Die Macht des Konsumenten oder die Feigheit des Nichtstuns


Wenn auf irgendeinem Sender Bilder von hungernden Kindern über die Mattscheibe flimmern, bekommt man dann und wann von besorgten Mitbürgern zu hören: „Um Himmels Willen! Da muss doch was getan werden!“ Wenn sich irgendwo auf der Welt kräftige Unwetter ereignen, welche Hunderte Menschen in den Tod reißen und wenn Wissenschaftler auf die Folgen des Klimawandels hinweisen, dann kommen regelmäßig etliche Moralapostel aus ihren Löchern, welche sehr genaue Vorstellungen darüber haben, was sowohl der Nachbar als auch die „Großen“ in der Politik anders machen müssten, um der Entwicklung entgegenzusteuern. Wenn es darum geht, eine nachhaltige Politik zu finanzieren, die unseren Kindern eine friedliche und gesunde Existenz ermöglicht, dann steht ja wohl fest, dass Andere, die es besser haben als man selbst, dafür gerade stehen sollen. Ja, viel muss sich ändern und noch viel mehr kann erreicht werden, wenn die Menschen sich auf das besinnen, auf das es im Leben ankommt. Irgendetwas muss also getan werden – aber was? Und von wem?

„Das Böse triumphiert alleine dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen.“ nach Edmund Burke

Wenn irgendwo auf dem Erdenball Unrecht geschieht oder wenn etwas zerstört wird, dann ist die beliebteste Ausrede des Einzelnen: „Ich alleine kann doch eh nichts ändern.“ Was auf den ersten Blick so plausibel erscheint, stellt sich bei genauerem Hinsehen als das Verleugnen der eigenen Verantwortung dar. Noch krasser ausgedrückt kann man es auch als Feigheit bezeichnen. Natürlich ist es viel bequemer sich zurückzulehnen und sich damit zufrieden zu geben dass das, was in der Welt nicht stimmt, nichts mit mir zu tun hat. Ich bin einer von sieben Milliarden Menschen weltweit – was macht es für einen Unterschied, ob ich etwas tue oder lasse?

Metaphorisch betrachtet braucht es nur eine einzige Schneeflocke, um den Unterschied auszumachen zwischen einem Ast, der seine kalte Last gerade noch ertragen kann und einem Ast, der unter der Last von Millionen von Schneeflocken abbricht. Im Englischen spricht man von  einem Strohhalm, der den Unterschied ausmacht, ob das Rückgrat des Kamels bricht oder nicht. Dass es außerdem einen Tropfen gibt, der ein ganzes Fass zum überlaufen bringt, ist wohl jedem bekannt. Viel zu viele Menschen sehen sich selbst nicht etwa als die entscheidende Schneeflocke, den erdrückenden Strohhalm oder den letzten Tropfen, sondern als ein Puzzelstück von vielen, das eben nicht den Unterschied ausmacht. Geht man von dieser Ansicht aus, dann ist das ganze demokratische System, in dem wir leben, eine Farce – da man selbst nichts ändern kann, braucht man auch nicht wählen zu gehen. Schließlich macht die eigene Stimme ja keinen Unterschied. Ja, es gibt Punkte, bei denen man über unsere Politiker verzweifeln kann und das ungute Gefühl hat, dass sie nicht immer als erstes dem Wohle des Volkes entsprechend handeln. Nichtsdestotrotz sollte keiner der Politikverdrossenen vergessen, was passieren würde, wenn man als durchschnittlicher Wähler einer Volkspartei nicht zur Wahl geht. Warum haben es denn faschistische und verfassungsfeindliche Parteien in diverse Landtäge geschafft? Weil die Extremisten ihre Wähler immer dazu motivieren können, wählen zu gehen. Umso geringer die Wahlbeteiligung dann ist, umso größer der Anteil an Stimmen für die fragwürdigsten Teile unserer Demokratie. Jede einzelne Stimme zählt und jeder der nicht wählen geht, hat im Nachhinein auch kein Recht darauf, sich über die Politik zu beschweren. Jeder, der nicht wählen geht ist außerdem dafür verantwortlich, dass extremistische Wirrköpfe Anteile gewinnen.

Es ist nun einmal eine typisch deutsche Eigenart, sich über alles zu beschweren und immer darüber zu reden, was besser sein könnte, anstatt dankbar zu sein für das, was man hat. Es ist verständlich, dass sich durch manche politische Entscheidungen ein gewisser Frust aufbaut, aber das heißt doch noch lange nicht, dass es uns mit unseren Politikern schlecht geht. Sind die Leute denn etwa zu blind um zu sehen, was in der Welt passiert? Wie viele Menschen sterben tagtäglich – derzeit vor allem im arabischen Raum – weil sie für die gleichen demokratischen Rechte kämpfen, denen wir anscheinend so überdrüssig sind? Wünschen wir uns in Deutschland wirklich wieder Zeiten, die wir vor unserer demokratischen Bundesrepublik hatten? Sind wir denn alle so verwöhnt, dass wir eine Demokratie überhaupt nicht mehr zu schätzen wissen? Fragt doch mal in Ägypten nach, oder in Algerien, oder in Syrien, oder in vielen anderen afrikanischen oder südostasiatischen Staaten – was würden diese Menschen geben, um unsere Rechte zu haben? Ist die DDR etwa untergegangen, weil eine treibende Kraft den Menschen gesagt hat, in welche Richtung sie sich zu bewegen hatten? Nein, es waren individuelle Entscheidungen, die dazu führten, dass man seine Unzufriedenheit mit dem System ausdrückte. Hätten die Proteste etwa Erfolg gehabt, wenn die meisten Menschen sich gesagt hätten: „Was kann ich schon ändern? Ich bleibe zu Hause.“ Nein, dann hätte die friedliche Revolution, die zur Wiedervereinigung geführt hat, so nicht stattfinden können. Ein Großteil des gesamten ostdeutschen Volkes hat sich Jahrzehnte lang freie Wahlen gewünscht – und jetzt, wo sie es haben, sind sie auch nicht glücklich darüber?

Die Verantwortlichkeit des Einzelnen geht natürlich noch viel weiter. Jede Stimme zählt; und es gibt viele Beispiele, die das eindrucksvoll verdeutlichen. Als den deutschen Autofahrern z.B. der neue E10-Sprit vorgesetzt wurde, hätte man auch sagen können: „Was kann ich als Verbraucher schon ändern? Ich kann doch die Politik oder Benzinkonzerne nicht in die Knie zwingen.“ Genau das ist aber passiert. Menschen haben für sich selbst beschlossen, E10 zu boykottieren. Weil so viele Einzelentscheidungen im gleichen Interesse zusammenkamen, war es durchaus möglich, die so mächtigen Ölkonzerne und die Politik zum Umdenken zu zwingen. Jeder, der E10 nicht getankt hat, hat das zu verantworten. Jede einzelne Verbrauchermeinung zählt!

Mit der gleichen Begründung hat jeder Einzelne die Macht, ein Atomkraftwerk abzuschalten. Es war u.a. der Wille des Volkes, also Demokratie im reinsten Sinne, der dazu geführt hat, dass die deutschen Atomkraftwerke in den nächsten Jahren abgeschaltet werden. Hätte sich die Politik ähnlich stark beeinflussen lassen, wenn weniger Menschen zu Protestmärschen gegangen wären, Petitionen unterschrieben hätten oder e-Mails bzw. Briefe geschrieben hätten? Jeder Einzelne, der sich am Protest beteiligt hat, hat zu diesem Ergebnis beigetragen.

Das Grundprinzip, das bei alledem dahinter steckt und welches sowohl die demokratische Politik als auch die kapitalistische Wirtschaft lenkt ist, dass der Verbraucher bestimmt, was getan wird und was nicht. Würde eine Partei versuchen, etwas gegen den Willen des Volkes durchzusetzen; oder würde sie sich eher Gedanken darüber machen, wie man die Wähler zufrieden stellen kann, um Stimmen zu bekommen? Viel offensichtlicher ist die Situation aber in der Wirtschaft. Gibt es irgendeine Firma, die etwas herstellen würde, dass die Konsumenten nicht kaufen würden? Das ist ein ganz einfaches kapitalistisches Prinzip. Die Unternehmer möchten Geld verdienen und ihre Güter verkaufen. Sie sind also darauf bedacht, das zur Verfügung zu stellen, was der Kunde wünscht. Die Nachfrage bestimmt das Angebot – und nicht umgekehrt! Wenn wir billiges Fleisch möchten, dann wird ein Unternehmer dafür sorgen, dass billiges Fleisch auf den Markt kommt, ganz egal, ob dafür Lebewesen leiden müssen oder ob es gesundheitliche Bedenken gibt. Jeder, der billiges Fleisch isst, ist also für die Grauen der Massentierhaltung mit allen ihren Nachteilen verantwortlich. Wenn wir Produkte kaufen, die Palmöl ober Bioethanol enthalten, dann sind wir dafür verantwortlich, dass die letzten Regenwälder der Erde abgeholzt und Eingeborene aus ihrem natürlichen Lebensraum vertrieben oder umgebracht werden. Jeder Einzelne Konsument hat die Macht, über Leben und Tod zu entscheiden, wenn er sich z.B. dazu entschließt, Fair Trade Produkte zu kaufen, welche den Erzeugern eine angemessene Bezahlung und damit ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Man kann sich nicht über die Ungerechtigkeit von Kinderarbeit beschweren, wenn man Kleidung trägt, die genau auf diesem Wege hergestellt wurde. Der Verbraucher hat die Macht, Kleidung, die unter unwürdigen Bedingungen hergestellt wurde, zu boykottieren. Das wäre der effektivste Weg, Kinderarbeit zu bekämpfen: Man muss ganz einfach die Nachfrage danach eliminieren. Das gleiche gilt für den Anbau illegaler Drogen rund um die Welt. Die Wenigsten würden wohl Verständnis für Drogenbarone und mafiöse Strukturen haben, aber auch diese Menschen können nur existieren, weil sie einen Markt bedienen. Würden die Menschen auf den Drogenkonsum verzichten, würde es keine Drogenkartelle bzw. –kriege mehr geben. Der Drogenkonsument ist der Verbrecher, der diesen Markt erst ermöglicht. Genauso ist es unsere Gier nach Edelmetallen oder Diamanten, die etliche Bürgerkriege in Zentralafrika finanzieren und so zu deren Ausweitung beitragen.

aus einer Spenderzeitung von terre des hommes

Bildquelle: http://www.dadalos.org/deutsch/menschenrechte/grundkurs_mr3/Kinderrechte/kinderre.htm

Im Endeffekt muss sich jeder Fragen, was er in seinem Leben eigentlich für Prioritäten setzt und wofür er eigentlich steht. Klar, die Religionen geben eine Antwort vor: Wenn du dein Leben lang der Speichellecker eines allmächtigen Tyrannen bist, dann darfst du vielleicht in den Himmel kommen. Bezeichnen wir aber den Menschen wirklich als das höchstentwickelte aller Lebewesen, weil er im Aberglauben seinen Lebenssinn findet? Wäre es nicht viel demütiger, wenn man versucht, seinen eigenen, unscheinbaren und doch vorhandenen Einfluss zu nutzen, um diese Welt ihm Rahmen seiner beschränkten Möglichkeiten ein wenig besser zu machen? Wir alle haben das Potential dazu. Selbst wenn man nur einmal in seinem Leben etwas Selbstloses getan hat, um anderen zu helfen, so hat man dazu beigetragen, die Welt etwas besser zu machen; und was hält uns davon ab, so etwas öfter zu tun? Wir alle werden eines Tages sterben. Dann, wenn wir auf unser Leben zurück blicken, muss man sich eventuell schon fragen, was man aus seinem Leben gemacht hat und ob man nicht mehr Gutes hätte tun können. Ja, wir können viel Gutes tun, auch wenn es auf den ersten Blick insignifikant erscheint. Das Wichtigste dabei ist, dass man akzeptiert, dass man für alles, was man tut oder lässt, verantwortlich ist und daher auch die Folgen bestimmt. 

“Wenn Sie etwas wirklich Billiges kaufen, dann können Sie davon ausgehen, dass es unter dem Schweiß einer armen Frau oder eines armen Kindes hergestellt wurde.”

http://www.tagesschau.de/wirtschaft/kinderarbeit104.html
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