Alle Jahre wieder wird die Nachricht über eine tickende Zeitbombe ins Gedächtnis der deutschen Öffentlichkeit gerufen: Der demographische Wandel lässt Deutschland immer mehr altern, gefährdet die Renten und führt sogar zu einer Bevölkerungsabnahme, da in immer mehr Jahren mehr Menschen in der Bundesrepublik sterben als geboren werden (bzw. einwandern). Fast reflexartig drängen dann immer wieder die gleichen Lösungsvorschläge in den Vordergrund: Mehr Kinder müssen her! Genau wie in der Wirtschaft wird Wachstum mit einer positiven Entwicklung gleichgesetzt – ein vereinfachender Ansatz, der bestimmte Probleme verdrängt anstatt sie zu beheben und im Endeffekt zur größten Krise der Menschheitsgeschichte führen könnte.
Vom ein oder anderen ökonomischen Experten, der sich mit der fernen Zukunft beschäftigt, kann man hören, dass nur ein Idiot an grenzenloses Wachstum glaubt. Was ist damit gemeint? Wir befinden uns nun einmal auf einem Planeten, welcher ein mehr oder weniger geschlossenes System darstellt. Es sollte für jeden offensichtlich sein, dass ein solches Gebilde Grenzen hat. Der Mensch hat in nur einhundert Jahren die Hälfte aller tropischen Regenwälder abgeholzt. Seine Bevölkerung stieg stetig auf heute sieben Milliarden. Die Expansion von lebensfeindlichen Wüsten schreitet immer weiter voran. Die Weltmeere sind zum Großteil völlig überfischt. Fossile Energieträger spielen noch immer eine zentrale Rolle, werden in immer größeren Mengen verbrannt und werden zweifellos irgendwann aufgebraucht sein. Es ist unvermeidbar, dass bestimmte Grenzen auf unserem Planeten erreicht werden. Es spielt dabei keine Rolle, ob jemand vorrechnet, wie viele Jahre es noch unbedenklich immer so weiter gehen wird. Irgendwann geht es nicht mehr weiter; irgendwann gibt es keinen Regenwald mehr, der unsere Luft reinigt und unser Klima beeinflusst; irgendwann gibt es keine Fische mehr, auf die viele Menschen angewiesen sind; irgendwann ist die globale Durchschnittstemperatur so drastisch gestiegen, dass sich ganze Klimazonen verschieben werden; und irgendwann gibt es mehr Menschen auf der Erde, als versorgt werden können. Anhand von einer Milliarden Menschen, die bereits heute Hunger leiden, scheint dieser Zustand nicht mehr weit entfernt zu sein. Da hilft auch keine Augenwischerei, die das ganze Problem der ungerechten Verteilung zuschiebt. Die Menschheit wächst weiter und irgendwann wird es kein sauberes Wasser, keine reine Luft, nicht ausreichend Nahrung und daraus resultierend weniger Frieden geben.
Auch ohne Marx gelesen zu haben sollte man verstehen, dass das auf ewiges Wachstum ausgerichtete kapitalistische System nicht endlos funktionieren kann. Wenn weltweit die letzten Märkte erschlossen und versorgt wurden, wenn die Rohstoffe zur Neige gehen und wenn der Reichtum derart stark angestiegen ist, dass die Inflation durch die Decke geht, dann wird kein weiteres Wachstum möglich sein und das ganze System droht zu implodieren. Die aktuellen Krisen sind erst der Anfang und werden so lange nicht das Ende sein, so lange Wachstum der Grundpfeiler unseres Denkens ist. Bereits in der jüngeren Vergangenheit wurden imperialistische Kriege geführt, um ein Absatzproblem des aufgeblähten Produktionsapparates zu vermeiden – auch wenn in der Öffentlichkeit zum Einen immer andere Gründe vorgeschoben werden und zum Anderen nicht mehr vom Imperialismus gesprochen wird. Was der Unterschied sein soll zwischen der Unterdrückung der Armen im Ausland heute und vor einhundert Jahren erschließt sich mir dabei nicht.

Zurück also zum Bevölkerungswachstum. Was würde denn passieren, wenn wir den naiven Vorschlägen folgen und so viele Kinder in die Welt setzen würden, dass die Bevölkerungspyramide in jeder Generation an der Basis am breitesten ist? Fällt denn wirklich niemandem auf, dass das unendliches Wachstum bedeuten würde? Deutschland ist ohnehin bereits ein sehr dicht besiedeltes Land. Wo sollen denn die ganzen Menschen hin? Ganz Deutschland ein einziges Ruhrgebiet? Nicht gerade eine idyllische Vorstellung. Natürlich würde man darauf hinweisen, dass wir mehr Kinder brauchen, damit später mehr Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, die die Renten sichern würden. Genau dieses Denkmuster ist ja das Problem. Wenn wir jetzt deutlich mehr Kinder hätten, dann hätten wir in 60 Jahren deutlich mehr Rentner. Deutschland bräuchte also noch mehr Kinder, um die gestiegenen Rentnerzahlen auszugleichen und immer fort. Man soll also ein Streichholz brennen lassen und es immer an eine benachbarte Person weiterreichen, bis sich schließlich jemand verbrennt, da das Streichholz zu Ende ist. Dann allerdings bräuchte eine expandierende Bevölkerung irgendwann auch neuen Lebensraum. Vielleicht im Osten – auf die Idee ist bestimmt noch niemand gekommen. Die Deutschen waren ohnehin schon immer besonders fleißig, wenn es darum ging, ihre Zahl nach Kriegen wieder nach oben zu treiben. Egal ob Deutsch-Französischer Krieg, Erster oder Zweiter Weltkrieg – immer wieder wurden die Verluste in nur wenigen Jahrzehnten ausgeglichen, bis die Bevölkerungszahlen jene vor den Kriegen sogar übertrafen. Ohne Kriege wird ein solches Wachstum aber gehemmt. Vielleicht muss ein Land, dass noch nie in seiner Geschichte so dauerhaft friedvoll existiert hat, erst noch lernen mit der neuen Situation umzugehen.
Was man bei der Diskussion zum Thema abnehmende Arbeitskräfte gerne vergisst ist die Tatsache, dass man immer weniger Arbeitskräfte braucht, um einen bestimmten Wert zu erwirtschaften. Auch wenn Maschinen den Menschen nie ganz ersetzen werden, so sind die Beschäftigungszahlen im produzierenden Gewerbe in Relation zum hergestellten Wert seit der Einführung der Manufakturen (Arbeitsteilung) dramatisch gesunken. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt steigt in der Regel in jedem Jahr, obwohl die Zahl der Arbeiter nicht immer weiter zunimmt. Arbeit wird eben immer effektiver. Daher können es sich in der Zukunft vielleicht auch drei Arbeiter leisten, einen Rentner zu finanzieren, wozu heutzutage vielleicht noch fünf notwendig sind. Nichtsdestotrotz scheint es auch unvermeidbar zu sein, dass das Rentensystem reformiert werden muss. Die Menschen leben heutzutage länger und beginnen später mit der Arbeit als noch vor 50 Jahren (da die Ausbildung länger dauert). Wird ein Deutscher also 80 Jahre alt und arbeitete zwischen seinem 20sten und seinem 60sten Lebensjahr, dann hat er nur die Hälfte seines Lebens gearbeitet und wurde in der anderen Hälfte zum großen Teil staatlich finanziert (Kindergeld bzw. Rente). Außerdem hat sich die Mobilität älterer Menschen deutlich verbessert. Schließlich sind künstliche Gelenke bereits heutzutage keine Besonderheiten mehr und weitere Körperteile werden in der Zukunft folgen. Es wird unvermeidlich sein, dass Renteneintrittsalter weiter anzuheben, auch wenn es natürlich Unterschiede in der Belastung gibt. Ein 70jähriger kann einfach keine extremen körperlichen Anstrengungen mehr ausführen.
Desweiteren bleiben die Menschen länger gesund – oder sollten es zumindest. Da sollte man tatsächlich eher eingreifen, um die Arbeitsfähigkeit der Bevölkerung zu optimieren (klingt sachlich kühl anstatt herzlich menschlich, aber darum geht es nun einmal). Die Fettleibigkeit und die damit verbunden Krankheiten wie Diabetes, Herzkreislaufprobleme, Gelenkschäden und viele mehr hat sich als ein Volksleiden etabliert. An den Folgen von Zigaretten- oder Alkoholkonsum sterben allein in Deutschland pro Jahr über 200.000 Menschen. Unzählige mehr müssen sich medizinisch behandeln lassen und verursachen der Volkswirtschaft Unmengen an Ausgaben. Viele Menschen ernähren sich ungesund, treiben zu wenig Sport und leiden unter zu viel Stress. Es gibt viele Hebel, an denen man ansetzen könnte. Gesündere Bürger können auch länger arbeiten und verursachen weniger Kosten. Ganz davon abgesehen sollte ein Staat so oder so ein Interesse daran haben, dass die Menschen gesund sind. Oder gibt es jemanden, der es abwegig hält, dass man sich um die Gesundheit der Bürger sorgen sollte?
Ein weiterer Faktor, der in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird, ist die private Altersvorsorge. Im Endeffekt macht das auch mehr Sinn. Im Moment zahlen die Arbeiter in eine Kasse ein, aus der sie in der Zukunft vermutlich weniger zurück bekommen werden. Essentiell ist dabei, dass eine gewisse staatliche Grundsicherung weiterhin erhalten bleibt für alle die, die es sich einfach nicht leisten konnten, während ihres Arbeitslebens zu sparen. Außerdem sollte es der Staat dann ermöglichen, dass ein „Teilzeitrentner“ mit einem Nebenjob unbürokratisch die Grundabsicherung aufbessern könnte.
Noch ein Punkt, der beim demographischen Wandel so gut wie nie berücksichtigt wird, betrifft die natürliche Begradigung der Bevölkerungspyramide. Unvermeidbar ist es, dass in Zukunft mehr Personal im Pflege- und Gesundheitsbereich benötigt wird. Andererseits wird es – wie erwähnt – einen geringeren Bedarf im produzierenden Gewerbe geben. Man darf dabei nicht vergessen, dass die Bevölkerungspyramide nie dauerhaft in der oberen Hälfte am breitesten sein wird. Der „Bauch“, der jetzt bei den Jahrgängen zwischen 1950 und 1975 sichtbar ist, wird irgendwann von selbst verschwinden. In fünfzig Jahren wird die schmale Basis der Pyramide nämlich nach oben wandern, während die meisten Mitglieder des „Bauchs“ gestorben sein werden. Das Ergebnis ist eine schmalere, ausgeglichenere Pyramide, die eine geschrumpfte Bevölkerung wiederspiegelt. In Zahlen ausgedrückt (fiktives Beispiel): Wenn in einer Bevölkerung 15 Millionen Menschen leben, die zwischen 0 und 20 Jahre alt sind, aber 25 Millionen Menschen, die zwischen 40 und 60 Jahre alt sind, dann wird die zweite Kategorie einen „Bauch“ darstellen. 40 Jahre später sind dann um die 15 Millionen Menschen zwischen 40 und 60 Jahre alt. Der ehemalige „Bauch“ bezieht sich nun auf die 80-100jährigen, von denen viele bereits gestorben sind. Der „Bauch“ hat sich also auf natürliche Weise aufgelöst.
Gut, es wird immer noch Menschen geben, die die Vorstellung unakzeptabel finden, dass die Bevölkerung schrumpft und die Deutschen auszusterben drohen. Aber warum? Sind Deutsche an sich bessere Menschen? Tragen sie überlegene Gene in sich? Sind sie schöner oder intelligenter als andere? Oder macht man sich vielleicht Gedanken darüber, dass das Volk der Dichter und Denker ausstirbt? Ja, Deutschland war das Land Goethes und Schillers, Mozarts und Beethovens, Hegels und Kants, Luthers und Einsteins – aber eben auch das Land, dass unter Hitler, Kaiser Wilhelm II, Bismarck und vielen weiteren vor ihnen immer wieder in die furchtbarsten Kriege gezogen ist. Nun ja, man lässt bei einer Betrachtung halt immer das Negative weg, das einem gerade nicht in den Kram passt.
Abschließend sollen noch ein paar Worte dazu erwähnt werden, warum ein exzessives Bevölkerungswachstum zu einer Schwächung der Demokratie führt. Im deutschen Bundestag sitzen im Moment 620 demokratisch gewählte Volksvertreter. Bei ca. 62.000.000 Wahlberechtigten kommt also ein Abgeordneter auf 100.000 Wählerstimmen. Stiege die deutsche Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten um z.B. 50%, dann kämen auf einen Abgeordneten bereits 150.000 Wähler. Bei einem Rückgang an Stimmberechtigten um 50% würden statistisch gesehen 50.000 Bürger einen Abgeordneten wählen. Die eigene Stimme und damit das demokratische Mitbestimmungsrecht würden also deutlich an Gewicht gewinnen. Umgekehrt zählt das Individuum umso weniger, je mehr Menschen es gibt, mit denen der Lebensraum geteilt werden muss.

Quelle: http://lostmoya.posterous.com/global-human-population-growth-graph-showing










