Darf ein Deutscher Israel kritisieren?


Es ist leicht, das Wort gegen andere zu erheben, aber schwer, dabei objektiv zu bleiben. Wir sind weit von einer gleichberechtigten und fairen Wertung entfernt – und verschließen nach wie vor unsere Augen davor.

Es ist ein psychologisches oder gar rein biologisches Phänomen, dass sich viele Menschen dazu verleiten lassen, alle Grundlagen der Gleichbehandlung über Bord zu werfen, sobald eine Person einer anderen Gruppe zugeordnet wird als man selbst. Schmerzlich wurde uns dieser gruppendynamische Prozess während des Holocaust vor Augen geführt, als sich viele Deutsche deshalb zu solch verabscheuungswürdigen Verbrechen an den Juden hinreißen ließen, weil diese zu „Untermenschen“ degradiert wurden, die nicht die gleichen Rechte genossen wie die „arische Rasse“. Heute wissen wir vor allem dank der Arbeiten von Luigi Cavalli-Sforza – insofern man für die objektiven Daten der Wissenschaft zugänglich ist –, dass die genetischen Unterschiede zwischen den Volksgruppen so gering sind, dass man nicht von verschiedenen Rassen sprechen kann. Leider ist es noch immer nicht bei allen angekommen, dass wir biologisch gesehen ebenbürtig sind.

Alle Menschen sind gleich – nur manche eben etwas mehr als andere

Es scheint in der Natur vieler Volksgruppen zu liegen, dass sie allem, was neu und anders ist, zunächst skeptisch oder ablehnend gegenüberstehen. Egal, wie lang man in bestimmten Dörfern der Bundesrepublik seit seinem Umzug gelebt hat – man wird nie so richtig dazu gehören, sondern immer ein Zugezogener bleiben. Benimmt man sich einmal daneben, wird man schärfer abgeurteilt als ein Einheimischer. Was im Kleinen zutrifft, lässt sich auch auf das Große übertragen: Randaliert ein junger Deutscher im Vollrausch, redet man von einem Ausrutscher. Tut ein Ausländer Vergleichbares, werden Rufe nach Abschiebung laut. Selbst wenn Asylbewerber unter Bedingungen hausen, die die meisten Deutschen als menschenunwürdig bewerten würden oder wenn verarmte Sinti und Roma uns auf der Straße bestehlen, regen wir uns darüber auf, dass uns so Kosten entstehen. Verschieben jedoch schwerreiche Deutsche Hunderte von Millionen Euro am Fiskus vorbei ins Ausland und schaden so der gesamten Bevölkerung, hält sich der Protest vergleichsweise in Grenzen. Dass wir mit unserer Wirtschaftspolitik darüber hinaus daran beteiligt sind, dass die Flüchtlinge in ihren Ländern im Vergleich zu uns kein gerechtes Leben führen können, bleibt besser gleich ganz unerwähnt. Doch noch schwerwiegender als diese ungleiche Behandlung auf Grund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe sind die unbegründeten Vorurteile, die sich virusartig in einer Bevölkerung vermehren und halten – und deren Verallgemeinerungen. Nicht alle Türken in Deutschland verschließen sich der Integration, nicht alle Moslems lehnen unseren Lebensstil ab, nicht alle Zuwanderer aus Osteuropa sind kriminell. Wir stigmatisieren ganze Volksgruppen und wundern uns anschließend, warum das Zusammenleben nicht funktioniert. Wir leben im 21. Jahrhundert – aber manche Denkweisen und Ansichten haben sich seit dem Mittelalter anscheinend nicht weiterentwickelt.

Michel Friedmann, der böse Jude

Als der jüdische TV-Moderator und CDU-Politiker Michel Friedman im Jahre 2003 durch eine Affäre um Drogen und Zwangsprostitution für negative Schlagzeilen sorgte, war halb Deutschland aufgebracht. Ein Jude als Bösewicht? Noch dazu einer, der in seinen Sendungen nur zu gern andere an den moralischen Pranger stellte und damals der stellvertretende Vorsitzende des jüdischen Zentralrates war? Einige Deutsche schienen nur darauf gewartet zu haben und schossen sich dankbar auf Friedman als Inbegriff des bösen Juden ein, während auf der anderen Seite schon während der Ermittlungen von antisemitischer Hetzpropaganda geredet wurde. Sicher, Friedmann sorgte mit seinem oft als arrogant und selbstherrlich empfunden Auftreten ohnehin für Unmut – und trotzdem war die Bewertung dieses Falles auf Grund seiner Zugehörigkeit zum Judentum eine besondere. Ich erinnere mich daran, nach der Verurteilung Friedmans viele Stellungnahmen gehört zu haben, aber nur ein Kommentar war so unvoreingenommen und trug so viel Wahrheit und Weitsicht in sich, dass ich ihn mir gemerkt habe, auch wenn ich den Namen des Urhebers der Worte – selbst ein Jude – leider vergaß. Sinngemäß sagte er, dass in diesem Fall die übertriebene Betonung des jüdischen Hintergrunds unangemessen wäre. Auch Juden sind kriminell, sie stehlen, töten, vergewaltigen und lügen – so wie man es bei allen anderen Religions- und Volksgruppen eben auch finden könne. Erst wenn uns das klar werden würde und wir endlich die mehr oder minder auf willkürlich definierten Gruppen basierenden Fesseln der Stigmatisierung ablegen würden, könnten wir unabhängig von unserer Identität gleichberechtigt in Frieden miteinander leben. Nicht das Strafverfahren gegen Friedman sollte uns zu denken geben – er wurde rechtskräftig verurteilt. Zu denken geben sollte uns die Tatsache, dass wir ähnliche Vergehen bei „guten, deutschen Christen“ womöglich anders bewerten würden.

Darf ein Deutscher Israel kritisieren?

Natürlich kann man auch als Deutscher Israel für seine Siedlungspolitik und die menschrechtswidrige Behandlung der Palästinenser kritisieren. Worauf man dabei aber achten sollte, ja achten muss, ist die Formulierung. Nicht die Juden im Allgemeinen sind für bestimmte Spannungen oder Verbrechen verantwortlich, sondern die israelische Regierung. Ein feiner, aber enorm wichtiger Unterschied. Andersherum verweist man hierzulande doch auch nur zu gern darauf, dass während des Zweiten Weltkriegs nicht alle Deutschen Nationalsozialisten waren. Es ist manchmal schwer, aufrichtig und objektiv zu bleiben. Es wird uns aber nichts anderes übrig bleiben, als genau das anzustreben, wenn wir es mit einer fairen und gleichberechtigten Beurteilung von Menschen tatsächlich ernst meinen. Wenn wir daran scheitern, dann werden die Nürnberger Rassengesetze vielleicht nicht die letzten gewesen sein, die Menschen rein auf Grund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe diskriminierten. Wer noch immer der Meinung ist, dass die Juden zumindest zum Teil für die Ungleichberechtigung ihnen gegenüber selbst verantwortlich sind, der argumentiert wohl auch, dass eine vergewaltigte Frau eine Mitschuld trägt, weil sie sich zu aufreizend angezogen hatte. Der Antisemitismus in Deutschland und weltweit ist nach wie vor nicht tot, sondern schwelt im Volkskörper weiter. Wir sollten uns dessen bewusst sein und seine tief liegenden Wurzeln mit dem Salz der Aufklärung und der Bildung ausdörren. Wir Deutschen behaupten gern, dass wir den Zweiten Weltkrieg abschließend aufgearbeitet und unsere Lehren daraus gezogen haben. Lasst es uns beweisen!

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