Präimplantationsdiagnostik (PID) – Fluch oder Segen?


Alle Eltern dieser Welt, so verschieden sie auch sein mögen, stimmen in einem Wunsch miteinander überein: Sie wünschen sich ein gesundes Kind. Natürlich hat sich die Bedeutung dieses Begehrens im Laufe der Menschheitsgeschichte verändert und unterscheidet sich auch heute noch in verschiedenen kulturellen und sozialen Schichten. Es wäre zu romantisch und geradewegs naiv zu glauben, dass alle Menschen dieser Welt ihrem Kind Gesundheit wünschten, nur weil sie es liebten und Leiden von ihm fernhalten wollen. Man kann es kaum leugnen, dass auch heute noch in vielen Teilen dieser Welt Kinder gezeugt werden, welche man lediglich als Arbeitskraft für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse betrachtet. Kaum ein anderes Beispiel verdeutlicht die egoistische Natur des Homo sapiens besser als dieses: Man leidet und vergibt das zweifelhafte Geschenk des Lebens an arme Kreaturen, welche zwangsläufig selbst leiden müssen und nur in die Welt gesetzt werden, um das Leiden des Erzeugers zu lindern. Wie viel Liebe steckt in einem Elter, welches ein Kind zur Welt bringt, wohl wissend dass es nie glücklich werden kann? Wäre es nicht wahrlich selbstlos, unschuldigen Kindern Leid zu ersparen anstatt sie als bemitleidenswerte Arbeitssklaven in die Welt zu setzen?  Obwohl man in den reichsten Ländern der Erde darüber nachdenkt, erst einem Kind das Leben zu schenken, wenn man sicher ist, es versorgen zu können, sind die Intentionen in anderen Regionen (oder in anderen sozialen Schichten) sehr viel primitiver. Die Mehrzahl der Menschen wird nicht als das stolze und mit Rechten versehende Wesen betrachtet, welches es sein sollte. Vom Wunder des Lebens zu  sprechen, scheint daher manchmal unangebracht zu sein, da manches Leben eher wie eine Strafe daherkommt.

Die Beschränkung der Fortpflanzung ist ein fast universelles gesellschaftliches Tabu. Jeder Mensch hat das Recht, so viele Kinder in die Welt zu setzen, wie er möchte. Dabei wird nicht darüber nachgedacht, welche Aussichten und Rechte die Kinder im Leben erwarten, sondern nur, dass die primitiven Fortpflanzungstriebe des Individuums befriedigt werden können. Was für ein Leben hat die Tochter eines Kinderschänders zu erwarten? Ist das Recht des Erwachsenen, sich fortpflanzen zu können, tatsächlich wertvoller als das Recht des Kindes, ein glückliches und erfülltes Leben führen zu können? Es ist eine Tatsache, dass viele Kinder unter schrecklichen Umständen aufwachsen müssen und wahrscheinlich nie die Möglichkeit dazu haben werden, dass zu tun, was den Menschen auszeichnet – ein Leben außerhalb der Befriedigung der primitivsten Grundbedürfnisse führen zu können. Warum also sehen wir tatenlos dabei zu, wenn Kinder gezeugt und in ihr unvermeidliches Schicksal entlassen werden?

Ähnliches gilt für Menschen, die mit schweren Behinderungen leben müssen. Es ist geradezu absurd, wenn die Intention, Menschen die schwere Bürde einer Behinderung ersparen zu wollen, aufgefasst wird als eine Abwertung der Betroffenen. Man vergisst dabei oft, dass nicht etwa Personen hinter dieser Auffassung stehen, welche behindertes Leben als minderwertig ansehen und es deshalb verhindern wollen sondern auch Menschen, die ihr Möglichstes tun, um Behinderten zu helfen oder selbst gar behindert sind und sich gerade auf Grund dieser Erfahrung dafür einsetzen, dass den Menschen eine solche Belastung erspart bleibt. Es steht wohl außer Frage, dass die meisten, wenn nicht sogar alle Menschen, die mit einer Behinderung leben müssen, ein gesundes Leben wählen würden, wenn sie denn die Möglichkeit dazu hätten. Wenn es also die Möglichkeit gibt, den Menschen eine Behinderung zu ersparen, warum sollte man dies dem zukünftigen Kind verwehren?

Das religiöse Argument

Es spielt keine Rolle, ob man davon spricht, dass man Gott ins Handwerk pfuschen würde oder dass die Seele den Fötus belebt, sobald die Eizelle befruchtet ist. Was viele Menschen bei der aktuellen Diskussion um ein gesetzliches Verbot der PID in Deutschland vergessen ist, dass die Trennung von Staat und Kirche in unserer Verfassung niedergeschrieben ist. Würden religiöse Argumente bei der Entscheidung über eine staatliche Gesetzesvorlage eine entscheidende Rolle spielen, wäre das verfassungswidrig! Hinzu kommt, dass es höchst fragwürdig ist, der Argumentation einer Institution zu folgen, welche den Beweis der Gültigkeit ihrer Grundlagen bisher schuldig geblieben ist. Es ist legitim darüber zu diskutieren, dass man eventuelle Langzeitfolgen nicht ausschließen kann, auch wenn derzeit bei der PID kein solches Risiko zu bestehen scheint. Nicht legitim ist es hingegen, sich in einer säkularen Gesellschaftsordnung auf übernatürliche Argumente zu stützen. Stand die Kirche dem medizinischen Fortschritt nicht schon immer kritisch gegenüber? Machen die gleichen Menschen, die Fortschritte wie die PID verurteilen, nicht gleichzeitig auch Gebrauch von allen anderen Errungenschaften der modernen Medizin, wie z.B. Impfungen, Medikamenten und Operationen? Die Motivation einer Institution, die seit jeher von greisen Männern angeführt wird, scheint eher darin begründet zu liegen, dass Selbstbestimmungsrecht der Frauen auch in Zukunft zu untergraben. Schließlich tut die Kirche alles dafür, dass weibliche Geschlecht nur als Gebärapparat zu betrachten – oder wie sonst könnte man rechtfertigen, dass Verhütung und Abtreibungen verboten werden, obwohl das Wohl der Mutter und des Kindes in Gefahr sein könnte? Man sollte eben nicht Gott spielen und den Dingen ihren natürlichen Lauf lassen. In diesem Zusammenhang ist es blanker Hohn, dass so unnatürliche Eingriffe wie Kaiserschnitte oder Brutkästen akzeptiert werden. Wo bitte ist die Konsequenz? Ohne die Möglichkeiten der modernen Medizin, welche nicht in allen Teilen der Welt verfügbar sind, ist die Kindersterblichkeiten eines der schwerwiegendsten Probleme. Ist das der heilige Weg? Hilflose, arme Kreaturen in die Welt zu setzen, nur um sie leidvoll sterben zu lassen? Religiöse Argumente gegen die PID sind nicht nur ein Überbleibsel älterer, unaufgeklärter Zeiten, sondern außerdem grundlegend unaufrichtig, da kein religiöser Mensch dieser Welt so weit geht zu sagen, dass man alles seinem natürlichen, von Gott gewollten Lauf überlassen sollte.

Aus einem menschlichen Embryo wird eine einzelne Zelle entnommen Bildquelle: http://www.tagesschau.de/inland/bghpid102-magnifier_pos-1.html

Genmanipulation durch PID ist gefährlich

Setzen, sechs! Es ist manchmal schwer, eine ernsthafte wissenschaftliche Diskussion zu führen, wenn die andere Seite grundlegende Dinge des Problems überhaupt nicht verstanden hat. Bei der PID kommt es nicht zur Veränderung bzw. Manipulation der Gene. An den Genen der Eizelle der Mutter und an den Genen der Samenzelle des Vaters wird nichts verändert. Genauso wenig wird das Genom der Zygote verändert. Es kommt zu einer Befruchtung außerhalb des Körpers – also in vitro. Erreicht der Embryo nach etwa drei Tagen das Acht-Zellstadium, wird davon eine Zelle entfernt. Da alle Zellen aus der gleichen Zygote hervorgegangen sind, stimmen sie in ihrem Genom überein. Daher reicht eine  einzige Zelle aus, um die genetische Komposition des zukünftigen Organismus zu bestimmen. Die DNA wird aus der extrahierten Zelle isoliert und auf verschiedene genetische Defekte untersucht. Dabei geht man nicht blind vor, sondern konzentriert sich auf Erbkrankheiten, welche bei den Eltern festgestellt wurden. Die Untersuchung ist also hochspezifisch und hat nichts mit der befürchteten Bildung eines „Designer-Babys“ zu tun, bei der die Eigenschaften des Kindes von den Eltern bestimmt werden könnten. Das grundlegende ethische Dilemma dieser Methode ist, dass nicht nur ein Embryo, sondern mehrere Embryonen gezeugt werden, welche alle auf die bestimmten genetischen Defekte untersucht werden. Embryonen, welche Defekte aufweisen, werden der Mutter nicht eingepflanzt und verworfen. Was man dabei unbedingt beachten sollte ist, dass die in vitro Befruchtung bereits seit den 1980er Jahren bei Paaren, die auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen können, angewendet wird und bisher keine negativen Langzeiteffekte bekannt sind. Das Problem überzähliger Embryonen, welche verworfen werden, gibt es also schon seit etwa dreißig Jahren. Natürlich kann man grundsätzlich dagegen sein, aber dann müsste man eben auch dafür einstehen, betroffenen Paaren das Recht auf ein biologisches Kind zu verwehren. Außerdem geht es bei der Gesetzesvorlage in Deutschland nicht um ein Standardverfahren für alle Eltern, sondern eben nur um Paare, bei denen schwere Erbdefekte zu erwarten sind. Kurz gesagt kommt es bei der PID also zu keiner Veränderung der Erbinformation. Man entscheidet lediglich, welche Kombination aus Mutter und Vater am gesündesten wäre.

PID als Vorstufe für „Designer-Babies“

Wie bereits erwähnt fürchten viele Gegner der PID, dass es in Zukunft durch die Vorreiterrolle einer solchen Gesetzesvorlage zu weiteren Eingriffen in das ungeborene Kind kommen könnte. Können sich Eltern irgendwann vielleicht die Augen- und Haarfarbe, die Größe und Intelligenz ihres Kindes selbst aussuchen? In was für einer Gesellschaft würden wir leben, wenn wir die nächste Generation am Reißbrett entwerfen könnten? Solche Ängste sind berechtigt,  entbehren im Moment aber jeder Grundlage. Gehen wir aber im Sinne der Diskussion einmal davon aus, dass es irgendwann möglich sein wird. Viele Gegner der PID sprechen vom Recht der Kinder, welche von der Selektion betroffen wären. Machen sie sich auch Gedanken darüber, ob ein Kind ein Recht darauf hat, gesund zur Welt zu kommen? Sollte ein Kind vielleicht auch ein Recht darauf haben, schön zu sein; oder intelligent? Ich persönlich finde es moralisch fast nicht vertretbar, ein Kind mit einer schweren Behinderung ins Leben zu schicken, obwohl man die Möglichkeit hätte, dem Kind dieses Leiden zu ersparen. Schließlich könnte das Kind auch eines Tages auf die Idee kommen zu fragen: „Warum habt ihr das zugelassen?“ Der Embryo kann keine Entscheidungen treffen – die Eltern müssen diese Entscheidungen für ihn treffen. Man muss sich also fragen, ob das Kind einen gesunden Körper wählen würde, wenn es die Möglichkeit dazu hätte. Auch auf der philosophischen Ebene könnte man noch viel tiefer in diese Materie eindringen. Was wäre denn so schlimm daran, wenn die Eltern die phänotypischen, also sichtbaren, Eigenschaften ihres Kindes bestimmen würden? Findet das nicht ohnehin schon jeden Tag überall auf der Welt statt? Verfügt der Mensch tatsächlich über einen freien Willen oder ist er vielmehr hilfloses Produkt seiner Sozialisation? Warum färben sich Menschen die Haare, schminken sich Frauen, unterziehen sich Personen Schönheitsoperationen, tragen Mitglieder eine Gruppe ähnliche Kleidung? Mal davon abgesehen, dass auch „Designer-Babies“ sich den eigenen Wünschen entsprechend verändern könnten, scheint es offensichtlich, dass wir ohnehin schon das sind, was man von uns erwartet und was man uns vorgibt. Wir alle werden von den Vorstellungen und Erwartungen unserer Eltern und der Gesellschaft geformt. Es gibt wohl keine Person auf dieser Welt, welche immer mit der Attitüde – „Tue was du willst. Du bist einzigartig und wir lieben dich so, wie du bist.“ – aufwachsen kann, da man immer irgendwie durch die Wünsche und Vorstellungen anderer in eine Rolle gedrängt wird. Die Angst vor „Designer-Babies“ in der Zukunft ist nicht angebracht, da wir alle bereits „Designer-Menschen“ sind. Auch wenn es sich um den grundsätzlichen Unterschied zwischen phänotypischer und genotypischer Beeinflussung zu handeln scheint, sollte man nicht vergessen, dass wir bei der Wahl unseres Liebespartners (unbewusst) attraktive Gene wählen, repräsentiert durch einen ansprechenden Phänotyp. Schon da treffen wir Entscheidungen, die das Aussehen oder die Intelligenz unserer Kinder direkt beeinflussen.

Hätte es die PID schon früher gegeben, wären viele von uns jetzt nicht hier

Ja, und? Dieses Argument ist in meinen Augen so absurd, dass es mir schwer fällt, es in Worte zu fassen. Was ist daran absurd? Wenn man einen Zellhaufen bestehend aus 16 Zellen abtreibt, so hat dieser Zellhaufen weder Gefühle noch Verstand oder Wahrnehmungsvermögen. Diesem Zellhaufen kann es also gar nichts ausmachen, dass er „getötet“ wird, da er nichts empfinden kann. Der fundamentale Trugschluss in diesem Argument ist, dass man von dem Bewusstsein seiner eigenen Existenz ausgeht und natürlich möchte jeder seine Existenz nicht ohne weiteres beenden. Bei der Argumentation hat man das Gefühl, dass die Menschen sich eine Zeitmaschine vorstellen, mit Hilfe derer sie zurückreisen und den Beginn ihres Lebens dann gefährdet sehen. Viel mehr noch hat es etwas mit der Grundeinstellung zu tun, dass wir nicht bloß das Resultat von Zufällen sein wollen. Wir wollen nicht unbedeutend sein. Das wir es tatsächlich sind, möchte kaum einer wahrhaben.

Im Körper einer Frau befinden sich bereits kurz nach der Geburt Millionen von unreifen Eizellen. Welche davon später heranreifen und bei der monatlichen Ovulation freigesetzt werden, steht nicht fest. Unter Genetikern gibt es keine Zweifel, dass jede einzelne Eizelle genetisch einmalig ist. Jede andere Eizelle, aus der wir nicht hervorgegangen sind und welche sich im Unterleib unserer Mutter befand, hätte einen anderen, einmaligen Menschen hervorgebracht – also nicht uns! Natürlich können wir uns in Schicksal und Bestimmung flüchten; aufrichtiger wäre es jedoch zu akzeptieren, dass es Zufall war, dass genau die Eizelle, aus der wir hervorgingen, zu genau der richtigen Zeit befruchtet wurde. Die Eizellen, die es nicht geschafft haben und welche in der Toilettenschüssel gelandet sind, können sich schließlich nicht fragen, warum es gerade sie nicht erwischt hat. Die Zufälligkeit der eigenen Existenz sollte uns nicht in den Irrglauben führen, dass hinter dem eigenen Sein ein Zweck bzw. eine Absicht steckt. Wären wir jetzt nicht hier, könnten wir uns solche Fragen nicht stellen.

Wer sich von der Idee der „richtigen Eizelle“ noch nicht überzeugen lässt, der sollte den Gedanken weiter spinnen. Ein Mann gibt bei einer Ejakulation mehr als 100 Millionen Spermien ab – und dass Hunderte Male im Leben. Auch bei den Spermatozoen sind sich die Genetiker einig, dass es sich jeweils um einmalige genetische Kompositionen handelt. Wie kommen sie darauf? Zum einen gibt es bei der Meiose 223 Möglichkeiten, wie die Chromosomen (23 Paare) in den Gameten aufgeteilt werden können. Diese enorme Zahl steigt ins Unermessliche, wenn man sich bewusst macht, dass es zusätzlich zu einer kaum quantifizierbaren Anzahl von Crossing Over-Ereignissen zwischen zwei benachbarten Chromosomen kommen kann. Auch ohne die Wissenschaft dahinter zu verstehen, sollte man sich bewusst darüber sein, dass wir nicht nur hier sind, weil die richtige Eizelle befruchtet wurde, sondern auch, weil sie vom richtigen Spermium befruchtet wurde. Jedes andere der 100 Millionen Spermien hätte eine andere Person hervorgebracht – wobei noch hinzukommt, dass Spermien eher kurzlebig sind und nach wenigen Tagen komplett durch neue ersetzt werden, wodurch erneut ungeheure Multiplikationsfaktoren entstehen. Um das Ganze auf die Spitze zu treiben, sollte man auch die epigenetischen Effekte nicht vergessen, welche uns ebenfalls zu dem gemacht haben, was wir sind.

Unsere Existenz beruht also auf einem kaum vorstellbaren Zufall. Wir sind hier, weil die richtige Eizelle zur richtigen Zeit vom richtigen Spermium aus dem richtigen „Jahrgang“ befruchtet wurde und anschließend den richtigen epigenetischen Einflüssen ausgesetzt war – ganz zu schweigen von dem nicht unwesentlichen Detail, dass sich unsere Eltern füreinander und nicht für einen anderen der sechs Milliarden Menschen entschieden haben. Es ist unsere Selbstverliebtheit, die uns einredet, dass hinter alledem ein Grund stecken muss. Wäre es nicht so gekommen, könnten wir heute nicht darüber nachdenken und der Nachfahre einer anderen Eizelle würde genauso darüber grübeln. Warum ist das so schwer zu verstehen? Um zur Ausgangsaussage zurückzukommen: Ja, es würde einige von uns nicht geben, wenn es schon damals die PID gegeben hätte – aber es würde uns eben nicht stören, da wir doch nichts über unsere mögliche Existenz wüssten. Das gleiche gilt für die absurde Aussage, dass man mit der PID behindertes Leben verhindern könnte und so Behinderte abwerten oder gar gegen sie diskriminieren würde. Der behinderte Mensch würde doch gar nicht erst das Licht der Welt erblicken. Wie kann man ein Leben abwerten, welches nicht einmal existiert? Warum geht manchen Menschen durch den Kopf, dass man durch PID behinderte Menschen „entfernen“ oder schlecht behandeln wolle? Wird denn das potentielle Leben jeder einzelnen Eizelle abgewertet, nur weil die Frau nicht alle Eizellen befruchten lässt?

Millionen von befruchteten Eizellen landen jedes Jahr im Müll. Doch handelt es sich dabei nicht etwa um die fragwürdigen Überbleibsel wissenschaftlicher Versuche, sondern um natürliche Abtreibungen. Es ist bekannt, dass es bei vielen befruchteten Eizellen nicht zur Nidation, also zur Einnistung in die Gebärmutterschleimhaut, kommt. Solche Zygoten werden unweigerlich im Klo runtergespült, ohne das die Frauen etwas davon wüssten. Manche Verhütungsmittel, wie z.B. die Spirale, werden gezielt dafür eingesetzt, die Nidation zu verhindern. Die Befruchtung einer reifen Eizelle wird dabei jedoch nicht verhindert. Es ist schließlich auch kein Geheimnis, dass es bei vielen Paaren mit dem Kinderwunsch „nicht gleich klappt“. Wie oft eine befruchtete Eizelle auf natürlichem Wege abgetrieben wird, weil es nicht zur Nidation kommt, kann nur erahnt werden. Wie soll man also damit umgehen? Schließlich geht es um potentielles Leben. Der einzige konsequente Weg, eine natürliche Abtreibung auszuschließen, wäre ein kompletter Verzicht des Geschlechtsverkehrs – oder der Gebrauch eines Kondoms oder die Durchführung einer Vasektomie, da es dabei nicht zur Befruchtung kommen kann. Es passt aber zum chauvinistischen Bild in dieser Debatte, dass der Frau Zwänge auferlegt werden sollen und nicht dem Mann.

Bildquelle: http://news.bbc.co.uk/nol/shared/spl/hi/pop_ups/03/health_ivf_step_by_step/img/1.jpg

Eine befruchtete Eizelle stellt potentielles Leben dar und verdient daher Menschenrechte

Einem Zellhaufen Menschenrechte zuzusprechen ist nicht nur schwer vermittelbar, sondern außerdem nicht durchführbar. Wenn man sagt, dass ein Embryo bereits im 16-Zellstadium eine Würde und Rechte besitzt, dann müsste man alles, was diesem Embryo schaden könnte, unter Strafe stellen. Würde man also eine Mutter, welche während der Schwangerschaft raucht oder trinkt, wegen Körperverletzung anklagen? Falls es zu einer Totgeburt kommt, würde man gegen die Mutter wegen Mord oder Totschlag ermitteln? Würde man einen Embryo bestatten, da es sich ja um einen Menschen handele? Nein, das würde man nicht, da es bis zu einem gewissen Zeitpunkt eben nur um das Selbstbestimmungsrecht der Frau geht, welches sie nicht zur Straftäterin macht, wenn sie z.B. die „Pille danach“ nimmt. Ein Zellhaufen hat keine Rechte und ist unweigerlich Bestandteil des Körpers, in dem er sich befindet.

Noch viel schwieriger ist natürlich die Frage zu beantworten, zu welchem Zeitpunkt das Leben beginnt. Religiöse Dogmatik kommt bei dieser Frage einmal mehr simplifizierend und widersprüchlich daher. Das Leben beginnt mit der Befruchtung und Gott kennt uns schon, bevor wir überhaupt geboren werden. Das widersprüchliche dabei ist, dass ein angeblich allmächtiger Schöpfer etwas geschaffen hat, dass so unvollkommen ist, dass befruchtete Eizellen, also Leben, oft nicht implantiert und auf natürlichem Wege abgetrieben werden. Was unterscheidet diese Zygoten von jenen, bei welchen die Nidation erfolgreich ist? Warum stattete uns der Schöpfer mit so vielen Eizellen und Spermien, also potentiellem Leben, aus, wenn davon die meisten nie eine Chance haben werden, heranzureifen?

In der Wissenschaft gibt es keinen Konsens bezüglich der Frage, wann das Leben beginnt. Es scheint jedoch sinnvoll, einem Zellhaufen erste Leben zuzugestehen, wenn die ersten Organe und damit die Grundlagen der Sinne ihre Arbeit aufnehmen. Für diese Ansicht gibt es einen wichtigen Grund: Die Frage nach dem Tod. Wann gilt ein Mensch als tot? Die am weitesten verbreitete Definition bezieht sich auf das Versagen der Organe, wodurch die minimalen Lebensfunktionen nicht mehr aufrecht erhalten werden können. Manchmal redet man auch ab dem Zeitpunkt, ab dem selbst nur das Gehirn versagt, vom Tod, da es keine Möglichkeit gibt, dieses Organ zu ersetzen. Basierend auf dieser Definition kann ein Zellhaufen, also ein früher Embryo, gar nicht sterben oder getötet werden, da er noch überhaupt keine Organfunktion aufweist. Außerdem ist ein Embryo nicht selbst lebensfähig, sondern hängt von der Plazenta und der Nabelschnur ab. Für viele Wissenschaftler handelt es sich also bei den künstlich erzeugten Embryonen lediglich um Zellhaufen, welche nicht schützenswert sind, zumal sie im Reagenzglas auch gar nicht zu Lebewesen heranwachsen könnten. Das heißt jedoch nicht, dass sich die Wissenschaftler nicht ernsthaft und kritisch mit der Frage des Lebens und den Rechten von Embryonen auseinandersetzen.

Geradezu paradox an der ganzen Diskussion ist, dass eine Frau unter besonderen Umständen bis kurz vor der Entbindung ein Kind legal abtreiben kann. Zwölf Wochen nach der Befruchtung funktionieren die Organe bereits und das Kind beginnt, seine Umgebung wahrzunehmen. In diesem Stadium kann man gewiss von Leben reden. In den Fällen, in denen die Frauen aus gesundheitlichen Gründen sowieso auf eine in vitro Befruchtung angewiesen sind, wäre es daher höchst bedenklich, wenn man einen kranken Embryo einsetzt und heranwachsen lässt, weil es verboten wäre, die Entscheidung, ob man den geschädigten Embryo behalten möchte oder nicht, mit Hilfe der PID bereits drei Tage nach der Befruchtung zu treffen. Wie kann eine Abtreibung nach 12 Wochen in Ordnung sein, das nicht-Einpflanzen eines drei Tage alten Embryos aber nicht?

Ein weiterer Aspekt, der bei der Frage, ob es sich bei einem Embryo um schützenswertes Leben handelt, selten oder nie behandelt wird bezieht sich auf den sogenannten Speziesismus. Dabei geht es um die gravierende Ungleichbehandlung verschiedener Lebewesen in Abhängigkeit von ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Spezies. Wie bereits erwähnt hat ein vier Tage alter Zellhaufen keine Organe, keine Nervenzellen, kein Bewusstsein und kein Schmerzempfinden. Er kann nicht leiden; er kann nicht fühlen; er kann nicht denken; er kann nicht empfinden. Trotz alledem gibt es anscheinend sehr viele Menschen, die auch diesen Zellhaufen schützenswert finden. Mit welcher Berechtigung setzt man sich für ein paar Zellen ein, wenn man auf der anderen Seite Lebewesen systematisch und erbarmungslos quält und hinrichtet, obwohl sie Leid, Glück, Angst, Verzweiflung, Schmerz und Kummer empfinden können, welche über Intelligenz verfügen und Mitleid verdienen? Dort schwingen wir uns wahrlich zum Herrn über Leben und Tod auf, und dass nur, weil uns der Geschmack des Fleisches gefällt und wir nur unseren egoistischsten Gefühlen und Bedürfnissen folgen.

Auch behinderte Kinder werden von ihren Eltern geliebt

Natürlich, dass steht außer Frage. Nichtsdestotrotz würden sich die Eltern, genauso wie die Kinder, in den meisten Fällen sicherlich für einen gesunden Körper entscheiden, wenn sie die Wahl hätten. Auch hier schlägt das Argument, dass man mit der PID das geliebte behinderte Kind gar nicht hätte, fehl, da die Bindung zum Kind gar nicht hätte aufgebaut werden können, wenn man einen gesunden Embryo gewählt hätte. Man darf auch hier nicht dem Trugschluss verfallen, dass man etwas Geliebtes nicht hätte, da man ja von dessen Existenz nie etwas geahnt hätte. Wenn man ein behindertes Kind liebt, würde man dann ein gesundes Kind weniger lieben? Oder wäre das Leben nicht einfach schöner, weil man viele Sorgen nicht hätte? Man darf eben nicht vergessen, dass ein schwerbehindertes Kind das Leben der Eltern zerstören kann, wenn diese die Pflege nicht bezahlen können oder psychisch mit der Aufgabe überlastet sind. Es kann nicht angenehm sein mitzuerleben, wie das eigene Kind entweder leidet oder nicht voll am normalen Leben teilnehmen kann. Wenn die PID einen noblen Hintergrund hat, dann ist es der, den Eltern und den Kindern nach Möglichkeit Leid und Verzweiflung zu ersparen und für jede betroffene Familie die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Wenn ein Mensch unter einer schweren Krankheit leidet, dann ist es zweifellos wünschenswert, dass das Kind nicht mit der gleichen Bürde auf die Welt kommt. Per Gesetzt betroffenen Eltern zu verbieten, die moderne Medizin in Anspruch zu nehmen, um die Chancen auf ein gesundes Kind zu erhöhen, wäre nicht nur herzlos, sondern geradezu unmoralisch.

Wozu die künstliche Selektion führen kann, hat man in Deutschland in der Vergangenheit gesehen

Wozu der blinde Glaube an ein allmächtiges Wesen und seine Dogmas führen kann, hat man in der Vergangenheit auch gesehen – aber wer sagt deshalb schon, wir sollten auf Religion verzichten? Entsprachen die Kreuzzüge, die Inquisitionen, Hexenverbrennungen und Selbstmordattentäter etwa den noblen Grundsätzen der Religionen? Um seine Religion zu verteidigen, kann man immer ins Feld führen, dass jemand nicht im wahren Sinne der Religion handelt, wenn er aus religiösen Gründen etwas Schlechtes tut. Apologetiker sind eben nie um eine Ausrede verlegen. Dass sie die gleiche Entschuldigung nicht für säkulare Probleme akzeptieren, spricht nicht gerade für ihre Aufrichtigkeit.

Als Fermi damit begann, die Kernspaltung zu untersuchen, tat er dies mit Sicherheit nicht, nur damit elf Jahre später Tausende Menschen durch zwei Atombomben getötet werden konnten. Als Nobel das Dynamit erfand, tat er das nicht, um Anschläge damit verüben zu können. Als die Gebrüder Wright es schafften, ein motorisiertes, fliegendes Objekt steuerbar zu machen, hätten sie sich mit Sicherheit nie träumen lassen, dass man mit einer ähnlichen Erfindung Häuser einstürzen lassen und Tausende Menschen töten würde. Kurzum, es scheint, als komme jeder wissenschaftliche Fortschritt mit der Nebenwirkung, dass es einen Weg geben wird, die neuen Erkenntnisse für eine schlechte Sache zu missbrauchen. Bei der künstlichen Selektion, oder Eugenik, vergisst man dabei schnell, dass diese Idee nicht etwa auf die Nazis, sondern bereits auf Platon zurückgeht. Hatte Platon noch die gezielte Paarung geeigneter Menschen vorgeschlagen, missbrauchten Hitlers Schergen diesen Ansatz, um nicht erwünschtes Leben nicht nur zu verhindern, sondern zu entfernen. Das die PID allerdings mit den nationalsozialistischen Euthanasieprogrammen vergleichbar wäre, ist nicht nur eine krasse Fehleinschätzung der wissenschaftlichen Grundlagen, sondern auch eine Verhöhnung der Opfer des Holocaust. Wieder scheitern Einige an dem Verständnis, dass es bei der PID nicht um Mord oder die Diskriminierung von behinderten Menschen geht, sondern um die Vermeidung von Leid, bevor es überhaupt erst entstehen kann.

Nichtsdestotrotz sollte auch ein Aspekt erwähnt werden, welcher uns auf Grund unserer humanistischen Grundsätze eher sauer aufstößt. Aus gutem Grund haben wir die Grundlagen der natürlichen Selektion für unsere Spezies weitestgehend außer Kraft gesetzt. Hilfsbedürftige Individuen sterben nicht einfach gemäß der Prämisse „Survival of the Fittest“. Wir haben Institutionen und Einrichtungen aufgebaut, um diesen Menschen so gut es geht zu helfen, damit sie ein Leben mit so viel Würde und Freiheit wie möglich leben können. Niemand, außer vielleicht menschenverachtende Faschisten, würde fordern, solches Leben zum Wohle der Gesellschaft zu beenden. Wir helfen einander und erreichen so die höchste Stufe eines sozialen Wesens. Man darf aber trotzdem nicht vergessen, dass ein schwer behinderter Mensch nie ohne fremde Hilfe auskommen wird. Viele Behandlungen von im Wachkoma liegenden Patienten kosten Unsummen und müssen von irgendeiner Seite aus bezahlt werden. Selbst wenn man den Kostenfaktor ignoriert, so stellt sich die wichtige Frage, ob wir eines Tages vielleicht nicht mehr genügend Arbeitskräfte haben werden, welche sich um die hilfsbedürftigen Menschen kümmern können. Schon jetzt führt der demographische Wandel dazu, dass Pfleger knapp werden. Gerade weil wir nicht mehr der natürlichen Selektion unterworfen sind, können sich genetische Defekte anhäufen, da sie nicht mehr aussortiert werden. Auch wenn manchen Menschen diese Ausdrucksweise nicht gefallen wird: Es ist fast unvermeidbar, dass unser Genpool degeneriert bzw. verarmt, also mit immer mehr Fehlern behaftet wird. Wir können diese Tatsache ignorieren und als menschenverachtend von uns weisen; an der Entwicklung, welche in der Wirklichkeit tatsächlich stattfindet, wird das jedoch nichts ändern. Die PID stellt eine Möglichkeit dar, die weitere Verarmung des menschlichen Genpools zu stoppen und vielleicht sogar umzukehren, in dem man den gesündesten Bestandteilen der Eltern die Fortpflanzung ermöglicht.

Was geht andere mein Kind an?

Es ist schon bemerkenswert, dass es Menschen gibt, die mir per Gesetz verbieten wollen, mein Kind vor einer schweren Krankheit zu bewahren. Warum sollte man ein solches Verbot durchsetzen? Bei den Alternativvorschlägen geht es ja nicht darum, Anderen die PID vorzuschreiben. Es wäre immer die freie Entscheidung des betroffenen Paares. Selbst wenn ich mich für ein „Designer Baby“ entscheiden würde, was würde es andere angehen? Damit meine ich nicht, dass das Kind zum Spielball der Interessen der Eltern werden sollte. Ich ziele damit auf die Unaufrichtigkeit und Heuchelei derjenigen ab, welche sich aufspielen, als würden sie sich um das Wohl des Retorten-Babies, welches nicht zu ihnen gehört, sorgen. Sie sorgen sich um sein Wohl, wenn es gezeugt wird, aber nicht, nachdem es geboren wurde? Was tun die Menschen denn dagegen, wenn ein Kind so aussieht, als würde man es regelmäßig schlagen; wenn es drogenabhängig oder gewaltbereit wird; wenn es arm ist und nicht einmal die nötigsten Dinge für den Schulunterricht bekommt; wenn es mit 14 Jahren Vater oder Mutter wird; wenn es auf Grund mangelhafter Sorgfalt der Eltern mit gesundheitlichen Problemen auf Grund seines Übergewichts zu kämpfen hat? Die Meisten tun nichts, außer sich darüber zu echauffieren, wer den wohl dafür verantwortlich wäre und dass irgendjemand was gegen solche verkommenen Kinder unternehmen müsse. Die Menschen urteilen über andere und legen dabei viel zu oft nicht den Maßstab an, der für sie selbst gilt. Wenn jemand er Meinung ist, dass er mit der Belastung eines schwer behinderten Kindes klarkommt,  dann soll er es tun. Anderen vorzuschreiben, dass sie die Belastung genauso zu ertragen hätten, ist mehr als anmaßend. Gerade religiöse Argumente gegen die PID kommen wie blanker Hohn daher. Wie kann man fordern, einen Zellhaufen zu schützen und jene verteufeln, die es nicht tun, wenn gleichzeitig seit dem Beginn der christlichen Lehre Kinder in Gotteshäusern systematisch missbraucht wurden und noch immer werden?

Die Präimplantationsdiagnostik wird wohl nie in allen Menschen die gleichen Emotionen und Meinungen hervorrufen. Das gute an der Demokratie ist ja gerade die Möglichkeit eines offenen Diskurses. Meine Motivation bezüglich der PID ist die einfache Feststellung, dass kein Elternteil dieser Welt das eigene Kind sterben oder leiden sehen sollte. Ich möchte meinem Kind die besten Voraussetzungen für ein gesundes und erfülltes Leben mitgeben, die möglich sind. In einer Welt, in der meine Freiheit sogar soweit beschnitten ist, dass ich nicht selbst entscheiden darf, wer mir dabei hilft, mein Leben zu beenden, wäre es ein weiterer Verlust der Selbstbestimmung, wenn man die PID verbieten würde. Menschen dieses Volkes: Verbietet betroffenen Paaren nicht, ein gesundes Kind zu Welt zu bringen!

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