Die Geschichte des Fußballs – Vom Rauffest zum Sport-Kommerz


Manche hassen ihn, viele lieben ihn – und einige können sich ein Leben ohne ihn gar nicht vorstellen. Der Fußball elektrisiert nicht nur in Deutschland die Massen, sondern ist auch in den meisten anderen Teilen der Welt zu einem gesellschaftlich-soziologischem Phänomen geworden. Kaum zu glauben, dass diese Sportart aus kriegsähnlichen Wettkämpfen entstand, die äußerst brutal waren und sogar Todesopfer forderten.

Es ist kein Zufall, dass ein durchschnittlicher Deutscher mit Bastian Schweinsteiger, Marco Reus oder Lukas Podolski mehr anfangen kann als mit Peter Altmaier, Clemens Brentano oder Franz Liszt. Sicher, Politiker oder verstorbene Schriftsteller bzw. Musiker stehen selten so unterhaltsam im Mittelpunkt wie die allseits bekannten Fußballer. Ein solcher Vergleich sagt jedoch viel über ein Volk und seine Vorlieben aus. Nein, es ist natürlich keine Schande sich mit Fußball zu beschäftigen. Es geht dabei nämlich nicht nur um ein Hobby, sondern um ein soziokulturelles Phänomen, das im Laufe von Jahrhunderten fast die gesamte Welt in seinen Bann gezogen hat.

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Die Bewegungskultur, also das Ausüben körperlicher Anstrengungen ohne überlebenswichtige Notwendigkeit, ist wahrscheinlich so alt wie der moderne Mensch selbst. Schon die Freier Penelopes, die in Odysseus Abwesenheit um die schöne Witwe warben, vertrieben sich mit Scheibenschießen, Speerwerfen und anderen Spielen die Zeit. Laut Plutarch wurden in Sparta auch die Frauen in die körperliche Ausbildung (Laufen, Ringen, Diskus- und Speerwerfen) mit einbezogen, damit die Zeugung der Kinder in kräftigen Körpern erfolgte. Während in Sparta die körperliche Ertüchtigung als Mittel zur Wehrtüchtigkeit angesehen wurde, ging es den Athenern darum, dass ein körperlich schöner, athletischer Mann moralisch gut und geistig rege sei.

Wo und wann genau die ersten Ursprünge des Fußballs zu finden sind, kann nicht eindeutig beantwortet werden. Der britische Sportsoziologe Eric Dunning geht davon aus, dass sich dem Fußball ähnliche Spielformen mehrfach unabhängig voneinander entwickelten, da sich Anzeichen bei Chinesen, Japanern, Griechen, Römern, Italienern, Engländern, Franzosen und Kelten finden lassen – teilweise weit vor der Geburt Christi. Die Funktion des Spiels scheint jedoch immer ähnlich gewesen zu sein: Es war ein gewaltsames und unterhaltsames Mittel, Konflikte zwischen konkurrierenden Gruppen auszutragen.

Mehr ist über die Formen des sogenannten Volksfußballs, wie er im Mittelalter vor allem in England an diversen Orten und in unterschiedlichen Variationen praktiziert wurde, bekannt. Im Gegensatz zur heutigen Form gab es damals aber kaum Regeln, keine Schiedsrichter und nicht einmal ein abgegrenztes Spielfeld. Shrovetide Football, eine seit dem 12. Jahrhundert praktizierte traditionelle Form des Fußballs, die zur Karnevalszeit alljährlich im englischen Ashbourne gespielt wird, stellt ein typisches Beispiel dar: „Es treten zwei Stadteile gegeneinander an, wobei es keine Begrenzung der Teilnehmerzahl gibt. Das Ziel ist es heutzutage, den in der Stadt freigegeben Ball, der meist getragen wird, zum eigenen Mahlstein am Fluss zu bringen, wohingegen früher der gegnerische Mahlstein das Ziel war. Die Entfernung zwischen beiden Endpunkten beträgt ungefähr drei Meilen“, erklärt Dr. Ansgar Molzberger vom Institut für Sportgeschichte der Deutschen Sporthochschule Köln.

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Der Wettkampf, der jeweils von Mittags bis Abends über zwei Tage ausgetragen wird, ist überaus unübersichtlich. Egal ob durch Flüsse oder Büsche, über Straßen oder durch Gassen – der Haufen an Teilnehmern, der sich um den Ball balgt und dabei äußerst gewalttätig vorgeht, ist durch keinerlei Eingrenzungen beschränkt. Dunning beschreibt sogar Versionen des Volksfußballs, bei denen Reiter eingesetzt wurden, um den Ball schneller voranzutreiben. In Ashbourne findet man übrigens auch den Ursprung des heute so oft angewandten Begriffs des Derbys, wie Molzberger erklärt: „Der Ort liegt im Bezirk Derbyshire – und da eben die zwei Ortsteile gegeneinander antreten, liegt dort der Ursprung des Begriffs Derby.“

Es scheint offensichtlich zu sein, dass solche Wettkämpfe zur Rivalität zwischen zwei Gruppen beitrugen, wobei man laut Molzberger Ursache und Wirkung nicht verwechseln darf: „Man sollte die Rolle des Sports meiner Meinung nach nicht überschätzen. Die Rivalitäten haben oft historische Wurzeln, z.B. auf welcher Seite die Dörfer bei einer Schlacht jeweils standen. Der Wettkampf ist dann eher die Bühne für den Konflikt, aber nicht die Ursache.“ Wie brutal diese Duelle tatsächlich waren, kann man einer zeitgenössischen Schilderung entnehmen: „[Sie kehren heim] wie nach einer regelrechten Feldschlacht, mit blutigen Köpfen, gebrochenen Knochen und verrenkten Gliedmaßen und Prellungen, die geeignet sind, ihr Leben zu verkürzen. Dennoch ist alles nur ein Spiel und weder ein Anwalt noch ein Vertreter der Krone wurde jeweils deswegen angerufen.“ (nach Carew, 1602)

Das Gewaltpotential und die berauschende Wirkung der Wettkämpfe führte schließlich dazu, dass sowohl in England als auch in Frankreich bereits im 14. Jahrhundert Gesetze erlassen wurden, die die Ausübung des Volksfußballs unter Strafe stellten, da es zum einen dadurch immer wieder zu Unruhen und Tumulten gekommen war und weil man zum anderen befürchtete, dass die Ausbildung der Soldaten beeinträchtigt würde.

Im italienischen Florenz findet sich ebenfalls eine noch heute praktizierte, traditionelle Form des Fußballs: der Calcio storico. „Im Turnierverlauf, dessen Finale am 24. Juni bestritten wird, treten die vier Stadtteile gegeneinander an. Gespielt wird mit jeweils 27 Spielern auf einem etwa 170×80 Meter großem Feld. Der Untergrund ist Sand, Regeln gibt es sehr wenige“, erklärt Molzberger. Im Jahre 1930 wurde das Spiel, das durchaus an Gladiatoren-Wettkämpfe erinnert und auf die Medici zur Zeit der Renaissance zurückgeht, reorganisiert. Das Ziel ist es, den Ball während des Spiels (bei dem es übrigens keine Unterbrechungen oder Auswechslungen gibt) so oft wie möglich im Netz in der gegnerischen Endzone zu platzieren. Hauptsächlich spielen sich auf dem Feld aber Zweikämpfe fern vom Ball ab, die zahlreiche Verletzte fordern – ein Anblick, der an den US-amerikanischen Science-Fiction-Film Rollerball von 1975 erinnert. Dennoch, am Calcio teilzunehmen ist eine große Ehre – für die die Sportler eventuelle Verletzungen gerne in Kauf nehmen.

Der für die meisten von uns heutzutage selbstverständliche Breitensport, dem wir in unserer Freizeit nachgehen, ist übrigens erst vor eher kurzer Zeit entstanden – aus ganz trivialen Gründen, wie Molzberger erklärt: „Damals hatten die meisten Menschen nicht die Zeit oder Energie, um sich sportlich zu betätigen, weil sie ganz einfach ununterbrochen arbeiten mussten. Erst durch die Sozialgesetzgebungen, die im 19. Jahrhundert die Arbeitsbedingungen verbesserten, wurde so etwas wie Freizeit geschaffen.“ Es verwundert daher auch nicht, dass die Entwicklung des Sports, wie wir ihn heute kennen, auf die reicheren Bevölkerungsschichten zurückgeht.

Der Ursprung des modernen Fußballs ist wahrscheinlich an den englischen, kostenpflichtigen Privatschulen zu finden. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es dort zu einer Reihe von Festlegungen, die für die Entwicklung des Sports richtungsweisend waren: Die Regeln wurden niedergeschrieben, das Spielfeld wurde begrenzt, die Spielzeit wurde genauer limitiert, die Teilnehmerzahl wurde reduziert und bei beiden Mannschaften gleichgesetzt und der Einsatz körperlicher Kraft wurde strenger reglementiert. Es ist wahrscheinlich, dass sich Fußball und Rugby zeitgleich entwickelten. Zum endgültigen Bruch zwischen den Sportarten kam es, da man sich nicht darauf einigen konnte, in welchem Ausmaß der Einsatz der Hände erlaubt werden sollte.

1863 wurde schließlich die Football Association (FA) gegründet, acht Jahre später die Rugby Football Union (RFU). Zur gleichen Zeit bildeten sich bereits die ersten unabhängigen Fußballvereine. Die Torgrößen wurden festgelegt und Schiedsrichter, das Abseits und Strafstöße eingeführt. Der Sport expandierte rasant – erst in England und anschließend u.a. durch die Kolonien Großbritanniens in der ganzen Welt. Die Anzahl von nationalen Fußballverbänden stieg weltweit zwischen 1904 und 1994 von sieben auf 190.

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Der erste deutsche Fußballklub wurde schließlich 1878 in Hannover gegründet. In Deutschland setzte sich dieser Ballsport zunächst aber nur schwer durch. Grund dafür war die Sonderstellung des Turnens. Diese deutsche Eigenart der Leibesübungen und der Körperkultur geht auf die französische Fremdherrschaft unter Napoleon Bonaparte von 1806 bis 1813 zurück, die den Wunsch nach nationaler Unabhängigkeit und Einheit stärkte. „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn sah in der Turnbewegung den Schlüssel zur deutsch-nationalen Erziehung, die ein Gleichmaß an Leib und Seele erfordere. Schnell wurde seine Auffassung Teil des deutschen Ausbildungssystems. Da der Fußball keine solchen erzieherischen Absichten hegte, wurde er bis zum ersten Weltkrieg kritisch betrachtet.

Dass jedoch auch der Fußball zur Disziplinierung der Bürger und späteren Soldaten herangezogen wurde, zeigt sich noch heute in seinem teils militärischem Vokabular: Bombe, Angriff, Verteidigung, Zweikampf, Schlachtenbummler, Schuss, etc. Seinen endgültigen Durchbruch schaffte der Fußball in Deutschland spätestens 1954, als der Sieg bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz dem arg gebeutelten Volk neue Hoffnung gab. 1963 wurde schließlich die Bundesliga gegründet – und trat seitdem einen ungeahnten Siegeszug an. Die Umsätze der Vereine stiegen genauso wie die Zuschauerzahlen, die Spieler wurden zum Profi-Sportler und letztendlich zum Multimillionär.

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Die Kommerzialisierung des Fußballs schritt so weit voran, dass sich mittlerweile sogar Wiederstand erhebt gegen das, was aus dem Sport geworden ist. „Es ist aber paradox, wenn sich die Anhänger über eine Kommerzialisierung beschweren, die sie mit ihrem Konsum erst ermöglichen“, gibt Molzberger zu bedenken. Auf nationaler Ebene sieht der Dozent für Sportgeschichte aber keine Konkurrenz aufkommen: „Kurzfristig wird sich an der Vormachtstellung des Fußballs nicht viel ändern. Dieser Sport fasziniert einfach die Massen durch seine einmalige Dramaturgie“ – und durch seine Schlichtheit, möchte man hinzufügen, da man Fußball so gut wie immer und überall mit simplen Mitteln spielen kann.

Das die bedeutende Funktion des Fußballs, den man frei nach Karl Marx auch als Opium für das Volk bezeichnen könnte, aber auch seine Schattenseiten hat, scheint unvermeidlich. Doping, Korruption, Wettbetrug und politische Einflussnahme sind nur einige Probleme, die in diesem Zusammenhang auftauchen. „Viele Politiker sind immer bemüht darauf zu verweisen, dass es keine Verbindung zwischen Sport und Politik gibt. Das ist natürlich Unsinn, da sportliche Großereignisse auch immer große Bühnen sind“, so Molzberger. So gilt es als volksnah, sich bei einem Fußballspiel sehen zu lassen und nicht selten inszenieren sich Politiker oder Staatschefs bei Sportveranstaltungen selbst. Laut Thomas Kistners Buch „FIFA-Mafia“ müsste es außerdem jedem aufrichtigen Fan die Tränen in die Augen treiben, wenn er wüsste, wie viel Kriminalität in seinem Lieblingssport steckt.

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In welche Richtung der Fußball sich zukünftig entwickeln wird, kann man freilich nur erahnen, auch wenn momentan nichts darauf hindeutet, dass er grundsätzlich an Bedeutung verlieren wird. Klar ist jedoch, dass es sich tatsächlich um mehr handelt als nur ein Spiel. Es geht um Soziologie, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft – alles gebündelt um ein grünes Rechteck herum. Den ein oder anderen mag es beruhigen, dass Fußball auch bei seiner Entstehung bereits mehr als nur ein simpler Wettkampf war. Man kann ihn hassen, man kann ihn lieben; man kann ihn verfluchen, man kann ihn verehren. Man kann von der Jagd nach dem runden Leder, das einst eine gefüllte Schweinsblase war, halten, was man möchte. Eines kann man mit Sicherheit aber nicht: Man kann dem Fußball nicht seine soziokulturelle Bedeutung, die er ohne Zweifel in vielen Ländern hat, absprechen.

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