Ein Übel namens Toleranz


Fragt man einen aufrechten Demokraten,

welche Werte für ihn die wichtigsten seien, dann bekommt man mit Sicherheit recht schnell „Toleranz“ zu hören. Gerade das macht die Freiheit unserer Gesellschaft nämlich aus: man toleriert die Eigenheiten seines Mitmenschen, verurteilt ihn nicht für seine Religion oder Ethnizität und akzeptiert alternative Lebensweisen als individuelles Recht. Täte man es nicht, so hört man in manchen radikalen Kreisen, mache man sich des Faschismus schuldig. Es ist nicht nur traurig, dass solche schwergewichtigen Wörter im Laufe der Zeit so inflationär genutzt werden, dass sie ihre eigentliche Bedeutung fast schon verloren haben, sondern es ist desweiteren schlichtweg falsch, solche Vergleiche im Namen des Humanismus und der Gerechtigkeit aufzustellen.

Natürlich ist die Toleranz auch mir ein hohes und wichtiges Gut. Wie ich allerdings schon in Die Moorsoldaten und The Dilemma of Ethnocentrism geschrieben habe, entwickelt sich Toleranz genauso wie viele andere an sich gute Tugenden immer dann zu einer moralischen Falle – oder ganz einfach zu einer feigen Ausrede für das eigene Nichtstun –, wenn man nur in absoluten Kategorien denkt. Ist es demokratisch oder moralisch vertretbar zu akzeptieren, dass Menschenrechte im Ausland systematisch verletzt werden? Sollten wir das tolerieren, weil es in diesen Ländern eben gang und gäbe ist? Sollten wir es im eigenen Land tolerieren, wenn volksverhetzende Demagogen aufmarschieren, die Hass und Gewalt propagieren? Wären wir dagegen, dann wären wir intolerant – aber ist das in diesen Zusammenhängen wirklich eine schlechte Wahl?

Warum wird es also als eine Art Schimpfwort bewertet, wenn man jemanden intolerant nennt? Ist es die Angst, von der Norm abzuweichen und gebräuchlichen Dogmen zu widersprechen? Oder ist es viel mehr die Unwissenheit, die sich hinter der Schutzbehauptung „Du bist intolerant!“ verbirgt? Die Grundlage unserer Gesellschaft ist es, dass man seine Freiheit so lange ausleben kann, so lange man die Freiheit eines anderen Menschen nicht einschränkt. Genau dort – so paradox es auch klingen mag – kann Intoleranz gute Dienste leisten.

Die Intoleranz der Vegetarier

Um eines vorwegzunehmen: ich bin ein Vegetarier, aber ich gehe nicht aktiv auf andere Menschen zu und versuche, sie von meinen Ansichten zu überzeugen. Genauso bin ich ein Atheist, der nicht versucht, andere Menschen zu bekehren. Wenn ich allerdings darauf angesprochen werde oder wenn es in einem Gespräch thematisiert wird, vertrete ich gern meine eigene Position – weil ich eben davon überzeugt bin. Dennoch habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die Fleisch essen, sofort in den Abwehrmodus wechseln – obwohl sie selbst nach den Gründen für meinen Verzicht gefragt haben. Neben vielen inhaltslosen Argumenten ist eines der häufigsten: „Wenn du etwas dagegen hast, dass ich Fleisch esse, dann bist du intolerant. Das geht dich doch gar nichts an!“ Schachmatt. Jetzt hat er mich. Ich bin intolerant – und das ist bekanntlich schlecht.

Nur zur Erinnerung: die Massentierhaltung ist eine der Hauptquellen für die Umweltverschmutzung sowohl der Gewässer und Luft als auch der Böden. Viel mehr Menschen könnten ernährt werden, wenn man auf der bestehenden landwirtschaftlichen Fläche nur Pflanzen anbauen würde. Antibiotikaresistente Bakterien sind schon heute eine der größten Herausforderungen der modernen Medizin mit einer immer bedrohlicher werdenden Tendenz. Der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung trägt dazu bei. Zu guter Letzt ist der Mensch mit seinen Essgewohnheiten auch dafür verantwortlich, unsägliches Leid über Milliarden von hilflosen Tieren zu bringen. Wer tatsächlich abstreitet, dass Tiere genauso wie wir fühlen können, der sollte einer Kuh oder einem Schwein auf der Schlachtbank beim verzweifelten Todeskampf zusehen. Alle diese Gründe – Umweltverschmutzung, Antibiotikaresistenzen, ausreichende Lebensmittelversorgung – betreffen den größten Teil der Menschheit. Es sollte daher offensichtlich sein, dass die Wahl der eigenen Lebensmittel gegen demokratische Grundrechte verstößt und die Freiheit der Anderen direkt beschränkt – meine Freiheit z.B., eine Atmosphäre ohne überhöhte Methankonzentrationen zu genießen, unbelastetes Grundwasser zu trinken und wirksame Medikamente zu bekommen. Natürlich müssen auch die Lebensmittel eines Vegetariers hergestellt werden und verursachen so einen gewissen Grad an Umweltbelastung – die negativen Auswirkungen sind aber beträchtlich niedriger. Falls sich jemand jetzt denkt: „Meine Freiheit wäre doch auch beschränkt, wenn man mir das Fleischessen madig machen würde“, dann sollte er sich dem Prinzip des kleinsten Übels bewusst sein, da sein Konsumverhalten negative Auswirkungen auf viele andere Menschen hat. Es ist auch eine Beschränkung der Freiheit, dass man die Haustiere des Nachbarn nicht einfach schlachten und essen darf – warum beschwert sich niemand darüber?

Davon abgesehen ist es an sich idiotisch nach den Gründen für die eigenen Überzeugung zu fragen, nur um sich nach der Antwort angegriffen zu fühlen. Ja, ich bin intolerant was den Fleischkonsum angeht – genauso wie ich intolerant gegenüber Menschenrechtsverletzungen und Krieg bin. Wir können einem Vater dabei zusehen, wie er sein Kind blutig schlägt und sagen: „Dass müssen wir tolerieren. In seiner Familie macht man das eben so.“ Oder wir tolerieren es eben nicht und setzten uns dafür ein, die Ungerechtigkeit zu beenden. Selbst wenn es keine rationalen Argumente für den Fleischverzicht gäbe, so sollte eigentlich das empathische Motiv des Vermeidens von Leid bei anderen fühlenden Lebewesen Grund genug sein, den status quo zu überdenken. Schließlich essen wir Fleisch, weil es zu unserer Tradition und Kultur gehört – oder isst jemand etwa aus idealistischer Überzeugung Fleisch, weil er sehr lange darüber nachgedacht hat und sein Gewissen ihm keine andere Wahl lässt? Es geschieht viel Unrecht auf dieser Welt – nur weil es zur ausgeübten und nicht hinterfragten Tradition gehört.

Erfüllung durch Glauben

Ich habe irgendwann mal eine Anekdote aus dem zweiten Weltkrieg gehört, die mich tief beeindruckt hat  und die ich seither nicht mehr vergessen habe. Sinngemäß ging es um zwei verhungernde Juden, die endlich etwas Essbares gefunden hatten. Allerdings handelte es sich dabei um Schweinefleisch, dessen Verzehr im Judentum bekanntlich verboten ist. Während der eine Jude alles in sich hinein schlang, bemerkte er irgendwann, wie sein Gegenüber das Fleisch nicht anrührte. „Warum isst du nicht?“, fragte er ihn. „Das ist Schweinefleisch“, antwortete der Zweite, woraufhin der Erste erwiderte: „Was macht das schon für einen Unterschied? Wenn wir es nicht essen, dann sterben wir!“ „Wenn ich aber nicht einmal mehr meinen Glauben hätte, wofür würde es sich dann überhaupt noch lohnen zu leben?“ Die Anekdote ist für mich nicht zuletzt deshalb so ansprechend, weil ich Atheist bin und nichts mit Religionen am Hut habe. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass jeder Mensch für ein erfülltes Leben etwas braucht, an das er glauben kann und das er versucht zu erreichen. Um diesen Sinn zu finden bedarf es meiner Meinung nach eben nicht einer übernatürlichen Macht – sondern einfach nur des Bewusstseins, was man in seinem begrenzten Leben Sinnvolles auf dieser Erde tun kann.  Auch wenn der Vergleich für viele zu weit hergeholt sein wird, für mich trifft er den Punkt: jemand, der in einer Gesellschaft immer nur das macht, was ihm vorgegeben wird und was eben den Normen entspricht, der wird für sich selbst nie zu der Erkenntnis zu kommen, dass es viel erfüllender ist, aus idealistischen Gründen eine Position zu vertreten. Natürlich ist es nicht immer einfach, immer wieder als Minderheit mit etwas konfrontiert zu werden, dass einem wie Feindseligkeiten und Ignoranz vorkommt. Allerdings ist die Gewissheit bei jeder Mahlzeit, dass kein Tier gequält und getötet wurde, nur weil ich den Geschmack seines Fleisches mag, ein Gefühl, dass meinen Bemühungen einen Sinn verleiht.

Es geht natürlich nicht nur um unser Essverhalten, sondern um Tausende andere Dinge auch. Der Punkt ist, dass man es sich zweimal überlegen sollte, ob man das Wort „intolerant“ als Beleidigung oder als Kompliment verstehen sollte.

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