass seine Frau die Autorin ist.

Doch die Hauptdarstellerin Franziska Großkötter wird nicht zum Superweib, sondern bleibt ein von Männern abhängiges, naives Dummchen, das die Freiheit, mit verschiedenen Männern verkehren zu können mit Unabhängigkeit verwechselt. Nicht nur diese selbstgewählte Abhängigkeit und Hilflosigkeit nervt aber, sondern auch der flapsige Schreibstil, der anfangs ja ganz unterhaltend ist, mit zunehmender Dauer aber zur Belastung wird. Die Autorin vermittelt das Bild einer Mutter, die gerne zur Flasche greift, vorschnell Menschen aburteilt, die anders sind und die eher durch Zufall als durch beachtenswerte Arbeit ihrem tristen Hausfrauendasein entfliehen konnte. Da das Buch autobiographische Züge zu haben scheint, lässt es auf den Charakter der Autorin schließen – und dieser scheint Nichts Gutes zu verheißen.

Meine Bewertung: einer von fünf Sternen

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Nikolaj Ostrowski, Wie der Stahl gehärtet wurde, 501 S., Verlag Philipp Reclam Leipzig, 1968.

Autobiographien, wie etwa Wie der Stahl gehärtet wurde von Nikolaj Ostrowski, bieten oft die spannende Möglichkeit, etwas über andere Zeiten, Orte und Welten zu erfahren. So war der erste Teil des Romans für mich auch der interessanteste, kann man dabei doch viel über die politischen Wirren in der jungen Sowjetunion nach 1917 erfahren. Bolschewiki, Menschewiki, Trotzkisten, Zaristen, Tartaren, Polen, ukrainische Nationalisten…sie alle waren anscheinend damals an den Machtkämpfen beteiligt. Der Roman, der auf dem Leben des Autors basiert und durch Pawel Kortschagin verkörpert wird, spielt in der Ukraine.

Der junge Kortschagin stammt aus armen Verhältnissen und muss genauso wie sein Bruder Artjom bereits als Kind arbeiten gehen, um das Überleben der Familie zu ermöglichen. Früh kommt er so auch mit bolschewistischen Agitatoren in Kontakt und entwickelt sich schnell zu einem glühenden Verfechter der leninistischen Revolution. Immer wieder werden er und seine Gefährten in Kampfeinsätze verwickelt, immer wieder verschieben sich Grenzen und regierende Gruppen. Als Agitator tritt Pawel bald selbst in Erscheinung und opfert jeder Sekunde seines Lebens der Partei. Zeit für Liebe bleibt dem pausenlos arbeitenden Soldaten dabei nicht. So wäre es womöglich noch jahrzehntelang weitergegangen, wenn Kortschagin im Kampf nicht mehrfach verwundet wurde und bleibende Schäden davongetragen hätte. Hinzu kamen weitere Erkrankungen, die ihn nicht nur ans Bett fesselten, sondern ihn auch noch erblinden ließen. Doch auch als Invalide möchte Pawel nicht ruhen. Er möchte arbeiten, möchte der Partei und der Sowjetunion dienen und entscheidet sich in der letzten Phase seines Lebens schließlich dazu, ein Buch zu schreiben, um immerhin noch als Agitator tätig sein zu können.

Natürlich könnte man noch viel mehr Details über die Handlung beschreiben, aber die eigentliche Kritik ist die Gleiche wie bei leider fast allen anderen sowjetischen Werken auch. Wie der Stahl gehärtet wurde könnte ein wunderbares Dokument sein, das aus erster Hand über die turbulente und schwierige Zeit in der Ukraine nach der Oktoberrevolution 1917 berichtet. Diesen Eindruck bekommt man im ersten Teil des Buches auch. Anschließend verfällt der Autor aber immer mehr der ewig übertriebenen und nervenden sowjetischen Propaganda. Die Chance, sich außerhalb der Sowjetunion als ernstzunehmender Literat einen Namen zu machen, wurde damit wieder einmal bewusst vertan.

Meine Bewertung: zwei von fünf Sternen

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Geschichten aus Tausend und einer Nacht, 342 S., Reclam-Verlag Leipzig, 1990.

Wohl die meisten von uns haben schon einmal etwas von den Geschichten aus Tausend und einer Nacht gehört, auch wenn viele diesem Sammelwerk wohl kaum passende Geschichten zuordnen könnten. Alibaba und die 40 Räuber gehört neben Sindbad, der Seefahrer vermutlich zu den bekanntesten Stücken. In der Rahmenhandlung geht es tatsächlich um über 1000 Nächte, in denen einem König Geschichten erzählt werden, um ihn schließlich zu besänftigen und um von seinem geplanten Todesurteil abzusehen.

Interessant ist diese Geschichtensammlung schon allein deshalb, weil sich die vielen verschiedenen regionalen und aus verschiedenen Zeiten stammenden Einflüssen in ihr erkennen lassen. Wie bei jeder Sammlung von Volkssagen erhält man daher einen Einblick darüber, was die Menschen damals beschäftigt hat, was ihre Wünsche und Träume, aber auch ihre Sorgen und Probleme waren. Andererseits finde ich den Schreibstil alles andere als interessant und mitreißend. Vor allem die zahllosen Erwähnungen des Allwissenden Schöpfers ermüden und nerven. Zudem wiederholen sich viele der Motive. Immer wieder geht es in den verschiedenen Erzählungen um Reichtum, das gegenseitig betrügen, um diesen zu erlangen, die Überlegenheit des Reichen und unstillbares Verlangen nach einer Person, was zwar romantisiert gerne als Liebe bezeichnet wird, im Endeffekt aber dem Besitzdenken entspringt. Etwas Seltenes oder etwas schwer zu bekommendes scheint eben wertvoller. Genau das führt auch zu den im Buch vertretenen Ansichten, die natürlich einer anderen Zeit entspringen, aber dennoch auf mich abstoßend wirken, zumal diese Ansichten in manchen Ländern der Welt ja nach wie vor vorherrschen. So sind Frauen immer dem Manne unterstellt, werden verheiratet oder verkauft und haben zu gehorchen. Genauso wird die Sklaverei als völlig normal dargestellt. Dass ein Herr mit seinen Sklaven machen kann, was er will, gilt als selbstverständlich. Immer wieder geht es nur um Reichtum als anscheinend höchstem Gut, dem ein Mensch in seinem Leben entgegenstreben kann. Menschenleben zählen derweil wenig und werden beendet, wenn es gerade der eigenen Sache dient. Und dann ist da noch der Allmächtige Schöpfer. Die Geschichtensammlung ist auch gleichzeitig eine Sammlung menschlicher Abgründe. Und was macht Allah? Nichts. Was die Übeltäter natürlich nicht davon abhält, sich immer wieder auf ihn zu beziehen, auf ihn zu schwören und sich von ihm Hilfe zu erbitten.

Ich werde mir Geschichten aus Tausend und einer Nacht mit Sicherheit nicht noch einmal antun. Wiederholende Motive, ein langweiliger Schreibstil und widerliche Moralvorstellungen lassen dies einfach nicht zu.

Meine Bewertung: einer von fünf Sternen

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Ahto Levi, Ich war der Graue Wolf – Aufzeichnungen aus der Unterwelt, 275 S., Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1970.

Es gibt ein paar wenige Bücher in meinem Leben, mit denen ich spontan eine Zeit oder ein Ereignis verbinde. Ahto Levis Ich war der Graue Wolf ist so eins. Es war eines der ersten Bücher, dass ich überhaupt freiwillig lass und es trug maßgeblich dazu bei, es nicht bei diesem einen Buch zu lassen, sondern fortan immer wieder neue Bücher zur Hand zu nehmen. Levi war kein Schriftsteller, der nach großem Ruhm strebte. Die Zusammenfassung und Veröffentlichung seiner Tagebücher, die dieses Werk darstellen, sind aber gerade deshalb ein besonders authentischer Einblick in die Zerrissenheit eines Menschen, der getrieben durch seine Abenteuerlust zunächst auf die schiefe Bahn gerät, schließlich immer weiter im kriminellen Milieu versinkt – und sich doch immer wieder ein ganz anderes, beschauliches Leben wünscht.

Levi wuchs in den Wirren vor dem Zweiten Weltkrieg auf einer Insel in Estland auf. Sein Vater verbrachte nicht viel Zeit mit ihm, für die Schule konnte er sich nie begeistern. Stattdessen verbrachte er die meiste Zeit mit seinen Freunden, lass Abenteuerbücher und träumte davon, selbst ein spannendes Leben voller Entdeckungen und Herausforderungen sich zu haben. Als sein Vater eine neue Frau fand und sich von der Familie trennte, beschloss Levi, sein Glück in Deutschland zu suchen, was damals als aufstrebende Macht voller Verheißungen war. Schon bald merkte er aber, dass das wilde Leben eines Abenteurers alles andere als leicht war. Schließlich begann er mit dem Stehlen, um sich über Wasser zu halten, bis er in einem Vergnügungsetablissement einen Aushilfsjob fand. Auch dort hielt es ihn aber nicht lange. Es folgten weitere kleinere und immer größer werdende Verbrechen, Probleme mit der Polizei und letztendlich die Verhaftung und Verurteilung. Auch das Arbeitslager wusste dem Heranwachsenden aber nicht zu gefallen. Er versuchte zu fliehen, immer und immer wieder, und verlängerte so nur seine Strafe. So ging es weiter: Ein Leben entweder in Gefangenschaft oder in der Unterwelt, immer darum besorgt, wieder von der Polizei aufgegriffen zu werden. Levi merkte schließlich, dass nicht nur er, sondern auch die Menschen, die er kannte, gefährlich lebten. Spätestens als seine Freundin umgebracht wurde, wünschte er sich ein anderes, ruhigeres Leben. Es mussten aber noch viele weitere Jahre im Gefängnis vergehen, bis seine Läuterung komplett schien.

Ich war der Graue Wolf gewährt ehrliche und ungeschönte Einblicke in das Leben eines Mannes, der völlig vom Weg abkam und fortan immer wieder mit sich und seinem Schicksal haderte. Er macht damit deutlich, dass es nicht nur schwarz und weiß, nicht nur gut und böse gibt, sondern noch einiges dazwischen.

Meine Bewertung: fünf von fünf Sternen

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Alexej Kotenew, Gewittriger August, 302 S., Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1977.

Ein weiteres Buch aus der Sowjetunion über genau diese im Zweiten Weltkrieg. Warum ich es dennoch wieder gelesen habe? Weil es einen Aspekt behandelt, der sonst kaum erwähnt wird: Der Kampf der Sowjets gegen die Japaner in der Mandschurei. Seit Kriegsbeginn standen sich dort große Truppenverbände gegenüber, doch jahrelang tat sich nichts. Erst im August 1945, als der Krieg in Europa schon beendet war, ging die Sowjetunion zum Angriff über und überrannte die kaiserlichen Truppen in wenigen Wochen. So interessant die zusätzliche Perspektive des neuen Kriegsschauplatzes auch sein mag, so bekannt und ermüdend bleib die Rhetorik. Alle Sowjets sind großartige Helden und gute Menschen, ihre Gegner Bestien. Selbst literarische Muster wiederholen sich in diesen Büchern immer wieder. So entwickelt einer der Soldaten eine Liebesbeziehung zu einer Krankenschwester. Als die beiden dann schließlich offen mit den Gefühlen zueinander umgehen, stirbt sie durch fahrlässige Handlungen, da sie ihrem Geliebten auf dem Kriegsschauplatz nah sein möchte. Wer schon andere, ähnliche Bücher gelesen hat, kann auf dieses getrost verzichten.

Meine Bewertung: zwei von fünf Sternen

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Sally Perel, Ich war Hitlerjunge Salomon, 208 S., Wilhelm Heyne Verlag München, 2001.

Es mag zu kurios, zu abenteuerlich und unglaubwürdig erscheinen, um wahr zu sein, aber genau das macht Ich war Hitlerjunge Salomon von Sally Perel zu einer der bemerkenswertesten Geschichten eines Einzelschicksals, das je erzählt wurde. Vielleicht gab es noch ein paar andere, die per Zufall auf eine ähnliche Spur gelangten, die aber weniger Glück hatten, entdeckt wurden und schließlich nicht lange genug überlebten, um ihre Geschichte erzählen zu können. Denn Perel war Jude – und überlebte den Zweiten Weltkrieg dennoch im Herzen des Terrors in Deutschland. Nicht etwa, weil ihn kein Nationalsozialist finden konnte, sondern weil er offiziell selbst einer war. Der Jude Salomon Perel überlebte als Josef Perjell, ein baltischer Volksdeutscher, in der Hitlerjugend.

Perel wurde im niedersächsischen Peine geboren, wo er seine Kindheit verbrachte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wanderte die gesamte Familie nach Lodz in Polen aus. Kurz nach dem Kriegsbeginn waren sie aber auch dort nicht mehr sicher. Die Eltern wiesen ihre Kinder an, Richtung Osten zu flüchten. Zunächst floh Sally mit seinem großen Bruder, bis sich deren Wege auf der chaotischen Flucht trennten. Manche Familienangehörige sah er später wieder, manche überlebten den Nationalsozialismus nicht. In der Sowjetunion angekommen, wurde Perel in ein Waisenhaus in Grodno aufgenommen. Wieder zwei Jahre später war es erneut vorbei mit der erhofften Sicherheit, als die Deutschen im Sommer 1941 die Sowjetunion überfielen. Auch Perel wurde von der Wehrmacht aufgeschnappt und wäre genauso wie alle anderen Juden auch hingerichtet worden, wenn seine deutsche Herkunft es ihm nicht ermöglicht hätte, die Soldaten davon zu überzeugen, dass er tatsächlich Deutscher war und eben kein Jude. Sie glaubten ihm, nahmen ihn als Übersetzer und Boten mit zur Front und schickten ihn später schließlich zurück nach Deutschland, wo er ausgebildet werden sollte. In Braunschweig, ganz in der Nähe von Peine, wurde er in die Hitlerjugend aufgenommen. Es folgten Jahre des Verstellens, der Lügen und der Improvisation. Wie auf wundersame Weise entdeckte niemand sein Geheimnis – bis zum Kriegsende.

Immer wieder befasst sich der Autor in seinem biografischen Werk damit, warum er so lange gewartet hat, bis er seine Geschichte öffentlich machte, was erst viele Jahre nach dem Kriegsende geschah. Außerdem geht er sehr offen mit der Frage der Schuld um, die ihn sein ganzes Leben lang quält, denn er überlebte als Anhänger einer Gemeinschaft, deren oberstes Ziel es war, die Juden systematisch auszurotten. Genau das macht das Buch auch lesenswert. Es besticht nicht durch literarische Finesse, aber durch Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit.

Meine Bewertung: vier von fünf Sternen

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Amasasp Chatschaturowitsch Babadshanjan, Hauptstoßkraft, 263 S., Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik Berlin, 1985.

Die x-te Beschreibung des Sieges der Sowjetunion durch einen ehemaligen sowjetischen General und die Erkenntnis, dass ich mir das nicht mehr antun werde. Die Beschreibungen bestimmter Ereignisse sind ja gut und schön, aber dieser widerliche, einseitige und verlogene Heroismus und Patriotismus hängt mir mittlerweile zum Halse raus. Dabei scheint Panzergeneral Babadshanjan die roteste aller Geschichtsbrillen aufgehabt haben, die mir bisher begegnet ist. Mehr braucht man nicht zu sagen. Völlige Zeitverschwendung dieses Buch – zum Glück war es nicht besonders lang.

Meine Bewertung: null von fünf Sternen

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Rolf Dobelli, Klar Denken, Klug Handeln, 474 S., Carl Hanser Verlag München, 2012.

Es passiert uns allen: Im immer wiederkehrenden Konflikt zwischen objektiven und subjektiven Entscheidungen wählen wir oftmals unbewusst die zweite, intuitive Variante. So lange wir diese Wahl dann auch nicht mehr hinterfragen, sind wir ganz zufrieden damit. Das Problem: Die intuitiven Entscheidungen sind oft nicht die besten und rationalsten. Unsere Voreingenommenheit und unser Unvermögen, größere Zusammenhänge zu erkennen, spielen uns oft einen Streich. Wir reagieren emotional und nicht sachlich – und schaden uns damit oft selbst.

Das Reflektieren über das eigene Handeln und Denken kommt oft zu kurz, wobei es doch dazu führen könnte, bessere Entscheidungen zu treffen. Doch wir sitzen oft Irrtümern auf und tun uns schwer damit, diese zu erkennen. Wenn wir beispielsweise etwas bestätigen oder beweisen wollen, dann suchen wir nach Mitteln und Wegen, um genau das zu tun. Viel wertvoller aber wäre es zu versuchen, unsere Behauptung zu widerlegen und sie dann zu akzeptieren, wenn dies nicht gelingt. Ein anderes Beispiel: Wir haben viel Geld in ein Geschäft investiert, die Entwicklungsaussichten sind schlecht. Steigen wir also sofort aus? Wahrscheinlich nicht, denn wir hängen an dem Geld, das ohnehin schon weg ist. Dadurch handeln wir aber irrational, da wir in der Zukunft so noch mehr Geld verlieren werden. Drittes Beispiel: Sie kennen eine Person, die reicher ist als Sie. Größeres Haus, größeres Auto, teurere Reisen. Oft kommt dabei Neid auf – und man fühlt sich selbst schlechter und fragt sich, warum es einem selbst nicht auch so gut geht. Ob die reichere Person unter Depressionen leidet und gerade eine Entziehungskur hinter sich hat, interessiert uns nicht. Wir unterliegen der Täuschung des schönen Scheins, werfen objektive Bewertungen von Zufriedenheit über Bord und koppeln unser Wohlbefinden an den Status anderer Personen. Eine Verschwendung, denn Neid führt zu rein gar keinem positiven Effekt bei allen Beteiligten. Würden wir nicht über reichere Menschen nachdenken, wären wir zufriedener.

Genau diese externe Perspektive der Reflektion bietet Klar Denken, Klug Handeln des schweizer Ökonomen Rolf Dobelli. Die Lektüre dieses Buches gibt sinnvolle Anregungen dafür, wo man seinen eigenen Entscheidungsfindungsprozess überdenken sollte. Die meisten Kapitel und Beispiele werden einem vertraut vorkommen und man hat ein gutes Gefühl bei jedem Irrtum, den man schon überwunden hat. Bei allen anderen bietet sich nun die Chance, bewusster damit umzugehen. Ein Haken hat die ganze Sache jedoch: Dobelli beschreibt reflektiert und pointiert das, was er Denkfehler nennt. Doch auch er ist fehlbar. Alle seine Hinweis als unstrittige Wahrheit hinzunehmen wäre eine weitere Form des zu-faul-zum-selbst-denken-seins und daher ein Denkfehler an sich. Zur Vermeidung schlechter Entscheidungen ist das Buch aber ohne Frage bestens geeignet.

Meine Bewertung: vier von fünf Sternen

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Nina Rydzewska, Die Stunde „W“, 188 S., VVN-Verlag Berlin Potsdam, 1950.

Es ist bedrückend mitzuerleben, wie Europa gerade dem Wahn der Renationalisierung verfällt. Noch nie zuvor lebten die Völker auf diesem Kontinent solange in Frieden zusammen wie jetzt – und anscheinend führt das dazu, dass man den Wert eben jenes Friedens nicht mehr zu schätzen weiß, da so gut wie niemand mehr selbst einen Krieg erlebt hat. Gerade die alltäglichen Grauen eines solchen beschreibt Die Stunde „W“ von Nina Rydzewska und mahnt allein schon deshalb zum Frieden.

Im Juli 1944 ist die Lage im Warschauer Ghetto einerseits verzweifelt ob der langen und grausamen Belagerung durch die Deutschen, andererseits hoffnungsvoll durch den Vormarsch der Roten Armee. Motiviert durch die Versprechen der britischen Regierung, die Eingekerkerten aus der Luft zu unterstützen, entscheiden sich die Überlebenden für einen Aufstand, um sich von der Nazi-Diktatur zu befreien und um dem Hungertod zu entgehen. Ohne Ausbildung, ohne angemessene Bewaffnung, ohne Verpflegung stürzen sich die verzweifelten Polen und Juden ins Gefecht – und läuten damit das grausame Ende des Ghettos ein. Der Vormarsch der Roten Armee kommt nicht so schnell voran wie erhofft, die Briten halten ihre Versprechen nicht ein und lassen Warschau im Stich, die Nazis verstärken ihre Truppen und schlagen mit aller Entschlossenheit zurück. Die polnische Hauptstadt wird dem Erdboden gleichgemacht und mit ihr viele der letzten Überlebenden.

Den bedrückenden Alltag während des Warschauer Aufstandes beschreibt Rydzewska aus der Perspektive einer Gruppe von Polen, die zum einen verzweifelt um ihr Überleben kämpft, zum anderen mit den wenigen Mitteln, die sie hat, gegen die Deutschen anrennt. Ob die Autorin selbst dabei war, wird im Buch nicht erwähnt. Die Erzählung ist aber so überzeugend, dass es durchaus zutreffen könnte. So wird Die Stunde „W“ zu einem beklemmenden Dokument menschlicher Abgründe und den Gräueln des Krieges, der nicht nur Menschen tötet, sondern auch die zerstört, die ihn überleben.

Meine Bewertung: vier von fünf Sternen

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Günter Grass, Die Blechtrommel, 779 S., Deutscher Taschenbuchverlag Berlin München, 2000.

Literaturnobelpreisträger Günter Grass war ein gleichwohl bekannter wie auch umstrittener deutscher Autor. Bis zu Letzt sahen seine Unterstützer in ihm das gute Gewissen Deutschlands, während ihm seine Kritiker Überheblichkeit und Arroganz vorwarfen. Sein wichtigstes Werk war zweifellos Die Blechtrommel, die in den 1950er Jahren, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, entstand. Wie so oft in der Literatur könnte man dabei im Prinzip mindestens zwei Komponenten unabhängig voneinander bewerten. Zum einen die sprachliche Gewandtheit, zum anderen den Inhalt. Beides liefert überwiegend starke, aber auch ein paar wenige schwache Momente.

Erreicht hat Grass in meinen Augen auf jeden Fall eines: Sein Protagonist Oskar Matzerath gehört zu den gelungenen literarischen Figuren, die einem nach dem Lesen des entsprechenden Werkes in Erinnerung bleiben werden (wie beispielsweise Hans Castorp auch). Geboren in Polen in den 1920er Jahren zieht es Oskar mit seiner Familie in die damals unabhängige und freie Stadt Danzig. Mit seinem Vater kann er sich nie identifizieren, seine Mutter pflegt ein außereheliches Verhältnis mit dem schönen aber feigen Jan Bronski. Oskar beginnt nach seinem dritten Geburtstag, das Musizieren auf einer Blechtrommel für sich zu entdecken und kommuniziert fortan hauptsächlich mit seinen beiden Trommelstöcken. Zudem entdeckt er bald ein anderes Talent: Er kann mit seiner Stimme gezielt Glass zerschneiden oder zerspringen lassen. Viel wichtiger noch ist aber seine Entscheidung, das körperliche Wachstum im Alter von drei Jahren mit reiner Willenskraft einzustellen. Um diese Entwicklung seinen Mitmenschen verkaufen zu können, inszeniert er einen Sturz, der das Verhältnis zwischen seinen beiden Eltern stark belasten wird.

Der größte Teil des Romans wird aus Oskars Perspektive erzählt und bezieht dabei viele historische Ereignisse mit ein, allen voran den Aufstieg der Nazis in Deutschland und der Zweite Weltkrieg. Immer wieder benutzt Grass dabei kleinere oder größere surrealistische Elemente, wie eben der selbstgewählte Zwergenwuchs Oskars sowie seine Gaben, Glas zersingen und Menschen mit seiner Trommel kontrollieren zu können. Unwirklich mutet auch der Auftritt mancher Nebencharaktere an, wie etwa des ebenfalls kleinwüchsigen Bebras, den sich Oskar zum Vorbild nimmt, Oskars Freund Herbert, der von einer Gallionsfigur in den Selbstmord getrieben wird und Oskars Freund Klepp, der in einer strengen Bettruhe den Lebenssinn sucht. Immer wieder sind es gerade solche kleinen Anekdoten, die das Buch abwechslungsreich und lesenswert machen. Manchmal zieht Grass unwichtige Situationen aber zu sehr in die Länge – wie etwa Oskars Tätigkeit als Steinmetz – und nervt damit schon fast. Zudem sind einige Beschreibungen zu verschlüsselt und vage und es fällt schwer zu verstehen, was damit gemeint ist. Darüber hinaus besteht bei einem solchen Werk, das nicht nur beschreibt, sondern vor allem wertet, auch die Gefahr, der eigenen Meinung und Ansicht zu viel Gewicht zu verleihen. Dennoch besteht kein Zweifel, dass Die Blechtrommel zu Recht zu den elementaren und empfehlenswerten Werken der deutschen Literatur gehört.

Meine Bewertung: vier von fünf Sternen

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T. C. Boyle, The Tortilla Curtain, 355 p., Bloomsbury London, 1997.

After reading a fourth novel from T. C. Boyle, The Tortilla Curtain, there are no doubts left that he is my favorite contemporary writer. Boyle just knows how to choose topics that relate to reality, how to build up suspense, how to write elegantly, and how to create sophisticated, diverse characters that in most cases are neither good nor bad. They are instead flawed, human. In this case, the story affected me even the more due to the coincidence of its resemblance to today’s problems in accordance to mass immigration that recently has become a pressing issue in Europe.

Candido is a Mexican who has entered the United States illegally several times to make money during the summer when the need for cheap workers is the highest. Many of the men of his home village did the same and returned with considerable wealth for their standards. They make promises of a better life to their wives – and Candido is no exception. America is only 17 years old and pregnant when she decides to come with him. After the ordeal of entering the United States they end up in the area around Los Angeles. Their plan is to live under the sky for a few weeks until Candido can make enough money to move into an apartment. The prospects are decent given the multitude of Americans who stop by the labor exchange to pick up illegal and therefore cheap workers. Things go downhill, however, when Candido is hit by a car and almost dies. The driver, a naturalist and writer called Delaney, wants to take him to the hospital, but the Mexican refuses treatment since it would equal deportation. Instead, Delaney hands the bleeding victim twenty Dollars and leaves.

During the following days, not only Candido has to suffer due to his injuries, but America too since she is not supposed to work and they run out of money quickly. Subsequently, she leaves for the job exchange and discovers the strange and alienating world of the white Americans she once hoped to be a part of. In the meantime, Delany has to deal with coyotes that enter his property and kill his dogs. At the same time, he takes a stand against the plan of walling the whole settlement in in order to keep trespassers – illegal immigrants – out. When Candido’s situation develops from bad to worse, Delaney too has to face certain problems that make him reconsider his convictions. These two men are meant to meet again when a roaring wild fire threatens to kill them both.

The way Boyle deals with this complicated issue is remarkable. He tries to show how opinions can turn against certain groups based on misconceptions, fear, and ignorance. Candido and America commit several crimes based on state regulations, first and foremost for being illegal immigrants.  What is, however, legal and illegal based upon an objective, humanistic ground? On the other hand, Boyle makes the point that the legal residents use their power and exploit immigrants for their own advantage. They are good enough to work under the worst of conditions for low paychecks, but they are not good to enough to be considered as common human beings. Boyle also touches on the bigger question of fairness: How can we justify that we are so rich when others are so poor, especially since we benefit from the situation the latter group is in? The Mexicans in The Tortilla Curtain are considered by the Americans as useful vermin. They will exploit them when they can, but hate and blame them when they want. They have no interest in interacting with them as equals and want them gone. This, in a nutshell, is one of the major problems we have to face today in Europe dealing with mass immigration. People will keep coming – if we want them to or not. Instead of accentuating our differences, we should embrace our similarities. If we fail to welcome immigrants and help them to become equal parts of our societies – with all its privileges and duties – we will fail as a whole.

My rating: five out of five stars

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Ephraim Kishon, Drehn Sie sich um, Frau Lot!, 160 S., Weltbild Verlag Augsburg, 2004.

Ähnlich wie Bill Brysons Streiflichter aus Amerika, das an dieser Stelle auch schon beschrieben wurde, widmet sich Ephraim Kishon auf satirische Weise seiner Heimat: Israel. Das in den 1960er Jahren erschienene Buch Drehn Sie sich um, Frau Lot! gehört zu seinen erfolgreichsten Werken. Es bietet in 35 Anekdoten einen humoristischen Blick auf den damals noch sehr jungen Staat. Kishon tut dabei das, was uns allen gut tun würde: Er nimmt die Schwächen und Dogmatiken seines Volkes aufs Korn, ohne dabei beleidigend oder anmaßend zu wirken. Ganz nebenbei gewinnt man durch die Lektüre seines Werkes ein paar Einblicke in den Alltag im damaligen Israel. Kishons Art ist das gnadenlose Übertreiben und Überspitzen von – objektiv betrachtet – fragwürdigen Verhaltensweisen. Fast schon überflüssig scheint es mir darauf hinzuweisen, dass in einem solchen Fall bei Fragen des Humors der eigene Geschmack eine entscheidende Rolle bei der Bewertung des Werkes spielt. Zwar spricht mich Kishons Stil durchaus an, im Ganzen gehen mir seine Übertreibungen aber zu weit.

Meine Bewertung: drei von fünf Sternen

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Constancia de la Mora, Doppelter Glanz – Die Lebensgeschichte einer spanischen Frau, 716 S., Dietz Verlag Berlin, 1962.

Einer der offensichtlichen Vorteile der Lektüre der Bücher aus der ehemaligen DDR, deren Stapel in meiner Wohnung einfach nicht kleiner werden will, ist, dass man immer mal wieder interessantes Wissen vermittelt bekommt über Orte, Personen oder Zeiten, über die man heutzutage eher wenig weiß. So hält sich mein Wissen über den Krieg in Spanien von 1936 bis 1939 genauso in Grenzen wie meine Kenntnisse über die Gegebenheiten in dieser Gegend im Allgemeinen. Dafür war das Buch „Doppelter Glanz“ von Constancia de la Mora genau richtig.

Nun gut, man muss natürlich sofort zu bedenken geben: Ideologisch unberührte Bücher fanden sich in den Regalen der DDR in der Regel nicht. Fangen wir aber erst einmal mit den Vorzügen an. De la Mora war die Tochter einer reichen Adelsfamilie in Spanien, deren Schicksal im Haushalt eines reichen Mannes vorherbestimmt schien. Doch schon in der strengen, lieblosen Schule eines Nonenklosters, die sie besuchen musste, wuchs in ihr das Unbehagen über ihre Position und über ihre Perspektiven. Sie begann damit, Mitleid mit anderen, ärmeren Kindern zu bekommen, mit denen sie eigentlich gar keinen Kontakt haben sollte. Nach einem Studium in England verstärkte sich ihre Abneigung gegen den herrschenden Adel, dem sie selber angehörte, noch mehr. Schließlich begann die junge Frau damit, anderen Menschen zu helfen, wurde politisch aktiv – und entfernte sich damit immer mehr von ihren Eltern, da diese ihre sozialistischen Ideen als Bedrohung für die eigene Vormachtstellung empfanden. Letztendlich riss der Kontakt vollständig ab, als sich de la Mora mit einem sozialistischen Militär verheiratete, nachdem sie zur Schande ihrer Familie ihre erste, sinnlose Ehe geschieden hatte.

Es begann der spanische Bürgerkrieg, nachdem die republikanische Allianz 1936 die Wahlen für sich entschieden hatten. Die herrschende Klasse und einflussreiche Militärs – wie der spätere Machthaber General Franco – wollten das aber nicht akzeptieren und starteten einen Aufstand. Laut de la Mora hätte dieser zu keiner Zeit Aussicht auf Erfolg gehabt, wenn er nicht von deutschen und italienischen Faschisten unterstützt worden wäre, während der anerkannten spanischen Regierung Hilfen durch die Blockaden der „neutralen“ Staaten verwehrt wurde. Letztendlich entwickelte sich ein Krieg der politischen Gegensätze – Faschisten gegen Sozialisten –, weshalb Tausende Ausländer freiwillig nach Spanien kamen, um auf der Seite der Regierung zu kämpfen. Allein es brachte nichts, denn die Faschisten waren der sogenannten Volksfront immer materiell überlegen durch ihre starke Unterstützung aus dem Ausland. Im März 1939 errangen sie den Sieg und wendeten die vermeintlich erwünschte Revolution im bis dahin stark feudalistisch geprägten Spanien ab.

Wie gesagt, rein von den Informationen her ist dieses Buch sehr interessant. Verleidet wird einem die Lesefreude aber einmal mehr durch die nervige weil übertriebene Rhetorik. Alle Sozialisten seien Helden gewesen, die sich immer vorbildlich verhielten und nie etwas Schlechtes taten. Jeden von ihnen konnte man bewundern, die Niederlage ging nur auf die ausländischen Invasoren zurück. Alle Westmächte waren Feinde, nur die Sowjetunion half den aufrichtigen Spaniern. Die Sozialisten der spanischen Republik wurden klar benachteiligt – keine Frage. Doch auch sie waren nur Menschen. Eine etwas objektivere, weniger ideologisch beladene Darstellung wäre daher wünschenswert.

Meine Bewertung: zwei von fünf Sternen

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Susanne Catrein und Christof Hamann, Was Fussball macht – Zur Kultur unseres Lieblingsspiels, 297 S., Steidl Verlag Göttingen, 2014.

Liest man Die Firma, der mein Gerz gehört: sechzehn Jahre mit dem berühmtesten Klub der Welt von Paul Ingendaay, bekommt man genau das, was nicht nur den fußballinteressierten Leser befriedigt, sondern was ganz einfach auch gut, unterhaltsam und informativ geschrieben ist. Mit Abstrichen kann in dem von Susanne Catrein und Christof Hamann herausgegebenem Sammelwerk Was Fußball macht auch noch Das Gegengift zum Kicker von Christoph Jürgensen oder Fußballballade vom schwarzen Samstag von Ror Wolf empfehlen. Die meisten anderen Texte verlieren mich aber sehr schnell auf ihrem Weg der Zergliederung und Überanalysierung des Volkssports.

Die Herausgeber haben offensichtlich versucht, eine Brücke zu schlagen von unterhaltsamen literarischen Stücken über den Fußball bis hin zur Analyse der Bedeutung dieser Sportart für unsere Gesellschaft, um zu zeigen, auf wie vielfältige Weise der Fußball Einzug in den Alltag gehalten hat. Nun mag dabei die eine oder andere Information über die Dimensionen, die der Fußball erreicht hat, ganz interessant sein. Was für mich ganz und gar nicht interessant ist sind psychologische oder soziologische Interpretationen, die auf mich den Eindruck erwecken, als wären sie angefertigt, um den Autoren ein Beschäftigungsfeld zu sichern oder um ihnen zu ermöglichen, Hobby und Beruf miteinander zu vereinen. Der Fußball findet sich hierzulande unbestritten überall, aber man kann es wie in vielen anderen Gebieten auch mit der Interpretation seiner Bedeutung übertreiben. Möchte man einen Einblick in die geisteswissenschaftliche Analyse dieses Sports gewinnen, könnte dieser Sammelband vielleicht hilfreich sein. Als lesenswerte und spannende Lektüre dient sie bis auf die genannten Ausnahmen leider nicht.

Meine Bewertung: einer von fünf Sternen

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Laszlo Arany, Ungarische Volksmärchen, 219 S., Corvina Kiado, 1984.

Machen wir es kurz: Als ausgesprochener Märchen-Liebhaber war ich von dieser ungarischen Sammlung enttäuscht. Vernachlässigen kann man dabei schon fast die Tatsache, dass einige Märchen nur eine andere Version von Grimm-Erzählungen darstellen, was mich durch die damals übliche Mund-zu-Mund-Überlieferung über Jahrhunderte nicht wundert. Nervig waren schon eher die sich immer wiederholenden Motive, ermüdende Handlungsstränge und die wenig berauschenden Inhalte. Nicht ein einziges der ohnehin durchweg kurzen Märchen finde ich erwähnenswert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die ungarische Märchenwelt nicht mehr zu bieten hat und gehe daher davon aus, dass es sich bei der Sammlung von Laszlo Arany ganz einfach um eine Zusammenstellung handelt, die meinem Geschmack so gar nicht entspricht. Einziger Pluspunkt ist vielleicht, dass man meiner Meinung nach nie zu viele Märchen kennen kann und gute erst dann so richtig zu schätzen weiß, wenn man auch eine Reihe schlechte gelesen hat.

Meine Bewertung: einer von fünf Sternen

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T. Coraghessan Boyle, East is East, 364 p., Bloomsbury, 1996.

Once you have read a novel that in your eyes is a true masterpiece, your expectations regarding a certain author may be so high that disappointment becomes a possible companion. Take T. C. Boyle for example. After listening to the book on tape version of Water Music at least ten times and reading World’s End I have discovered that he is my favorite contemporary writer. The depth of his characters, his sophisticated language, his fascinating plots, and the use of several perspectives makes Boyle truly a master of his art. Therefore, it seemed obvious to me that I had to read his other works as well. Now that I have finished East is East however, my enthusiasm has somewhat faded away. East is East is not bad, but it certainly does not reach the entertaining quality of the two other novels mentioned above and because of this did not meet my expectations.

Hiro Tanaka is an unhappy man. As a low ranking cook on a Japanese ship cruising along the American shore, he has to face constant humiliation and violence. His situation back home in Japan is hardly more promising as he is not purely Japanese. His father was an American who decided to leave the country once he got Hiro’s mother pregnant. Neither the Japanese nor the Americans view Hiro as one of them. When the situation on board becomes unbearable, Hiro decides to jump ship and swims to the shores of Savanna, Georgia. He knows that the Americans are not going to welcome him – an illegal immigrant – with open arms and stays hidden in the swamp. After a few days, hunger and injuries drive him towards civilization. An old man dies of a heart attack when the little Asian unexpectedly turns up in his garden. Soon the unknown refugee is wanted for alleged murder and is hunted by self-righteous locals. Eventually, he comes across a colony of writers who live more or less isolated in the forest in the hope of inspiration. There, he finally finds food at the shack of an unsuccessful writer called Ruth. She had somewhat expected and hoped for him to come ever since the night she saw him swimming in the sea while she was making love to her boyfriend on a boat. From that point on, she not only thought of Hiro as someone who needed help, but also as an inspiration – and an adventure. Subsequently, Ruth and Hiro came into contact with each other. She promises to help him and he puts his faith in her until he feels betrayed after the police finally catch up with him and arrest him at her shack. The story does not however end here. Thoughts of mighty Samurai give him hope and help him move on. He successfully breaks out of prison only to get caught up in yet another hunt through the swamps.

Towards the end, East is East does pick up momentum and becomes more interesting to read. The first half of the book, however, is more disappointing. In comparison to his other novels, Boyle was unable to create a plethora of fascinating characters and intertwined plots. The feeling of wanting to read on without pausing never really set in. Nevertheless, Boyle succeeded in touching ones compassion. In the end, I did feel sorry for poor Hiro who had hoped for a better life in the city of brotherly love, as he called it, but who could neither get there nor out of his misery of being hunted through the swamps. In my eyes, East is East is not one of Boyles better pieces, but certainly still better than most other books I have read so far. It might not be a masterpiece, but I am tempted to say that a writer with Boyle’s qualities will never deliver truly bad work.

 My rating: three out of five stars

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Brüder Grimm, Deutsche Sagen, 329 S., Rütten & Loening Berlin, 1983.

Nach einem Abstecher zur zeitgenössischen Literatur hat mich mit Deutsche Sagen der Brüder Grimm der Bücherkeller meiner Eltern wieder. Viele Leser, die noch nicht ganz von den neuen Medien „verdorben“ wurden, kennen sicherlich einige klassische Märchen, die untrennbar zum deutschen Kulturgut gehören. In diesem Buch findet man aber weder Schneewittchen und die sieben Zwerge, noch Rotkäppchen oder Rumpelstilzchen. Stattdessen handelt es sich um das, was die Gebrüder Grimm hauptsächlich getan haben: Sie sind durch die deutschen Lande gereist, um alle möglichen Anekdoten und Sagen, die sie aufschnappen konnten, niederzuschreiben. 585 Stück finden sich auf den 329 Seiten des Sammelbandes Deutsche Sagen, was allein verdeutlicht, dass es tatsächlich nur um kurze Erzählungen und nicht um ausformulierte Märchen geht.

Die meisten davon waren mir dementsprechend gänzlich unbekannt. Interessant dabei ist aber, dass man auf viele Anekdoten mit Bezügen zu tatsächlichen Orten und Zeiten stößt. Manche erklären den Ursprung eines Ortsnamens, eines Familiengeschlechts oder einer Redewendung. Viele dienen als Blick in die Vergangenheit, da sie verdeutlichen, welche Fantasien, Vorurteile, Ängste und Hoffnungen Teil des Volkskörpers waren. So verdeutlicht beispielsweise die Sage Der Judenstein den in Zentraleuropa tief verwurzelten und schon seit Jahrhunderten bestehenden Judenhass. Außerdem ist Aberglaube und die Angst vor Gottes Rache, dem Teufel oder Geistern immer wieder ein Thema. Viele der Anekdoten enden auf die denkbar schrecklichste Weise und sind objektiv betrachtet für Kinder nicht geeignet. Mein persönlicher Favorit ist die Sage Der Brennberger (erste und zweite Sage, 505 und 506). Der Ritter bettete die schöne Königin am Hofe zu Wien an. Diese sagte, er solle ihr beweisen, dass sie tatsächlich für ihn die schönste Frau der Welt sei und sie mit der Königin von Frankreich vergleichen, der eben jene Eigenschaft zugesagt wurde. So zog Brennberger gen Paris, verkleidete sich als Krämerin und erlangte so Zutritt zum Palast, da die Königin seine Ware gekauft und ihn mit freier Übernachtung belohnen wollte. Als der Ritter nun nach Wien zurückkehrte, bestätigte er seiner Angebeteten, dass die französische Königin wahrlich sehr schön sei, dass die Königin zu Wien für ihn aber trotzdem die Schönste sei. Von diesem Werben erfuhr schließlich der König in der zweiten Sage und ließ Brennberger auf der Stelle köpfen. Sein Herz ließ er kochen und seiner Gemahlin vorsetzen. Er fragte, ob sie wüsste, was ihr gerade so gemundet hatte und eröffnete ihr, dass sie das Herz ihres Geliebten gegessen hatte. Daraufhin verzweifelte die Königin, schloss sich in ihre Kammer ein, aß und trank nichts mehr und starb am zwölften Tag. Dem König reute seine List so sehr, dass er sich ein Messer nahm und sich erstach.

Jedem, der ein Einblick in die urdeutsche Sagenwelt werfen möchte, sei dieses Kulturgut namens Deutsche Sagen der Brüder Grimm empfohlen.

Meine Bewertung: fünf von fünf Sternen

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Ken Follett, Winter der Welt, 1024 S., Lübbe Verlag Köln, 2012.

Eine unerwiderte Liebe ob der großen sozialen Unterschiede zur Angebeteten, die letztendlich doch erfüllt wird; ein Dutzend Protagonisten, die im Laufe der Handlung wie auf wundersame Weise alle miteinander in Kontakt kommen; Folter-, Vergewaltigungs- und Mordszenen; Klassenzugehörigkeit als entscheidendes Charakteristikum für die individuellen Unterschiede der Hauptdarsteller (die guten Armen, die schlechten Reichen); unbedeutende Darsteller und „die Bösen“ sterben, für die Hauptfiguren dreht sich am Ende alles zum Guten; Religion spielt eine subtile, aber stets vorhandene Rolle; und, und, und. Wer mehr als ein Buch von Ken Follett gelesen hat, wird so wie ich möglicherweise schnell feststellen, dass sich bestimmte Motive mit zuverlässiger Regelmäßigkeit wiederholen. Der Roman Winter der Welt stellt dabei keine Ausnahme da. Follett weiß, wie man historisch gut recherchierte Texte interessant niederschreiben kann, doch ihm fehlen die Ideen und die Unberechenbarkeit beispielsweise eines T.C. Boyle. Bei Follett gibt es die Guten und die Bösen – und dazwischen eigentlich nichts. Nur ist die Welt nun einmal nicht nur schwarz oder weiß. Die Handlungsstränge des britischen Autors sind vorhersehbar, die Schicksale zunächst von Tiefschlägen erschüttert, am Ende bei den „Guten“ aber durchweg positiv. Kurz: Follett geht es nicht um eine realitätsnahe Schilderung menschlicher Schicksale, sondern um schnöden Hollywood-Kitsch.

Thematisch finden wir uns zunächst in den Jahren vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wieder. Die Protagonisten kommen aus der Sowjetunion, den USA, Großbritannien und Deutschland. Alle wird im Laufe des Romans eines einen: der gemeinsame Kampf gegen die Nazis. Daneben geht es aber – typisch für Follett – um Menschen, die in ihrer Beziehung oder ob des Mangels einer solchen unglücklich sind, die fremd gehen oder betrogen werden, die gesellschaftlichen Anschluss suchen oder ihre Rolle im Leben noch finden müssen. Über mehr als 1000 Seiten entwickelt sich dann ein Roman, der gute Ansätze hat (gut recherchierte historische Fakten, viele Charaktere, angenehmer Schreibstil), ob der genannten Schwächen irgendwann aber doch zu eintönig wird. Es fehlt das Überraschungsmoment, die Spannung, die Tiefe der Charaktere. Doch das will Follett auch gar nicht. Er schreibt nicht für Menschen, die sich mit der Vielschichtigkeit der Realität abgeben, sondern für solche, die nach Happy Endings lechzen und im wahren Leben dann umso trauriger sind, da die Hollywood-Mentalität kein Lebensmodell, sondern eine Fantasie ist.

Meine Bewertung: zwei von fünf Sternen

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Ayaan Hirsi Ali, Infidel, 355 p., Free Press New York, 2007.

Today in times of increasing numbers of refugees, the question of integration seems to be more important than ever before. It is a fact that most western societies have not succeeded in integrating immigrants. Instead, in the most extreme of cases groups of different religions, nationality, or ethnicity are divided and live next to each other when they should be living with each other. The question has to be asked why this is the case. Why do many immigrants have to face stigmatizations? Why, on the other hand, do so many immigrants refuse to integrate themselves into the society they chose to live in? Ayaan Hirsi Ali, a Somali woman who found refuge in the Netherlands, might be able to contribute to the debate with her perspective and story as an immigrant that she describes in her book Infidel.

Ali does not explicitly write about failed integration politics in European societies, but about the horror of her childhood in Somalia and the rise of Islam. However, as someone who gratefully became a European by taking on Dutch citizenship, Ali knows how integration could work and what our societies do that might hinder that process. In fact, Ali even became a member of the Dutch parliament – until she had to leave the country again due to death threats after she started to criticize Islam in public. In her opinion, western societies are too tolerant when it comes to the habits and traditions of immigrants. What might sound like a statement from a right wing party seems reasonable when considered thoroughly. Even in our secular societies the genitals of little children are mutilated, women and girls are battered and exploited, honor in some cases is considered more important than the law, and democratic principles are violated all in the name of religion or tradition. The problem might not be that these things are legal – they are not, even for immigrants- but that they are not condemned as harshly as they should be in the name of tolerance towards minorities. Many times, Ali concludes, we might forget that societies can only function if everybody plays by the rules. Instead of questioning our secular laws and principles when someone feels offended by them, we should question that person’s attitude.

Ali especially refers to the role of Islam. In theory, it might be true that Islam is a religion of peace. In reality, however, hate, discrimination, mutilation, a lack of democratic rights and institutions, intolerance, and the inequality between men and women are characteristics of many Islamic societies. Whereas parodies of Christian beliefs usually only lead to mild criticism, making fun of or criticizing Islam often leads to violence. It might be true that most Muslims have no interest in violence, but again it is also true that it is a reality that many Muslims will use force if they think it is appropriate. The mistake that western societies then make is that they might question the freedom of speech before condemning heinous acts that are committed because of intolerance. Islam itself might not be the sole cause of this behavior, but it certainly does not prohibit it either. It is telling that a refugee who was grateful to be given a second chance in a western society now urges us to defend our principles. Tolerance is not an absolute good. Intolerance of behaviors that are evil and harmful are a moral duty to say the least.

My rating: four out of five stars

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T. Coraghessan Boyle, World’s end, 456 p., Bloomsbury, 1996.

In times of deteriorating languages, one simply has to admire the works of authors such as T. C. Boyle. Granted, Boyle uses a language so vivid, so full of pictures and paraphrases that at times it was not easy for me as a non-native speaker to understand everything in his novel World’s end. However, this did not bother me the least but instead just pointed out how much vocabulary is still out there to be learned. It is not just the language however that makes Boyle one of my favorite contemporary authors, it is also his creativity, the depth of his characters, and the sophisticated plots.

World’s end is fictional but it was inspired by certain events in Boyle’s life. Walter Van Brunt, the main character, is of Dutch decent – just like Boyle – and has everything but the kind of relationship with his father one would hope for – again, just like Boyle. In his novel, Walter is haunted by delusions and hallucinations that drive him into an accident where he loses one of his feet. Despite his handicap and his mental instability, his girlfriend Jessica, who he had never been faithful to, married him only to find out shortly after that Walter was cheating on her with a girl named Mardi. Mardi happens to be the daughter of Depeyster Van Wart, heir to an influential family that gained power over centuries in that region in the state of New York through aggression and deceit at the expense of families such as the Van Brunts. Indifferent to this history, Walter befriends Van Wart and deliberately changes sides – just like his father once did before he left.

World’s end is multi-dimensional and takes the reader into three different time periods which are all connected to each other, starting with Dutch settlers on the east coast of the soon to be United States of America. Indians are part of the story as well, in past and present. The baseline is that past events inevitably influence the present and future. It is not always easy to follow the plot as Boyle switches between time periods and characters, but once you get into it, it really grabs your attention. What I like about his characters is that Boyle does not create images in black or white, people who are only good and those who are only bad. Instead, they are all flawed, sometimes weak, sometimes courageous, but always changing which causes the readers opinion of each character to also change throughout the book. The amount of characters might be confusing as well as Boyle’s vivid language which seems to be a little bit over the top at times, but his fantasy, the depth of his characters, the rich vocabulary, and the unconventional turn of events make World’s end a must read.

My rating: five out of five stars

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Bill Bryson, Streiflichter aus Amerika – Die USA für Anfänger und Fortgeschrittene, 349 S., Goldmann Verlag München, 2002.

Ich tue mich normalerweise recht schwer damit, über einen geschriebenen Text zu schmunzeln oder gar zu lachen, aber bei Bill Brysons Streiflichter aus Amerika hat es mich tatsächlich mehrmals gepackt. Dabei geht es nicht nur um die unterhaltsamen Anekdoten aus seiner Heimat in den USA (mit denen man natürlich mehr anfangen kann, wenn man die USA gut kennt), sondern vor allem um die Art, wie er sie formuliert. Bryson ist ein Zyniker vor dem Herrn und zieht über alles her, was ihm nicht passt. Da er sich meistens aber auch selbst aufs Korn nimmt, kann ich ihm seine Angriffe nicht übel nehmen, denn Selbstironie ist die Grundvoraussetzung dafür, sich über andere lustig zu machen.

Der gebürtige US-Amerikaner Bryson, der vor allem durch seine schriftstellerischen Weltreisen bekannt ist, zog in seinen jungen Jahren nach Großbritannien, wo er seine Frau kennenlernte und mit ihr vier Kinder aufzog. Irgendwann zog es ihn zusammen mit der Familie dann aber wieder in die USA, genauer gesagt nach Hanover in New Hampshire. Als Kolumnist war er aber nach wie vor für eine britische Zeitung tätig und berichtete so regelmäßig von den Eigenheiten seiner Landsleute. Streiflichter aus Amerika ist eine Sammlung genau dieser Kolumnen. Neben seiner zynischen Art weiß Bryson auch durch eine Fülle und kuriosen Anekdoten zu gefallen, die er im Laufe seines Lebens angesammelt hat. Insgesamt geht er mit den Amerikanern hart ins Gericht, vergisst dabei aber meist nicht, auch seine eigenen Makel zu betonen. Tatsächlich ist es ein wenig ärgerlich, dass ich dieses Buch auf Deutsch und nicht auf Englisch besitze, denn bei Übersetzungen geht immer etwas verloren. Außerdem sind viele der Geschichten nicht mehr aktuell, da das Buch schon 1998 als Notes from a big Country erschien. Nichtsdestotrotz ist es eine unterhaltsame Lektüre, die dem Leser einige Eigenheiten der USA auf humoristische Weise näher bringt.

Meine Bewertung: vier von fünf Sternen

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Echtermeyer, Deutsche Gedichte – Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 942 S., Cornelsen Verlag Berlin, 2010.

Das Pferd und die Bremse von Christian Fürchtegott Gellert, Prometheus von Johann Wolfgang von Goethe, Der Handschuh von Friedrich Schiller, John Maynard von Theodor Fontane, Der Panther von Rainer Maria Rilke, Kinderhymne von Bertolt Brecht, Die Entwicklung der Menschheit von Erich Kästner und nicht viele andere mehr – es gibt so unzählig viele schöne und melodische Gedichte in der deutschen Sprache. Es handelt sich um ein Kulturgut, das meiner Meinung nach viel zu sehr vernachlässigt wird. Wer kann schon ein Gedicht rezitieren? Um mich selbst an die Schönheit dieser Tradition zu erinnern, hatte ich mir den Sammelband Deutsche Gedichte besorgt.

Auffällig war dabei vor allem eines: Viele der ältesten Gedichte in dem chronologisch aufgebauten Buch sind für mich schwer zu verstehen, da sich die deutsche Sprache über die Jahrhunderte eben geändert hat. Die Gedichte aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg geben mir aber noch weniger und sind so unverständlich geschrieben, dass sie teilweise abstrakten Gemälden mit willkürlich scheinenden Strichen und Kreisen ähneln. Sicher, es wird auch zeitgenössische Gedichte geben, die mich ansprechen. In diesem Sammelband hat man sich aber dazu entschieden, genau die auszuwählen, die bei mir nur Kopfschütteln hervorrufen. Zum einen – das gebe ich zu – gehöre ich zu den nostalgischen Romantikern, für die sich ein Gedicht ganz einfach reimen muss. Zum anderen kann ich mit unzusammenhängenden Worten und Satzfetzen rein gar nichts anfangen. Auf den Hinweis, dass ich ein Bild als völlig banal und nichtssagend empfand, sagte mir ein Künstler einmal, dass die Kunst eben genau darin besteht, es trotzdem abzubilden, da es die meisten Menschen eben nicht tun würden. Aha!

Für mich wäre es also besser gewesen, Gedichte aus den letzten fünfzig Jahren aus diesem Sammelband zu verbannen, aber auch so stellt er einen netten Streifzug durch die Vielfalt deutscher Gedichte (bei denen die eingangs erwähnten zu meinen Lieblingsstücken gehören) dar.

Meine Bewertung: drei von fünf Sternen

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Robert Schneider, Schlafes Bruder, 204 S., Reclam Taschenbuch Stuttgart, 2010.

Man kann natürlich trefflich darüber streiten, ob ein Film oder das Buch, auf dem der Film basiert, besser ist. Die meisten Kritiker geben in der Regel dem Buch den Vorzug, vergessen dabei aber meiner Meinung nach manchmal, dass man die beiden Medien nicht unbedingt eins zu eins vergleichen kann bzw. sollte. So finde ich im Falle von Robert Schneiders Schlafes Bruder sowohl den Film, den ich zuerst sah, als auch das Buch, dass ich später lass, gleichsam gelungen. Sicher, beide unterscheiden sich in vielen Details, aber nach dem Lesen des Romans finde ich ohnehin, dass bestimmte Beschreibungen ganz einfachen nicht verbildlicht werden können und stattdessen der Fantasie des Lesers überlassen bleiben. So oder so ist Schneiders fiktives Werk gelungen und in jeglicher Form empfehlenswert.

In einem vom Rest der Welt weitgehend abgeschotteten Alpendorf, Eschberg, kommt Johannes Elias Alder 1803 als zweiter von drei Brüdern zur Welt. Schnell wird den Eltern bewusst, dass das Kind anders ist und nicht so recht in die verbohrte, rückständige, inzestöse und verbitterte Dorfgemeinschaft passt. Elias hat das absolute Gehör und glaubt seit dem Tag seiner Erleuchtung alles, ja selbst Gott hören zu können. Da seine Wandlung zum musikalischen Genie nicht erkannt und bestenfalls verkannt wird, fristet der begnadete Junge eine einsame Kindheit, da ihn seine Eltern ob seiner Wunderlichkeiten wegsperren. Sein einziger Freund ist Peter, der Spross eines Verwandten, der Elias Genie erkennt, ihn darum beneidet – und ihn deshalb fortan zu manipulieren versucht, um ihn an seiner Entfaltung zu hindern. So hat Peter – der sich schließlich in Elias verliebt – ein Problem damit, dass der musikalische Junge gerade in Peters Schwester Elsbeth die Frau sieht, die für ihn bestimmt ist. Doch auch ohne Peters störenden Einfluss hat Elias ein Problem: Er ist voll von Liebe, kann diese aber nicht so ausdrücken, dass der Rest der Welt, allen voran Elsbeth, ihn verstehen könnte. So bleibt sein Streben nach Glück unerfüllt, bis er schließlich Gefahr läuft, Elsbeth zu verlieren. Davon abgesehen ergibt es sich, dass Elias das Spielen der Kirchenorgel nach dem Todesfall seines einstigen Lehrers übernimmt – und so die Menschen erstmals sein musikalisches Genie erkennen.

Für mich ist Schlafes Bruder mehr als nur eine fiktive Geschichte über ein verkanntes Genie. Sicher, die göttlichen Anspielungen und die teilweise übermenschlichen Fähigkeiten Elias haben keinen Bezug zur Wirklichkeit, aber wie gut kann ich mir vorstellen, dass viele Menschen in dieser Welt zu Grunde gehen, nur weil sie nicht in das von einer Gesellschaft vorgegebene Muster passen und daran verzweifeln? Elias war so ein Mensch, dessen einziges Verbrechen es war, anders zu sein und der nur deshalb von seinen Mitmenschen meist verachtet wurde. Nicht nur im fiktiven Eschberg gibt es einen Elias, sondern auch unter uns – hundertfach, tausendfach. Es ist an uns, dem Scheitern dieser Menschen beizuwohnen – oder ihnen zu helfen.

Meine Bewertung: fünf von fünf Sternen

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Konstantin Simonow, Tage und Nächte, 336 S., Verlag Volk und Welt Berlin, 1948.

Die Schlacht um Stalingrad – dem heutigen Wolgograd – ist wie keine andere sinnbildlich für den erbitterten Kampf der angegriffenen Völker gegen Nazi-Deutschland im Gedächtnis geblieben. Man mag sich kaum ausmalen, was passiert wäre, wenn Leningrad, Moskau und eben Stalingrad gefallen wären und es dem Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg gelungen wäre, ganz Europa zu unterjochen. Doch entgegen jeglicher militärischen Vernunft stemmten sich die Sowjets mit jedem einzelnen Soldaten dem anfangs übermächtig erscheinendem Gegner entgegen, verteidigten jeden Quadratmeter Boden, hielten die Städte in Russlands Zentrum und leiteten so die Wende im Krieg ein. Was ein solcher Krieg ob der Unmengen an Maschinen, Orten und Menschen für jeden Einzelnen aber bedeutet hat, kann man sich kaum ausmalen.

In Tage und Nächte beschreibt Konstantin Simonow wenige Wochen im Alltag sowjetischer Soldaten in der Schlacht um Stalingrad im Herbst und Winter 1942/43. Hauptmann Saburow trifft mit seinem Regiment in der schwerumkämpften Stadt an der Wolga ein, als die Deutschen kurz davor stehen, sie vollständig einzunehmen. Nur am Ufer des mächtigen Flusses hält sich die Rote Armee noch und versucht verzweifelt, den Durchbruch der Reichswehr zur Wolga zu verhindern. So hoffnungslos die Lage auch scheint, jedem Soldaten ist bewusst, dass Rückzug keine Option ist, denn so würde der Feind nur noch weiter in das Herz Russlands vorstoßen können. Um jedes Haus wird in entnervenden Straßenkämpfen erbittert gekämpft. Minen und Bomben gehen solange auf die Stadt nieder, bis sie zur Unkenntlichkeit entstellt ist. Der Vorstoß der Deutschen erlahmt, die Sowjets schaffen es tatsächlich, ihre Stellungen zu halten. Dennoch hat jede Gruppe täglich Tote und Verwundete zu beklagen. Jedoch, inmitten der Hölle auf Erden, verliebt sich Saburow in die junge Krankenschwester Anja. Sie können nicht viel Zeit miteinander verbringen, schmieden aber dennoch Hochzeitspläne und träumen von einer besseren, gemeinsamen Zukunft – bis Anja von einer Handgranate schwer verwundet wird.

Wer sich mit dem Gräuel der Schlacht um Stalingrad vertraut machen möchte, für den könnte Tage und Nächte ein geeigneter Einstieg sein. Simonow nahm selbst am Krieg als Berichterstatter teil und kann daher ein durchaus realistisches Bild der Geschehnisse vermitteln. Unvermeidbar scheint dabei aber die sowjetische Propaganda Einzug in sein Werk zu halten. Alexander Solschenizyn kritisiert in seinem Roman Krebsstation genau diese Eigenschaft der sowjetischen Literatur. Es wird nicht alles so dargestellt, wie es ist, sondern es wird alles so dargestellt, dass das eigene Volk, die eigenen Soldaten als Helden glänzen können, die die Welt besser machen. Die Liebesgeschichte zwischen Saburow und Anja wirkt unglaubwürdig und mag nur dem Zweck dienen, den Menschen einzureden, dass Liebe und Gutes überall zu finden wäre. Von schändlichem Verhalten der Sowjets erfährt man in der Regel nichts, sondern immer nur von Wohltaten hilfsbereiter Kommunisten. Ist man sich dessen bewusst, so kann Tage und Nächte durchaus als wertvoller Zeitzeugenbericht durchaus in Betracht gezogen werden, wenn es um den Kriegsalltag geht.

Meine Bewertung: drei von fünf Sternen

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Alexander Tschakowski, Der Sieg – Zweites Buch, 274 S., Verlag Volk und Welt Berlin, 1981.

Als im Pazifischen Ozean noch immer der Zweite Weltkrieg tobte, verhandelten die Siegermächte im Juli 1945 bei der Potsdamer Konferenz bereits über die Zukunft des zerstörten Europas. Offensichtlich war dabei, dass Josef Stalin und seine sowjetische Delegation andere Ziele verfolgten als Harry Truman und die USA bzw. der cholerische Winston Churchill und das Vereinigte Königreich von Großbritannien. Nur wenige Wochen später sollte ein menschenrechtswidriges Verbrechen – der Abwurf von Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki – die Verhandlungsposition der USA deutlich verändern. Nichtsdestotrotz konnte die UdSSR sich mit vielen Forderungen durchsetzen, z.B. bei der Frage der neuen polnischen Grenzen und bei ihrem Einfluss in Osteuropa.

Als Korrespondent des sowjetischen Informationsbüros ist Michail Woronow in Potsdam vor Ort. Genauso wie allen anderen Journalisten auch fällt es ihm schwer, Informationen von den geheimen Verhandlungen der Staatsmächte zu bekommen. Stattdessen verbringt er seine Zeit mit britischen und amerikanischen Journalisten in der Hoffnung, zuverlässige Auskünfte zu erlangen. Als er sich jedoch als einziger Sowjet auf einer Veranstaltung wiederfindet, deren Ziel es ist, gegen die UdSSR zu hetzen, lässt er sich zu einem womöglich folgenschweren Aussetzer hinreißen.

Alexander Tschakowski schafft es in seinem Roman Der Sieg, die Aufmerksamkeit des Lesers auf unterschiedlichen Ebenen zu fesseln. Zum einen gelingt ihm der Spagat zwischen verschiedenen Zeitabschnitten. Ohne große Verwirrung zu stiften befinden sich die Charaktere nämlich einmal auf der Konferenz um Zusammenarbeit in Europa 1973 in Helsinki, dann auf der Friedenskonferenz in Potsdam 1945 und in Ausschnitten auch im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Sowjets. Andererseits werden nicht nur die Geschichte und das Handeln von Woronow erzählt, sondern auf glaubwürdige – wenn wohl auch erfundene – Weise ebenfalls die Debatten zwischen Stalin, Truman und Churchill nachgestellt. Zwar bleibt Tschakowski dabei stets auf der erwarteten sowjetischen Seite – etwa bei der Unterstellung, die Briten würden in ihrer Besatzungszone deutsche Divisionen darauf vorbereiten, erneut gegen die UdSSR in den Krieg zu ziehen –; dennoch finden sich auch vorsichtig kritische Töne in seinem Buch wieder, die man in den meisten sowjetischen Büchern nicht findet, wenn er beispielsweise Stalin als selbstverliebt und machtbesessen beschreibt.

Tatsächlich hat mir das Buch trotz des etwas zähen Beginns so gut gefallen, dass ich es schade finde, in diesem Fall nicht auch noch den ersten und dritten Band im Reservoir meiner Eltern gefunden zu haben. Die Einblicke in die Potsdamer Friedenskonferenz von 1945 muss man womöglich mit einer gewissen Vorsicht betrachten. Lesenswert sind sie aber allemal.

Meine Bewertung: vier von fünf Sternen

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Heinz Kruschel, Das Mädchen Ann und der Soldat, 243 S., Deutscher Militärverlag Berlin, 1964.

Ann ist schön – und sich ihres Einflusses auf die Männer voll bewusst. Die junge Frau genießt es, die spendablen Herren nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen und ist meilenweit davon entfernt, sich irgendwann einmal festzulegen und sich einen Partner für das Leben zu suchen. Doch wie so oft steckt hinter der selbstbewussten Fassade eine Frau voller Selbstzweifel, die aus einem schwierigen Elternhaus mit einem immer noch überzeugten Nationalsozialisten als Vater und einer hörigen Mutter stammt. Irgendwann trifft Ann aber den attraktiven Soldaten der Nationalen Volksarmee Walter Sixtus. Der junge Mann verliebt sich sofort in die unberechenbar scheinende Arbeiterin, die ihn zunächst – wie alle anderen Männer auch – aber zappeln lässt. Walter ist jedoch anders als ihre sonstigen Liebhaber und wird es schließlich schaffen, tiefer in die Welt der Ann Plitzko einzutauchen, als es bei ihren anderen, oberflächlichen Liebschaften üblich war, auch wenn er dafür einiges riskieren muss.

Das Mädchen Ann und der Soldat mutet wie ein 08/15-Roman der damaligen Zeit an. Hat man schon vergleichbare Bücher aus der DDR zu diesem Thema gelesen, langweilt man sich schnell bei der vertrauten Rhetorik und idealistischen Einfärbung. Die Handlung ist dünn, das Ende kitschig, die Charaktere ohne Tiefe. Zusätzlich nervten mich persönlich pseudo-philosophische Dialoge zwischen Ann und Walter. Einziger Vorteil solcher Bücher ist, dass man einen Einblick in gewisse Alltäglichkeiten der Vergangenheit, wie etwa das Leben als NVA-Soldat oder die Arbeit in einer Fabrik, gewinnen kann.

Meine Bewertung: einer von fünf Sternen

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Dimitar Dimoff, Tabak, 923 S., Verlag Volk und Welt Berlin, 1960.

Im Bulgarien der 1930er Jahre herrscht große Armut. Viele Menschen sind auf der verzweifelten Suche nach Arbeit. Einige kommen bei einer der großen Tabakfirmen unter. Dort werden die Menschen zwar ausgebeutet, erkranken und stumpfen ab, eine andere Wahl haben sie allerdings nicht. Dass ist natürlich auch den Besitzern der Firmen klar, die aus ihrer Machtstellung heraus unerbittlich jeden Tropfen aus den wehrlosen Arbeitern herauspressen. Eine der größten Tabakfirmen ist die Nikotiana, die von Boris geleitet wird, dem Sohn eines engstirnigen Dorfpolizisten. Doch während Boris rücksichtslos nach Profitmaximierung strebt, sind seine Brüder Stephan und Pawel von einem anderen Schlag und wenden sich den Kommunisten zu, die die Arbeitsbedingungen der Arbeiter verbessern und die Herrscherklasse als Ganzes stürzen wollen. Die Spannungen zwischen den Geschwistern nehmen zu, doch völlig feindselig stehen sie sich zunächst nicht gegenüber, obwohl Boris zur Umsatzsteigerung immer tiefer in Geschäfte mit dem aufstrebenden Deutschen Reich verwickelt ist. Schließlich reicht es seinen Angestellten jedoch. Angestachelt von den Kommunisten kommt es zu landesweiten Streiks, die blutig niedergeschlagen werden. Im zweiten Teil des Buches Tabak von Dimitar Dimoff finden wir uns im Zweiten Weltkrieg wieder. Während Boris und seine Entourage weiterhin nur das eigene Geschäft im Sinn hat, befindet sich Pawel mittlerweile im Kampfeinsatz für die Partisanen. Schließlich wendet sich das Kriegsglück – und aus den Jägern werden irgendwann Gejagte.

Es ist schade – um nicht zu sagen ärgerlich –, wenn man nach 923 Seiten ein Buch zur Seite legt und sich denkt, man hätte besser was anderes mit seiner Zeit angefangen. Vieles nervt an diesem Wälzer einfach nur. Da ist ein Ende, das kein Ende ist, da der Autor den richtigen Moment verpasst hat und seine Geschichte viel zu sehr in die Länge zog. Da gibt es einfarbige Charakter, die entweder gut oder schlecht, aber kaum eine Mischung aus beidem sind. Als ob die Welt so simpel wäre! Da gibt es haufenweise Passagen, die einfach nur überstreckt und langweilig sind. Da gibt es den üblichen sowjetischen Populismus, dass der Sozialismus siegen und alles besser machen wird. Da gibt es die Mär von Grund auf bösen Menschen, die – mit dem Kommunismus in Kontakt gekommen – plötzlich alles bereuen und bessere Menschen werden wollen. Nein, Tabak ist kein empfehlenswertes Buch, wenn man nicht gerade etwas über die Tabakverarbeitung in Bulgarien in den 1930er Jahren lernen möchte. Lediglich ein paar Passagen, die anschaulich die Aktivitäten der Partisanen beschreiben, lohnen den Aufwand. Was das Buch braucht ist ein deutliches Lifting. Wenn man so wenig erwähnenswerte Handlung auf so viele Seiten streckt, kann nichts Gutes dabei herauskommen.

Meine Bewertung: einer von fünf Sternen

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Homer, Ilias, 520 S., Insel Verlag Berlin, 2012.

Schon seit Menschen gedenken können sind sie fasziniert von Mythen und Legenden. Dabei spielt es heutzutage für Leser wie mich gar keine Rolle, ob die erzählten Taten und Personen historisch authentisch und wahr sind, sondern der Unterhaltungswert der Fantasiegeschichte an sich macht das Werk lesenswert. Egal ob die Bibel, die Grimmschen Märchen oder eben Homers Ilias – sie alle liefern interessante Anekdoten über längst vergangene Zeiten, an denen einiges wahr, vieles hingegen reiner Mythos ist. Sie alle haben auch gemein, dass sie fast weltweit sehr bekannt sind durch die ihnen eigene Faszination. Auch wenn historisch weder die Zeit noch der Ort genau bekannt sind, so ist doch fast jedem die Schlacht um das sagenumwobene Troja, die im Ilias beschrieben wird, ein Begriff.

Der junge Prinz Paris, Sohn des Priamos, Herrscher von Troja, entführt nach einer Reise nach Griechenland die schöne Helena, Ehefrau des Königs Menelaos von Sparta. Dieser kann diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen und bittet seinen Bruder Agamemnon, Herrscher über die griechischen Stämme, mit ihm in den Krieg gegen Troja zu ziehen. Agamemnon stimmt zu und beide begeben sich mit einem riesigen Heer verteilt auf Hunderte Schiffe Richtung Troja in Kleinasien. Die gut befestigte Stadt ist aber schwer zu nehmen, sodass sich eine jahrelange Belagerung ergibt. Im zehnten Jahr des Konflikts setzt der erste Gesang (von 24) der Ilias ein.

Im Vergleich zu seinem feigen und liebestollen Bruder Paris ist Prinz Hektor der Stolz Trojas und der wichtigste Akteur im Kampf gegen die Achaier. Auf der anderen Seite befindet sich Achilleus, der stärkste und mächtigste Krieger, Sohn der Meeresgöttin Thetis und damit selbst ein Halbgott. Doch Agamemnon kränkt den Myrmidonier, in dem er ihm die schöne Sklavin Briseis wegnimmt, die ihm nach einem vorherigen Feldzug zugesichert wurde. So zürnt Achilleus den Achaiern, denen er einst in den Krieg gegen Troja gefolgt war und beschwert sich bei seiner Mutter Thetis über das ihm angetane Unrecht. Die Meeresgöttin bittet schließlich den Herrn des Olympos, Zeus (dessen größte Widersacherin interessanterweise seine Frau Here ist – überhaupt scheinen die Geschlechterrollen unter diesen Göttern sehr ausgeglichen und nicht von Männern dominiert zu sein), um Hilfe. Dieser verspricht, den Troern im Kampf so lange zur Seite zu stehen, bis die Achaier kurz vor der Vernichtung stünden und so um Hilfe flehend bei Achilleus angekrochen kämen.

So geschieht es. Tatsächlich ist die Schlacht von Troja aber nicht nur ein Kampf der Menschen, sondern immer wieder auch ein Kampf der verschiedenen Götter, die sich in Menschengestalt auf die ein oder andere Seite schlagen, um das Kampfgeschehen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Schließlich stehen die Troer tatsächlich kurz davor, die Achaier zu vernichten und ihre Schiffe in Brand zu stecken, als Patroklos, Achilleus bester Freund, nicht weiter tatenlos dem Treiben zusehen möchte und mit der Rüstung seines Gefährten in die Schlacht zieht. Dort gelingt es Hektor mit Hilfe der Götter, ihn zu töten. Erst jetzt kommt es zur Aussöhnung von Agamemnon und Achilleus, der nun aus Rache in den Krieg ziehen möchte. Das Schlachtenglück wendet sich, die Troer werden hinter ihre Stadtmauern zurückgedrängt – und Hektor steht endlich im entscheidenden Kampf Achilleus gegenüber.

So interessant diese Geschichten auch sind, so mühsam ist manchmal das Lesen auf Grund bestimmter Details. So wird oft endlos darüber berichtet, welche Person wen erschlagen hat, wer der Vater war und was als Racheakt passierte. Außerdem nerven direkt vor den Duellen die ewig langen Dialoge der Kontrahenten, für die sie auf dem Schlachtfeld unbegrenzt Zeit zu haben scheinen. Hinzu kommt insgesamt der Eindruck eines allzu künstlichen Handlungsverlaufs, da immer die Hauptdarsteller auf wundersame Weise überleben und schier übermenschliche Kräfte entwickeln.

Wer übrigens während des Lesens auf das berühmte Pferd wartet, mit dem die troische Feste doch noch gestürmt werden kann, wird enttäuscht. Ilias endet mit der Beisetzung von Patroklos auf der einen und Hektor auf der anderen Seite. Die Fortsetzung findet sich laut Nachwort in Homers Odyssee, in der bekanntlich Odysseus der Hauptdarsteller ist. Er kämpfte auf der Seite der Achaier gegen Troja und wird später der einzige Überlebende sein, der sich auf den langen Heimweg macht.

Insgesamt handelt es sich bei diesem Klassiker, der in dieser Version als Prosafassung auf den Übersetzungen von Karl Ferdinand Lempp (gestorben 1986) beruht, nach wie vor um eine faszinierende Geschichte, die zuweilen aber ihre Längen hat und etwas zu künstlich daherkommt.

Meine Bewertung: drei von fünf Sternen

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Hans Queling, Im Land der schwarzen Gletscher – Eine Forscherfahrt nach Tibet, 292 S., Societäts-Verlag Frankfurt a. M., 1937.

Man mag es sich heutzutage kaum vorstellen, unter welchen Bedingungen Forscher und Entdecker in der Vergangenheit die Grenzen des uns Bekannten erweiterten. Dabei verlangten gerade die geographischen Expeditionen ihren Teilnehmern extreme Entbehrungen ab und versetzten sie ein ums andere mal sogar in Todesgefahr. Auch Hans Queling und seiner Mannschaft drohte der Kältetod, der in den früher auf Grund mangelnder Technik noch gefährlicheren Gebirgen selbst die Einheimischen nicht verschonte. Immer wieder säumten die Knochen von Schafen, Pferden und manchmal auch Menschen den Weg der Expedition von Indien aus Richtung Tibet, die an den unmöglichsten Stellen auf heilige Symbole stieß und so den uralten Willen des Menschen, die Natur zu bezwingen, verdeutlichte. Wundern muss man sich dennoch, warum sich Menschen freiwillig in eine so unwirtliche Gegend selbst über 6000 Meter über Normalnull vorwagen.

Doch Im Land der schwarzen Gletscher ist nicht nur voll von spannenden Anekdoten bezüglich der Gefährdung der Expeditionsteilnehmer, sondern liefert auch interessante Einblicke in die Umwelt und in die Gepflogenheiten der Bergvölker, wozu auch die uralten Abbildungen beitragen. So stießen die Reisenden selbst Tausende Meter über dem Meeresspiegel auf blühende Gärten voll von den süßesten Früchten. Sie wurden Zeuge von religiösen und familiären Feierlichkeiten, die tagelang anhielten und für die die Menschen über extrem weite Entfernungen anreisten. Sie erlebten den Zug von Tausenden von Schafen mit, die je nach Jahreszeit mit ihren Hirten zwischen Indien und Tibet hin und her wanderten und manchmal auf den Passhöhen von der Witterung überrascht wurden. Die Eingeborenen an sich schienen freundlich zu sein, waren oft aber auch nicht darum verlegen, in der Interaktion mit den Fremden, den „Sahibs“, ihren Vorteil zu suchen. Insgesamt reiht sich Im Land der schwarzen Gletscher in die Reihe der alten Bücher ein, von denen im Rahmen dieser Rezessions-Reihe schon einige behandelt wurden und die auf interessante und kurzweilige Weise einstige Wissenschaftsreisen beschreiben und so mühelos Wissen vermitteln. Selbst wenn heutige Entdecker ihre Tagebücher in dieser Form niederschreiben würden, wäre die Erfahrung wohl nicht vergleichbar, haben sie dem eigentlich Abenteuer durch ihre technische Hochrüstung doch ein wenig den Reiz genommen.

Meine Bewertung: vier von fünf Sternen

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Mungo Park, Travels in the Interior of Africa, 406 p., Wordsworth Editions, 2002 (in English).

“Fancy had already placed me on the banks of the Niger, and presented to my imagination a thousand delightful scenes in my future progress, when a party of Moors unexpectedly entered the hut and dispelled the golden dream.“

We are usually told today that scientific descriptions have to be free of unnecessary words and should be short and precise. It is this dogma that often smothered my interest in biology, the area that I graduated in. Scientific literature is dry and often hard to understand for someone who is not an expert in the respective field. However, things were quite different in the past when the world of scientific descriptions was less complex and based more on personal observations. Some publications were as entertaining as a novel and were a reader’s delight. The sentence mentioned above is a good example. It is cited from Travels in the Interior of Africa, written by the Scottish explorer Mungo Park.

It came as no surprise that this book caught my attention. After all, thanks to T. C. Boyle’s exquisite novel Water Music, I was familiar with the fascinating world of Park. Travels in the Interior of Africa, a collection of his experiences and discoveries based on his journals, was one of the few books that I actually bought (in fact, I got it as a Christmas present) in comparison to most of the other books presented here which I recovered from my parents basement. Parks style of writing, his vast vocabulary, and his flowery descriptions are good reasons to read the book to begin with. In addition, his stories are fascinating and hard to believe for today’s scientific standards. Park began his journey in 1795 on the shores of the Gambia and proceeded on foot and by horse to the river Niger which was but a rumor for outsiders at the time. He fell victim to several raids, was a captive of the Moors, and had lost pretty much all of his property by the end of his trip which lasted for almost three years. He was lucky to have survived on several occasions and subsequently became a famous figure following his return to Great Britain.

The story of Mungo Park didn’t end however after his return home. After a few years he was again asked by the Royal Society to lead an expedition into the interiors of Africa. Park eagerly accepted and set out once more for his dangerous travels. Accompanied by soldiers and slaves, death and disease yet again marked his path. It was on his way back to the Gambia after desperate and futile attempts to progress deeper into the depths of Africa that Park was ambushed by natives and perished. Thus, his death on that day was likely – but was never confirmed.

There is only one small weakness regarding this delightful book: Some descriptions of Parks daily routines are repetitive. Nevertheless, I couldn’t be more entertained when reading a book which is why Travels in the Interior of Africa for the first time in this series will receive the best possible rating.

My rating: five out of five stars

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Herbert Mühlstädter, Ebbo wehrt sich, 328 S., Kinderbuchverlag Berlin, 1978.

Der Junge Ebbo wächst mit seinen Freunden in einem Dorf am Vogelberg gegen 784 n.Chr. auf. Das Leben der Bauern ist hart, rund ums Jahr stehen für alle Familienangehörigen Arbeiten ins Haus. Erschwert wird dir Situation durch schlechte Ernten, einen machtsüchtigen Dorfvorsteher und durch den Krieg gegen die Sachsen, der vielen Familien die Väter raubt. Hinzu kommen die Feudalherren und Kloster, die auf ihren Zehnt bestehen und so die Bauern durch diese Abgaben weiter schwächen. An sich möchte Ebbo ein ganz gewöhnliches Kind sein, dass mit seinen Freunden spielt und das um Anerkennung kämpft. Beim Verkehren mit den Kindern des reichen Dorfvorstehers gibt sich der Junge aber dem Reiz der materiellen Werte hin, verrät seine Freunde, endet für ein Jahr als Leibeigener schließlich am Kloster und leistet am Ende doch etwas, was sein Ansehen im Dorf spürbar steigert.

Es ist offensichtlich, wo dieses Buch entstanden und erschienen ist, thematisiert es doch die Frühzeit des Klassenkampfes. Die Armen und unterdrückten, so heißt es, müssen sich im Kampf gegen die Unterdrücker zusammenschließen, um letztendlich Erfolg zu haben und ihre Freiheit zu gewinnen. In diesem speziellen Fall nervt mich die übliche sowjetische Propaganda allerdings kaum, da es nun einmal kein Geheimnis ist, dass das unfaire System zwischen Besitzern und Besitzlosen, zwischen Bedienten und Dienern schon seit Tausenden von Jahren besteht und im globalen Kontext nichts an Aktualität verloren hat. Für mich interessant sind bei solchen Geschichten die historischen Rückblicke, die den Alltag der Menschen und bestimmte Ereignisse beschreiben. So sind die Handlungen zwar fiktiv, ein klein wenig Geschichte kann man so auf leichtem Wege aber dennoch lernen. Ansonsten ist das Buch bezüglich Handlung und Sprachgebrauch eher durchschnittlich, aber von einem Kinderbuch sollte man natürlich auch nicht zu viel erwarten.

Meine Bewertung: drei von fünf Sternen

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Heinz Hoffmann, Mannheim – Madrid – Moskau – Erlebtes aus drei Jahrzehnten, 439 S., Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1982.

Es scheinen in der DDR ziemlich viele Biografien ehemaliger Politiker oder Militärs veröffentlicht worden zu sein. Mannheim – Madrid – Moskau des Armeegenerals Heinz Hoffmann ist eine davon. Hoffmann wuchs im badischen Mannheim, wo er 1910 geboren wurde, auf, wurde früh Mitglied der KPD, setzte sich zunächst in seiner Heimat gegen die drohende faschistische Gefahr ein und kämpfte als Freiwilliger schließlich in Spanien gegen die Truppen von Diktator Franco – bis er schwer verwundet wurde und fast sein Leben verlor. Nach dem Krieg war Hoffmann politisch in der DDR aktiv und landete schließlich im Verteidigungsministerium – verglichen mit heutigen Karrieren ein seltener Weg in der Politik, werden die meisten Ministerien doch mit fachfremden Parteivertretern besetzt, die durch ihre Unwissenheit besonders anfällig für Lobbyisten sind.

Mehr als die Hälfte des Buches beschäftigt sich mit Hoffmanns Kindheit und Jugend in Mannheim. Er beschreibt die Machtkämpfe zwischen Kommunisten und Kapitalisten bzw. zwischen Arbeitern und Großgrundbesitzern. Auch in seiner damaligen Heimat schuf die verheerende Weltwirtschaftskrise, die Ende der 1920er Jahre begann, den Boden für die faschistischen Hetzer, die den lodernden Unmut über die Friedensverträge von Versailles zu ihren Gunsten zu nutzen wussten. Immer mehr Arbeiter schlossen sich in der Hoffnung auf einen Aufschwung den braunen Horden an – bis diese schließlich so stark waren, dass sie alle Andersdenkenden gewaltsam unterdrücken konnten. Viele von Hoffmanns Weggefährten wurden nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 verhaftet. Um einem ähnlichen Schicksal zu entgehen, ging der junge Kommunist ins Exil und wurde schließlich nach Moskau geschickt, um dort in der Leninschule als zukünftige Führungskraft ausgebildet zu werden. Von dort aus ging es für Hoffmann 1936 weiter nach Spanien, wo er sich einer internationalen Brigade von Freiwilligen im Kampf gegen General Franco anschloss. Besonders viele Gefechte erlebte er jedoch nicht, sondern wurde schon bald im Feld schwer verwundet und musste anschließend Jahre lang medizinisch behandelt werden, bis er wieder vollständig genesen konnte.

Wer sich für Zeitzeugenberichte interessiert, dem wird das Buch vielleicht nützlich sein. Ich fand es jedoch weder besonders interessant geschrieben noch vom Inhalt her erwähnenswert. Hinzu kommt die übliche Verklärung, da Hoffmann mit seiner Kritik an den kapitalistischen Akteuren zwar oft Recht hat, auf der anderen Seite die Sowjetunion und das Leben und Handeln der Kommunisten so sehr romantisiert, dass es nervt. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Schwächen des eigenen Systems konnte man bei einem Buch von 1982 in der DDR aber leider ohnehin nicht erwarten.

Meine Bewertung: einer von fünf Sternen

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Ernst Herbert Krause, Atom am Horizont, 246 S., Urania Verlag Leipzig/Jena, 1960.

Der Zugang zur Wissenschaft fällt dem Laien oft schwer. Schuld daran sind häufig trockene Texte und Formulierungen, die ein gewisses Wissen voraussetzen. Es ist daher eine nicht zu unterschätzende Aufgabe der Forscher, ihre Erkenntnisse der breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen, denn Wissenschaft ist kein Selbstzweck, sondern dient dem Wohle der Bevölkerung – und muss ihr daher auch verständlich sein.

In der DDR wurden einige Bücher verfasst (auch für Kinder), die darauf setzten, das Wissen in Form eines Romans leicht bekömmlich zu präsentieren, was meiner Meinung nach häufig sehr gut funktioniert. Zwar bin ich Biologe, die Chemie war mir während meiner Ausbildung aber oft ein eher unliebsamer Gast gewesen. Umso erfreulicher ist es daher auch für mich, durch Bücher wie etwa Atom am Horizont von Ernst Herbert Krause auf leicht bekömmliche Weise etwas über die Erforschungsgeschichte des Atoms – von philosophischen Vermutungen in der griechischen Antike bis zur kontrollierten Kernspaltung im 20. Jahrhundert – zu erfahren. So kann auch ich nun Namen wie Epikur, Volta, das Ehepaar Curie, Hahn, Fermi und viele weitere sowie ihre Errungenschaften besser einordnen. Dass Krause dabei seine Texte so formuliert, als ob er direkt neben den Wissenschaftlern stand, ihre Unterhaltungen mitverfolgte und alles über ihre Gedanken wusste, mag irritieren, trägt aber zum Unterhaltungswert des Schreibstils bei. Allerdings können diese Vermutungen auch als Nachteil ausgelegt werden, da es sich zum größten Teil um bloße Spekulationen handelt, die der Wahrheit nicht unbedingt entsprechen.

Außerdem – und daran merkt man leider wieder, wo und wann das Buch erschienen ist – wird auch in diesem Werk nicht gänzlich auf sowjetische Propaganda verzichtet. Sicher, die USA hatte ein Interesse an der Atombombe über den Zweiten Weltkrieg hinaus und setzte diese Waffe zweimal in Japan ein, um möglicherweise den sowjetischen Klassenfeind einzuschüchtern. Sie beging damit Kriegsverbrechen an der zivilen Bevölkerung, die bis heute einmalig sind. Verurteilt wurde die USA als führende Hegemonialmacht dafür freilich nie. Doch andererseits ist es meiner Meinung nach übertrieben so wie im Buch zu behaupten, die UdSSR hätte nur atomar aufgerüstet, um den Frieden zu sichern. Was in den Schriften über die angeblichen lauteren Absichten der roten Supermacht oft vergessen wird ist, dass der Vielvölkerstaat Widerstand in seinen Satellitenstaaten oft gewaltsam unterdrücken ließ. Atom am Horizont ist, was es ist: Ein leichter, oberflächlicher Einstieg in die Materie, der den Geist seiner Zeit widerspiegelt. Heute bestrahlt man Krebsgeschwüre nicht mehr mit radioaktivem Material und das Problem der Entsorgung radioaktiven Mülls ist nicht etwa wie erwartet kleiner, sondern größer geworden. 1960 gehörte den Atommeilern aber die Zukunft – und die Wasserstoffbomben sicherten den Frieden.

Meine Bewertung: drei von fünf Sternen

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Maciej Patkowski, Skorpione, 219 S., VEB Domowina-Verlag Bautzen, 1961.

Eigentlich wollte Herbert als Konstrukteur neuer Düsenantriebe den zivilen Luftverkehr revolutionieren, doch als eines Tages eine finanzkräftige Militärfirma auf ihn aufmerksam wird, kann er deren Angebot nicht ausschlagen. Fortan wird er auf einem amerikanischen Militärstützpunkt stationiert und testet die Ergebnisse seiner Arbeit als Flieger selbst. Dabei nimmt Herbert aber nicht die Rolle ein, die er sich einst erhofft hatte. Das Anliegen seines Arbeitgebers ist nämlich nicht die zivile Luftfahrt, sondern der Langstreckentransport gefährlicher Waffen. Um den Gegner in den Wirren des Kalten Krieges einzuschüchtern, starten von der amerikanischen Basis rund um die Uhr Flugzeuge, die bis zur Grenze fliegen und immer wieder nach dem gleichen Befehl im letzten Moment umdrehen. An Bord der Maschinen, die auch Herbert fliegen muss, befinden sich Mandarinen, wie sie die Piloten nennen. Tatsächlich handelt es sich um Atombomben – und jeder Flug könnte das Ende der Menschheit einläuten. Zwar handelt es sich handwerklich um Routinerunden für die Piloten; die durch die brisante Fracht bedingte nervliche Anspannung treibt aber viele von ihnen in den Wahnsinn. Auch Herbert möchte diesen Stress nicht mehr ewig aushalten müssen, bittet um eine Versetzung und träumt von einer neuen Karriere als Linienpilot. Doch zumindest diesen einen Flug muss er noch überstehen, diese eine Runde. Zunächst läuft alles nach Plan – bis Herbert plötzlich einen Fehler bemerkt…

Es kommt äußerst selten vor, dass mich die Spannung eines Buches tatsächlich in ihren Bann zieht und ich unbedingt weiterlesen möchte – auch nach dem eigentlichen Ende. Nach dem Lesen vieler eher enttäuschender Bücher war Skorpione von Maciej Patkowski ein wahrer Lichtblick. Sprachliches Geschick, gelungene Dramaturgie und – was leider ganz selten ist – keine sowjetische Propaganda machen dieses Werk gar zu einem zeitlosen Klassiker, da das Thema in abgewandelter Form auch heute noch aktuell ist. Zwar fällt die Spannung im Mittelteil, in dem ausführlich auf Herberts Vergangenheit zurückgeblickt wird, deutlich ab; für die Handlung sind diese Beschreibungen aber von Bedeutung und daher angebracht. Hier und da schleichen sich ein paar langatmige Passagen ein. Alles in allem stellt dieses Buch aber eines der bisher empfehlenswertesten der hier vorgestellten dar, das nicht lange angelesen liegenbleiben wird.

Meine Bewertung: vier von fünf Sternen

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Olaf Sundermeyer, Tor zum Osten – Besuch in einer wilden Fußballwelt, 206 S., Verlag die Werkstatt, 2012.

Die Bewertung des Buches Tor zum Osten von Olaf Sundermeyer hängt stark davon ab, was man sich von einer Lektüre zu diesem Thema erwartet. Sundermeyer ist ein Journalist, der beruflich für verschiedene Medien im Europa östlich der Oder unterwegs ist, schwerpunktmäßig in Polen, der Ukraine und Russland. (Ich vermeide bewusst den Begriff Osteuropa, denn gerade Polen liegt gesamteuropäisch betrachtet viel zentraler als Deutschland, also nicht im Osten. Dass Osteuropa hinter der Oder beginnt, ist eine rein politische Betrachtungsweise, die vom Kalten Krieg herrührt und eigentlich seit langem als veraltet abgelegt worden sein sollte.) Dabei konzentriert er sich in Tor zum Osten auf den dortigen Fußball und seine Begleiterscheinungen.

Seine Beschreibungen setzen sich dabei aus eher kurzen Anekdoten zusammen, einfach zu lesen und kurzweilig. Interessant erscheinen dabei nicht nur seine authentischen Berichte über die dortigen Fans, zu denen auch Hooligans gehören, mit denen er Zeit verbracht hat, sondern auch die Interviews mit zentraleuropäischen Politikern und Oligarchen, die den Fußball als Spielzeug und Machtinstrument entdeckt haben. Sucht man also leichte Unterhaltung, so liegt man mit diesem Buch genau richtig. Sucht man hingegen eine fundierte Analyse, wird man enttäuscht. Gerade weil es sich fast ausschließlich um persönliche Anekdoten handelt, fehlt dem Buch eine gewisse Objektivität. Es kommt teils oberflächlich und kitschig daher. Es mag sein, dass Korruption und Alkohol, Vetternwirtschaft und Nationalismus in diesem Teil Europas eine größere Rolle spielen als in den Ländern, die den meisten von uns vertrauter sind. Nur aus persönlichen Erfahrungen ohne empirische Daten eine allgemeine Bewertung abzuleiten, halte ich jedoch für unangemessen. Zu groß ist das Potential einer solchen Betrachtungsweise, als nicht berechtigte Bestätigung unangemessener Ressentiments benutzt zu werden.

Sundermeyer versteht es, unterhaltsam zu schreiben und für Fußballfans interessante Themen aufzugreifen. Für alle, die sich etwas mehr Tiefgang als nur Anekdoten erhoffen, bietet das – nicht nur von der Seitenanzahl her – dünne Buch nicht besonders viel.

Meine Bewertung: zwei von fünf Sternen

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Wilfred G. Burchett, Der kalte Krieg in Deutschland, 393 S., Verlag Volk und Welt Berlin, 1950.

Die Geschichte – so viel sollte jedem halbwegs objektiven Beobachter klar sein – wird stets von den Gewinnern geschrieben. Hätte das Deutsche Reich beispielsweise den Zweiten Weltkrieg gewonnen, viele seiner Verbrechen wären im Nachhinein relativiert und entschuldigt worden. So würden die Vereinigten Staaten von Amerika wohl konsequent als menschenrechtsverletzende Kriegstreiber betrachtet werden – wenn, ja wenn sie nicht die führende Hegemonialmacht wären, die die öffentliche Meinung stark beeinflussen. Hat man uns nicht gelehrt, dass die Gefahren des Kalten Krieges von der Sowjetunion ausgingen? Haben wir Deutschen unsere Freiheit und unseren Wohlstand nicht den Amerikanern zu verdanken? Es ist schwierig, solche Fragen objektiv zu beantworten, aber gar unmöglich wird die Aufgabe, wenn man sich nicht einmal die Mühe macht, auch die andere Seite der Medaille zu betrachten.

Wilfred Burchett, ein englischer, den Sowjets wohlgesonnener Journalist, war nach dem Zweiten Weltkrieg drei Jahre lang in Deutschland als Korrespondent tätig. Er beschreibt in seinem Buch Der kalte Krieg in Deutschland, wie die Sowjetunion trotz ihrer schmerzhaften Verluste nicht dem deutschen Volk schaden wollte, sonder stattdessen einen Wiederaufbau im Sinne der Interessen der Arbeiterschaft forcierte. Den Westmächten ging es hingegen nur um ihre Macht, die Ausweitung ihres Einflussbereiches, Vetternwirtschaft – und Geld. Immer wieder hätten sie mit ihren Einwänden dafür gesorgt, dass die Gespräche der Alliierten zum Scheitern verurteilt waren. Sie strebten eine Teilung Deutschlands an, um den Einfluss der Sowjetunion zu begrenzen und hätten auch vor einem neuen Krieg gegen die UdSSR nicht zurückgeschreckt.

Inwiefern Burchett neutral war, lässt sich natürlich nicht herausfinden. Selbst wenn man die Amerikaner, denen er die meisten Vorwürfe macht, ebenfalls nicht mag, so sollte man auf jeden Fall nicht den Fehler machen, alles zu glorifizieren, was anderes ist. Der Feind meines Feindes ist eben nicht automatisch mein Freund. Dennoch erwähnt Burchett ein paar wichtige Punkte, die allzu schnell aus der durch die westlichen Alliierten bestimmten Geschichtsschreibung verschwanden. So darf man nicht vergessen, dass viele der Konzerne, die am meisten vom Krieg profitiert hatten, nicht zerschlagen wurden, sondern ihre Stellung beibehalten durften – inklusive ihrer kriminellen Führung. Viele ehemalige Nationalsozialisten übten schnell wieder einen gewöhnlichen Beruf aus, da man auf sie nicht verzichten konnte oder wollte. Der Marschallplan war kein selbstloser Akt der Amerikaner, sondern zum einen die Erschließung des finanzstarken europäischen Marktes und zum anderen ein subtiler Weg, durch den die betroffenen Staaten zunehmend bei den USA in der Schuld standen. Mit dem zur Verfügung gestellten Geld wurden u.a. amerikanische Güter zum Wohle der US-Wirtschaft gekauft, während sich Deutschland gleichzeitig über Generationen hinweg bei den Amerikanern verschuldete. Man kann sogar sagen, die Deutschen hätten sich verkauft. Alles in allem wurde schnell ein neuer Hass gegen die Sowjetunion geschürt, der in Deutschland auf fruchtbaren Boden fiel, nachdem die Juden nicht mehr in Frage kamen und das tumbe Volk nach neuen Sündenböcken für die selbst verursachte Katastrophe lechzte.

Wie glaubwürdig solch sowjetfreundliche Angaben wie die Burchetts (der ohne Frage an einigen Stellen übertreibt) sind, muss im Endeffekt jeder für sich selbst entscheiden. Fest steht aber auch, dass für eine objektive Betrachtung das Studium solcher Quellen unabdingbar ist.

Meine Bewertung: drei von fünf Sternen

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Ruth Kraft, Insel ohne Leuchtfeuer, 576 S., Verlag der Nation Berlin, 1977.

Der Zweite Weltkrieg war eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Die heutigen Generationen sollte man damit aber nicht belasten, haben sie doch nichts mehr mit dieser Zeit gemein. Überhaupt darf man nicht vergessen, dass viele Deutsche damals gar keine überzeugten Nationalsozialisten waren, sondern stattdessen keine andere Wahl hatten, als Hitler zu folgen. Kann man den einfachen Menschen also überhaupt einen Vorwurf machen? – Es ist genau diese Mentalität des Abstreitens, des Leugnens der eigenen Schuld und Verantwortung, die dazu führt, dass auch heute noch überall in der Welt im Interesse des deutschen Volkes (und im Interesse vieler anderer Völker auch) schlimme Dinge passieren – anscheinend ohne dass irgendjemand von uns etwas dafür kann. Wir alle sind Teil des bestehenden Systems und daher mitverantwortlich sowohl für das Gute als auch für das Schlechte, dass es hervorbringt. Die Gräuel der Nazi-Herrschaft wären ohne die breite Unterstützung der Bevölkerung nicht möglich gewesen. Dabei beschränkt sich der Begriff „Unterstützung“ nicht nur auf das, was man getan hat, sondern eben auch auf das, was man nicht getan hat. Gleichermaßen ist es heutzutage auch die Schuld des nichts unternehmenden normalen Bürgers, wenn durch deutsche Waffen oder Wirtschaftspolitik Menschenrechtsverletzungen im Ausland geschehen, wenn Fremdenhass und Diskriminierung nicht der Nährboden entzogen wird, wenn die Rechte der Armen zum Wohle der Reichen mit Füßen getreten werden.

Es ist genau diese persönliche, oft abgeleugnete Schuld, die Ruth Kraft in ihrem Roman Insel ohne Leuchtfeuer thematisiert. Dabei greift sie auf eigenen Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg zurück, auch wenn es sich nicht um eine Autobiographie handelt. Die Handlung spielt auf einer Insel an der deutschen Ostseeküste, auf der Hitlers geheime Raketenwaffen, die als Wunderwaffen den Krieg entscheiden sollen, entwickelt und gebaut werden sollen. Hauptdarstellerin Eva ist eine Halbjüdin, die nur dank ihres regimetreuen Stiefvaters und dank wohlwohlender Personen bei der Vergabe von Dokumenten und Positionen auf die Versuchsanstalt versetzt wurde und so vorerst dem Rassenwahn entfliehen konnte. Kaum jemand weiß um ihr Geheimnis, dass sie im Inneren bedrückt und welches sie zu verschleiern versucht. Der Krieg scheint auf der Insel fern zu sein. Nur wenig bekommt man vom Leid und Elend der Front mit und beschäftigt sich stattdessen mit Physik, Windkanalmessungen und Bootstouren. Im Laufe der Zeit nehmen die Konflikte innerhalb der Gemeinschaft aber zu. Nicht alle Mitarbeiter sind überzeugte Nationalsozialisten, manche planen sogar, dem illegalen Widerstand beizutreten. Andererseits kristallisieren sich die Regimetreuen heraus, die jede Opposition im Keim ersticken möchten und für die die Information über Evas Stammbaum ein willkommenes Fressen ist, um die junge Frau unter Druck zu setzen. Doch immer mehr drängen anderen Themen in den Vordergrund: Nach der Niederlage vor Stalingrad drängt die Rote Armee unaufhaltsam vor, ein erfolgreiches Kriegsende für die Deutschen wird immer unwahrscheinlicher. Irgendwann erreichen die Luftangriffe der Alliierten auch die Versuchsanstalt. Erst jetzt – im Angesicht des Todes – wird Eva und den anderen so richtig bewusst, was „Krieg“ eigentlich bedeutet.

Es sollte positiv erwähnt werden, dass Kraft eines der schwerwiegendsten Dilemmas der Kriegsgeneration aufnimmt: das der persönlichen Schuld und Verantwortung. Dabei kommen die vermeintlich gewissenhaften Personen meiner Meinung nach aber noch zu gut weg, allen voran Eva, weshalb die Autorin in ihrem Vorwort passend schreibt: „Allen, die in jenen dunklen Jahren stärker waren als meine Heldin.“ Ginge man davon aus, dass die beschriebenen Personen auf tatsächlichen Menschen beruhen, so wäre es höchst erstaunlich, dass eine Halbjüdin, der bewusst ist, was mit ihren Brüdern und Schwestern passiert, mit ihrer Arbeit freiwillig einem Regime dient, das sie am liebsten umbringen würde. Natürlich handelt sie zum Teil aus Angst, um nicht aufzufallen und um „durchzukommen“. Doch unabhängig von der damals definierten Rasse waren es eben Millionen dieser Mitläufer, die die Macht der Nazis legitimierten und ermöglichten. Hitler brachte am Gipfel der Deutschen einen Stein ins Rollen – und am Fuße des Berges begrub die Lawine des Volkes alle Menschlichkeit und persönliche Verantwortung unter sich. Eva war Teil der Kriegsverbrecher – genauso wie die meisten anderen Mitarbeiter der Versuchsstation und der größte Teil des deutschen Volkes damals im Allgemeinen auch. Sie alle ermöglichten die Gräuel Hitlerdeutschlands – und waren sich anschließend keiner Schuld bewusst. Auch heute noch ist dieses Thema hochaktuell, denn die Menschen neigen dazu, sich für gute Taten zu rühmen, die Verantwortung für schlechte aber abzustreiten.

Meine Bewertung: drei von fünf Sternen

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Gertrud Bradatsch, Spiegelmacher – Erzählungen, VEB Hinstorff Verlag Rostock, 200 S., 1970.

Es ist schon schade, wenn eine Sammlung von Erzählungen schon deshalb an Attraktivität verliert, da alle Kurzgeschichten nach dem gleichen banalen Muster aufgebaut sind. Gertrud Bradatsch‘s Spiegelmacher ist weder interessant noch abwechslungsreich. Immer wieder geht es in der Regel um zwei Hauptpersonen, die sich in banalen Alltagssituationen begegnen. Unterbrochen wird deren Interaktion durch Rückblicke, die das Leben der einen Hauptperson interessanter erscheinen lassen sollen. Hinzu kommt jeweils ein Ende, das so fad ist, dass es einen fast schon überrascht. Einzig die Einblicke in die gewöhnlichen Sorgen im Ostdeutschland der Nachkriegszeit scheinen erwähnenswert. Dabei ist weder das Ausdrucksvermögen noch die Gestaltung der Charaktere und Hintergrundgeschichten schlecht und durchaus lesenswert, aber insgesamt zerstört der nervende Aufbau der Handlungsstränge, die immer wieder gleichen Muster und der Mangel an dramaturgischer Spannung diese positiven Ansätze.

Meine Bewertung: zwei von fünf Sternen

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Ernst Keienburg, Ein Herz für Afrika – Mit Georg Schweinfurth ins Innere des Schwarzen Erdteils, 300 S., Verlag der Nation Berlin, 1958.

Es ist eine wahre Wonne, in den nicht endenden Bücherstapeln meiner Eltern ausnahmsweise auch mal Werke zu finden, die so rein gar nichts mit sozialistischer Propaganda zu tun haben. So beschreibt Ernst Keienburgs Ein Herz für Afrika das Leben und Handeln des in Riga aufgewachsenen, deutschen Entdeckungsreisenden Georg Schweinfurth, der in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts als einer der ersten „Weißen“ tief in Äquatorialafrika eindrang. Als er 1925 im stolzen Alter von 89 Jahren in Berlin starb, hatte er tiefe Spuren in den Weiten der Wissenschaft, vor allem in der Botanik, hinterlassen.

Doch nicht nur die Erlebnisse dieses leidenschaftlichen Forschers sind interessant, sondern auch die Art, in der sie Keienburg für die Nachwelt niedergeschrieben hat. Der Autor springt zwischen Präsenz und Präteritum hin und her, kommt so manchmal als rückblickender Erzähler, manchmal wie ein tatsächlich anwesender Teilnehmer der gefährlichen Expeditionen daher. Ganz nebenbei habe ich gelernt, dass T. C. Boyle seinen großartigen Roman Wassermusik mit Mungo Park nicht etwa auf einem fiktiven Hauptdarsteller, sondern auf einem tatsächlichen Pionier der Afrikaforschung aufgebaut und dem Schotten damit ein Denkmal gesetzt hat. Park diente dem jungen Schweinfurth genauso wie andere Entdeckungsreisende auch als Inspiration und in schweren Zeiten als Vorbild. Schließlich stellte die „Schwarze Sphinx“, wie Schweinfurth metaphorisch die Gefahren und Hindernisse Afrikas nannte, den jungen Forscher immer wieder vor neue Herausforderungen, konfrontierte ihn mit Hunger und Tod, Krieg und Sklavenhandel, Krankheit und Unfällen. Gerade die Ungerechtigkeit im Bezug auf den Handel mit dem „schwarzen Elfenbein“, den Sklaven, bewegte den Deutschen sehr, weshalb Keienburg den auch heute noch treffenden Ausspruch des Königs Irasca des Guten aus dem Bühnenwerk Verschwindende Insel zitiert: „Sie lehrten uns, zu Gott aufzublicken, und während wir nach oben schauten, stahlen sie unser Land. Sie wurden reich und ließen uns arm. Das alles taten sie, und all das können wir ihnen vergeben. Aber sie taten noch etwas: Sie beraubten uns der Menschenwürde. Das Schlimmste war nicht, was sie taten, sondern was sie dachten…!“ In die gleiche Kerbe schlug der afrikanische Geistliche und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, als er schrieb: „When the missionaries came to Africa they had the Bible and we had the land. They said “Let us pray.” We closed our eyes. When we opened them, we had the Bible and they had the land.“

So setzte sich Schweinfurth nach seiner Rückkehr nach Europa nicht nur für die Wissenschaft ein, sondern auch für die Wertschätzung und Anerkennung der Menschen und Kulturen des afrikanischen Kontinents, auch wenn sein Ausblick ein düsterer war. Nicht nur die „Weißen“ brachten Leid und Tod ins Land, sondern auch die einheimischen Stämme bekämpften sich bis zur gegenseitigen Auslöschung. Auch wenn Schweinfurth bei der Bewertung beispielsweise des Elfenbeinhandels für heutige Verhältnisse rückständig erscheint, so war er auf humanitärer Ebene seiner Zeit weit voraus und setzte sich überall für den Frieden ein. Es ist nur einer von vielen Gründen, warum Ein Herz für Afrika lesenswert ist.

Meine Bewertung: vier von fünf Sternen

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Mirsa Ibrahimow, Die Zeit wird kommen, 406 S., Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1952.

Fridun ist ein junger Bauer im aserbaidschanischen Ardabil. Das Leben gegen Ende der 1930er Jahre ist hart, die ländliche und arbeitende Bevölkerung wird von den Gutsherren und der Obrigkeit arg geknechtet und ist deren Willkür hilflos ausgeliefert. Als nun auch noch der vierte von fünf Teilen der Ernte an die Machthaber abgeführt werden soll, begehren einige Bauern auf – unter ihnen Fridun, der revolutionären Gedanken nachhängt und von der Befreiung durch die Rote Armee träumt. Der junge Mann wird eingesperrt, kann aber schließlich entkommen und verabschiedet sich von seiner Familie, bevor er in der Hoffnung auf ein neues, besseres Leben nach Teheran, der Hauptstadt des Irans, flieht. Dort stößt er über einige Umwege endlich auf Gleichgesinnte, begründet mit ihnen eine Untergrundorganisation und entwirft und verteilt zunächst Flugblätter und Broschüren, die gegen die tyrannischen Machthaber gerichtet sind. Währenddessen geht es seinen Verwandten zunehmend schlechter. Als sein Onkel Mussa sich auf nach Teheran macht, um dem Schah selbst von der erlittenen Ungerechtigkeit zu berichten, wird alles nur noch schlimmer. Mussas Familie folgt dem alten Bauern, verliert sich in Teheran aus den Augen und landet letztendlich im Elend.

Mirsa Ibrahimow greift in seinem Roman Die Zeit wird kommen bekannte Motive der sowjetischen Nachkriegsliteratur auf. Auch in Teheran geht es um den Kampf Kapitalismus gegen Bolschewismus, Ausbeuter gegen Volksherrschaft. Interessant wird das Buch dadurch, da es einen in der roten Literatur eher selten behandelten Kulturkreis beschreibt: den des Islam. Die Sorgen der Bauern und Arbeiter sind dabei mit denen anderer Völker vergleichbar. Ibrahimow schafft es, dem Leser diese ferne Region näher zu bringen, verfällt dabei – wie die meisten anderen auch – aber leider auf eine zu einseitige und subjektive Propaganda zu Gunsten der Sowjetunion. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ Moskau Aufstände in diesem erzwungenen Staatengebilde immer wieder blutig niederschlagen. Es war wahrlich nicht alles gut unter der Sowjetherrschaft und es ist schade, dass ich außer Alexander Solschenizyns Krebsstation bisher kein Werk gefunden habe, das auch ehrlich mit den Ungerechtigkeiten der UdSSR umging. So ist das Ende von Ibrahimows Roman so vorhersehbar und langweilig, dass es den Gesamteindruck schmälert.

Meine Bewertung: drei von fünf Sternen

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N. Wengrow und M. Efros, Ein Mensch wie du – Das Leben Nikolai Ostrowskis, 208 S., Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1950.

Es ist einer der Namen, der – sollte man den Büchern tatsächlich Glauben schenken können – jedem alten Sowjet noch heute voller Stolz und Vaterlandsliebe die Tränen in die Augen treibt. Dabei war Nikolai Ostrowski keiner, der in einem langen Leben eine Vielzahl von Romanen und Schriftstücken verfassen konnte, sondern einer, der von „ganz unten“ kam, sehr früh schon gesundheitlich schwer gezeichnet war und unter den größten Anstrengungen ein Werk verfasste, dass zur Pflichtlektüre in den Ostblockstaaten aufstieg: Wie der Stahl gehärtet wurde. Es war kein Zufall, dass der Hauptdarsteller des Romans, Pawel Kortschagin, Ostrowski ähnelt. Der Autor verarbeitete in seinem Hauptwerk sein eigenes, kurzes aber trotzdem ereignisreiches Leben.

N. Wengrow und M. Efros beleuchten in Ein Mensch wie du die wenigen Lebensjahre, die Ostrowski voll in den Dienst seines Vaterlandes stellte. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen schloss er sich in sehr jungen Jahren bereits Soldaten oder Partisanen an, die in den 1920er Jahren gegen die Polen und Weißgardisten kämpften. Obwohl er im Einsatz mehrfach verwundet wurde, zog es ihn immer wieder schnellstmöglich an die Front, womit er seiner Gesundheit nachhaltig schadete. Innerhalb weniger Jahre erblindete er und verlor zunehmend auch die Fähigkeit, sich selbstständig fortzubewegen, bis er schließlich in seinen letzten Jahren komplett bettlägerig war. Doch auch weiterhin gönnte er sich keine Ruhe und wollte seine politische Arbeit – in seiner Heimat hatte er Komsomolgruppen etabliert – fortsetzen. Da ihm nur noch seine Finger und seine Stimme als Ausdrucksmittel übrig blieben, beschloss er, seine Erfahrung und das, was er der Jugend des Volkes mitteilen wollte, niederzuschreiben. Es dauerte mehrere Jahre, bis Wie der Stahl gehärtet wurde endlich fertiggestellt wurde – entweder von Ostrowski diktiert oder trotz seiner Blindheit selbst geschrieben. Das Buch wurde schnell ein großer Erfolg, der Autor gelangte noch vor seinem Tod zu beträchtlichem Ruhm. Geprägt hat sein Hauptwerk anschließend Generationen in mehreren sozialistischen Ländern.

Um einen Einblick in das rastlose Leben Ostrowskis zu gewinnen, eignet sich Ein Mensch wie du durchaus. Ein wenig besser würde meine Bewertung allerdings ausfallen, wenn ein sowjetisches Werk ausnahmsweise mal nicht voll von patriotischer Propaganda, sondern etwas objektiver wäre.

Meine Bewertung: drei von fünf Sternen

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Autorenkollektiv, Brückenschlag – Erzählungen über Waffenbrüder, 255 S., Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1987.

Gerade gegen Ende des Kalten Krieges, als sich viele der sowjetischen Satellitenstaaten nach der Freiheit und Autonomie sehnten, die ihnen spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg genommen worden war, zeigte sich die UdSSR von ihrer hässlichsten Seite und lies viele Aufstände blutig niederschlagen. Den Wandel konnte sie dennoch nicht aufhalten und zerbrach schließlich. Spannungen hatte es im Vielvölkerstaat, der mit eiserner kommunistischer Hand regiert worden war, aber schon immer gegeben. Gerade deshalb scheinen Textpassagen, wie man sie auch in Brückenschlag finden kann, unwahrscheinlich, in denen davon gesprochen wird, wie froh Tschechen, Russen, Ungarn, etc. darüber waren, mit ihren Waffenbrüdern freundschaftlich zusammenarbeiten zu können. Der Kleister des Zusammenhalts im Ostblock war oft der gemeinsame Feind aus dem Westen bzw. die Angst vor einer Bestrafung aus Moskau, woraus eher eine Zweckgemeinschaft als eine Liebesbeziehung entstand.

In Brückenschlag finden sich mehrere Geschichten, die den brüderlichen Umgang miteinander belegen sollen. Gerade bei gemeinsamen Militärübungen sei auf die ausländischen Kollegen stets Verlass gewesen. Besonders hervorgehoben werden dabei solche Kameraden, die sich durch besonderen Mut auszeichneten oder den Kollegen in einer anderen Weise als Vorbild dienten. Für Soldaten oder militärisch Interessierte hat dieser Erzählband sicherlich ganz interessante Anekdoten parat; mich hat die geheuchelte Propaganda hinter den Geschichten wieder einmal gestört. Die Argumentation des Kalten Krieges, dass nur eine militärische Überlegenheit den Frieden sichere, kennt man allerdings auch von der anderen Seite.

Meine Bewertung: zwei von fünf Sternen

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Autorenkollektiv, Die jüngsten Kundschafter, 190 S., Kinderbuchverlag Berlin, 1964.

Es ist schon bemerkenswert, wie sehr sich der Inhalt eines Kinderbuchs in der DDR von dem heutiger Bücher unterscheidet. Die Ausgabe von Die jüngsten Kundschafter, die ich gerade gelesen habe, trägt auf der ersten Seite eine Widmung für meinen Vater, daneben steht die Klasse 5b. Was lesen Kinder heutzutage in der fünften Klasse? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass es dabei um die Heldentaten von Altersgenossen während eines Krieges geht.

Diese Sammlung von Kurzgeschichten beschreibt die mutigen Handlungen von jungen Pionieren in der Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges. Das Verwunderliche dabei ist eben, dass auch die Beschreibung von Mord und Folter zwar nicht detailliert beschrieben, aber doch jeweils erwähnt wird. So überleben viele der kleinen Hauptcharaktere ihren Einsatz für das Vaterland nicht. Ich gehe davon aus, dass diese Geschichten auf wahren Begebenheiten basieren und finde es bemerkenswert, welchen Lebensinhalt die Menschen in solchen Gesellschaften fanden. Man darf nicht vergessen, dass im Kommunismus vieles durch die Propaganda übertrieben wurde und das Menschen oft als verzichtbarer Teil eines großen Ganzen gesehen wurden; was man andererseits aber auch nicht vergessen sollte ist, dass viele Menschen wussten, wofür sie lebten. Sie hatten das Ziel, dem Vaterland und der Menschheit zu dienen, den Fortschritt voranzutreiben und Missstände zu beheben. Wie aufrichtig diese Ziele schließlich von den Volksvertretern verfolgt wurden, ist eine andere Frage, aber dennoch scheint mir gerade darin ein Mangel an Sinn in den Leben vieler Menschen heutzutage begründet zu liegen: Wofür leben wir? Ich bin mir sicher, dass ein Großteil der Bevölkerung darauf keine befriedigende Antwort finden kann, da ein kapitalistischer Lebensstil die Menschen zwar bereichern aber nicht ausfüllen kann.

Interessant sind die Anekdoten über Junge Menschen, die wussten, wofür sie lebten und litten, daher allemal, auch wenn man sich – wie immer – ein wenig von der allgegenwärtigen Propaganda distanzieren muss.

Meine Bewertung: drei von fünf Sternen

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Joachim Petzold, Faschismus – Regime des Verbrechens, 168 S., Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1984.

Gerade in der Politik gibt es viele Begriffe, die nicht eindeutig definiert sind. Je nachdem, welche Quelle man zu Rate zieht, bekommt man eine andere Beschreibung. Faschismus ist einer dieser ominösen Termini. Spontan würde ich Faschismus als gewaltsame Unterdrückung von allem, was anders ist, definieren, wohlwissend, dass diese Beschreibung nicht zu 100 Prozent korrekt ist. Gerade deshalb hatte ich mir von Joachim Petzolds Buch Faschismus Aufklärung erhofft – und wurde diesbezüglich enttäuscht.

Bis zum Erbrechen flogen mir wieder die Begriffe Monopolkapitalismus und Klassenkampf um die Ohren – das dieser repetitive Schreibstil die Autoren in der DDR nicht selbst genervt hat… Und dennoch: Petzold legt großen Wert auf eine Tatsache, die heutzutage in der Betrachtung des Zweiten Weltkrieges stark vernachlässigt wird: Adolf Hitler war kein Einzeltäter, sondern stütze seine Macht auf einen ganzen Apparat von fanatischen Unterstützern – und die Wirtschaft! Viele deutsche Konzerne wurden erst durch die beiden Weltkriege groß und einflussreich und unterstützten deshalb jegliche kriegstreiberische Politik nach Kräften. Unzählige Zwangsarbeiter starben für die deutschen Konzerne, die sich im Nachhinein erfolgreich vor einer genauen Aufarbeitung ihrer Rolle im dunkelsten Kapitel Europas zu drücken verstanden. Ähnlich gravierend war vielerorts das Scheitern der angestrebten Entnazifizierung. Schon wenige Jahre nach dem Krieg standen viele ehemalige Nazis in Deutschland wieder in Amt und Würden, sei es in der Justiz, in der Wirtschaft oder im Staatsdienst. Neonationalismus gab es seitdem immer wieder und gibt es nach wie vor – wir sind nur nicht ehrlich genug, uns das einzugestehen. Das stolze deutsche Volk hat noch immer nicht verkraftet, verloren zu haben.

Das Problem an Büchern wie Faschismus – so wichtig sie für die objektive Betrachtung der Weltkriege auch sein mögen – ist die ihnen innewohnende kommunistische Propaganda. Die Kernaussage ist verständlich und bedeutend genug, man muss sie nicht mit ideologischem Gebrüll übertönen.

Meine Bewertung: zwei von fünf Sternen

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Irma Thälmann, Erinnerungen an meinen Vater, 138 S., Der Kinderbuchverlag Berlin, 1969.

Es ist alles andere als einfach, ein Buch zu bewerten, dass als Kinderbuch herausgegeben wurde, gerade wenn es aus einer Zeit und Kultur stammt, in denen Kindern etwas anderes zugemutet wurde als heute. In Erinnerungen an meinen Vater berichtet Irma Thälmann mit zahlreichen Anekdoten über das Leben und die Leiden ihres Vaters Ernst, den großen Arbeiterführer und Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands. Dabei werden den vermeintlich jugendlichen Lesern Folter- und Todesszenen zugemutet sowie weitere Schrecken des Zweiten Weltkrieges. Hinzu kommt die allgegenwärtige Propaganda der Staaten unter sowjetischem Einfluss. Das Merkwürdige dabei ist, dass die angesprochenen Themen eigentlich die gleichen sind wie jene in den Büchern für Erwachsene. Der deutlichste Unterschied findet sich nicht im Inhalt, sondern in der kindlichen Ausdrucksform.

Genau das ist es auch, was mich beim Lesen dieses Buches gestört hat. Ernst Thälmann war mit Sicherheit eine bedeutende Persönlichkeit, von der man schon einmal gehört haben sollte. Die durchaus interessanten Anekdoten aus seinem Leben verlieren aber etwas an Kraft, da sie in einer biederen Sprache niedergeschrieben sind. Sicher, hat seine Tochter dieses Buch tatsächlich selber geschrieben, dann ist es besonders authentisch. Gerade bei einer solchen schillernden Persönlichkeit wäre etwas mehr literarische Finesse aber angebracht und wünschenswert gewesen. Um als Einstieg ein paar Informationen über Thälmann zu erhalten, dient es aber allemal. Hinzu kommen die beschriebenen bewundernswerten Aufrichtigkeiten bestimmter Menschen, die sich von den Nationalsozialisten nicht brechen ließen und für ihre Überzeugungen bis in den Tod gingen. Menschen dieser Art, die sich vorwurfsfrei jederzeit im Spiegel selbst ins Gesicht sehen können, gibt es leider sehr wenige, selbst wenn heute die mit Aufrichtigkeit verbundenen Gefahren ungleich bedeutungsloser sind.

Meine Bewertung: zwei von fünf Sternen

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Hans-Jürgen Steinmann, Die größere Liebe, 464 S., Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1960.

Karl Anders steckt in einem Dilemma: Der gelernte Schuhmacher hat es schwer, in der Fabrik genug Geld zu verdienen, um seine Frau und seine Kinder mit dem Nötigsten zu versorgen. Doch es zeichnen sich Verbesserungen ab, als Frau Anders ihn dazu überredet, sein ursprüngliches Handwerk wieder aufzunehmen anstatt in einem Werk zu arbeiten, in das man ihn zwangsweise nach dem Zweiten Weltkrieg gesteckt hat. Karl verdient endlich ordentlich, muss weniger arbeiten und hat mehr Zeit für seine Familie. Sollten dabei noch Zweifel bestehen, ob er die richtige Entscheidung getroffen hat? Sie bestehen, denn dem alten Arbeiter fehlen seine Mitarbeiter und sein Werk – und die seien schließlich wichtiger als die eigene Familie.

Es sind diese und ähnliche propagandistische Gedankenstrukturen, die Die größere Liebe von Hans-Jürgen Steinmann in einem menschenverachtenden Licht erscheinen lassen, in dem als erstes die Arbeit und erst sehr viel später der Mensch zählt. Steinmann arbeitete einst selbst in den Leuna-Werken, in denen sich sein Roman abspielt. Seine Protagonisten sind offensichtlich nicht sonderlich zufrieden mit ihrer schweren und dreckigen Arbeit – und doch kann sich fast niemand davon lösen. Die Liebe bleibt dabei auf der Strecke und wird wie in vergleichbaren Büchern auch auf ein Minimum begrenzt: Ein Mann ist nett zu mir als Frau und unterdrückt mich nicht gewaltsam – ich glaube, ich liebe ihn und werde ihn schon bald heiraten. Allgemein wird die Ideologie vermittelt, dass es völlig normal und erstrebenswert ist, wenn man jeden Tag zerschunden und müde nach Hause kommt und keine einzige Minute Zeit für die schönen Dinge im Leben – wie z.B. die Familie – hat. Jemand äußert seinen freien Willen und denkt darüber nach, den Beruf zu wechseln? Es folgt ein Monolog darüber, für welche große Sache man doch arbeitet, zusammen – und dass irgendwann alles einmal den Arbeitern gehören wird. Die schöne neue Welt der DDR beginnt damit, dass Menschen wie Michael Drechsler, dessen Vater Arzt und eben kein Arbeiter gewesen war, für ihre Herkunft kritisch beäugt werden frei nach dem Motto: Wir schaffen verhasste Vorurteile und Vorverurteilungen aus der Vergangenheit ab – und erschaffen uns dafür neue.

Die größere Liebe verrät in ihrem Titel, worauf es hinausläuft: Nicht die Menschen sollen geliebt und geschont werden, sondern die Arbeit verrichtet und die Arbeiter rücksichtslos geschunden werden. Es stimmt, dass Arbeit frei macht und den meisten Menschen einen Lebenssinn gibt. Zu viel davon stumpft jedoch ab und trübt uns den Blick für die schönen Dinge im Leben. Dieser Roman dient nicht als Anleitung für ein gewissenhaftes Leben, sondern als Veranschaulichung einer Ideologie, die mündige, hinterfragende Bürger nicht vorsieht.

Meine Bewertung: Einer von fünf Sternen

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Magdalene Vedder und Hildegard Jaecks, Das Gegenüber – Um Liebe und Ehe, 128 S., Evangelische Verlagsanstalt Berlin, 1953.

Manchmal wundere ich mich schon darüber, was für Altlasten sich im Bücherkeller meiner Eltern befinden, wobei ich auch weiß, dass sie wiederum Bücher von ihren Eltern geerbt haben – so wie wahrscheinlich Das Gegenüber, eine Zusammenstellung religiöser Texte, die sich mit der Einzigartigkeit und Schönheit der Ehe beschäftigen soll. Hätte es noch eines Beispiels destruktiver Propagandaliteratur gebraucht – man hätte es gefunden. Die Anekdoten zeichnen ein zum Teil erschreckendes Menschenbild und untermauern die Jahrtausende alte Unterdrückung der Frau. So liest man, dass die Ehegattin den Mann komplementieren soll, nicht für das Denken, sondern für das Gefühl da ist und erst in ihrer Unterwürfigkeit komplett aufgehen würde. Scheidungen kommen sowieso nicht in Frage, egal, wie schlecht die Ehe läuft. Schließlich könne man es lernen, sich zu lieben – wie etwa bei abgesprochenen Hochzeiten, bei denen die Ehepartner am Ende eines langen Lebens ja doch ganz gut miteinander auskommen. Eine urkonservative Ansicht, die Liebe mit Vertrautheit bzw. Gewöhnung gleichsetzt und ihr so jeglichen Zauber nimmt. Eine Ansicht, die zudem aus einer Zeit stammt, in der die Frau nichts zu sagen hatte. Wenn man den Mund halten muss, kommt auch kein Widerspruch auf. Religion gehört nach wie vor zu den stärksten Waffen der Unterdrückung von Frauen, denen in diesem Umfeld so gehörig der Kopf gewaschen wird, dass sie diese Ungleichbehandlung auch noch unterstützen. Wir sollten uns einen Gefallen tun und weder solchen Ansichten noch solcher Literatur eine Chance geben.

Meine Bewertung: Null von fünf Sternen

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W. I. Tschuikow, Gardisten auf dem Weg nach Berlin, 528 S., Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1976.

Eins vorweg: Natürlich muss man bei solchen Büchern ein gewisses Interesse für die Materie mitbringen, um nicht völlig gelangweilt in Truppenbewegungen und taktischen Manövern unterzugehen. Wenn dieses Interesse jedoch vorhanden ist, dann eignet sich gerade Gardisten auf dem Weg nach Berlin von Marschall der Sowjetunion Tschuikow als geeignete, wenn auch ideologisch gefärbte Primärliteratur. Tschuikow stand im Zentrum der Kämpfe um Stalingrad, wo sich das Kriegsgeschick endgültig gegen die Faschisten wendete. Später spielte er eine zentrale Rolle beim Sturm auf Berlin – und war der Erste, der (mit General Krebs) die Verhandlungen mit den Deutschen über eine bedingungslose Kapitulation aufnahm.

Im Gegensatz zu Shukows Erinnerungen und Gedanken versteht es Tschuikow, sich in seinem Buch nicht nur in der Militärsprache zu verlieren, sondern darüber hinaus auch interessante Anekdoten vom Leben an der Front zu berichten, was das Ganze etwas lesenswerter macht. Besonders interessant fand ich den Abschnitt, in dem er detailliert über die letzten Tage des Krieges im belagerten Berlin sprach und dabei vor allem auf die zähen und ermüdenden Verhandlungen mit Krebs und anderen Abgesandten der Deutschen eingeht. Der Krieg war bereits verloren, Europa lag in Schutt und Asche – und dennoch verweigerten sich auch am 1. Mai 1945 (Hitler hatte bereits Selbstmord begangen) bestimmte Teile der deutschen Führung einer bedingungslosen Kapitulation und schickten so noch sinnloser als ohnehin schon weitere Menschen in den Tod.

Insgesamt folgt Tschuikow der Tradition der sowjetischen Verleumdung und spricht zum einen von der guten Behandlung der deutschen Gefangenen – die Meisten kehrten nicht lebend zurück – und zum anderen vom friedlichen und freundschaftlichen Umgang der Roten Armee mit der „befreiten“ Zivilbevölkerung. Die Sowjets – wer kann es ihnen verdenken – waren voll von Hass und Rachsucht, nachdem die Nationalsozialisten so viel Leid über sie gebracht hatten. Dass sie sich anschließend ebenfalls zu Verbrechen an Zivilisten hinreißen ließen, scheint verständlich. Schade, dass auch Tschuikow immer nur von der hervorragenden Arbeit der Politorgane redet, die Übergriffe auf Zivilisten angeblich verhinderten. Die Größe eines Sieges misst sich auch daran, wie ehrlich man mit seinen eigenen Schwächen und Fehlern umgeht. Überhaupt sind Tschuikows Darstellungen und Anekdoten von sowjetischen Helden auffällig subjektiv und glorifizierend verfasst. Dass er aber immer wieder die Namen bestimmter Personen oder Einheiten, die sich durch besondere Taten hervorgetan haben anführt, sollte allerdings positiv erwähnt werden, weil so auch den Soldaten Ehre zuteilwird, die sonst in den Zahlen des Krieges untergehen würden.

Seine Beschreibung der Nationalsozialisten als menschenverachtende Schreibtischmörder mag nicht objektiv sein, aber ich kann mir gut vorstellen, dass er mit dem folgenden Absatz über Generalleutnant Graf von Schwerin den Nagel auf den Kopf trifft: „Ich denke an den Morgen des 14. März 1944 bei Baschtanka und Snigirjowka zurück. Ich sehe die Berge der Toten, die Kolonnen und Trupps deutscher Soldaten, die sich bis zu den Knien im Schlamm dahinschleppen, trunkene und halbtrunkene, verzweifelte Menschen, aber Männer mit Waffen in den Händen. Schwerin und seine Spießgesellen hatten sie im Stich gelassen und verraten. Ich sehe, wie sie im Feuer unserer Maschinengewehre fallen. Wir konnten nicht anders handeln, denn wir verteidigten unsere Heimat. Sie hingegen starben für die Interessen der deutschen Monopolherren, für die wahnwitzige Träume solcher Generale wie des Grafen von Schwerin.“ Ist es nicht in jedem Krieg so? Wird nicht immer der Teil der Bevölkerung, der am wenigsten zu gewinnen hat, verheizt für diejenigen, die an Schreibtischen über Leben und Tod entscheiden?

Meine Bewertung: drei von fünf Sternen

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Anatoli Ananjew, Brennende Horizonte, 208 S., Deutscher Militärverlag, 1970.

Manchmal neigen wir bei der Betrachtung großer Konflikte dazu zu vergessen, dass hinter den hohen Zahlen von Gefallenen, Verwundeten oder Vertriebenen nicht nur statistische Daten, sondern unzählige Einzelschicksale stecken. Egal ob Mütter, die ihre Söhne verloren, Väter, die auf dem Schlachtfeld fielen, Schwestern, die vom Feind vergewaltigt wurden – geht es um den Zweiten Weltkrieg, dann muss man diese und ähnliche Schicksale millionenfach multiplizieren. Ich glaube nicht, dass wir überhaupt dazu in der Lage sind zu verstehen, was hinter der Zahl von 50 Millionen Toten steckt. Was bedeutet es schon, wenn man liest, dass mehrere Divisionen aufgerieben wurden? Sähen wir eintausend Tote – mehr Menschen, als wir persönlich überhaupt kennen –, so kämen wir uns bereits vor wie in der Hölle auf Erden. Dabei fielen im nächsten Ort genauso viele; und auf dem nächsten Schlachtfeld ebenso; und 100 Kilometer entfernt erneut und so weiter und so fort. Vom Lesen eines Geschichtsbuches mit seinen leblosen Zahlen allein können wir also kein Gefühl dafür entwickeln, welches unvorstellbare Leid Kriege über die Menschheit bringen. Nur wenn man sich – so wie Anatoli Ananjew in seinem Roman Brennende Horizonte – auf wenige Schicksale und Personen konzentriert, dann bekommt man eine Ahnung davon, was eigentlich hinter diesen unsäglichen Zahlen steckt.

Ananjew beschreibt wenige Tage im Juli 1943 in der Umgebung des unscheinbaren Dorfes Solomki an der deutsch-sowjetischen Front. Nachdem Hitler-Deutschland im Jahr zuvor empfindliche Niederlagen erlitten hatte und zurückgedrängt wurde, bereiten die Faschisten am Kursker Bogen eine neue Offensive vor, mit der sie einen letzten, verzweifelten Versuch starten wollen, das Kriegsgeschick doch noch zu ihren Gunsten zu wenden. Die Hauptfiguren des Romans stellen Leutnant Wolodin und Hauptmann Paschenzew dar, die sich – wie sollte es in einem sowjetischen Kriegsroman auch anders sein – heldenhaft für ihr Vaterland aufopfern. Ananjew hält sich jedoch meist mit triefendem Patriotismus und mit nervender Propaganda zurück und erzeugt mehr oder wenig glaubhaft das Gefühl, dass die Sowjetsoldaten tatsächlich bedingungslos versuchten, jeden Meter Boden zu halten in der Gewissheit, dass jede Schlacht, ja jedes Scharmützel den Verlauf der ganzen Front beeinflussen könnte. Durch die Beschränkung auf wenige Hauptdarsteller innerhalb eines kurzen zeitlichen Rahmens verdeutlicht der Autor die alltäglichen Schrecken des Krieges und die schmerzhaften Verluste, denn hinter jedem Gefallenen, hinter jedem Soldaten steckt ein Einzelschicksal, das sich im Kriegstreiben tausendfach vervielfältigt. Doch trotz hoher Verluste weichen Wolodin, Paschenzew und ihre Männer nicht zurück und leisten den Deutschen erbitterten Wiederstand. Ihnen ist klar, dass die Schlacht am Kursker Bogen den Kriegsverlauf endgültig zu Gunsten der Sowjetunion beeinflussen wird.

Brennende Horizonte ist angenehm geschrieben und lässt sich flüssig lesen. Es stellt einen soliden Kriegsroman dar, der im Kleinen detailliert und anschaulich den Alltag an der Front beschreibt. Hier und da fehlt erneut ein wenig die Objektivität in der Bewertung gewisser Ereignisse und Einschätzungen. Als eher leichtbekömmlichen Einstieg in die sowjetische Kriegsliteratur eignet sich der Roman aber allemal.

Meine Bewertung: drei von fünf Sternen

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Giorgi Ketschaghmadse, Der kleine Schatten, 243 S., Verlag Neues Leben Berlin, 1975.

Merab, ein Schüler irgendwo in Georgien, der kurz vor seinem Abschluss steht, weiß nicht so recht, was er mit seinem Leben anfangen soll. Eigentlich erwartet man von ihm – vor allem sein Vater, ein weithin bekannter Chirurg – dass er ein Studium aufnimmt. Doch Merab ist alles andere als fleißig und hätte es in seinem Leben ohne den Einfluss seines Vaters wohl oft schwerer gehabt. Dennoch schneidet er bei seiner ersten Prüfung gut ab, kommt dann aber plötzlich auf die Idee, dass er nicht nur ein Schatten seines Vaters sein möchte, zerreißt sein Zeugnis, verkracht sich daheim und rennt schließlich davon. Es folgt eine Reise ins sogenannte Neuland, in dem die sowjetischen Studenten während der Sommerferien die Erschließung neuer Gebiete vorantreiben und dabei ein wenig Geld verdienen. Letztendlich landet Merab im Herbst wieder in seiner Heimatstadt, weiß erneut nicht so recht, was er anfangen soll – und trifft im Endeffekt doch wieder auf seinen Vater.

Die Handlung von Der kleine Schatten ist genauso begrenzt wie das literarische Talent des Autors. Zum einen wirkt der Machtkampf zwischen Vater und Sohn gekünzelt und übertrieben, zum anderen überbieten sich die Kapitel gegenseitig an Banalität. Da wird immer wieder von Liebe gesprochen, und was das eigentlich sei und wie man sie erkenne; dabei geht es nur um Mädchen, die man schon mal gesehen oder mit denen man schon mal geredet hat. Die Dialoge sind dünn, die Handlung schlecht. Auch wenn es sich – wie ich vermute – nicht um ein Buch für Erwachsenen handelt, so heißt das doch nicht, dass es so klingen muss, als hätte es ein Kind geschrieben. Wenn man versucht, sich unbedarft durch so viel wie möglich gute Literatur zu arbeiten, ohne dabei auf die Namen bekannter Autoren zu achten, dann sind solche Stücke ein Ärgernis, da sie nichts als Zeitverschwendung sind.

Meine Bewertung: einer von fünf Sternen

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Iwan Stadnjuk, Krieg, erstes und zweites Buch, 478 S., Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1979.

Ich weiß nicht, wie repräsentativ der Bücherkeller meiner Eltern ist, aber man könnte meinen, dass sich jedes zweite aus der Sowjetunion stammende Buch thematisch auf den Zweiten Weltkrieg – oder wie sie es nennen: den großen Vaterländischen Krieg – bezieht. Auch Iwan Stadnjuks Wälzer mit dem wenig kreativen Titel Krieg beschreibt wie so viele andere Bücher auch die Leiden und Stärken des Volkes, dem Stadnjuk einst selbst als Soldat diente. Dabei weiß der Autor durch seinen Schreibstil durchaus zu gefallen, verliert sich aber im Laufe des Buches immer mehr im nervenden Patriotismus und in Heldenmythen.

Die zentrale Person des Romans stellt General Tschumakow dar, der zum Beginn des Buches mit den ganz alltäglichen Sorgen eines Ehemanns und Familienvaters – wie z.B. Eifersucht – zu kämpfen hat. Als er im Juni 1941 in Moskau seinen sterbenden Mentor besucht und anschließend an die deutsch-sowjetische Grenze, die sich quer durch Polen erstreckt, als Befehlshaber versetzt wird, will er noch nicht wahrhaben, dass ein Krieg mit dem Deutschen Reich unmittelbar bevor steht. Genauso wie viele andere Sowjets auch wird er vom Beginn der Operation Barbarossa, die die Invasion der Sowjetunion durch Nazi-Deutschland beschreibt, überrascht und fällt schließlich mit seinen Truppen hinter die feindlichen Linien zurück. Anschließend versucht er, seiner Verantwortung bestmöglich gerecht zu werden und seine Einheiten aus der Umklammerung gen Osten zu führen. Typisch für sowjetische Bücher aus dieser Epoche ist, dass mehrere Charaktere vorgestellt werden, durch deren Augen man jeweils unterschiedliche Ansichten auf das Geschehen gewinnt. Selbst die Entscheidungen und das Verhalten Stalins und seiner Befehlshaber werden detailliert beschrieben, als wäre der Autor dabei gewesen in den Tagen, die dem 22. Juni 1941, dem Beginn der Invasion, folgten.

Der Roman lässt sich flüssig lesen, verzichtet meist auf ermüdende Details von Gruppenbewegungen oder Grenzverläufen und bringt vor allem im ersten Teil interessante Hintergründe über internationale politische Entscheidungen am Vorabend der Invasion ins Spiel. Jedoch – es mangelt erneut an Objektivität. Ein Dissident in Diensten der Deutschen zeigt sich vom sowjetischen Volk mehr und mehr fasziniert und überdenkt seine Ansichten; Josef Stalin wird einmal mehr als ein sich für das eigene Volk aufopfernder Held beschrieben anstatt als Diktator, der auch vor der Liquidation von Landsleuten nicht Halt machte; so gut wie alle beschriebenen sowjetischen Soldaten taugen als wahre, selbstaufopfernde Helden; und obwohl die Deutschen 1941 bis vor die Tore von Leningrad, Moskau und Stalingrad vorstießen, wird beschrieben, wie schnell die Verteidigung des Landes aufgebaut und die Aggressoren aufgehalten wurden. Die Perspektiven, aus denen diese ersten Kriegstage beschrieben werden, sind interessant und lassen sich gut lesen. Die ideologische und im Laufe des Buches immer deutlicher spürbare Voreingenommenheit nervt jedoch irgendwann und verhindert eine bessere Bewertung.

Meine Bewertung: drei von fünf Sternen

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Alexander Solschenizyn, Krebsstation Band I, 252 S., Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1971.

So interessant die Einblicke in eine ganz andere Welt durch die sowjetische Literatur auch sein können, so nervig und ermüdend sind doch meistens die immer wiederkehrenden Motive Patriotismus, bedingungslose Menschenliebe und dass der Kommunismus ohnehin die einzig wahre Staats- und Gesellschaftsform sei. Nie werden die Schattenseiten der einstigen Weltmacht erwähnt, nie wird Stalin kritisiert oder seine Machenschaften in Frage gestellt und fast nie finden die Ungerechtigkeiten, die unter dem roten Banner der Sowjetunion geschahen, eine objektive Erwähnung. Umso erfreulicher war es, Krebsstation von Alexander Solschenizyn zu lesen. Endlich ein Werk, das es wagt, die Dinge von innen heraus anzuprangern, die angeprangert werden sollten – in der UdSSR aber doch eher totgeschwiegen wurden. Es ist kein Zufall, dass Solschenizyn 1970 den Literaturnobelpreis verliehen bekam, obwohl er sich in seiner Heimat mit der Zensur rumschlagen musste.

Krebsstation hat mir gleich aus mehreren Gründen gefallen. Es handelt von einem Krankenhaus im asiatischen Teil der Sowjetunion, das sich auf die Behandlung von Krebspatienten spezialisiert hat und dabei oft auf Strahlenbehandlungen setzt. Die Patienten sind ein bunt gemischter Haufen: alt und jung, arm und reich, hoch angesehen oder gesellschaftlich geächtet. Erzählt wird dabei fast in jedem Kapitel aus der Perspektive eines anderen Patienten bzw. einer anderen Angestellten, was dem Buch interessante Blickwinkel verleiht. Die Sprache ist angenehm zu lesen, die Handlung übersichtlich aber interessant, da es vor allem darum geht, etwas über die Hintergründe und persönlichen Schicksale der betreffenden Personen zu erfahren. Solschenizyn packt dabei mehrere heiße Eisen an, wie z.B. die Straf- und Gefangenlanger der Sowjets, die teils willkürliche Rechtssprechung und die Heuchelei bestimmter Gruppen, die auch im Kommunismus besser gestellt sind, abwertend über untergeordnete Gruppen denken und reden und sich obendrein als Helden des Vaterlandes sehen, wenn sie Menschen denunzieren, die nicht genauso denken oder handeln wie sie.

Besonders interessant ist in dem Zusammenhang auch der Auftritt der Tochter von Patient Rusanow am Ende des Buches. Die hochnäsige, angehende Schriftstellerin lässt sich mit dem jungen Djomka, einem anderen Patienten, auf eine Diskussion über das Wesen der Literatur ein und verurteilt den Realismus. Statt dem Volk die Schattenseiten des Daseins vorzuhalten, sollte man laut ihr immer positiv, patriotisch, beschönigend schreiben, um den Menschen ein Gefühl für eine bessere Zukunft zu geben. Genau das ist es ja, was mich sonst an der sowjetischen Literatur so nervt: All die schlechten Dinge werden ausgeklammert, all die guten übertrieben und heroisch dargestellt. Solschenizyn setzt genau dort an und schuf ein Werk, das bisher eines der wenigen von mir gelesenen aus der Sowjetunion ist, dem ich Glaubhaftigkeit und Aufrichtigkeit unterstellen würde.

Meine Bewertung: vier von fünf Sternen

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Franz Kafka, Der Prozess, 208 S., Anaconda Verlag, 2006.

Ein Mann, Joseph K., wird am Morgen seines 30sten Geburtstags in seiner Wohnung aufgesucht und verhaftet. Was er allerdings verbrochen haben soll, wird ihm nicht gesagt. Ins Gefängnis muss er allerdings nicht – ihm wird nur mitgeteilt, dass von nun an ein Prozess gegen ihn laufe. Der Gedanke daran nimmt K. in den folgenden Monaten immer mehr ein, sodass er seine Arbeit als Bankier mehr und mehr vernachlässigt und sich schließlich nur noch mit dem Prozess beschäftigt. Wie er das genau tut und welche Schritte er zu seiner eigenen Verteidigung unternimmt, wird nicht klar. Überhaupt wird in diesem Buch viel angedeutet und wenig eindeutig ausgedrückt. Man mag es Kunst nennen – und viele tun es auch, sonst gehörte Kafkas Der Prozess ja auch nicht zur Weltliteratur – ich allerdings konnte damit wenig anfangen. Der Verlauf der Geschichte nervte mich sogar immer mehr, da ich zum einen nicht verstand, warum nicht gesagt wird, was K. vorgeworfen wird, und weil ich zum anderen keinen Gefallen an den Handlungen und Worten der beteiligten Personen fand. Im Endeffekt lässt sich die Handlung tatsächlich in nur wenigen Sätzen zusammenfassen. Das gros des Buches machen die Gedanken bzw. Worte der Darsteller aus.

Es beruhigt mich ein wenig, dass die Leserschaft beim interpretieren dieses Werkes gespalten ist. Tatsächlich hängt dort noch ein Trauma aus meiner Schulzeit nach: Im Deutschunterricht bekam man beim interpretieren und analysieren von alten Texten nur dann gute Noten, wenn man mit der Meinung des engstirnigen Lehrers übereinstimmte. Schon aus Protest gegen dieses System geistlicher Unterdrückung – was war ich doch für ein Revoluzzer – tat ich ihm nie diesen Gefallen. Saß er etwa neben Goethe, als dieser Faust schrieb, und konnte ihn nach seinen Intentionen fragen? Genauso ist es auch bei Kafka: Wer behauptet, er hätte die einzig wahre Interpretation gefunden, sollte am besten gar nicht ernst genommen werden. Niemand außer Kafka selbst könnte uns diese nämlich liefern. Der Prozess finde ich deshalb so schwer zu greifen, weil er weder zum Realismus noch zum Surrealismus gehört und stattdessen irgendwo dazwischen liegt. Welche Teile beziehen sich also auf die Wirklichkeit? Welche sind Metaphern oder Anspielungen? Ich weiß es nicht… Das für die Interpretation entscheidende Kapital ist wohl das vorletzte, „Im Dom“. Die Anekdote vom Wächter finde ich zwar interessant, kann mit ihr aber nichts weiter anfangen. Spontan würde ich meinen, Kafka prangert willkürliche Rechtssprechung und Vetternwirtschaft an – aber bei Interpretationen bin ich womöglich einfach zu pragmatisch.

Zumindest eine Sache rechne ich dem Buch positiv an: Kafka verstand es, die deutsche Sprache zu benutzen. Der Text liest sich flüssig und angenehm, die Sprache ist oft alltäglich aber doch abwechslungsreich. Wäre er nicht bereits im Alter von 40 Jahren gestorben, hätte er der Welt sicher noch mehr interessante Texte geschenkt (außerdem sollte ich erst einmal seine anderen Werke lesen). Der Prozess ist vom Inhalt jedoch nicht ganz nach meinem Geschmack. So sehr mir die Sprache auch zugesagt hat, so sehr hat mich doch die Handlung genervt.

Meine Bewertung: zwei von fünf Sternen

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G. K. Shukow, Erinnerungen und Gedanken Band II, 440 S., Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1983.

Zugegeben, man muss schon ein gewisses Interesse mitbringen, um sich die meist zähen Schilderungen von Kriegsveteranen durchzulesen. Viel zu oft wird von Namen, Truppen und Orten geschrieben, mit denen ich gar nichts anfangen kann. Warum tue ich mir so etwas trotzdem an? Weil ich es in gewisser Weise interessant finde, den Kriegsverlauf quasi aus erster Hand rekonstruiert zu bekommen. Man bekommt gewisse Einblicke in die Schrecken des Krieges und davon, welche grundlegenden Veränderungen ein Land nach dem Ausbruch des Krieges durchlaufen musste.

Marschall der Sowjetunion Shukow war Stalins Stellvertreter und einer der höchsten Militärs des Landes. Sein zweiter Band von Erinnerungen und Gedanken beginnt im Oktober 1941, als die rasant vorpreschenden deutschen Truppen viele der wichtigsten Städte westlich des Urals einzunehmen drohen. Dabei frage ich mich bei dieser Art der Niederschrift immer wieder, wie sich der Autor Jahre später so genau an Datum, Ort, Personen und gesprochene Worte erinnern kann. Als alleinige Quelle sollte man solche subjektiven Schriftstücke ohnehin nicht verwenden. Neben dem üblichen, triefenden Patriotismus stießen mir auch ein paar offensichtliche Beispiele von Geschichtsverzehrrungen sauer auf. So behauptet Shukow beispielsweise, dass die Rote Armee trotz ihrer Wut beim Einmarsch in Deutschland die Zivilbevölkerung verschonte und teilweise sogar als willkommene Befreier gefeiert wurden. Sicher, auf einige der hiesigen Kommunisten und politisch Verfolgte wird das zugetroffen haben; der überwiegende Teil der Deutschen hatte jedoch Angst vor den Racheakten der abgekämpften Soldaten. Mord, Raub und Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Das nicht zu erwähnen und sogar das Gegenteil zu behaupten entlarvt den unaufrichtigen, voreingenommenen Beobachter.

Interessant ist gerade am Anfang des Buches aber, wie kurz die Deutschen anscheinend vor der Einnahme von Lenin- und Stalingrad sowie Moskau und den Ölfeldern im Kaukasus standen. Ein paar Kilometer mehr – und der Krieg hätte vielleicht eine ganz andere, noch grausamere Wendung genommen. Demagogie hin oder her – eines kann man den Sowjets nicht absprechen: Sie waren es, die die Hauptlast des Krieges zu tragen hatten und die letztendlich am meisten zum Sturz des faschistischen Regimes beitrugen. Ein gutes Buch macht das allein jedoch noch nicht.

Meine Bewertung: zwei von fünf Sternen

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Ewa Wolak, Samoa – Archipel der Segler, 340 S., VEB F. A. Brockhaus Verlag Leipzig, 1973.

Sie kommen in bunten Hemden, kurzen Hosen und mit einem Fotoapparat bewaffnet; sie gehen wieder mit kitschigen Souvenirs, oberflächlichen Erfahrungen und der Arroganz, nach wenigen Tagen in einer fremden Kultur diese plötzlich erklären zu können. Dabei spielt es fast keine Rolle, wo die Touristen aus den reichsten Ländern der Erde auftauchen. Meist ist das Muster ähnlich. Einen glaubwürdigen Bericht über ein Land und ein Volk kann hingegen nur jemand verfassen, der nicht nur lange dort gelebt, sondern auch offen für die neue Welt war. Genau aus diesem Grund ist Samoa – Archipel der Segler von Ewa Wolak ein erwähnenswertes Buch.

Was weiß man schon über Samoa? Es liegt irgendwo im Pazifik, die Menschen tragen gerne Pflanzenteile als Kleidung, direkt an den Stränden beginnt der Wuchs der Palmenhaine… Klar, auch das ist Samoa – aber eben noch so unendlich viel mehr. Wolak wurde in den 1960er Jahren zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter im Rahmen ihrer Tätigkeit als Mitarbeiter der Vereinten Nationen auf der Inselgruppe stationiert. Er war im Bereich Infrastruktur und Baugewerbe tätig, sie im Gesundheitssektor. Durch ihre aufgeschlossene Art lebten sich die drei Polen schnell ein und nahmen viele Möglichkeiten wahr, sich mit den traditionellen Bräuchen und Gepflogenheiten vertraut zu machen. In Form von unterhaltsamen Anekdoten hat Wolak ihre Erfahrungen schließlich niedergeschrieben, wobei sie nicht nur durch die Beschreibungen an sich, sondern auch durch eine angenehme Sprache positiv auffällt.

So lernt man neben dem wahren Samoa fernab des Schauspiels der Touristenbefriedigung viel über die oft konfliktreiche Geschichte des Archipels, das vor dem ersten Weltkrieg teilweise unter deutscher Herrschaft war. Wolak beleuchtet die Probleme der Samoaner, wie etwa deren unausgewogene Ernährung oder die hohe Kindersterblichkeit, sie beschreibt traditionelle Bräuche und Ansichten, religiöse Vorstellungen und Mythen, das „Fa’a Samoa“, also den meist entspannten Lebensstil, und vor allem die Herausforderungen des noch jungen Staates. Erst 1962 gewann Westsamoa seine Unabhängigkeit von Neuseeland, die östlichen Inseln stehen nach wie vor unter amerikanischem Befehl. Immer neue westliche Firmen versuchten in dieser neuen Welt Fuß zu fassen und veränderten die Gegend durch ihren Einfluss maßgeblich, bis sich für die Einwohner das Dilemma entwickelte, dass sie der Entwicklung der Moderne gerecht werden wollten, ohne dabei aber komplett ihre Wurzeln zu verlieren. Herausgekommen ist dabei eine der vielen Mischkulturen, bei denen der Laie kaum noch unterscheiden kann, was einheimisch ist und was nicht. Samoa – Archipel der Segler ist also eine glaubhafte Beschreibung einer uns meist fremden Welt, ein durch und durch empfehlenswertes Buch.

Meine Bewertung: vier von fünf Sternen

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Josef Kovar, Tsching, der stolze Adler, 328 S., Alfred Holz Verlag Berlin, 1964.

Josef Kovars Tsching, der stolze Adler, ist eines der vielen Bücher aus der Zeit der Sowjetunion, die schon deshalb lesenswert sind, weil sie einen in fremde Zeiten, Gegenden und zu unbekannten Völkern entführen. Diesmal spielt sich die Handlung zur Zeit der Oktoberrevolution in Tadschikistan in der Nähe zur afghanischen Grenze ab. Man lernt z.B., dass damals die Zucht und Ausbildung von Adlern und anderen Raubvögeln, die anschließend bei der Jagd eingesetzt wurden, ein Stück Kulturgut waren. Außerdem erfährt man, wie die dortige Bevölkerung unter dem Joch der örtlichen Herrscher zu leiden hatte. Dass die im Buch betrachteten Hirten schließlich durch die sowjetischen Truppen im Zuge der Revolution befreit wurden, könnte zwar der Wahrheit entsprechen – könnte aber auch der Fantasie sowjetischer Propaganda entsprungen sein. Schließlich waren viele Völker nicht gerade glücklich darüber, dass sie der UdSSR beitreten mussten.

Über die interessanten Einblicke über ferne Völker und Kulturen hinaus hat das illustrierte Buch allerdings wenig zu bieten. Die Handlung ist dünn und wenig kreativ, die Sprache wurde sogar so simpel eingesetzt, dass das Buch auch ganz einfach ein Kinderbuch sein könnte. Man lernt ein wenig über die Kunst, Adler zu zähmen, man erfährt etwas über das Alltagsleben der Menschen aus dem Geschlecht der Karaizen, man lernt den Kara-Tau als einen Gebirgszug kennen, und ein ganz klein wenig lernt man über die damalige politische und soziale Lage der Bevölkerung. Alles sehr übersichtlich, nichts wirklich Spannendes. Dennoch, als leichte Unterhaltung schien mir das Buch, das sich genauso leicht lesen lässt wie es geschrieben wurde, dennoch als geeignet.

Meine Bewertung: zwei von fünf Sternen

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Margot Pikarski, Jugend im Berliner Widerstand – Herbert Baum und Kampfgefährten, 236 S., Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1978.

Es gibt wohl kaum einen halbwegs geschichtsgebildeten Deutschen, der nichts mit dem Namen Sophie Scholl anzufangen weiß (wobei man sich durchaus fragen darf, warum ihr Bruder Hans, der ihr Werk und Schicksal teilte, ihr vom Bekanntheitsgrad soweit nachsteht). In der dunkelsten Stunde unserer Nation waren es Menschen wie sie und ihre Mitstreiter der Untergrundorganisation namens Weiße Rose, die während des Zweiten Weltkrieges den Glauben daran aufrecht erhielten, dass es im Gegensatz zu Hitler und seinen Henkern auch noch ein anderes, friedlicheres Deutschland gab. Ihren Kampf bezahlten die Mitglieder der Weißen Rose mit ihrem Leben, die Symbolkraft ihres scheinbar aussichtslosen Widerstandes ist jedoch unsterblich. Die Erinnerung an den Tod der jungen Menschen ist eine Anklage an den größten Teil des deutschen Volkes; an alle diejenigen nämlich, die den Nazis entweder aus Überzeugung folgten oder ihnen als Mitläufer zumindest nicht im Weg standen. Es gab eine Alternative – die Heerscharen, die sie nicht nutzten, sind genauso Schuld am geschehenen Unrecht wie die Nazi-Schergen selbst. Sicher, Widerstand bedeutete Lebensgefahr – aber hätte Hitler 20 Million Widerstandskämpfer auf einmal liquidieren können?

Auch Herbert Baum und seine Widerstandsgruppe, die Margot Pikarski in ihrem Buch Jugend im Berliner Untergrund analysiert, bezahlten ihren antifaschistischen Kampf mit dem Leben. Im Gegensatz zur Weißen Rose handelte es sich bei den Mitgliedern dieser Berliner Gruppe hauptsächlich um Kommunisten und Juden (bzw. nach 1938 jüdischen Zwangsarbeitern). In detaillierter Form stellt Pikarski gesammelte Dokumente und Informationen vor, die deutlich machen, mit welchen Gefahren und Opfern der Widerstandskampf verbunden war. Besonders hervorzuheben sind – in dem höchstens mäßig interessant und lesbar geschriebenen Buch – die abgedruckten Briefe und Augenzeugenschilderungen. Dass das Buch allerdings im Militärverlag der DDR erschienen ist, wird leider allzu deutlich. Der Kommunismus mag ideologisch menschlicher sein als viele andere Staats- und Gesellschaftsformen. So schillernd, moralisch und ethisch überlegen, wie ihn Pikarski darstellt, war er realexistierend mit Sicherheit nicht.

Die Sowjetunion unter Stalin war ebenfalls ein Unrechtsstaat – gegenüber seinem eigenen Volk und gegenüber anderen. Von den Hunderttausenden von deutschen Gefangenen kamen nur die wenigsten wieder lebend zurück; die vorrückende Rote Armee ging mit der Zivilbevölkerung oft ebenso grausam um wie die deutschen Soldaten vor ihnen; und das Individuum spielte bei der rücksichtslosen Kriegsführung ohnehin keine Rolle. In den Momenten, in denen Pikarski all das verneint und sogar ins Gegenteil verzerrt, verliert sie jegliche Glaubwürdigkeit. Ein Beispiel: „[Die Westmächte] bemühten sich, die Aggressionslust des deutschen Faschismus gegen die Sowjetunion zu lenken. Diese Tatsache […] stellte die Sowjetunion vor die Entscheidung, mit dem faschistischen Deutschland zu verhandeln. […] So war die UdSSR gezwungen, mit dem faschistischen Deutschland einen Nichtangriffsvertrag abzuschließen, um dem Land den Frieden vorläufig zu erhalten und während dieser Zeit die eigene Verteidigungskraft weiter zu stärken. […] Das ZK der KPD richtete bereits am 25. August einen Aufruf an die deutsche Arbeiterklasse, in welchem es den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag als eine Friedenstat der Sowjetunion begrüßte […].“ Aha, der Nichtangriffspakt war also eine sowjetische Friedenstat. Ob die Polen das genauso bewerten würden, wurden sie doch zur Hälfte von den Sowjets verschlungen? Es ist bezeichnend, dass in Jugend im Berliner Widerstand oft abstrakt von Lenin und der Sowjetunion gesprochen wird, aber nicht ein einziges Mal von Stalin, einem der schlimmsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Es ist ganz einfach nicht aufrichtig, die Sowjetunion und den Kommunismus als menschlichste aller Lösungen zu preisen, wenn der Kopf dieser Einheiten ein skrupelloser Massenmörder war (und wahrscheinlich deshalb vorsorglich nicht erwähnt wird).

Hinzu kommt, dass man Begriffe wie „Klassenkampf“ und „kriegstreiberischen Kapitalismus“ irgendwann einfach nicht mehr hören kann. Ohne Zweifel spielten die aufblühenden und vom Krieg profitierenden deutschen Großkonzerne eine gewichtige Rolle, aber nicht sie allein führten Hitler in den Krieg. Der Führer war in erster Linie ein rassistischer Fanatiker, dessen wichtigstes Anliegen es war, die Juden auszurotten. Es ging also in erster Linie um Rassismus und Faschismus, nicht um Kapitalismus und Klassenkampf gegen die Arbeiterschicht. Was nach dem Lesen dieses Buches bleibt ist also der fade Geschmack eines subjektiven Propagandawerkes, dessen mutige Hauptakteure mit ihrer Arbeit und mit ihren Opfern doch so viel mehr objektive Bewertung und Danksagung verdient gehabt hätten.

Meine Bewertung: einer von fünf Sternen

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Isaak Babel, Die Reiterarmee und andere Erzählungen, 322 S., Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1965.

Wenn man sich intensiv mit in die Jahre gekommener, sowjetischer Literatur auseinandersetzt, so fällt auf, dass eine Unmenge von Romanen von Menschen veröffentlicht wurde, die mit ihren ganz netten Alltagsbeschreibungen zwar zur Bildung und zum Kennenlernen anderer Kulturen und Zeiten beitragen, an sprachlicher Finesse aber einiges vermissen lassen. Natürlich liegt es am geneigten Leser selbst zu bestimmen, ob einem das geschwungene Wort oder die tiefgründige Geschichte wichtiger ist. Idealerweise, so sehe ich es zumindest, passt beides annähernd zusammen. In den meisten Büchern, die ich bisher gelesen habe, war das aber leider nicht der Fall. Tatsächlich ist Die Reiterarmee und andere Erzählungen von Isaak Babel möglicherweise das erste auf dieser Seite behandelte Werk, das von einem wahrlich literarisch begabten Geist verfasst wurde.

Babels Sätze, das merkt man recht schnell, sind mehr als nur eine Ansammlung von Wörtern, die eine Information übermitteln sollen. Sie sind Kunst, Poesie, bunt und oft metaphorisch beladen. Passend dazu findet sich irgendwo im Buch folgende (wenn auch nicht von Babel selbst stammende) Stelle: „Ein Text ist nicht dann vollkommen, wenn man nichts mehr hinzufügen kann, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen kann.“ Der in Odessa aufgewachsene Babel beschreibt nicht nur anschaulich die Wirren des Krieges der Russen gegen die Polen nach dem Ersten Weltkrieg, sondern auch die Absurditäten ganz alltäglicher Vorgänge, wie etwa das Aufwachsen als Jude in einer teils antisemitischen Umgebung. Dabei spielt er durch wechselnde Perspektiven mit der Aufmerksamkeit des Lesers, wodurch häufig nicht klar ist, ob es sich um tatsächlich Erlebtes oder um Fiktives, um seine eigenen Ansichten oder um literarische Stilmittel handelt. Seine Erzählungen sind kurz und eindringlich und beschreiben jeweils einen nur sehr kurzen zeitlichen Abschnitt. Vieles sprechen seine Worte nicht aus, sondern deuten es mit verworrenen Formulierungen nur an, wie z.B. die Vergewaltigungen von Frauen oder das Ableben der Menschen.

Genau das ist es auch, was mich ein wenig störte. Dass ich durch meine beschränkte deutsche Erziehung sofort Probleme bekomme, die Übersicht zu behalten, sobald mehrere sowjetische, mir nicht vertraute Namen im Raum stehen, ist das eine. Dass die Erzählungen selbst aber so aufgebaut sind, dass man während des Lesens ins Schleudern geraten kann, ist das andere. Mit Worten und mit der Sprache zu spielen ist eine beachtenswerte Kunst – nur sollte man dabei nicht soweit gehen, den Durchschnittsleser zu verwirren. Die ein oder andere klarere Formulierung und ein geradlinigerer Handlungsstrang hier und da hätte Babels Erzählungen für meinen Geschmack gut getan.

Meine Bewertung: drei von fünf Sternen

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Alice Schwarzer, Der „kleine Unterschied“ und seine großen Folgen, 256 S., Fischer, 1977.

Wer Alice Schwarzer von Debatten aus dem Fernsehen oder durch Propagandaschriften kennt, dem fallen zu der radikalen Feministin oft keine schmeichelhaften Attribute ein. Wettert die Gründerin der Frauenzeitschrift Emma nicht prinzipiell gegen alles, was auch nur im Entferntesten mit Männern zu tun hat? Schürt sie nicht geradezu Hass gegen das andere Geschlecht? Trägt ihre Art der Vorwürfe und Verurteilungen wirklich zu einer konstruktiven Debatte bei? Hat sie bei ihrer heutigen Kritik übersehen, dass wir eben nicht mehr in den 1970er Jahren leben, sondern dass sich seitdem viel getan hat?

Man kann Schwarzer vorwerfen, was man möchte; eines sollte man aber nicht vergessen – ja, man sollte es sich immer wieder bewusst machen: heutzutage sind Männer und Frauen annähernd gleichberechtigt, was noch vor wenigen Jahrzehnten keine Selbstverständlichkeit war. Daran haben Feministinnen wie Schwarzer, die man auch durchaus als Menschenrechtlerin bezeichnen könnte, einen entscheidenden Einfluss gehabt. Die Vorstellung ausgewählter Gesprächsprotokolle, die Schwarzer nach Treffen mit deutschen Frauen in den 1970er Jahren angefertigt und in Der kleine Unterschied abgedruckt hat, macht auf erschreckende Weise deutlich, wie stark das „schwache“ Geschlecht unterdrückt, manipuliert und ausgenutzt wurde. Dass die Frauen pausenlos im Haushalt schuften müssen und dafür nicht einmal eine gebührende Anerkennung bekommen, ist das Eine. Dass manche Männer es aber außerdem für eine eheliche Pflicht halten, dass die Frau ihnen jederzeit für den Geschlechtsverkehr zur Verfügung zu stehen hat, ist eine andere. Einige der Frauen in Schwarzers Buch beschreiben diese vermeintliche Pflicht als etwas Lästiges oder sogar Schmerzhaftes, dass sie nur tun, weil sie davon überzeugt sind, es tun zu müssen. Ihr ganzes Leben lang wird ihnen eingetrichtert, dass sie allein nicht klarkommen würden und ohnehin weniger wert sind als die Männer, weshalb sie auch weiterhin besser den Mund halten und ihr Leben voll nach dem des Mannes ausrichten sollten. Immerzu wird in ihnen die Angst vor dem Alleinsein geschürt.

Gut, seit den 70ern hat sich aber viel geändert, oder etwa nicht? Einerseits glaube ich, diese Aussage in den wachsenden Scheidungsraten bestätigt zu sehen. Die Ehen heutzutage sind nicht unglücklicher als früher, aber die Frauen sind sich mittlerweile eher über ihre eigenen Rechte bewusst und trauen sich daher auch zu, einen Schlussstrich zu ziehen. Genau das ist der Verdienst von Schwarzer und ihren Kolleginnen. Egal, was die Gesellschaft einem eintrichtern möchte – es gibt keine Grundlage, auf der man eine Ungleichberechtigung akzeptieren oder legitimieren sollte.

Wie sieht es nun aber praktisch mit der Gleichberechtigung aus? Noch immer neigen Frauen dazu, für die gleiche Arbeit geringer bezahlt und seltener in Führungsposition berufen zu werden. Noch immer ist es in erster Linie die Frau, die sich um den Haushalt und um die Kinder kümmern soll. Noch immer herrscht das Dogma vor, dass der Mann der Ernährer der Familie ist und sich schämen müsste, wenn seine Frau mehr Geld verdient als er. Noch immer kommt es zu häuslicher Gewalt und – was so gut wie nie thematisiert wird – zu Vergewaltigungen in der Ehe, gegen die die Frauen erst seit 1997 auf dem Rechtsweg vorgehen können. Noch immer gibt es dogmatische Vorurteile gegen Frauen in bestimmten, „männlichen“ Berufen. Noch immer gehen in einer Beziehung die Bedürfnisse des Mannes oft vor jene der Frau. So viel man also auch über Alice Schwarzer meckern möchte: sie legt noch immer den Finger in die blutende Wunde der Ungleichberechtigung.

Dennoch, obwohl ich das Buch Der kleine Unterschied nicht nur Frauen, sondern vor allem Männern empfehlen würde, damit sie vielleicht einmal selbst auf den Gedanken kommen darüber nachzudenken, ob sie mit dem anderen Geschlecht fair umgehen; dennoch hat dieses Werk auch unverkennbare Schwächen. Schwarzer begeht denselben Fehler, den viele Menschen begehen, die sich gegen irgendeine Art der Diskriminierung einsetzen: sie schießt über das Ziel hinaus. Sie dämonisiert alles Männliche, behauptet, es gebe keine guten, sondern nur schlechte und weniger schlechte Männer, neigt zu Verallgemeinerungen und gelegentlich auch zu Unsachlichkeiten und ist nie so ehrlich zuzugeben, dass es auch andersrum geht; dass es nämlich nicht wenige Frauen gibt, die ihre Männer manipulieren und ausnutzen. Nichtsdestotrotz ist Der kleine Unterschied ein empfehlenswertes Buch, das allen die Augen öffnen könnte, die meinten, wir befinden uns bereits in einer fairen und gleichberechtigten Gesellschaft.

Meine Bewertung: drei von fünf Sternen

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Stefanos Sarafis, In den Bergen von Hellas, 575 S., Deutscher Militärverlag Berlin, 1964.

Beim Lesen bin ich ein durchaus zielstrebiger Mensch, der in neun von zehn Fällen ein Buch erst dann nicht mehr in die Hand nimmt, wenn es komplett gelesen wurde. Mit anderen Worten: es muss sich um ein äußerst schlechtes bzw. langweiliges Buch handeln, wenn ich es nicht bis zum Ende lese. Genau das ist mir bei In den Bergen von Hellas von Stefanos Sarafis passiert. Woher soll man auch wissen, was sich hinter dem Titel verbirgt? Selbst wenn man dahinter kommt, dass es mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat, so erinnert man sich in erster Linie an all die spannenden und informativen Geschichten, die dazu niedergeschrieben wurden.

Zu diesen interessanten Geschichten gehört dieses Buch definitiv nicht. Sarafis, soviel weiß ich jetzt, war ein wichtiger Militär im griechischen Volksbefreiungskampf während des Krieges gegen die Italiener. Er ging in den Untergrund, genauer gesagt zu den Partisanen, und entwickelte sich dort zum Führer der Volksbefreiungsarmee ELAS. Sein Buch beschreibt detailliert so ziemlich alles, was mit ihm und um ihn herum passierte zwischen 1941 und 1944. Er beschreibt dies aber so trocken und bürokratisch, dass ich mir mehr als 40 Seiten nicht antun konnte. Fast jeder Absatz beginnt mit: „Am Tag X traf ich mich mit Y und wir sprachen über Z.“ Ich habe keine Ahnung, wer außer gewisse Historiker dieses Buch interessant finden könnten. Deshalb kann die erste Null in dieser Reihe nur an dieses Buch gehen.

Meine Bewertung: null von fünf Sternen

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Wassili Peskow, Landauf, landab in der Sowjetunion, 294 S., VEB F.A. Brockhaus Verlag Leipzig, 1974.

Wassili Peskow hatte das, was viele Menschen wahrscheinlich als ein erfülltes Arbeitsleben beschreiben würden. Als Reporter für die Komsomolskaja Prawda bereiste er viele Teile der Sowjetunion mit dem Flugzeug, dem Hubschrauber, dem Boot, im Auto, zu Pferd oder ganz einfach zu Fuß; lernte die abgelegensten Regionen und Menschengruppen des Vielvölkerstaates kennen; sah die schönsten Flecken der sowjetischen Natur und erlebte die faszinierende Diversität seines schier endlos großen Heimatlandes. In seinem Buch Landauf, landab in der Sowjetunion möchte er ein paar seiner ganz besonderen Erfahrungen weitergeben, um den (einheimischen) Leser dazu zu ermuntern, die UdSSR zu bewandern und kennenzulernen. Sicher, ein Mensch, der dieses Land selbst kennt und mit dem dick aufgetragenen Nationalstolz etwas anfangen kann, für den werden sich die ausgesuchten Beiträge Peskows möglicherweise als eine stimulierende Lektüre herausstellen. Ich konnte jedoch mit den teilweise endlosen Beschreibungen von Gemäuern und Landschaften, Städten und Staudämmen und der nervenden Übertreibung der Großartigkeit der Sowjetunion nicht viel anfagen.

Schade eigentlich, finden sich doch im zweiten Kapitel Das Antlitz des Menschen ein paar fesselnde Beispiele dafür, warum ich mir immer wieder diese Bücher antue. Irgendwann trifft man schliesslich auf faszinierende und packende Anekdoten, die in ihrer sowjetischen Art eine ganz eigene Faszination entwickeln. Da geht es u.a. um die schier unglaubliche Geschichte des Lotsen Iwan Rultetegin, der bereits im Alter von sechs Jahren vollkommen erblindete, sein Leben dennoch in der Wildnis teilweise allein meisterte und dank seines geschulten Gehörs als ausgezeichneter Bootsmann galt, der einen Kahn sicher wie kein Zweiter führen konnte. Man lernt etwas über die mutige Sinaida Kokorina, die sich damals in den Kopf gesetzt hatte, trotz der geschlechterbezogenen Vorurteile als erste Frau der Sowjetunion Pilotin zu werden – und am Ende so gut war, dass man sie sogar zur Ausbilderin machte. Doch von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen war es das dann auch schon mit den fesselnden und erwähnenswerten Geschichten. Peskow ist erster Linie ein Beobachter und dann erst ein Unterhalter. Vielleicht will er aber auch genau das nur sein. Wenn man aber keinen besonderen Bezug zu den beschriebenen Orten und Völkern hat, kann man so mit dem Buch nicht viel anfangen.

Meine Bewertung: einer von fünf Sternen

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Alexei Koshewnikow, Belebendes Wasser, 575 S., Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1951.

Eines muss man der vor Pathos und Vaterlandsliebe triefenden sowjetischen Literatur ja lassen: wenn man sich beim Lesen ein wenig darauf einlässt, dann erzeugt sie eine unheimliche Aufbruchsstimmung nach dem Motto: „Zusammen können wir alles schaffen und die Welt besser machen!“ Natürlich, in den wenigen bisherigen Versuchen, einen Staat kommunistisch bzw. sozialistisch zu führen wurde klar, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Und doch – es ist dieser Gedanke, dass die eigenen Anstrengungen nicht nur einem selbst, sondern dem Wohle aller dienen, die dem Leben einen ganz besonderen Sinn geben könnten. Man lebt, um die Welt ein klein wenig besser zu machen – gibt es eine erstrebenswertere und erfüllendere Motivation für das eigene Handeln? Wofür leben denn die Menschen in der kapitalistischen Welt?

Ein weiterer Vorteil eines solchen Romans liegt darin, dass man einiges über Menschen und Regionen der Welt lernt, von denen man ansonsten nie etwas in Erfahrung bringen würde. Ich zumindest hatte von Chakassien, einer Region im Süden Zentralrusslands, noch nie zuvor gehört. Alexei Koshewnikow beschreibt die Gegend in seinem Roman Belebendes Wasser als trockene, hügelige und windige Einöde, in der die Menschen auf die Viehzucht setzen. Dorthin, in die Nähe des Weißen Sees, wird Stepan Prokofjewitsch Lutonin versetzt, um den Posten des Direktors eines Pferdegestüts, das hauptsächlich die Armee mit kräftigen Hengsten beliefern soll, zu übernehmen. Ihm wird schnell klar, dass die bisherige Leitung vieles vernachlässigt hat und nicht einmal in der Lage war, genug Nahrung für die eigenen Pferde anzubauen, wodurch diese alljährlich große, beschwerliche Strecken zu den Weidegründen zurücklegen müssen. Durch den Besuch einer benachbarten botanischen Versuchsstation, deren Bäume in voller Blüte stehen, wird Lutonin bewusst, dass ein großer landwirtschaftlicher Ertrag möglich ist, wenn die Voraussetzungen stimmen. So entwickelt er die Vision goldgelber Weizenfelder, dichter Heuwiesen und blühender Obstgärten – und zwar genau dort, wo der unbarmherzige Wind bisher kaum einen landwirtschaftlichen Ertrag zugelassen hat, da er stets nicht nur den wertvollen Humusboden, sondern auch die gerade erst gesäten Samen hinfort trägt.

Lutonin hat zunächst mit Widerständen zu kämpfen, kann aber schließlich immer mehr Menschen für seine Idee begeistern. Vor allem die Viehzüchter reizt die Vorstellung, genug Heu und Weizen selbst anbauen zu können, sodass ihre Herden nicht mehr auf die beschwerliche Reise geschickt werden müssen. Was folgt sind Wochen pausenloser gemeinschaftlicher Arbeit, das Anlegen eines Bewässerungssystems und die Pflanzung von Schutzwaldgürteln (Übrigens: man muss schon sehr an der Intelligenz des Menschen zweifeln, wenn bereits seit Jahrzehnten bekannt ist, dass Waldgürtel die Abtragung des Bodens durch den Wind verhindern, auch in unseren Ländern die Bäume aber abgeholzt und die Felder immer größer gemacht wurden – wodurch man heute wieder mit den Folgen der Bodenerosion zu kämpfen hat) .

Besonders detailliert beschreibt Koshewnikow vor allem die Eigenheiten der chakassischen Pferdezucht und der dazugehörigen Hirten. Dabei überrascht es kaum, dass auch sie sich in den Dienst der Sowjetunion stellen und alles tun, um Lutonin zu unterstützen. Genau das könnte der große Schwachpunkt dieser Art der Propagandaliteratur sein: sie ist zu positiv, zu überschwänglich, zu realitätsfremd. Nur die allerwenigsten Protagonisten in Belebendes Wasser erfüllen nicht die Vorstellung eines idealen Sowjetbürgers. Fast alle sind von dem Wunsch beseelt, ihre ganz persönliche Heldentat zum Wohle des Ganzen zu vollbringen. Selbst die Wenigen, die sich am Anfang gegen Lutonin stellten, wandeln sich im Laufe des Romans zu reuigen Sündern und arbeiten schließlich mit ihm Hand in Hand. Sicher, idealistisch hat der Kommunismus ganz klare Stärken. Wer ihn allerdings so darstellt, als gäbe es in ihm keine schlechten Menschen und Schwächen, der setzt seine eigenen Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Nichtsdestotrotz hat der Roman bei mir zweierlei bewirkt: ich habe gerne die Beschreibungen eines mir zuvor völlig unbekannten Gebietes und Volkes aufgenommen – und in mir wurde die starke Lust geweckt, Bäume zu pflanzen! Für eine bessere Bewertung war die Handlung aber einfach zu sowjetrot gezeichnet.

Meine Bewertung: zwei von fünf Sternen    

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Jurij Brezan, Christa – Die Geschichte eines jungen Mädchens, 180 S., Verlag Neues Leben, 1957.

Würde man behaupten, die Jugendlichen von heute sind unreifer als noch vor wenigen Jahrzehnten, dann könnte man entweder Recht haben – oder man verstünde die gegenwärtige Generation der Heranwachsenden einfach nicht. Ich selbst tendiere zu ersterem und sehe mich durch den Roman Christa von Jurij Brezan bestätigt. Ich kann mir nämlich schwer vorstellen, dass viele Kinderbücher (bzw. Bücher für Jugendliche) heutzutage die für diese Altersgruppe typisch belanglosen Themen in den Zusammenhang mit bitterernsten Problemen unserer Gesellschaft setzen – so wie es eben in Christa, einem Stück Nachkriegsliteratur, der Fall ist.

Es würde mich doch sehr überraschen, wenn dieses Buch nicht als Kinderbuch gedacht war, geht es doch um Themen wie die erste Liebe oder die wechselhafte Gefühlswelt eines jungen Mädchens, dass auf dem Land aufwächst. Zunächst ist Christas Welt aber noch in Ordnung: sie liebt die Natur, hat ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern und vertreibt sich gern die Zeit mit Peter, über den sich später eine albern anmutende Liebesgeschichte mit ihr entwickeln wird. Erst als Christa erfährt, dass sie als kleines Kind von ihren jetzigen Eltern aufgenommen wurde, nachdem ihre leibliche Mutter verstorben war, gerät ihr Weltbild ins Wanken. Unbedingt muss sie nun erfahren, was mit ihrer Mutter passiert war und wer ihr Vater ist. Ihr Erzeuger, Hans Hagen, hat selbst ein Interesse daran, die nun 14-jährige Tochter zu sich zu nehmen – aus egoistischen Gründen.

Genau das ist der Punkt, der dieses Kinderbuch anspruchsvoll macht – insofern es denn als Kinderbuch konzipiert wurde. Schon allein der Konflikt eines Kindes, dass erfährt, dass es adoptiert wurde, stellt eine nicht zu unterschätzende Gefahr des Seelenheils dar. Werden die Eltern, die einen aufzogen, plötzlich in einem anderen Licht gesehen und nun weniger wichtig? Möchte man unbedingt Zeit mit den leiblichen Eltern verbringen, obwohl diese offensichtlich in der Vergangenheit nicht zur Stelle waren? Fragen, die zeitlos und noch heute aktuell sind.

Um das Ganze noch komplizierter zu machen, strebt Hagen nur danach, seine Tochter ins eigene Haus zu holen, damit seine neue, herrische Ehefrau eine kostengünstige Dienstmagd bekommt. Schon am Anfang des Buches wird nämlich verraten, dass Hagen damals, 1938, seine Frau zusammen mit dem Neugeborenen auf die Straße gesetzt hatte. Christas Mutter war Jüdin – und Hagen wollte sich weder seinen Ruf noch die Beziehungen zu seinen Geschäftspartnern ruinieren. Kann man sich den Bezug zu den Gräueltaten der Nazis in einem heutigen Kinderbuch vorstellen? Es war also die damalige Dienstmagd der Hagens, Lena Lensch, gewesen, die sich des Babies nach dem Tod der Mutter annahm und es zu ihren Eltern Jakob und Marta brachte, die es wie ihr eigenes Kind großzogen. Geblendet von der vorgetäuschten Freundlichkeit des leiblichen Vaters und seiner neuen Frau muss Christa nun also entscheiden, mit welcher Familie sie in Zukunft leben möchte.

Ohne Zweifel heiße ich es gut, dass auch in einem Kinderbuch derartige Themen angesprochen werden, denn es kann nicht schaden, bei den vielen Belanglosigkeiten des Alltags den Blick auch der jungen Menschen auf wesentliche Probleme zu lenken. Nichtsdestotrotz bleibt diesem Buch eine gute Bewertung versagt, da seine Sprache meist ohne literarische Klasse ist – ganz abgesehen von den Themen: dem Schultanz, das eingeschnappte Mädchen, dass dem Freund nicht mehr schreiben möchte, der Ausflug auf die Kirmes, inhaltloses und kindisches Gerede von der Liebe, etc. Dabei sollte man allerdings beachten, dass ich dieses Buch bei meiner Bewertung nicht als Kinderbuch betrachte, sondern es einfach so bewerte, wie es mir mein Gefühl spontan vorgibt.

Meine Bewertung: zwei von fünf Sternen

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Lisa Schwarz, Schiff ohne Anker, 234 S., Verlag der Nation, 1960

Der Zweite Weltkrieg hatte viele hässliche Facetten. Eine, die selten Erwähnung findet, war der indirekte Mord an Juden und anderen Flüchtlingen durch Briten, Amerikaner und sonstige Alliierte. Dabei ging es aber nicht um Kampfhandlungen oder Hass, sondern schlicht und einfach um Bürokratie. So kam es mehrfach zu der absurden Situation, dass Schiffe voll mit Juden, die vor den Nazi-Schergen flüchteten, an den Küsten der Alliierten zur Umkehr gezwungen wurden, da man ihnen die Einreise verweigerte. Die Passagiere ahnten, was ihnen bei der Rückkehr blühte. Den Bürokraten, die für diese Entscheidungen verantwortlich waren, waren sie anscheinend egal. Papier hat kein Herz.

Um genau so ein Schiff geht es im Roman Schiff ohne Anker von Lisa Schwarz, die einst selbst eine ähnliche Flucht durchleben musste. Am 16. Dezember 1941 lief ein Viehdampfer in schlechtem Zustand, die Struma, mit 789 jüdischen Flüchtlingen an Bord im Hafen von Istanbul ein. Es gelang jedoch nicht, Visa für die Einreise nach Palästina zu bekommen – nicht einmal Kindern wurde diese gewährt. Was folgte, war eine zermürbende Odyssee, bei der die Passagiere bei eisigen Temperaturen monatelang auf dem völlig überfüllten Dampfer, den sie nicht verlassen durften, ausharren mussten.

Vielleicht liegt es ja an meiner Vorfreude auf Bücher von Zeitzeugen, dass meine Erwartungen gelegentlich zu hoch sind, aber Schiff ohne Anker konnte mich in keinster Weise begeistern. Schwarz beschreibt in ihrem Buch eine Episode von nur wenigen Tagen, die mit der Abfahrt Richtung Türkei endet, wo ein neuer Versuch gestartet werden soll, einreisen zu dürfen. Die Hauptrolle spielt dabei Rachel, fast noch ein Kind, die sich in einer gezwungen wirkenden Liebesgeschichte mit Schulhof verliert, einem Fremden, der am Anfang des Buches auf den Dampfer (der im Roman Stefanie und nicht Struma heißt) kam. Die Handlung lässt sich damit zusammenfassen, dass versucht wird, den türkischen Kohledampfer Ismir zu chartern, der ebenfalls vor Anker liegt und die Passagiere in die Türkei bringen soll, wobei es unter den Passagieren zu Meinungsverschiedenheiten über das weitere Vorgehen kommt. Schwarz versucht, das Augenmerk auf die Merkwürdigkeiten des menschlichen Verhaltens in solchen Extremsituationen zu lenken, was ihr zwar oft ganz gut gelingt, im Endeffekt aber kaum begeistert, da es dem Roman an Höhepunkten mangelt. So werden die Lebensumstände detailliert beschrieben und vermitteln ein gutes Bild von den Zuständen auf dem Dampfer, 200 Seiten lang passiert – was die Handlung betrifft – aber nur sehr wenig.

Geradezu überrascht war ich dann vom letzten Kapitel, das mich am Ende tatsächlich doch noch einmal begeistert hat. Es ist voll von Leidenschaft, Strahlkraft und literarischen Feinheiten und übertrifft seine teils langweiligen Vorgänger um Welten – so als hätte sich Schwarz all dies für den Schluss aufgehoben. Wäre das ganze Buch so kraftvoll gewesen, es hätte eine bessere Bewertung verdient gehabt.

Meine Bewertung: zwei von fünf Sternen

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Hans Lorbeer, Das Fegefeuer – Ein Roman um Luthers Thesenanschlag, 564 S., Mitteldeutscher Verlag Halle-Leipzig, 1956.

Das Positivste gleich vorweg: historische Romane wie diese, so sie denn ordentlich geschrieben sind, erwecken in mir die unheimliche Lust, mich gedanklich in diese Zeit zu begeben. Dank meiner Angewohnheit, nachts vor dem ins Bett gehen ausgiebig zu lesen, freue ich mich daher wie ein kleines Kind auf Abenteuerreise, wenn ich mich im Dunkeln nur mit Hilfe des Kerzenlichts fortbewege, bis ich schließlich im Schlafgemach auf meine Gemahlin treffe. Elektrizität gab es im Jahre 1517 schließlich noch nicht – weder in Wittenberg noch sonst wo. Sicher, auf Bettpfannen oder Toiletten, für die man auch im Winter den Hof überqueren müsste, verzichte ich genauso gerne wie auf Betten aus Holz und Stroh; doch eine Kutschfahrt durch frischen Schnee hat – wärmende Decken vorausgesetzt – hingegen wieder ihren eigenen Reiz. Die Atmosphäre hat in Hans Lorbeers Roman Das Fegefeuer also gepasst, doch zu einem guten Roman gehört bekanntlich weit mehr als das.

Abgesehen von der Unterzeile des Buchtitels: was für ein Thema kann man schon erwarten, wenn das Jahr 1517 und der Ort Wittenberg gleich im ersten Kapitel erwähnt werden? Etwas überraschend ist dann schließlich, dass Martin Luther erst nach ungefähr 300 Seiten so richtig in die Handlung eingreift. Alles beginnt mit Berthold Thamm, der seine Heimat in Jüterborg verlässt, um als Kleinschmiedgeselle in Schwaben die große Kunst seines Handwerks zu erlernen. In einem Vorort von Wittenberg findet seine Reise aber ein jähes Ende, als er auf die Lumpenmagd Barbara trifft und sich ihrer erbarmt. Sie ist Waise und wurde von dem Bauern, bei dem sie lebte, sowie vom Kaplan, der ihr Vormund ist, schlecht behandelt. Sie möchte ihrem schrecklichen Leben entfliehen und legt ihre ganze Hoffnung in den jungen und großen Thamm, der zwar zunächst zögert, sie dann aber doch bis zur nächsten Stadt geleitet.

In Wittenberg angekommen möchte der Geselle seine Wanderung Richtung Schwaben eigentlich fortsetzen, doch irgendwie findet er Gefallen an der Magd und kann sich nicht so recht entschließen, sie einfach zurückzulassen. Der Schmiedemeister Melchthofer, aus Schwaben einst für seine jetzige Frau ins reizlose Wittenberg übergesiedelt, bekommt davon Wind und überzeugt Thamm zu bleiben, da er selbst gerade händeringend einen Gesellen sucht. Der junge Mann lässt sich breitschlagen und sagt zu. Barbara wird indes bei der Schwester von Frau Melchthofer im Hause des Gewandscheiders Herberger als Magd untergebracht. Frau Herberger findet schnell Gefallen an dem Mädchen und möchte sie wie ihr eigenes Kind aufziehen – blieb ihr selbst der Kindersegen doch verwehrt.

Im Laufe der Geschichte wird immer deutlicher, wie sehr und von wie vielen verschiedenen Personen die bemitleidenswerte Barbara eigentlich ausgenutzt wird. So steht ihr eigentlich ein Erbe ihrer verstorbenen Eltern zu, das zum größten Teil aber bereits von ihrem Vormund an ein Kloster abgetreten wurde. Pater Sebaldus, Mönch an eben jenem Kloster, möchte sich auch noch den Rest der Erbschaft sichern und drängt auf die verunsicherte Erbin ein. Falls sie wolle, dass ihre sündigen Eltern nicht ewig im Fegefeuer brennen müssten, sollte sie sich ganz dem Kloster hingeben. Doch der Pater belässt es nicht nur bei materiellen Wünschen, sondern gelüstet auch ganz männlichen Bedürfnissen und versucht, Barbara näher zu kommen. Ihre Zurückweisung entgegnet der Gekränkte mit immer neuen Beschuldigungen der Behauptung, sowohl sie als auch ihre Eltern seien verloren, wenn sie sich ihm nicht ganz hingebe.

Genau das ist die Stärke des Buchs: es macht deutlich, wie hinterhältig die kirchlichen Vertreter jener Zeit die Menschen nach Strich und Faden ausgenutzt haben. Ihnen ging es nicht um Gottes Willen, sondern um ihr eigen Wohl. Die Kirche verfaulte von innen, die Armen und Ahnungslosen wurden ausgenutzt und standen letztendlich rechtlos dar. Die paar Rechte, die sie hatten, gaben sie mangels besseren Wissens auf, wenn sie denn von den Mönchen davon überzeugt wurden. Hinzu kam das mächtige Instrument der Inquisition, das die Menschen in Angst und Schrecken versetzte und so gefügig machte.

Luther, selbst ein frommer Mönch, widerten die Machenschaften seiner Glaubensbrüder schließlich an, bis er sich eben zur Verfassung und Veröffentlichung jener 95 Thesen entschied, die die christliche Welt für immer verändern sollten und seinerzeit in Wittenberg große Unruhen – gerade unter den Studenten – hervorriefen. Wie die Geschichte jedoch ausgeht, kann ich nicht sagen, da ich nach erwartungsfrohem Lesen der 564 Seiten auf die unerwartete Zeile stieß: Ende Teil eins.

Sicher, der Roman ist sehr detailliert geschrieben, so dass es einem leicht fällt, sich geistig in die Handlung hineinzuversetzen; doch genau das ist auch einer seiner Schwächen: er ist zu lang, oft zu ausführlich geschrieben und verliert sich hier und da in Nichtigkeiten. Außerdem fällt auf, dass sich bestimmte Motive wiederholen und daher an Glaubwürdigkeit einbüßen. So fühlt sich anscheinend jeder Mann von Barbara angezogen, der einmal mit ihr in Kontakt war, also nicht nur Thamm und Pater Sebaldus, sondern auch der Student Haberlitz und am Ende des Buches selbst Luther. Ähnlich sieht es bei Julia, der 14-jährigen Tochter des Schmiedemeisters Melchthofer aus, die anscheinend nicht nur dem Studenten Bachmann, sondern außerdem dem Bauernjungen Balzer den Kopf verdreht. Der Roman scheint also geeignet, ein ausführliches Bild des damaligen Lebens glaubhaft darzustellen. Literarisch gesehen lässt die Handlung allerdings zu wünschen übrig.

Meine Bewertung: zwei von fünf Sternen

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