Der kleine Neger vom FC Hinterwald


Als Reporter im Bereich Lokalsport macht man eine ganze Menge Erfahrungen. Manche sind witzig, einige nervend, viele lehrreich – und einige wenige auch ganz einfach ärgerlich. Ärgerlich z.B. dann, wenn man unverblümt veranschaulicht bekommt, dass Deutschland – und Bayern im Speziellen – noch immer voll von xenophobischen Rassisten ist. Da gibt es Fälle, in denen Schiedsrichter auf Grund ihrer Hautfarbe beleidigt werden oder bei denen ein Zuschauer im Bezug auf einen dunkelhäutigen Torwart ruft: „Hau dem Neger endlich eins rein!“ Überhaupt ist bis zu den hiesigen Stammtischen noch nicht durchgesickert, dass Stigmatisierungen, wie sie das Wort „Neger“ darstellen, zum Glück durch große Teile der Gesellschaft als rassistisch eingestuft und aus dem Alltag entfernt wurden. Doch die Gruppe der ewig Gestrigen ist nach wie vor groß – und gefährlich, weil sie das Fundament für gewisse Straftaten und Ungerechtigkeiten darstellt. Im Fall des erwähnten Torhüters wurde argumentiert, dass es sich um einen älteren Zuschauer handelte, für den das Wort „Neger“ früher eben kein Schimpfwort war. Er wüsste es einfach nicht besser. Davon abgesehen wollte man sich auch nicht in die eigene Sprache reinreden lassen und jede einst normale Formulierung kriminalisiert sehen.

Quelle: http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/notizbuch/protest-rassismus-100~_v-image512_-6a0b0d9618fb94fd9ee05a84a1099a13ec9d3321.jpg?version=686e7

Nein, ich bin in vielen Fällen auch nicht dafür, z.B. alte Kinderbücher umzuschreiben, um sie „politisch korrekter“ zu machen. Sie dienen als Blick in die Geschichte, der zum differenzierten Reflektieren einlädt. Das Argument, dass bestimmte Bezeichnungen noch heute im Alltag verwendet werden sollten, weil sie früher respektierte Wahrheit waren, ist jedoch nicht mehr wert als das imaginäre Papier, auf dem es geschrieben steht. Es gibt auch heute noch Menschen, die damit aufgewachsen sind, dass es völlig in Ordnung war, gegen Juden zu hetzen, Homosexuelle offen anzufeinden und Frauen im Interesse des Mannes zu versklaven. Gesellschaften ändern sich – in vielen (wenn auch nicht allen) Fällen zum Guten, was den Gleichberechtigungsgedanken angeht. Ein „Neger“ oder „Zwerg“ war früher ein beliebtes Ausstellungsstück im Zirkus. Sollte das als Berechtigung dienen, auch heute noch so mit dunkelhäutigen oder kleinwüchsigen Menschen umzugehen?

Quelle: http://brainm0sh.de/wp-content/uploads/ichbinkeinrassistaber.jpg

So traute ich also vor wenigen Wochen meinen Ohren nicht, als ich als Vertreter der hiesigen Tageszeitung Informationen zu einem unterklassigen Fußballspiel telefonisch einholte. Um mir mögliche Anfeindungen zu ersparen (denn die Lobby der nicht-bekennenden Rassisten ist in Bayern nach wie vor groß), werde ich auf tatsächliche Namen verzichten. Sagen wir also, der FC Hinterwald war zu Gast beim SV Vorgestern, mit dessen Trainer ich sprach. Als er mir ein paar Informationen durchgab, kam er schließlich auf einen Konter zu sprechen, der das Spiel entschied. Da er den Namen des Spielers des FC, der das Tor erzielte, nicht wusste, beschrieb er ihn wie folgt: „Das war der kleine Neger von Hinterwald.“ Hätte mich diese Aussage nicht so überrascht, hätte ich dem Trainer des SVV vielleicht noch am Telefon gesagt, was ich von solchen Bezeichnungen halte, doch ich dachte in dem Moment eigentlich nur, dass ich mich verhört haben musste. Aber nein, verhört hatte ich mich nicht, denn – wie bereits ausgeführt – das Wort „Neger“ gehört eben nach wie vor noch zum üblichen Sprachgebrauch. Auch das Bewusstsein, mit einem Pressevertreter zu sprechen, der das Gesagte abdrucken lassen könnte, ließ den Mann am anderen Ende der Telefonleitung nicht weiter über seine Formulierung nachdenken. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Begründungen, wenn sich tatsächlich jemand nach dem Gebrauch solcher Wörter selbst korrigiert: „Ach nein, das darf man ja gar nicht mehr sagen. Sagen wir also Dunkelhäutiger.“ Die Meinung geht also dahin, das Wort nicht etwa nicht mehr zu benutzen, weil es falsch oder unangemessen ist, sondern weil es verboten oder geächtet ist. Ist stehlen also nur falsch, weil man dafür rechtlich belangt werden kann? Diese Art der Rechtfertigung erinnert schon stark an die religiöse Argumentation, dass die Menschen ohne den allwissenden Aufpasser – Gott – mehr Schlechtes tun würden, weil sie weniger Bestrafungen zu befürchten hätten. Man vergewaltigt als religiöser Mensch also keine Frau, weil Gott einen dafür bestrafen könnte – und nicht, weil es auch ohne ultimative Bestrafung ganz einfach falsch wäre?

Quelle: http://31.media.tumblr.com/tumblr_lxsakyZMNo1ql0sbuo1_500.jpg

Wohlgemerkt möchte ich an dieser Stelle keine unangebrachten Verbindungen zwischen Lokalsport und Religion herstellen, aber unsere Gesellschaft ist eben auch ein Spiegelbild unserer Geschichte. Die Xenophobie, also die Angst vor oder die Ablehnung gegenüber allem, was anders oder fremd ist, ist ein gewachsenes Phänomen, das sich eben auch aus einer Religion speist, die behauptet, die einzige Wahrheit zu repräsentieren. Hernach muss alles, was anders ist, schlecht sein. Als Sportler drückt man jedoch ein Auge zu, solange der „Neger“ in der eigenen Mannschaft spielt. Läuft er jedoch für den Gegner auf – ist also nicht direkt Teil der eigenen Gruppe –, dann ist er das, was er in unserer Gesellschaft oft ist: geduldet, ohne dabei ein Recht auf Gleichbehandlung zu genießen. In den Reihen des FC Hinterwald spielt übrigens noch ein anderer, etwas größerer „Neger“, der noch viel mehr Tore schießt. Ob er es schafft, in der Gunst der Zuschauer irgendwann zum „Schwarzen“ aufzusteigen?

Quelle: http://25.media.tumblr.com/tumblr_mbhpciC2091reec5so1_400.png

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