Macht die Eintönigkeit einer Beziehung glücklich?


Man lebt nur einmal und sollte sich gut überlegen, wie man seine Zeit investiert. Schließlich läuft man Gefahr, viele Dinge, die einen glücklich machen könnten, zu verpassen. Warum sollte man sich also festlegen; warum auf nur einen Lebenspartner beschränken? Woher weiß man, dass man mit einer anderen Person nicht glücklicher wäre? Ich glaube gerade diese Angst des Verpassens ist ein Grund für die Abneigung mancher Menschen gegen Bindungen und Festlegungen. Wie andere auf ihrer Suche nach dem persönlichen Glück damit umgehen, kann ich nicht beurteilen. Was ich allerdings tun kann ist, meiner Lebensgefährtin zu sagen, warum ich mich jeden Tag aufs Neue für sie entscheide.

 

My girl is with me - no matter how far we are apart

 

Für Shiloe (ein Geschenk für ihren diesjährigen Geburtstag)

 

In Unterwäsche stand sie vor ihm, kaum darum besorgt, ihren durchaus ansehnlichen Körper zu bedecken. „Musst du etwa auch aufs Klo?“ presste sie in ihrem hörbar verkaterten Zustand heraus.   „Ich? Nein nein, geh nur. Ich wollte nur etwas Wasser holen…für  meine Freundin.“ „Wie süß…“ erwiderte sie und lies durch ihre Körpersprache keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie solches „Schatzi-Gehabe“ spießig fand. Sie schob noch ein „Schönen Gruß an die Gattin!“ hinterher, bevor sie sich mit einem gequälten Stöhnen ins Badezimmer begab.

Elias war – wie sicherlich viele von sich selbst behaupten würden – in einem guten Elternhaus groß geworden, in dem sich Mühe gegeben wurde, den Kindern gewisse Moralvorstellungen beizubringen. „Richte nicht zu voreilig!“ war eine davon und „Lass dich nicht durch Äußerlichkeiten blenden!“ eine weitere. Nichtsdestotrotz musste Elias jedoch immer wieder einsehen, dass er es nicht vermeiden konnte, mehr oder weniger unbewusst die Leute nach dem ersten Eindruck zu bewerten, den sie auf ihn machten. Diese halb-nackte Frau, die eben noch vor ihm stand und das neueste Diskoabenteuer seines Mitbewohners zu sein schien, wird wohl keine besonders wählerische und nette Dame sein, da sie sich zum Einen gerade erst – was er ganz besonders hasste – abwertend über seine eigene Beziehung geäußert hatte, ohne ihn überhaupt zu kennen; und da sie zum Anderen gleich in der ersten Nacht mit Gregor ins Bett gestiegen war – was wahrlich nicht für sie sprach. Nein, es gab keine Konflikte zwischen Elias und Gregor. Ganz im Gegenteil. Sie waren sogar sehr gut miteinander befreundet. Was jedoch ihr Liebesleben anging waren sie so verschieden, wie man nur sein kann. Elias war nie ein Aufreißer gewesen, welcher problemlos Mädchen kennenlernen und verführen konnte – auch wenn er manchmal die Männer heimlich beneidet hatte, welche genau dies taten. Wenn allerdings ein schönes Mädchen ausnahmsweise auf ihn zuging, wurde er nervös und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Er stellte sich dabei so ungeschickt an, dass die meisten Frauen recht schnell keine Lust mehr hatten, sich mit ihm zu unterhalten und ihn letztendlich mehr oder weniger rücksichtsvoll stehen ließen. Schon immer verfolgte ihn eine tiefe Angst vor dem Versagen, was sich nicht nur auf seinen Kontakt mit dem anderen Geschlecht begrenzte, dort aber seinen Höhepunkt fand. Elias war wahrlich kein Mann für sexuelle Abenteuer gewesen und hätte einen One-Night-Stand, wenn sich die Gelegenheit denn geboten hätte, vermutlich sogar abgelehnt. Manche Menschen – so machte er sich immer wieder selbst Hoffnung – sind eben dazu geboren, Entbehrungen in Kauf zu nehmen und auf diesen einen ganz besonderen Moment zu warten, in dem man nicht nur eine Frau, sondern auch einen Partner fürs Leben finden würde. Als es dann tatsächlich soweit war, stand für ihn schon recht bald fest, dass sich das Warten gelohnt und das er diese eine Person gefunden hatte.

Am Anfang sind es ganz einfache Instinkte, simple optische Merkmale, welche den Unterschied ausmachen bei der Empfindung, ob man eine Person als schön oder hässlich, bezaubernd oder reserviert, nett oder abweisend empfindet. Auch wenn sie ihn im Laufe ihrer Beziehung immer wieder fragte, so hatte Elias nie in Worte fassen können, was es genau war, dass in ihm das Verlangen entzündete, nicht einer anderen Frau, sondern ihr so nah wie möglich zu sein, als sie sich zum ersten mal trafen. Er versuchte zu erklären, dass man manchmal akzeptieren müsse, dass es nicht genügend Worte gäbe, um die verworrene Welt der Gefühle zu verbalisieren. Natürlich gab sich seine Freundin nie mit dieser Antwort zufrieden – welche Frau würde das auch tun, da sie vermuten, es handele sich nur um eine Ausrede. Doch es war mehr als das. Es war die Wahrheit – so gut sie Elias eben formulieren konnte.  Vier Jahre war es bereits her, als ein Wink des Schicksals (wie sie so gerne behauptete) oder einfach nur pures Glück (worauf Elias bestand) die beiden in Paris zusammenführte. Damals lud ein gemeinsamer Bekannter, welcher beide aus unterschiedlichen Gründen kannte, dazu ein, Silvester mit ihm und ein paar Freunden in Frankreich zu feiern. Als Elias schließlich nach einer langen Autofahrt und einer noch viel anstrengenderen Adresssuche in Paris endlich die Wohnung seines Bekannten betrat, kam es zu eben genau diesem magischen Moment, in dem er dieses wunderschöne und schüchtern wirkende Mädchen auf der Couch sitzen sah und fortan nur noch Augen für sie hatte. Das Schönste daran war, dass sie bei seinem Anblick genau das gleiche Funkeln in den Augen hatte, so dass sich Elias sicher war, dass dieses Wochenende eines der wichtigsten seines Lebens werden würde und das endlich die Magie, von der er immer geträumt hatte, Einzug in sein Leben halten würde.

Gregor hatte seither wenig Verständnis für die Hartnäckigkeit seines Freundes geäußert. Eine Fernbeziehung zu beginnen, nur weil man das Gefühl hatte, es handele sich um ein ganz besonderes Mädchen, erschien ihm absurd. Wenn schon, dann würde er seine Freundin regelmäßig sehen wollen. In der eigenen Stadt gäbe es ja außerdem genug schöne Mädchen, mit denen man auch glücklich werden könnte. Gregors Vorstellung einer Beziehung und seine Ansichten bezüglich Liebesglücks unterschieden sich grundlegend von denen seines Mitbewohners, so dass Elias die Kommentare seines Freundes kaum ernst nahm. Gregor hielt immer nur so lange an einer Frau fest, bis diese ihn entweder langweilte, weil sich in der Beziehung eine gewisse Alltäglichkeit einschlich, oder bis sie es ernster meinte als er und seine Freiheit zu ersticken drohte – wie er immer wenig schmeichelhaft zu sagen pflegte. Er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, auf den Reiz zu verzichten, jederzeit und überall eine Frau aufreißen zu können. Er gab unverhohlen zu, regelmäßige Partnerwechsel als Selbstbestätigung zu benötigen, um am nächsten Tag zwar oft verkatert, aber zufrieden aus dem Bett steigen zu können.

Elias befand sich noch immer in der Küche, da er beschlossen hatte, etwas zu essen. Auch wenn es vermessen war, andere Menschen nach dem eigenen Vorbild formen zu wollen, so hegte er beim beschmieren des Brotes die schwache Hoffnung, dass sich Gregor irgendwann besinnen und genauso wie er die wunderschönen Seiten einer stabilen Beziehung kennenlernen würde. Seine Hoffnung wurde jedoch jäh durch das Zuknallen der Haustür zerschmettert. Ein kaum hörbares und teilnahmsloses „Verpiss dich!“ rundete die ganze Szene ab. „Na, endlich die Traumfrau gefunden?“ Elias machte es durchaus Spaß, seinen in die Küche tretenden Freund aufzuziehen. „Klar, die holt gerade Brötchen. Und danach sprechen wir gleich über die Hochzeit.“ „Warum war der Abgang dann so unfreundlich?“ „Sie möchte in der Kirche heiraten – und ich nicht. Da wurde es eben etwas lauter.“ Elias war sich manchmal nicht sicher, ob er diesen zynischen Schleier des Selbstschutzes einfach nur amüsant oder bemitleidenswert finden sollte. „Weißt du, Gregor, mir ist ja klar, dass wir nicht auf einer Wellenlänge funken, wenn es um Liebesangelegenheiten geht; aber denkst du denn nie darüber nach, dass eine Beziehung so viel mehr bieten könnte als nur ein kurzweiliges Gefühl des Abenteuers?“ Gregor lachte laut auf. „Ach Elias, was weißt du denn schon.“ „Was hat dir denn an der sympathischen Prinzessin gefallen, welche gerade aus dem Schloss gestürmt ist?“ „Sie war einfach eine Granate im Bett.“ Jetzt mussten sie beide lachen. Elias stellte Gregor ein Glas Apfelschorle auf den Tisch, ohne das dieser danach gefragt hätte, und setzte sich. Gregor lehrte das Glas in einem Zug, rülpste stolz und setzte sich ebenfalls. „Also jetzt mal ehrlich, ich kann mir nicht vorstellen, dass dich diese Art von Liebesleben auf die Dauer glücklich macht.“ Gregor sah Elias mit seinen tiefen Augenringen an und holte Luft. „Elias, wir sind schon lange Freunde, gute Freunde und es gibt vieles, über das ich mit niemandem lieber reden würde als mit dir. Wenn es allerdings darum geht, was ich mit den Frauen mache, gehst du mir langsam echt auf den Sack. Ich kann es nicht anders beschreiben als Arroganz, dass du dir anmaßt, darüber zu urteilen, wie glücklich oder unglücklich ich bin, nur weil ich nicht wie du seit mehreren Jahren neben der gleichen Frau aufwache. Weißt du, Elias, ich muss ja zugeben, dass ich dich immer um deine Standhaftigkeit und Überzeugung bewundert habe, als deine Freundin noch im Ausland lebte und als du jeden Freitagabend nach der Arbeit in dein Auto gestiegen bist, um danach sechs Stunden zu ihr zu fahren, den Samstag mit ihr verbrachtest, nur um am Sonntag bereits wieder zurückzukommen. Ich habe nie verstanden, was dir die Kraft gab, daran festzuhalten. Ich streite ja gar nicht ab, dass es an einer langfristigen Beziehung sicherlich auch schöne Seiten gibt, auch wenn ich mich bisher nie so festgelegt habe. Das entscheidende ist aber, dass du – und viele andere übrigens auch – dabei nicht vergessen darfst, dass Menschen unterschiedlich sind und nicht immer die gleichen Ansichten teilen. Ich glaube dir ja, dass du glücklich bist mit deiner Freundin und mit dem ganzen Drum und Dran; aber genauso musst du mir glauben, dass genau diese Konstellation nichts für mich wäre. Mir bereitet der Gedanke der Eintönigkeit und Gewohnheit Unbehagen, ja ich verabscheue ihn geradezu. Ich brauche Wandel, Veränderung und Fortschritt. Nichts lässt mich so sehr schaudern wie die Vorstellung eines eingefahrenen Alltags, in dem man jeden Tag das gleiche macht – und dazu auch noch mit der gleichen Person. Gestern, als wir zusammen in der Disko waren und diese Mädels angesprochen haben, von denen eine ja letztendlich mit zu mir gekommen ist – Das sind die Momente, in denen ich Aufblühe, in denen ich so richtig Spaß haben kann und lebe, den Moment genießend. Carpe Diem mein Freund! Natürlich tanz ich auch ab und zu, aber ich kann mir nicht vorstellen, was ich auf einer Party machen würde, wenn ich keine Frauen kennenlernen könnte, da ich mir Gedanken darüber machen müsste, dass bei mir zu Hause schon eine liegt, welche nicht so begeistert wäre, wenn ich Treue anders definieren würde als sie. Wie auch immer, bitte, Elias, bitte denk mal darüber nach, dass du kein Patent auf eine glückliche Lebensführung hast. Menschen unterscheiden sich und was dich glücklich macht, muss für mich noch lange nicht ebenfalls gut sein.“

Natürlich war sich Elias der Ansichten seines Freundes bewusst, aber nie zuvor hatte Gregor sie so intensiv vertreten und seinen Mitbewohner sogar als arrogant bezeichnet. Elias musste sich eingestehen, dass der Vorwurf nicht von der Hand zu weisen war. War er nicht arrogant, so war er zumindest naiv wenn er glaubte, andere wären glücklicher, wenn sie seinem Beispiel folgen würden. Nichtsdestotrotz hatte er noch immer nicht das Gefühl, dass Gregor wirklich verstehen würde, was Elias zu beschreiben versuchte. Er bemühte sich daher, dass Gespräch fortzuführen. „Was meinst du damit, wenn du sagst: Deine Definition von Treue mag sich von der deiner Freundin unterscheiden?“ „Ganz einfach: Ich finde, dass diese traditionelle Vorstellung der Monogamie – bis der Tod euch scheidet – ganz einfach überholt ist, oder zumindest mich überhaupt nicht anspricht. Das Leben ist zu kurz, um sich auf einen Partner festzulegen. Man weiß ja gar nicht, was man verpasst.“ „Fändest du es also ok, wenn du eine Frau kennenlernst, eine Weile mit ihr zusammen wärst und am Ende stellt sich heraus, dass du nur einer von vielen Partnern gewesen bist?“ Gregor dachte kurz nach. „Nein, dass würde mir sicherlich nicht gefallen. Im Endeffekt möchte ich ja schon, dass ich ihr etwas bedeute und nicht nur einer von vielen bin.“ „Klar, das verstehe ich. Würdest du es andersrum aber genauso machen, also mit mehreren Frauen zu gleichen Zeit verkehren?“ „Klar, und dass hatte ich ja auch scho… Moment mal, versucht du etwa, mich bloßzustellen?“ „Ich versuche nur herauszufinden, ob du ein Heuchler bist. Ich befürchte nämlich, dass du anderen nicht die gleichen Rechte zugestehst wie dir selbst. Du machst dir und anderen etwas vor.“ Gregor richtete sich auf seinem Stuhl auf und schleuderte Elias einen wütenden Blick entgegen. „Genau das meine ich, Elias. Arroganz, pure Arroganz. Bei dir und deinem Leben ist ja alles so perfekt und ehrlich. Welches Recht hast du, über andere zu urteilen? Außerdem solltest du aufpassen, wen ausgerechnet du einen Heuchler nennst.“ Elias bemühte sich, ruhig zu bleiben. „Was meinst du?“ „Das weißt du doch ganz genau. Wie war das denn gestern Abend? Du hattest ja nichts getrunken, daher wirst du dich ja wohl auch erinnern. Was hast du denn gemacht, als ich die Mädels angesprochen hatte?“ Elias wusste nicht, worauf Gregor hinaus wollte. „Ich habe mich auch mit ihnen unterhalten.“ „Ah ja, unterhalten hat sich der feine Herr. Wieso denn?“ „Wieso? Weil ich zum einen nicht alleine in einer Diskothek rumstehen möchte und weil es zum anderen einfach nett ist, andere Frauen kennenzulernen. Möchtest du etwa darauf hinaus, dass ich Hintergedanken hatte?“ Gregor nickte zufrieden. „Bingo, Watson. So weit ich das mitbekommen habe, war das erste, was du gesagt hattest, nicht etwa, dass du vergeben bist. Danach hast du dich mit der Schwarzhaarigen prima unterhalten, ihr habt sogar zusammen getanzt und am Ende hast du sie auch noch nach Hause gefahren. Wer weiß schon, was da passiert ist. Du musst es mir nicht erläutern, Elias – wir haben ja alle unsere Geheimnisse. Nachdem du aber über mich urteilen wolltest, musst du jetzt mit dem Rückstoß klarkommen. Auch wenn es hart ist, aber ich sag es dir jetzt offen ins Gesicht:“ Gregor beugte sich zu Elias vor und begann zu flüstern. „Wir wollen ja nicht, dass deine ahnungslose Frau etwas davon mitbekommt. Ich muss dir aber klipp und klar sagen, dass genau das verabscheuungswürdig ist und nicht etwa, wie ich die Dinge handhabe.“  Jetzt musste Elias eine gewisse Wut unterdrücken. „Was verdammt noch mal ist verabscheuungswürdig?“ „Moralapostel wie du, die sich über andere auslassen, selbst aber Frauen klarmachen, während die nichts-ahnende Freundin zu Hause im Bett liegt und schläft. Im Endeffekt bist du doch nur neidisch auf meinen Erfolg bei den Frauen und wenn sich für dich die Gelegenheit ergibt, dann greifst du genauso zu wie andere auch, ohne dabei an deine so hochgelobte Treue zu denken.“

Unter der Last der unterdrückten Erregung bahnte sich eine Träne den Weg über Elias Wange. Gregor hingegen bekam davon nichts mit, da er nur selbstgefällig aus dem Fenster starrte. „Sieh mich an.“ flüsterte Elias kaum hörbar. Er holte tief Luft, wischte sich die Träne aus dem Gesicht und wiederholte noch einmal, diesmal mit etwas festerer Stimme: „Gregor, sieh mich bitte an!“ Dieser tat ihm schließlich den Gefallen und drehte schwerfällig seinen Kopf, so als ob ihm jede Bewegung Schmerzen verursachen würde. Sobald er in das aufgewühlte Gesicht seines Freundes sah, wurde ihm schwer ums Herz und plötzlich bereute er, was er gerade gesagt hatte. „Elias, es…es tut mir…“ „Nein, Gregor, halt bitte den Mund und hör zu. Weißt du, ich kann damit leben, dass du mich arrogant nennst oder anmaßend, da ich deine Begründung durchaus verstehe. Ich kann auch damit leben, dass du mir Kontra gibst, wenn ich dir auf die Nerven gehe. Was mir allerdings weh tut, und ich mein damit was mich wirklich schmerzt, ist die Erkenntnis, dass du nach all den Jahren so wenig über mich weißt und mich so einschätzt, wie du es gerade getan hast. Anscheinend hast du es noch nicht mitbekommen, aber leider muss ich dir sagen, dass trotz meiner Beziehung meine Freiheiten nicht so stark eingeschränkt sind, wie du dir das vielleicht vorstellst. Es ist völlig in Ordnung, dass ich ohne meine Freundin ausgehe. Genauso in Ordnung ist es dann, andere Frauen kennenzulernen. Meine Freundin könnte sich genauso mit anderen Männern unterhalten, wenn sie ausgeht. Auch das ich mit der Schwarzhaarigen getanzt hatte, ist nichts Ungewöhnliches. Du darfst auch nicht vergessen, dass wir ja anders, weniger eng getanzt haben als all die anderen Paare – dich eingeschlossen – die auf der Tanzfläche wild rumgeknutscht hatten. Oder hast du etwa gesehen, dass wir uns geküsst hätten?“ „Nein, dass habe ich nicht. Aber warum hast du sie dann nach Hause gefahren, wenn nichts passiert ist?“ „Du bist echt unglaublich. Kannst du dir tatsächlich nicht vorstellen, dass man eine gutaussehende Frau einfach nur nach Hause fährt anstatt mit ihr in der Kiste zu landen? Ich hatte sie nach Hause gefahren, weil es eine nette Sache war, ihr den langen Heimweg zu ersparen genauso wie ich mich manchmal freuen würde, wenn nette Leute mich nach Hause fahren würden.“ „Ja, ich glaub dir ja, aber warum hast du denn nicht gleich von Anfang an gesagt, dass du vergeben bist?“ „Was wäre denn passiert, wenn ich das getan hätte? Wie viel Aufmerksamkeit schenkst du denn einer Frau, die gleich sagt, sie wäre vergeben? Ich habe einfach keine Lust darauf, alleine in der Disko zu enden, während du mit fremden Frauen beschäftigt bist. So hatte ich einen netten Abend ohne, dass ich meine Freundin betrogen hätte. Doch das wichtigste dabei ist, dass es immer einfach ist, treu zu sein, wenn man nie in Versuchung gerät. Natürlich verstehe ich den Reiz, immer wieder neue interessante Frauen kennenzulernen so wie du es tust und deshalb möchte ich ja auch tatsächlich mit welchen reden wenn ich ausgehe. Was ich aber nicht verstehe ist, wie man eine stabile Beziehung ablehnen kann, nur weil man nicht auf fragwürdige sexuelle Abenteuer verzichten möchte. Du siehst, ich gebe zu, dass auch für mich Versuchungen existieren, da es viele attraktive Frauen gibt; aber genau darin liegt meiner Meinung nach die Qualität der Treue zu meiner Freundin. Jemand, der nie ausgeht und nie andere Frauen kennenlernt kann sagen: ‚Ich bin immer treu gewesen‘ – Aber was ist das wert, wenn er sich nie entscheiden musste? Wenn du mir unterstellst, dass ich meine Freundin betrogen habe, dann solltest du sehr hart daran arbeiten, die Momente zu erkennen, welche meiner Meinung nach entscheidend sind. Ich hätte die Schwarzhaarige küssen können, als wir zusammen tanzten; doch ich zog mich jedes Mal zurück, wenn sie es versuchte. Sie hatte mir auch angeboten, mit in ihre Wohnung zu kommen, aber ich lehnte ab und sagte ihr, dass ich eine Freundin hätte weil das, genau das der Moment war, bei dem es darauf ankam. Du kannst immer ja sagen, für dich ist die Sache einfach. Die Größe liegt aber darin, nein zu sagen. Treue ist keine Selbstverständlichkeit und viele Beziehungen scheitern daran. Bei mir und meiner Freundin besteht jedoch kein Zweifel, dass wir uns nie gegenseitig betrügen würden und jeden Tag sind wir uns aufs Neue einig darüber, dass es das wert ist.“

Elias sank in seinen Stuhl zurück und lächelte sanft. Gregor schämte sich ein wenig dafür, seinen Freund so falsch eingeschätzt und beleidigt zu haben. Sein Kater machte die ganze Situation für ihn nur noch unangenehmer. Trotzdem wollte er das Gespräch so nicht beenden. „Elias, ich weiß, dass ich oft kein guter Zuhörer war, wenn du davon gesprochen hast; aber kannst du mir bitte noch einmal erläutern, was eure Beziehung für dich so besonders macht, so dass du gewisse Entbehrungen gerne in Kauf nimmst?“ Elias hob seinen Blick. Seine Wut war verflogen und die Gedanken an seine Freundin überströmten ihn mit positiven Gefühlen. „Also gut, hör zu. Eine Beziehung ist nicht immer nur Sonnenschein. Gerade am Anfang gab es einige Probleme, da wir in manchen Dingen verschiedene Überzeugungen vertraten und auch darüber stritten. Das Problem mit der Fernbeziehung kam natürlich auch noch hinzu, da eine lokale Trennung in der Regel nicht dazu beiträgt, dass man sich besser kennenlernen kann. Doch auch seit wir zusammenleben hat sich einiges geändert. Ich bin weniger spontan und gehe nicht einfach aus oder bleibe nach dem Fußball länger im Vereinsheim, um ein paar Bier zu trinken, da ich weiß, dass es meiner Freundin nicht gefallen würde, wenn sie mich seltener sehen würde. Prinzipiell kann ich Entscheidungen natürlich nicht mehr ohne weiteres alleine treffen sondern muss überlegen, was sie möchte, um sie nicht zu verärgern. Ich musste fast zwangsläufig meine Ernährung umstellen, da wir ja nicht immer zweimal kochen wollten und da sie viel Wert auf gesunde Ernährung legt, während ich einfach nur essen würde, was wenig Aufwand in der Zubereitung bedeuten würde. Fast täglich muss ich mir anhören, wer oder was sie aufgeregt hat und was sie stresst, wobei ich mir denke, dass das doch alles egal sein sollte und überhaupt nicht wichtig ist. Würde man das also so von außen betrachten, kann man sich durchaus fragen, warum ich der Meinung bin, dass es das wert ist. Die Begründung lässt sich jedoch nicht nur in einen Satz fassen, da es nicht um einen Hauptgrund geht, sondern um viele kleine Dinge, die ich nicht mehr missen möchte. Du weißt nicht, wie es ist, jeden Abend deiner Freundin einen Gute-Nacht-Kuss zu geben, wenn sie ins Bett geht, nur um zu sehen, wie sie lächelt, wenn sie die Augen schließt. Du hast keine Ahnung, was für ein schönes Gefühl es ist, wenn man dann später selbst ins Bett geht, seiner Freundin einen Kuss gibt und sie in den Arm nimmt, während man einschläft. Jeden morgen, bevor sie zu Arbeit geht, gibt sie mir ebenfalls einen Kuss. Es gibt keinen schöneren Weg, um geweckt zu werden. Wer nicht in einer solchen Beziehung ist kennt nicht das unheimlich beruhigende und schöne Gefühl, dass es eine Person gibt, die jeden Tag zu Hause auf dich wartet, der du vertrauen kannst und welche alles für dich tun würde. Du kannst es nicht zu schätzen wissen, ihren Geruch im Bett wahrzunehmen, ihren Atem bei einem zarten Kuss einzuatmen und sie immer wieder sanft zu necken, da du genau weißt, dass es ihr gefällt, obwohl sie sich dagegen wehrt. Niemand, der es nicht selbst erlebt, kann verstehen, was es bedeutet, wenn sie dir sagt, dass sie dich liebt und dass sie mit dir glücklicher ist als je zuvor. Du kennst nicht die Sorge, wenn sie sich verspätet oder ausgeht und du nicht weißt, ob ihr was zustoßen könnte. Auch das Gefühl der Geborgenheit und Glückseligkeit während der Umarmung ist etwas, dass man nicht in Worte zu fassen vermag. Ich könnte diese Liste noch ewig weiterführen, aber darauf kommt es nicht an. Wenn ich dich davon zu überzeugen versuche, dass du einer solchen Beziehung auch einmal eine Chance geben solltest, dann mag man das Arroganz nennen; ich jedoch möchte meinem Freund etwas Gutes tun, da ich selbst in meinem Leben noch nie so glücklich war wie jetzt. Natürlich ist es ein Risiko, sich so auf eine Person einzulassen, da man riskiert, verletzt zu werden. In meinen Augen ist das auch genau dein Problem. Du weist andere zurück weil du Angst davor hast, selbst zurückgewiesen zu werden. Du kommst ihnen zuvor, um dich selbst zu schützen. Ich hatte auch immer Angst davor gehabt und mich deshalb nie mit Frauen eingelassen. Mir ist auch der Gedanke nicht fremd, dass man nicht weiß, was man alles verpasst, wenn man sich festlegt. Andererseits weiß ich jetzt, wie viel ich verpasst hätte, wenn ich mich nie festgelegt hätte. Meine Freundin war die erste, mit der ich das Risiko der Entblößung und Verletzlichkeit eingegangen bin. Ich habe es seither nicht ein einziges Mal bereut. Sie hat mein Leben komplettiert und mir endlich das gegeben, wonach ich mich so lange gesehnt hatte. Nie war ich ausgeglichener und nie sah ich in meinem Leben einen größeren Sinn. Sie fördert die besten Seiten an mir zu Tage und lässt mich immer wieder aufs Neue erfahren, wie wunderschön es sein kann, selbstlos zu handeln und sich für jemand anderen aufzuopfern. Ich kann mir ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen und bin jeden Tag aufs Neue dankbar dafür, dass wir uns kennengelernt haben. Durch sie habe ich die höchste Stufe der Glückseligkeit erreicht. Natürlich mag das für dich keinen Sinn machen und du glaubst, ich würde übertreiben. Dass ich so fühle, kannst du nur verstehen, wenn du irgendwann einmal denselben Punkt erreichst wie ich. Ich jedenfalls bin zu der Überzeugung gekommen, dass man das höchste aller Gefühle erst erreicht hat, wenn einem ein anderer Mensch wichtiger ist als man selbst.“

Ganz in Gedanken versunken schaute Elias fast schreckhaft zur Tür. Er hatte gar nicht bemerkt, wie seine Freundin die Küche betreten hatte. „Worüber redet ihr denn so früh am morgen?“ fragte sie etwas verwundert. Der sonst um keinen Spruch verlegene Gregor sah sie zwar an, brachte aber trotzdem kein Wort heraus. Elias stand hingegen auf, umarmte seine Freundin und flüsterte ihr ins Ohr: „Guten Morgen meine Liebe. Hast du gut geschlafen? Ich habe ihm nur erklärt, warum ich dich liebe.“ Gregor konnte sich denken, was Elias seiner Freundin gesagt hatte und als er sah, wie innig sich beide umarmten und wie glücklich sie dabei aussahen, empfand er zum ersten Mal Neid.

 

 

Stephan Rinke *09.02.2011*

 

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