Sportlicher Erfolg zwischen Himmel und Erde


Sternzeichen beeinflussen die Startaufstellung, Magier verhexen die Spieler und Verteidiger küssen ihren Torhüter: Abergläubische Rituale sind im Spitzensport allgegenwärtig. Was kaum jemand weiß: Ihr Erfolg kann tatsächlich rational bewertet werden. 

Laurent Blanc and Fabian Barthez

Quelle: http://soccerreviews.com/news/the-pep-talk-pre-game-rituals/

Wenn ein Eishockey-Torwart mit seinen Pfosten spricht,

wenn ein Fußballspieler auf einem Bein hüpfend das Spielfeld betritt, wenn ein Tennisspieler peinlich genau darauf achtet, beim Betreten bzw. Verlassen des Feldes nicht auf die Linien zu treten – dann bemühen die Athleten die Kräfte zwischen Himmel und Erde, für die es keine vernünftige Erklärung zu geben scheint. Doch die Anwendung abergläubischer Rituale im Sport ist mehr als nur Hokuspokus und kann sich rational betrachtet tatsächlich positiv auf das Leistungsvermögen der Sportler auswirken.

Der amerikanisch-britische Journalist und Autor Christopher Hitchens

sagte in mehreren seiner Debatten zum Thema Glaube an höhere Mächte sinngemäß: Der Mensch ist ein Tier, das immer Muster und Erklärungen finden möchte – eine gute Eigenschaft von uns. Dieses Bedürfnis geht jedoch so weit, dass der Mensch lieber an irrationale oder unsinnige Erklärungen glaubt, als gar keine Antwort zu haben – eine schlechte Eigenschaft von uns. Was sich auf alle Bereiche des Alltags anwenden lässt, trifft gerade auf den Sport zu. Es gibt immer Komponenten und Faktoren, die der Mensch nicht beeinflussen kann – und weil dieser Gedanke ihm nicht gefällt, sucht er nach einem Weg, um nicht vom Zufall abhängig sein zu müssen. Im Falle eines Sportlers äußert sich das vor allem im Befolgen einer regelmäßigen Routine.

Der deutsche Nationalspieler Miroslav Klose

legt beispielsweise sehr viel Wert darauf, den linken Stutzen vor dem rechten und den linken Schuh vor dem rechten anzuziehen. Sein Landsmann Mario Gomez benutzt angeblich immer nur das am weitesten links platzierte Urinal in der Umkleidekabine. Der damalige Kapitän der französischen Nationalmannschaft, Laurant Blanc, küsste während ihrer gemeinsamen Nationalmannschaftskarriere vor den Spielen den gut rasierten Schädel seines Torhüters Fabien Barthez. Der ehemalige englische Nationalstürmer Gary Lineker schoss vor Spielbeginn nie auf das Tor da er meinte, dass er seine erfolgreichen Torschüsse sonst aufbrauchen könnte. Raymond Domenech, seinerzeit Trainer der französischen Fußballnationalmannschaft, gab zu, bei seinen Aufstellungen auf die Sternzeichen seiner Spieler geachtet zu haben. So wollte er z.B. nicht mehrere Skorpione auf dem Platz haben, da diese sich seiner Meinung nach nicht miteinander vertragen hätten. Joachim Löw, Trainer der deutschen Nationalmannschaft, zog bei der Weltmeisterschaft 2010 schließlich bei jedem Spiel den gleichen (ungewaschenen) blauen Pullover an.

Was also hat das linke Urinal mit der Torgefährlichkeit von Marion Gomez zu tun?

Haben Sternzeichen tatsächlich einen Einfluss auf die Harmonie innerhalb einer Mannschaft? Gewann Frankreich 1998 die Weltmeisterschaft, weil Laurant Blanc seinen Torwart küsste? Mit der Psychologie hinter solchen Verhaltensweisen hat sich Prof. George Gmelch von der University of San Francisco in seinem Aufsatz „Baseball Magic“ beschäftigt: „Routinen beruhigen. Sie bringen Ordnung in eine Welt, in der Spieler kaum Kontrolle ausüben können. Manchmal führen praktische Elemente dieser Routinen dann zu nützlichen Leistungen – wie z.B. die Verbesserung der Konzentration des Spielers.“ Es geht also nicht um die Beschwörung übersinnlicher Kräfte, sondern um das Fokussieren des Athleten auf seine Aufgabe. „Was viele Sportler tun, geht aber weit über bloße Gewohnheiten hinaus. Ihre Taten werden zu dem, was Anthropologen als Rituale bezeichnen – vorherbestimmte Verhaltensweisen, bei denen es keinen empirischen Zusammenhang zwischen den Mitteln und dem gewünschten Resultat gibt“, führt Gmelch aus. Das linke Urinal verbessert die Chancen auf ein Tor objektiv also genauso wenig wie ein Regentanz die Chancen auf Regen.

Quelle: http://www.mymilez.com/trobriand-islands-papua-new-guinea/

Der Anthropologe Gmelch geht sogar so weit,

dass Verhalten der Sportler beispielhaft mit dem Fischfang auf den Trobriand-Inseln nahe Papua-Neuguinea zu vergleichen. Fahren die Trobriander zum Fischen auf hohe See, dann wenden sie abergläubische Rituale an, die denen der Sportler verblüffend ähnlich sind. Fischen sie hingegen innerhalb der Lagune, in der Glück bei der Jagd eine geringere Rolle spielt, dann kommt auch Aberglaube kaum zum Einsatz. Das Prinzip ist das gleiche: Wenn der Mensch etwas nicht selbst in der Hand hat, versucht er, sein Schicksal dennoch zu beeinflussen.

Noch deutlicher ist die Verbindung zwischen Anthropologie und Sport in Afrika,

wie Dr. Daniel Künzler von der Universität Freiburg (Schweiz) zu berichten weiß. In seinem Buch „Fußball in Afrika“ spricht er üben den großen Einfluss, den Hexenmeister nach wie vor auf dem schwarzen Kontinent haben. Als sich beispielsweise Benin 2004 erstmals für die Afrikameisterschaft qualifiziert hatte, wurde dies nicht etwas als bemerkenswerte sportliche Leistung, sondern als Überlegenheit der beninschen Magie ausgelegt. Nach wie vor ist es in Afrika nicht unüblich, dass Spieler verhext oder verflucht werden, dass magische Gegenstände im Stadion das sportliche Geschehen beeinflussen sollen und dass ganze Mannschaften verwünscht werden. Vor der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika war der Rasen im Stadion in Poklawane gar arg ramponiert. Der Grund: Die Magier der sonst dort spielenden Ligamannschaften hatten den Platz vor den Partien regelmäßig mit Salz  besprengt, um dem Team zum Sieg zu verhelfen. Das Paradoxe daran sei, so Künzler, dass ein Scheitern in der Regel nicht als Argument gegen die Magie interpretiert wird – sondern als Argument dafür, dass es noch mehr Zauber bedürfe.

Voodoo

Quelle: http://www.postnewsline.com/2008/02/voodoo-priest-s.html

Ähnlich ist es auch bei den hiesigen Fans:

Viele von ihnen glauben, dass ein bestimmtes Kleidungsstück oder eine bestimmte Verhaltensweise am Spieltag dem eigenen Team Glück bringt. Oft wird dabei – bewusst oder unbewusst – übersehen, wie oft das Ritual keinen Erfolg brachte. Genau deshalb spricht man von Glauben und nicht von Tatsachen: Es geht nicht um etwas Rationales, sondern um dass, was man als „psychologischen Placebo“ beschreiben könnte, der auch aus der Medizin – z.B. bei der Homöopathie – bekannt ist. Zumindest solange das Spiel noch nicht verloren ist, fühlt sich ein Fan eben besser, wenn er genau das macht, was er beim letzten Sieg auch getan hat.

Würde man einem Mario Gomez nun den Zutritt zum linken Urinal verwehren,

dann könnte es durchaus sein, dass er anschließend tatsächlich schlecht spielt. Die mentale Belastung einer Heute-kann-es-ja-überhaupt-nicht-laufen-Einstellung kann genau zu der befürchteten schlechten Leistung führen, was man als self-fulfilling prophecy oder – auf Deutsch – als selbsterfüllende Prophezeiung bezeichnet. Wer sich einredet, dass er keine Topleistung abliefern kann, der wird auch genau das tun – und seine Vorhersage bestätigen.

Genau den gleichen Effekt wie Rituale oder ein Talisman

hat übrigens auch das Beten mancher Spieler vor der Partie. Es wäre vermessen zu glauben, dass Gott bei all dem Leid auf der Welt gerade einem Spitzensportler, der Millionen verdient, dabei helfen würde, mehr Tore zu schießen. Nein, das Gebet hilft dem Spieler dabei, sich zu konzentrieren und erfüllt so seinen Zweck. Der Italiener Giovanni Trapattoni, ehemaliger Trainer des FC Bayern München, lies es sich manchmal nicht nehmen, den Rasen mit geheiligtem Wasser zu beträufeln. Ob es seinen Spielern half, ist nicht bekannt. Ihn wird es zumindest beruhigt haben.

Quelle: http://naqib-ihsan.blogspot.de/2011/01/islam-in-france.html

Evolutionsbiologisch macht ein solches Verhalten übrigens durchaus Sinn,

denn es stellt eine der wichtigsten Grundlagen des Lernens dar. Wenn eine bestimmte Handlung zu einem wünschenswerten Ergebnis führte, dann ist derjenige im Vorteil, der den Zusammenhang erkennt und die Handlung deshalb wiederholt. Im Grunde handelt es sich dabei um nichts anderes als das, was man in der Biologie als Konditionierung bezeichnet. Nur kann manchmal weder der Mensch noch das Tier unterscheiden, welches Verhalten tatsächlich mit dem Resultat verbunden ist und wo lediglich der Zufall im Spiel war. Für den Sportler spielt das aber auch keine Rolle: Wenn er davon überzeugt ist, dass ihm das Einhalten von Ritualen zu besseren Leistungen verhilft, dann wird es durch die sogenannte Selbstwirksamkeitserwartung wohl auch so kommen.

Eines ist bei jeder Form des Aberglaubens gewiss:

Unter seinem Banner kann wirklich jedes Verhalten als nützlich verkauft werden. Ein sehr unappetitliches Beispiel stellte der ehemalige argentinische Nationaltorwart Sergio Goycochea dar. Er war nämlich davon überzeugt, dass er bei einem Elfmeterschießen mehr Erfolg haben würde, wenn er – verdeckt von seinen Mitspielern – vorher auf den Rasen urinieren würde. Erfolgreich war er damit tatsächlich manchmal. Es ist wahrscheinlich, dass seine guten Reflexe eher dafür verantwortlich waren als der gedüngte Rasen – doch das Besondere am Glauben ist eben, dass man ihn sich immer so zurechtlegen kann, wie man ihn gerade braucht. Abergläubische Rituale wird es daher auch zukünftig geben – zur Freude findiger Geschäftsleute, die sich mit dem Verkauf von „geheiligtem“ Wasser, Glücksbringern und Utensilien, die kein Mensch braucht, eine goldene Nase verdienen.

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Quelle: http://www.thedistractionnetwork.com/kissing-the-chicken/

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