Fußball – eine Abrechnung


Es gibt Phasen in einer Beziehung,

in denen man zu Zweifeln beginnt. Passen wir wirklich noch zueinander? Oder haben wir uns nicht schon längst auseinadergelebt? Doch selbst wenn man sich eingesteht, dass es zusammen eigentlich nicht mehr weitergeht, fällt die Trennung so  unglaublich schwer. Gab es nicht auch gute Zeiten? Sollte man denn alles, was man zusammen er- und durchlebt hat, einfach aufgeben? So beginnt der lange Weg einer Trennung oft damit, dass man die Augen verschließt und sich einredet, dass alles bestimmt doch irgendwie weitergehen wird. Man versucht sich selbst davon zu überzeugen, dass man im Falle des Auseinandergehens viel verlieren würde und verwechselt dabei geliebte Gewohnheiten mit tasächlicher Liebe. Auch ich habe diese Phasen durchschritten und erst jetzt, nach 20 Jahren, begriffen, dass eine Trennung das beste wäre und es an der Zeit ist, einen Schlussstrich zu ziehen.

Eine Beziehung,

so viel muss angemerkt werden, haben wir in unserem Leben nicht nur mit anderen Menschen, sondern auch mit Gegenständen, Gewohnheiten und Freizeitbeschäftigungen. Die Beziehung, die ich meine, bezieht sich auf einen Sport, der mich genauso wie Millionen von anderen Deutschen seit frühster Kindheit vereinnahmt hat. Schon im zarten Alter von sieben Jahren begann ich damit, Fußball zu spielen. Klar, was auch sonst? Ich wuchs in einem Dorf in Sachsen-Anhalt auf. Eine Wahl, welchen Sport man ausüben möchte, gab es nicht. Ich spielte oft und viel (in der Jugend oft pro Wochenende in zwei verschiedenen Altersklassen) – nicht aber, weil ich so gut war, sondern weil wir eben immer knapp dran waren was die Anzahl an Spielern betraf. So entwickelte ich mich im Laufe der Zeit von einem völlig unbegabten zu einem mäßig unbegabten Amateur-Fußballer, von denen es in der Bundesrepublik Tausende gibt. Nie habe ich Titel gewonnen oder Aufstiege gefeiert, nie bekam ich persönliche Auszeichnungen und nie kam ich über die Rolle des Lückenfüllers hinaus. Doch das spielte keine große Rolle. In einer guten Beziehung zählt nämlich nicht nur das nehmen, sondern auch das geben.

Quelle: http://www.socialfail.de/wp-content/uploads/tdomf/22228/22228_fussballsaison.jpg

Profitiert habe ich vom Fußball dennoch;

nicht nur, weil er mich zu einer regelmäßigen körperlichen Betätigung verführte, sondern vor allem auch durch die vielen gemütlichen und erfreulichen sozialen Kontakte und Ereignisse, die damit in Verbindung standen. Fußball verbindet – zumindest so lange man in der selben Mannschaft spielt. Was hat man nicht alles für diese unwichtigen Amateurspiele gegeben? An Wochenenden, an denen man als Student zu Besuch bei den Eltern war, fuhr man am Sonntagmorgen extra früh los, um auch ja rechtzeitig zum Spiel da zu sein. Die Freundin hatte mit ähnlichen Einschränkungen zu kämpfen. Am Sonntag wird Fußball gespielt, egal wo man kurz vorher noch ist. Das musste auch sie akzeptieren. Hinzu kam für mich persönlich, dass ich schon mit 24 Jahren den Posten des Abteilungsleiters übernahm. Eine Verantwortung, die mich reifen ließ – und am Ende doch zu meiner Verbitterung beitrug.

Im Ehrenamt,

so viel weiß ich jetzt, braucht man eine ganz starke persönliche Motivation. Auf den Dank von oder die Zusammenarbeit mit Anderen darf man sich nicht verlassen, denn die Mehrzahl der Menschen bevorzugen es, keine Arbeiten innerhalb einer Gruppe zu übernehmen, auch wenn sie selbst Teil dieser Gruppe sind. Klar, beim Feiern und Trinken waren sie alle da – dass, metaphorisch gesprochen, danach auch immer wieder jemand sauber machen musste, interessierte sie nicht. Meine Zeit als Abteilungsleiter war ein Mikrokosmos voll von charakterlosen und verwöhnten Muttersöhnchen, bei denen man sich manchmal fragte, wie sie eigentlich nach dem Studium ihr Leben alleine auf die Beine stellen können.

Ja, das Trinken –

ein ganz wichtiger Teil unseres Volkssports. Schon immer wurde ich schräg angesehen, wenn ich nach dem Sport kein Bier, sondern eine Apfelschorle trank. Wie schnell man zum Spießer wird, wenn man es den Hobby-Alkoholikern nicht gleich tut… Alkohol ist auch in vielen anderen Bereichen unserer Gesellschaft ein Problem, aber beim Fußball wird er ganz besonders toleriert. Wenn man als Fan im Stadion Stimmung machen möchte, dann gehören eben vier, fünf Bier dazu. Nach dem Training oder nach dem Spiel kann man auch schon mal im Vereinsheim versacken, was mich bei manchen Kollegen mit Partnerin wundern ließ, wie erfüllt ihre Beziehung eigentlich ist, wenn sie es regelmäßig darauf anlegten, so viel wie möglich Zeit weit von ihrer besseren Hälfte entfernt verbringen zu können. Dass der Alkohol natürlich auch etwas mit der Gewaltproblematik zu tun hat, steht außer Frage. Aber he, sollte ich denn etwa den Leuten den Spaß vermiesen, die sich mit ihren Freunden beim Fußball ordentlich besaufen, um sich danach bei ihren Randalen auszutoben? Man sollte mich nicht falsch verstehen: auch ich war und bin ab und zu betrunken – auch bei meinem Verein. Trotzdem würde ich nie jemand dumm anmachen nach dem Motto: „Trink jetzt, sonst bist du keiner von uns!“

Quelle: http://bilder.rofl.to/pic/vollgekotzter-schalke-fan

Stimmt, denn das Trinken

ist ja auch besonders wichtig, um seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Der Fußball wird noch immer als Bühne für eine perfekte Männlichkeit mißbraucht und falsch interpretiert und ist daher (im Männerbereich) nicht nur grundlegend homophob, sondern außerdem ein Spielplatz für allerlei Macho-Gehabe und Kraftspielchen. Den Schiedsrichter ordentlich anzupöbeln oder seinen Gegenspieler richtig zur Sau zu machen gehört doch einfach dazu, oder nicht? Wenn das nicht reicht, dann muss man seinen gegenüber eben mal ordentlich umtreten. Falls dieser sich beschwert, kann man ja immer noch darauf verweisen, dass Fußball ein „Männersport“ sei und eben nichts für Weicheier. Komisch nur, dass diese wahren Männer so laut quieken, wenn in der Dusche das Wasser plötzlich kalt wird…

Besonders angewidert

hat mich auch immer die Einstellung, dass der beste Weg, einen talentierten Spieler bei der gegnerischen Mannschaft unter Kontrolle zu bringen sein sollte, ihn einfach umzuhauen oder gar zu verletzen. Große Klasse! Du bist besser als ich also hau ich dich um! Ich Mann, du Wurst! Überhaupt macht der Fußballplatz die Bedeutung der allgegenwärtigen Gruppendynamik sehr deutlich, wenn sich jeder Hosenscheißer im Schutz der Menge zum großen Zampano aufschwingt. Dass vor kurzem in den Niederlanden ein Unparteiischer sogar zu Tode geprügelt wurde, ist nur das extreme Ende von dem, was Alltag ist. Was sich ein Schiedsrichter an jedem Spieltag bieten lassen muss, entbehrt jeglicher Rechtfertigung. Gehören diese Emotionen zum Fußball aber nicht dazu? Vielleicht – deshalb hab ich mich ja auch von ihm abgewendet. Überall nimmt der Mangel an Schiedsrichtern zu, wobei die Gründe bei der katastrophalen Akzeptanz auf der Hand liegen. Liebe Schiedsrichter, laßt euch einfach ein paar Wochen lang nicht blicken und streikt. Mal sehen, wie die Rasengroßmäuler damit klar kommen.

Schiedsrichter Haller gab an, von Isemt Altunsoy zu Boden geschubst worden zu sein und brach die Partie ab.

Quelle: http://www.wochenblatt.de/nachrichten/regensburg/regionales/Skandal-in-der-Kreisliga-Schiedsrichter-angegriffen-;art1172,115866

Doch nicht nur neben dem Feld

sammeln sich alle, die im wahren Leben eine kleine Nummer sind, sich beim Fußball aber mal richtig austoben können, sondern auch auf dem Platz. Fußball ist durch seine geringe Kosten nicht nur Volkssport Nummer eins, sondern auch der Sport des kleinen Mannes, was an sich nichts Schlechtes ist. Schlecht ist hingegen, dass dieser Sport Tür und Tor für den Bodensatz unserer Gesellschaft öffnet, den nirgendwo wird asoziales Verhalten so geduldet wie beim Fußball. Den Gegenspieler beschimpfen oder umtreten? Normal. Wenn nicht auf dem Platz, dann spätestens am Stammtisch seine rassistischen Parolen raushauen? Alltag. Sich wie der letzte Assi aufspielen und dafür auch noch Applaus bekommen? Selbstverständlich. Hinzu kommen ja auch noch die Mitspieler, die meinen, dass das Anschreien einen besser machen würden oder die mit dem Rumgemotze nur von ihren eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken versuchen. Es geht nicht um Leben oder Tod, es geht um Amateur-Fußball! Allerdings: auch für mich gab es Zeiten, zu denen ich mich bei Mißerfolgen sehr geärgert habe. Gut, dass das schon lange vorbei ist. Es gibt wahrlich Wichtigeres.

Ein weiterer Grund,

warum ich dem Fußball, dem ich 20 Jahre lang die Treue gehalten habe, den Rücken kehre, ist die hohe Verletzungswahrscheinlichkeit. Das liegt zum größten Teil daran, da es zu diesem Sport gehört, den Gegner auch mal ordentlich umzutreten. Auch wenn es viele Verletzungen gibt, die ohne die Einwirkung des Gegners erfolgen, bin ich dennoch davon überzeugt, dass man das Risiko zu mehr als 50% selbst bestimmen kann. Meine einzige schwere Verletzung, einen dreifachen Bänderriß im rechten Sprunggelenk, zog ich mir nur deshalb zu, weil ich in der Halle bei einem Freizeit-Kick von meinem übermotivierten Gegenspieler umgetreten wurde. Vielen Dank! Alles andere kam von mir selbst. Mit 18 zwickte das Knie und sagte: „Eh Stephan, laß das doch!“ Es folgte eine Trennung für drei Jahre, nach denen ich aber zu meiner alten Liebe Fußball zurückkehrte. Später meldeten sich dann diverse Muskeln, die Achillessehnen und der Rücken zu Wort – ein wichtiger Grund, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen, denn mein Körper ist nicht dumm und möchte mir etwas Wichtiges mitteilen. Ich gehe erst  seit ein paar Wochen Schwimmen, aber schon sind alle meine Probleme weg. Es ist schön, dass es jetzt wieder selbstverständlich ist, ohne Schmerzen aufstehen zu können.

Was stört mich noch?

Es stört mich, in welche Richtung sich der Fußball entwickelt. Immer mehr Menschen strömen in die Stadien und finanzieren die überbezahlten Sportler, während immer weniger selbst spielen. Die Folgen sind nicht nur ein idiotischer und abhängig machender Personenkult um angebetete Fußballstars, sondern auch eine negative Auswirkung auf die Fitness des Volkes. Die dafür zuständigen Verbände und Personen tragen mit ihren Entscheidungen immer wieder dazu bei, dass die Basis immer mehr als potentielle Talentschmiede anstatt als Bühne für den Breiten- und Freizeitsport dient. Bringt uns ein deutscher Superstar wirklich mehr als 10.000 unbegabte, aber halbwegs fitte Amateurkicker? Hinzu kommen all die illegalen Machenschaften, die sich im Dunstkreis des Millionenspiels Fußball entwickelt haben. Der Weltverband FIFA – ein korrupter Selbstbedienungsladen; blühende Schwarzmärkte; Wett- und Dopingskandale; Politiker, die Sportereignisse für ihre eigenen Zwecke mißbrauchen; etc. Profi-Fußball ist kein ehrlicher Sport mehr, sondern ein Schauspiel. Wer die Spielregeln am besten beherrscht, gewinnt.

Sodann also, lieber Fußball,

werden sich unsere Wege endgültig trennen. Natürlich wird mein Interesse daran nie völlig erlöschen, aber was meine Aktivitäten angeht werd ich dich auf den Haufen der Nichtigkeiten verbannen, auf den du gehörst. Vieles, dass ich mit dir und für dich getan habe, würde ich jetzt anderes machen – und bereue es dennoch nicht. Wir haben uns einfach auseinandergelebt. Ich werde dich nie vergessen, du warst für einen großen Teil meines Lebens ein untrennbarer Teil von mir. In den letzten Jahren hielt uns aber nicht mehr die Liebe zusammen, sondern nur noch die Gewohnheit. So kann keine gute Beziehung überleben. Ein halbes Jahr werde ich dir noch opfern, um die Saison ordentlich zu beenden. Geh gut mit mir um – ich möchte nicht im Streit scheiden!

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