Die Geschichte des Judenhasses


Noch immer steht Deutschland für die Verbrechen des Holocaust am internationalen Pranger. Oft wird dabei übersehen, dass die Tragödie der Juden kein spontanes Massaker war, sondern der traurige Höhepunkt einer Jahrhunderte alten Feindschaft ihnen gegenüber.

Viel wurde nach dem Zweiten Weltkrieg über die Schuld der deutschen Bevölkerung debattiert. Welche Rolle der Einzelne einnahm, geriet dabei meist in den Hintergrund angesichts einer ganzen Maschinerie der Zerstörung und des Todes. Die Aussagen der Bürger, sie hätten von den systematischen Morden an Juden und anderen unerwünschten Menschengruppen nichts gewusst, wurden oft akzeptiert. Mittlerweile regt sich bei der Erwähnung des Wortes „Schuld“ ein gewisses Unbehagen bei den Deutschen, hat die heutige Generation doch nichts mehr mit den Verbrechen der Nationalsozialisten zu tun. Doch die Problematik des Judenhasses wird erst dann deutlich, wenn man sich mit seiner Geschichte befasst. „Auschwitz war nur möglich, da der Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft tief verwurzelt war“, schreibt Detlev Claussen sinngemäß in seinem Buch Vom Judenhass zum Antisemitismus und spielt damit darauf an, dass der Holocaust kein einmaliger „Ausrutscher“, sondern der tragische Höhepunkt einer langen Entwicklung war.

Die Ursprünge des Judenhasses

Prinzipiell kann zwischen mindestens drei verschiedenen Arten des Judenhasses unterschieden werden, nämlich dem religiös, dem sozial und dem rassenideologisch begründeten, wobei letzterer hauptsächlich eine Erscheinung der Neuzeit ist. Bereits mehrere Jahrhunderte vor dem Beginn unserer Zeitrechnung kam es in Ägypten und in weiteren Bereichen das Nahen Ostens zu Spannungen zwischen Juden und anderen Volksgruppen. Der griechische Geschichtsschreiber Hekataios von Milet behauptete, dass die im Pharaonenreich lebenden Juden des Landes verwiesen und durch Moses nach Judäa geführt wurden. Durch ihren monotheistischen Ein-Gott-Glauben war diese Volksgruppe den Ägyptern mit ihren vielen Göttern in Menschengestalt suspekt. Außerdem wurde ihre Behauptung, an den einzig wahren Gott zu glauben, als arrogant und respektlos aufgefasst. Sie grenzten sich selbst durch ihre Traditionen wie der Beschneidung männlicher Nachkommen, dem Verzicht auf Schweinefleisch und dem Sabbat ab und bekamen den Ruf, dass sie alles, das anders war, hassten. Apion von Alexandria behauptete, dass die Juden Griechen entführten und mästeten, um sie später als Menschenopfer zu schlachten und ihr Blut zu verzehren – eine Behauptung, die vor allem im Mittelalter wiederholt wurde und schon allein deswegen abwegig ist, weil es den Juden laut Thora verboten ist, Blut zu trinken, weshalb sie ihre Tiere durch das Schächten vor dem Zubereiten ausbluten lassen.

Quelle: http://schularena.com

Einen ersten Höhepunkt der Spannungen stellte die Zerstörung des jüdischen Tempels im nubischen Elephantine durch Ägypter 410 v.Chr. dar, zu welcher Chnum-Priester aufgerufen hatten, wobei die persischen Fremdherrscher nicht eingriffen. Auch die Römer intervenierten nicht, als es 38 n.Chr. zu mörderischen Aufständen in Alexandria kam, bei denen Juden von aufgebrachten Ägyptern umgebracht wurden. Kaiser Caligula wollte die Unruhen nutzen, um seine eigene Position zu stärken. Ihm waren die Juden, die sich nicht seinem Kaiserkult beugen wollten und stattdessen ihren Traditionen treu blieben, ein Dorn im Auge. Zuvor war es jedoch oft so gewesen, dass die Juden unter den Fremdherrschern in Nahen Osten keiner Unterdrückung ausgesetzt waren, was ihnen wiederum die Missgunst der ansässigen Ägypter und Griechen einbrachte, die gerade in Alexandria mit ihnen um Einfluss und Status konkurrierten. Die Eigenheiten der Juden wurden nach wie vor nicht akzeptiert, weshalb der römische Geschichtsschreiber Tacitus in den westlichen Kulturen nach 70 n.Chr. den Gedanken der jüdischen Misanthropie etablierte. Insgesamt stellte die Situation in Ägypten eine einzigartige Mischung aus religiösen, politischen und ethnischen Aspekten dar, die im hellenistischen Kontext globale Bedeutung gewann.

Der religiöse Judenhass

Die Situation der Juden verbesserte sich nach der Kreuzung Jesus Christus nicht – ganz im Gegenteil. Da sie von der neuen christlichen Religion als Mörder bezeichnet wurden, die obendrein Jesus nicht einmal als ihren Messias anerkannten, etablierte sich eine neue Form des religiösen christlichen Judenhasses, welcher später im Kampf um Einfluss an Bedeutung gewann, da das Judentum und das Christentum fortan in Konkurrenz miteinander standen. Der Einfluss der Juden schwand, die Römer störten sich nach wie vor an ihren Traditionen, die eine Akzeptanz anderer Götter verbot. Das jüdische Zentrum Palästina wurde schließlich in das römische Verwaltungssystem eingegliedert und unterdrückt, worauf es zu mehreren Aufständen und ab 66 n.Chr. zum jüdischen Krieg kam. 70 n.Chr. wurde Jerusalem durch Kaiser Titus zerstört, woran noch heute der Titusbogen in Rom erinnert. Als Kaiser Hadrian auf den Trümmern des jüdischen Tempels 130 n.Chr. einen Jupitertempel errichten wollte, begehrten die Juden während des Bar-Kochba-Aufstands letztmalig auf. Fünf Jahre später war ihre Niederlage besiegelt, die Juden wurden aus Palästina vertrieben oder als Sklaven verkauft – die Diaspora (griech.: Zerstreutheit) hatte begonnen.

Die Folgen der Diaspora

In den folgenden Jahrhunderten verloren die Juden an Einfluss und waren im Mittelalter zu schwach, um den ungerechtfertigten Vorurteilen und Stigmatisierungen ihnen gegenüber entgegenzuwirken. Gegen 1150 n.Chr. hatte sich die Art des Judenhasses schließlich gewandelt. Waren vorher noch befremdliche Eigenschaften und Verhaltensweisen der Ursprung der Feindseligkeiten ihnen gegenüber gewesen, standen nun fiktive Fantasien und Mythen im Vordergrund. Spätestens jetzt nahm der Jude die Rolle des Sündenbocks für alles Schlechte ein. Diesbezüglich schreibt Wolfgang Benz in seinem Buch Der Hass gegen die Juden, dass der Kern der Feindschaft darin liegt, dass diese Minderheit über Feindbilder definiert wird, um sie negativ instrumentalisieren und stigmatisieren zu können. So sollen die Juden angeblich mit Feinden oder dem Teufel verbündet gewesen sein. Erste Pogrome gab es daraufhin in Deutschland und Frankreich im 11. Jahrhundert. Auch der Vorwurf des Hostienfrevels, der erstmals 1290 in Paris dokumentiert wurde und den Juden eine Schändung des Leibes Jesu durch das Beschädigen von Hostien vorwarf, führte zu Pogromen. Während des IV. Laterankonzils wurde 1215 beschlossen, dass alle Juden durch einen gelben Fleck auf ihrer Kleidung gekennzeichnet sein müssten – eine Vorschrift, die die Nationalsozialisten Jahrhunderte später wieder aufgriffen. Ab 1492 kam es zudem durch die judenfeindliche Einstellung der Herrscher auf der iberischen Halbinsel zu erzwungenen Konvertierungen in Form von Massenzwangstaufen, woraus die Marranen hervorgingen. Selbst der Reformator Martin Luther ließ sich im 16. Jahrhundert zu mehreren Schmähschriften gegen Juden hinreißen.

Quelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3d/SEX_PUERI_RATISPONAE.jpg

Der Jude als ewiger Sündenbock

Auch für den Reichtum, den einige Juden im Mittelalter durch Handel und Bankgeschäfte erwarben, muss man in erster Linie die Christen verantwortlich machen, obwohl diese an deren Wohlstand Anstoß nahmen. Während des III. Laterankonzils 1179 wurden ihnen Zinsgeschäfte verboten, was den Juden unfreiwillig eine Monopolstellung verschaffte. Überhaupt waren sie auf diese Geschäftszweige angewiesen, wurde ihnen doch während des IV. Laterankonzils der Zugang zu Zünften und damit zum Handwerk verwehrt, wodurch sie weiter ausgegrenzt wurden. Früh wurden die Juden jedoch als Wucherer und Betrüger verschrien, die zum Ziel von Übergriffen von Schuldnern oder anderen Neidern wurden. So begann die Hochphase des sozial begründeten Judenhasses. Weitere Mythen wurden verbreitet wie etwa die, dass Juden während der Pestepidemien die Brunnen der Christen vergiftet hatten. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass weniger Juden der Seuche erlagen, weil sie reinlicher waren und weniger Kontakt zu Ratten, Flöhen und anderen Überträgern hatten. Auch angebliche Fälle von Kindern, die armen Eltern abgekauft und anschließend gefoltert wurden, um ihr Blut zu trinken, waren immer wieder im Gespräch und fanden ihren Weg in das deutsche Kulturgut. So kann man in dem Sammelband Deutsche Sagen der Brüder Grimm die Geschichten Der Judenstein und Das von den Juden getötete Mägdlein finden, die angebliche Fälle des Kindsmordes aus den Jahren 1462 bzw. 1267 beschreiben. Auch noch deutlich später war der Jude als Feindbild ein häufiges Motiv in der deutschen Literatur, wie etwa Abner, der Jude, der nichts gesehen hat aus Wilhelm Hauffs Märchen, in dem der Hauptcharakter ein listiger und verschlagener Lügner ist, der es immer auf seinen eigenen Vorteil abgesehen hat.

Quelle: http://images.zeit.de/wissen/geschichte/2011-09/s22-juden-antisemitismus/s22-juden-antisemitismus-540×304.jpg

Judenhass in der Neuzeit

Das Vorurteil der reichen Juden blieb jedoch auch dann noch bestehen, als viele von ihnen durch die Aufhebung des Verbots für Zinsgeschäfte für Christen verarmten. Auch heute noch hält sich hartnäckig die Behauptung, dass das Weltfinanzsystem von Juden kontrolliert würde. Selbst im 19. Jahrhundert kam es immer noch zu Pogromen gegen Juden, wie zu den in Würzburg beginnenden Hep-Hep-Unruhen in Deutschland 1819, als der europäische Markt nach dem Ende der Kontinentalsperre von billigen englischen Textilien überflutet wurde. Wieder waren es Neid und Missgunst, die die Übergriffe hervorriefen, da die jüdischen Händler mit den veränderten Gegebenheiten besser zurechtkamen als die deutschen Kaufleute. Dabei verstand es die gebildete Schicht, den Hass des Pöbels auf die Juden zu lenken. In der langen Reihe der Vorurteile gegen Juden gesellten sich schließlich auch noch Weltverschwörungstheorien. Als ihnen im Laufe der Russischen Revolution die Gleichberechtigung zugesichert wurde, kam es zu einer Welle von Pogromen, da die Konterrevolution von einem jüdischen Komplott sprach. Der zaristische Geheimdienst Ochrana stellte Anfang des 20. Jahrhunderts schließlich die „Protokolle der Weisen von Zion“ als Agitationsmaterial her und brachte sie in Umlauf. Angeblich soll es sich dabei um die Weltherrschaftspläne der Juden handeln. Vor allem unter den Moslems stellen diese Fälschungen noch heute eine wichtige Grundlage ihrer Feindschaft dar.

Antisemitismus und Rassenwahn

Letztendlich fand sich auch auf der politischen Bühne ein Grund, gegen die Juden zu hetzen. Im Laufe ihrer Emanzipationsbemühungen engagierten sie sich vor allem in nicht-konservativen Parteien, also u.a. bei Kommunisten und Sozialisten. So sprachen beispielsweise die Faschisten später vom jüdischen Bolschewismus, den es zu bekämpfen galt. Es wurde das Vorurteil des radikalen, Umsturz suchenden Juden etabliert, der alles Bestehende gefährde. Das Dilemma der Juden – und die Unsinnigkeit der Vorwürfe gegen sie – nahm weiter zu. Gab es Krieg, galten sie als Kriegstreiber, da sie als Industrielle damit Geschäfte machen konnten. Wurde der Krieg beendet, machte man es ihnen zum Vorwurf – wie bei der Dolchstoßlegende nach dem Ersten Weltkrieg, obwohl viele Juden für ihr deutsches Heimatland kämpften und starben. Schon zuvor hatte sich eine neue, letzte Phase des Judenhasses etabliert, die uns heute als Antisemitismus bekannt ist und als letztes Element eine rassenideologische Komponente hinzufügt.

Das Wort „Antisemitismus“ wurde erstmals 1879 während eines Berliner Historikerstreits aktenkundig, ausgesprochen wurde es von Wilhelm Marr. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich im Zuge des Sozialdarwinismus die Ansicht durch, dass das „jüdische Problem“ vom Standpunkt der Rassenreinigung aus betrachtet werden sollte, wobei die Juden minderwertiges Leben im Vergleich mit Ariern darstellen würden. Heinrich von Treitschke formulierte 1879 den viel zitierten Satz: „Die Juden sind unser Unglück!“ Er gehörte einer Strömung von Propagandisten an, die willkürliche, pseudowissenschaftliche Behauptungen über unbegründbare, absolute Differenzen zwischen Menschen in Körper- und Wesensmerkmalen in Umlauf brachten. Es galt, mit den Juden eine Gruppe, die im Laufe ihrer Emanzipation ein Teil der deutschen Gesellschaft geworden war, wieder zu entfernen, wobei man sich nicht auf veränderbare religiöse, sondern auf unabänderliche Rassenmotive stützen wollte. Der spätere Führer des Deutschen Reiches, Adolf Hitler, bezeichnete seine Haltung schließlich als Übergang vom Antisemitismus des Gefühls zum Antisemitismus der Vernunft. Mit anderen Worten: Man würde dem deutschen Volk einen Gefallen tun, wenn man es von den schädlichen Juden „säubere“.

So gelang es den Faschisten, den Kampf gegen die Juden als Notwehr auszulegen, da diese angeblich eine Bedrohung darstellten. Die Nationalsozialisten schufen also nichts grundsätzlich Neues, sondern bauten auf einer Jahrhunderte alten Feindschaft gegenüber Juden auf; ihre Worte und Absichten fielen bei ihrem Volk auf fruchtbaren Boden. Selbst die Argumentation, dass die Juden eine Teilschuld für ihre Leiden selbst trügen, ist auch heute noch nicht ausgestorben. Um die Ursachen des Holocaust zu verstehen, reicht es daher nicht aus, sich nur mit dem 20. Jahrhundert zu beschäftigen, da die Wurzeln, die nach wie vor noch nicht abgestorben sind, viel tiefer liegen.

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